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Gnädiger Gott, ich danke Dir! Heute Nachmittag wurde die Löschdiskussion zum Artikel „Andreas Mäckler“ bei Wikipedia aufgehoben. Lesen Sie zur Vorgeschichte des Albtraums mit Happy End bitte hier, damit ich mich nicht wiederholen muss.
In der Wikipedia-Öffentlichkeit einer Löschdiskussion mit groben Beleidigungen und falschen Tatsachenbehauptungen diffamiert zu werden, ist kein Vergnügen. Einer der wenigen besonnenen Wikipedia-Autoren hatte dazu am 16. August resümiert:
“Diese LD (Anm. Löschdiskussion) und der Umgang mit der hinter dem Artikel stehenden Person ist eine Schande für die Wikipedia, vielleicht sogar eines ihrer schwärzesten Kapitel. Wie hier selbstgefällig und sarkastisch, sogar darüber hinausgehend hämisch und teilweise bar jeden Anstands gegen einen Autor gehetzt wird und er grundlos der Lächerlichkeit preisgegeben und beleidigt wird, nur weil es aus der Anonymität des Internets und einem mglw. empfundenen Überlegenheitsgefühl möglich ist, ist in der Tat ohnegleichen. Hexenprozesse im Mittelalter kommen mir da in den Sinn. Einige Benutzer, die sich hier gegenseitig mit ihren Kommentaren gepusht haben, sollten in einigen Tagen noch einmal mit Abstand ihre Beiträge lesen und sich ihres Verhaltens hier schämen. –Paulae 10:05, 16. Aug. 2010 (CEST)”
Trotz mancher Schmerzen hatte die Kritik auch Gutes. Mit Hochdruck überarbeitete ich in meiner Autoren-Homepage alle berechtigten Kritikpunkte, auf die mich Wikipedia-Autoren aufmerksam gemacht haben. Und ich recherchierte weitere Fakten und Referenzen zu einzelnen Büchern.
Eitelkeit ist mir oft in der Diskussion vorgeworfen worden, ich sei ein Selbstdarsteller. Beides stimmt, wenn es um meine Profession als Autor und Publizist geht. Ich achte auf die Qualität meiner Arbeit, egal, ob ich ein wissenschaftliches Buch verfasst oder Kurzkrimis für die Yellow Press geschrieben habe. In unseren Weiterbildungskursen für Autoren und Auftragsbiographen ist Marketing – Kundengewinnung und Publikation biographischer Leistungen – eines meiner Schwerpunktangebote. Seid mutig! Traut Euch! Geht auf die Menschen zu, predige ich unseren Teilnehmern - neben dem unverzichtbaren Handwerkszeug. Stellt Euch und Eure Leistungen korrekt, aber in attraktivem Licht dar. Ein Autor, der für die Öffentlichkeit schreiben will und keine Öffentlichkeit erreicht, hat ein Problem, das er lösen muss! Soetwas ist oft nicht einfach, und vielleicht gibt es deshalb so viele Möchtegerns, Großschwätzer und frustrierte Gestalten in der schreibenden Szene.
Auf der anderen Seite, und das möchte ich gern das Wunder von Wikipedia nennen, gibt es in dieser gigantischen Online-Enzyklopädie auch hervorragende Kräfte, kluge, sachlich-konstruktive Autoren, die engagiert und professionell arbeiten und Qualitäten liefern, vor denen ich allergrößte Achtung und Respekt habe.
Einer dieser guten Geister bei Wikipedia hat sich meines umstrittenen Artikels angenommen, der in der Grundlage tatsächlich kaum wikipedia-gerecht geschrieben war, aber (in meinen Augen) genug Fakten enthielt, um die Relevanz-Hürde zu nehmen und damit eine Basis zur Weiterarbeit - statt zur Löschung - zu bieten. Okay, das ist der Streitpunkt gewesen, der nun zu meinen Gunsten entschieden worden ist, und das habe ich dem guten Wikipedia-Geist zu danken, der mit viel Recherche und zahlreichen Einzelnachweisen, die ich zum Teil selbst nicht kannte, zusammen mit rund fünf weiteren Autoren einen lexikalisch-biographischen Artikel über „Andreas Mäckler“ geschrieben hat, vor dem ich nur meinen Hut ziehen kann.
Danke, guter Geist von Wikipedia!
17. August 2010
Eben meldete Bernd Hoyer, einer der Lizenznehmer des Weltverlags, im 15. Kommentar zu meinem Artikel Weltverlag AG: Millionär werden mit Biographien?, den ich am 1. März 2010 geschrieben habe und der seitdem zahlreiche Kommentierungen erfuhr, dass der Weltverlag Insolvenz angekündigt hat.
Um das Thema zu aktualisieren, über das ich ursprünglich wegen des (nicht realisierten) Biographie-Portals www.biographien24.com der Weltverlag AG geschrieben habe, eröffne ich den neuen Beitrag mit der Mail von Bernd Hoyer:
“Leider ist folgendes zu verkünden: Diese Pressemitteilung wurde an die Medien herausgegeben:
Weltverlag stoppt Geschäftsbetrieb!
Nach mehreren Kapitalerhöhungen und Investitionen in Höhe von rund zwei Millionen Euro, stellt die Weltverlag AG bis zum 8.8.2010 vorläufig den Geschäftsbetrieb ein. Anja Wagner, Vorstand des Unternehmens:
‘Bedauerlicherweise ist der Hauptaktionär des Unternehmens nicht bereit, weitere Kapitalerhöhungen oder Investitionen vorzunehmen, insofern laufen diesbezüglich Verhandlungen mit diversen anderen Investoren. Sollten diese nicht mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen werden, bleibt wohl nur die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.’
Über die genauen Hintergründe, die zu dieser Situation geführt haben, wird es am Montag, den 9.8.2010 eine ausführliche Pressemitteilung geben. Vorweg kann jedoch schon festgestellt werden, dass das Softwareunternehmen, wenn dem denn so sein sollte, an der eigenen Software gestorben ist. Die Weltverlag AG konnte in kürzester Zeit über 45.000 Interessenten und Geschäftspartner registrieren.
Ende der Mail von Bernd Hoyer.
Nun möge man mir (Andreas Mäckler) folgende Kommentierung verzeihen, die selbstverständlich im Blog diskutiert werden kann:
Wer “Geschäftspartner” der Weltverlag AG geworden ist, wird sich jetzt über seine eigene Dummheit ärgern - allerdings zu Unrecht. Das Unternehmen roch von Anfang an nach Blendwerk und grandioser Abzocke - womöglich gehört die Insolvenz gar zum Geschäftsplan der Macher dieses unlauter anmutenden Schneeball-Systems. Mehr als leere “Lizenzen” wurden ja nie verkauft, selbst lange angekündigte Verkaufsportale wie www.biographien24.com gingen nicht online. Ich hatte ohnehin in meinem ersten Beitrag den wirtschaftlichen Erfolg eines solchen Biographie-Portals bezweifelt.
“Investitionen von rund zwei Millionen Euro…” - da lachen wir doch nur! Wo ist denn investiert worden? In die eigene Tasche der Macher vielleicht?
Den geprellten “Geschäftspartnern” zum Trost sei gesagt: Ihre Lizenzgebühren und andere Ausgaben, die Sie vielfach in drei-, vier- und womöglich fünfstelliger Höhe für nichts abgedrückt haben, bis das ”revolutionäre Marketingsystem” zusammengebrochen ist, sind ja nicht weg, sondern nur bei anderen. Vielleicht liegen sie auf den Bankkonten der Macher, wo kein Insolvenzverfahren hinkommt.
Eine elegante Art, sich aus der Verantwortung zu ziehen und Tausende Menschen geschädigt zurückzulassen. Man kann den Betroffenen nur wünschen, dass sie daraus lernen und nie wieder auf solches Millionär-in-wenigen-Jahren-Geschwafel reinfallen. Die Macher, das können die 45.000 Interessenten und “Geschäftspartner” vermuten, sind vielleicht auf Kosten der “Geschäftspartner” Millionär geworden - die “Geschäftspartner” sind es auf jeden Fall nicht - zumindest nicht mit der Weltverlag AG, die Reichtum en masse versprach. Schaue Sie ruhig noch einmal auf die Website der “Millionärs-Macher”, solange sie online ist: www.weltverlag.com.
Krass ist auch diese Einstiegsseite: http://weltverlag.com/lp/3/html/index.html?ID=11016
03. August 2010
Hier mein Artikel über das Geschäft mit den Lebensgeschichten anderer Menschen, der gerade in Sandra Uschtrins Autorenhandbuch erschienen ist. Mehr darüber finden Sie hier.
Je dienstleistungsorientierter ein Autor arbeitet, desto eher lässt sich ein regelmäßiges Einkommen erzielen, das seinen Betreiber nährt. In den letzten Jahren hat sich ein neu erscheinender, in Wirklichkeit aber uralter Markt eröffnet, der lukrativ ist: das Schreiben von Privat- und Firmenbiographien.
Wie vieles in unserer deutschen Nachkriegskultur, kommt auch diese neue privatbiographische Bewegung aus den USA, wo sich ihre Dienstleister als „Personal Historians“ (www.personalhistorians.org) vereinigt haben und mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Kommunikationstechnologie wachsen.
Alt ist der Markt deshalb, weil Biographien eine der ältesten Literaturgattungen darstellen und daher immer auch Autoren als Dienstleister (Ghostwriter) geschrieben haben, doch neu ist heutzutage das Marketing, sowie die Qualität und Auflage (auto-)biographischer Werke von Menschen, für deren Lebensgeschichte sich keine Öffentlichkeit interessiert, wohl aber die Familie und deren Nachkommen.
Vor der Erfindung des Kopiergeräts hatten Privatbiographien meist die Auflage eins, das Manuskript wurde als Unikat wie ein Familienschatz gehütet und in einer Mappe verwahrt oder als Buch in Leinen bzw. Leder gebunden. Mit der Schreibmaschine gab es die Möglichkeit, mehrere Durchschläge eines Typoskripts herzustellen. Die Kopiertechnik half der Vervielfältigung von Manuskripten, für die sich kein Verlag interessierte, weiter voran. Mit der Digitalisierung von Daten, Internet und der digitalen Drucktechnologie (PoD = Print on Demand) hat sich nun ein neues Geschäftsfeld für Autoren als Biographiedienstleister / Auftragsbiographen eröffnet und ein neues Genre etabliert: das der Privatbiographien.
Der Markt und seine Preise
Der Markt in Deutschland ist klein, aber wachstumsstark und statistisch nicht erfassbar. Einige hundert Biographiedienstleister sind über das Internet mit folgendem Leistungsspektrum recherchierbar:
- (Auto-)Biographie als Buch, Film, Hörbuch, Skizze, Roman, Textportrait, Spielszene, Fotobuch
- Biographische Erzählungen zu einzelnen Themen wie Abschied, Jubiläum, Kinder, Liebe, Reisen, Studium, Beruf
- Familiengeschichte mit oder ohne Stammbaum
- Firmengeschichte, Chroniken
- Textcoaching / biographische Schreibbegleitung
- Therapeutische Biographieberatung
- Biographische Schreibkurse und Vorträge
Die Leistungsangebote im Einzelnen:
- Texterfassung mit oder ohne Buchproduktion
- Schreibbegleitung/Lektorat mit oder ohne Druckabwicklung
- Verlagsarbeit / Produktion biographischer Medien (Buch, CD, DVD)
- Fort- und Weiterbildungen für Biographen
- Organisation von Lesungen und Erzählsalons
- Vernetzung von biographischen Dienstleistern
Was kostet nun „meine Biographie“? Diese Frage taucht in jedem Erstgespräch auf: sei es mit potentiellen Kunden, oder sei es mit Autoren, die in diesen Markt einsteigen wollen – am besten zunächst als 2. Standbein.
Doch lassen Sie es mich gleich sagen: Ein Unternehmen ist schnell gegründet. Besonders Autoren und Journalisten, die sich als Biographen dem wachsenden Markt der Privatbiographien widmen möchten, glauben, ein Internetauftritt, Flyer und einige Anzeigen in der regionalen Presse oder Schreibkurse in Volkshochschulen und Altenheimen reichten aus, um ins Geschäft zu kommen. Das ist ein Irrtum! Das Problem, an dem die meisten biographischen Dienstleister scheitern, ist nicht die Produktion von Texten und Büchern, sondern die Akquisition von Aufträgen. Das Verkaufsgespräch beherrschen die wenigsten!
Die wahre Kunst besteht darin, zumeist ältere Menschen zur Ausgabe von 7.000 bis 20.000 Euro für ihre wohlfeil edierten Memoiren zu bewegen. Natürlich gibt es Autoren, die pauschal für 3000 Euro ein 150-seitiges Paperback schreiben und in kleiner Auflage von 30 Exemplaren als PoD drucken lassen. Doch Billiganbieter können auf Dauer wirtschaftlich nicht überleben, allein für die Akquise neuer Kunden sollte man mindestens 300 Euro pro Monat als Werbebudget einplanen. Ein Biographieanbieter verlangte schon mal EUR 50.000 und mehr für ein 200-seitiges Werk mit 70 Exemplaren Hardcover, was allerdings auch zu Streitigkeiten mit dem überraschten Kunden geführt hat, die dann vor dem Berliner Amtsgericht ausgetragen wurde. In solchen Fällen hat der Kunde einen Vertrag unterschrieben, dessen Zahlungsmodalitäten er nicht durchschauen konnte. (Siehe Federwelt - Zeitschrift für Autorinnen und Autoren, Nr. 65, August/September 2007, S. 14-17, sowie www.biographiezentrum.de/fachartikel/pdf/fw_65_maeckler.pdf)
Verkäuferisch ist es in vielen Branchen üblich, hohe Preisangebote durch Splitten in kleine, überschaubar aussehende Produktions-Segmente psychologisch abzufedern (Beratung, Interview, Transkription, Rohmanuskript erstellen, Ergänzungen machen, Feinschliff etc.) und jede Leistung einzeln abzurechnen. Dann sieht ein Stundensatz von EUR 40 bis EUR 80, wie ihn ordentliche Handwerksbetriebe haben, für den Kunden nachvollziehbar aus. Doch wenn im Laufe der Zeit dem Kunden 900 Arbeitsstunden und mehr abgerechnet werden, staunt er nicht schlecht über das, was er bezahlen soll.
Generell sollte ein erfahrener Autor 10 bis 20 Interviewstunden und 200 bis 300 Arbeitsstunden für das Schreiben von 150 bis 200 Seiten biographischem Text einplanen. Hinzu kommt die Produktion des Buchs. Ein anspruchvolles Layout mit Hardcover-Edition von 50 Exemplaren kostet rund EUR 3.000.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Preis letztlich für den Kunden weniger wichtig ist. Vielmehr müssen Autoren ihm das Vertrauen vermitteln, genau der richtige Partner für seine Lebensgeschichte zu sein! An der Darstellung ihrer Kompetenz scheitern die meisten Anbieter, letztlich möchte der Kunde nicht „die Katze im Sack“, sondern mit dem Buch seinen Traum von – zumindest kleiner – Unsterblichkeit kaufen.
Die Kosten anspruchsvoller Unternehmenschroniken bewegen sich höher als die der Privatbiographien – je nach Aufwand zwischen 30.000 bis 60.000 EURO, wobei rund die Hälfte auf die Produktion des Buchs entfällt, das zumeist in Farbe gedruckt und in Hardcover gebunden wird; die andere Hälfte geht als Honorar an Autoren und Dienstleister, die sich auf Recherche und Schreiben von Firmenchroniken spezialisiert haben. Bei solchen Budgets entfällt die Frage nach kostengünstigen Alternativen, der Etat wird als Werbung und PR verbucht, wo ohnehin mehr geklotzt als gekleckert wird.
Das Biographiezentrum und seine Autoren
Die Berliner Publizistin Katrin Ronstock erkannte den Trend frühzeitig. 1998 startete sie ihr Unternehmen Rohnstock-Biografien, das sich selbst gern als Branchenprimus darstellt (www.rohnstock-biografien.de).
Zusammen mit dem Hamburger Dozenten für Kreatives Schreiben, Stefan Schwidder, gründete ich 2004 das Biographiezentrum – die Vereinigung deutschsprachiger Biographinnen und Biographen mit derzeit rund 54 Mitgliedern (www.biographiezentrum.de). Damit schufen wir ein leistungsfähiges Netzwerk biographischer Dienstleister zum Informationsaustausch, zur Weiterbildung und Steigerung des Einkommens seiner Mitglieder.
Seit 2007 schreibt das Biographiezentrum den „Deutschen Biographiepreis“ für Privat- und Verlagsbiographien aus. Workshops zur Professionalisierung von Biographen und solchen, die es werden wollen, bietet die Akademie des Biographiezentrums, außerdem eine Zertifikatsausbildung zum Biographen / zur Biographin. Der Verlag des Biographiezentrums publiziert Biographien in kleiner Auflage, die für den regionalen oder zielgruppenorientierten Buchmarkt ediert werden. Der Verlag hat auch eine Ratgeber-Reihe mit höheren Auflagen von mehreren tausend Exemplaren, in der u.a. auch Stefan Schwidders erfolgreicher Ratgeber „Ich schreibe, also bin ich“ – Schritt für Schritt zur eigenen Biographie in 2. Auflage erscheint.
Die Mitglieder des Biographiezentrums spiegeln die Vielfalt der wachsenden Szene von Biographen und deren Kunden. Die Mitgliedertreffen, zunehmend öfters als einmal jährlich organisiert, bieten neben dem Kennenlernen und Netzwerken vor allem ein dichtes Workshop-Programm zur Weiterbildung. Kunden, die den geeigneten Autor in ihrer Region suchen, können im Mitgliederverzeichnis auf der Website des Biographiezentrums gezielt anhand der Angebotsprofile auswählen und direkt mit dem Dienstleister Kontakt aufnehmen. Im Mitgliedsbereich werden nützliche Arbeitsmaterialien, Muster-Verträge, Terminlisten von (Senioren-)Messen, Verzeichnis der Seniorenpresse und vieles mehr zum Download angeboten. Ausserdem gibt es ein internes Diskussionsforum sowie eine Mailingliste, die dem kollegialen Austausch über alle Fragen rund um das biographische Schreiben und Publizieren dient. Den „BioZen – Newsletter des Biographiezentrums“, der etwa alle zwei Monate erscheint und ebenfalls downloadbar ist, gibt es in einer öffentlichen und einer Mitglieder-Version. Marketing-Tipps und Interna zum Verein und der biographischen Szene sind nur in der Mitglieder-Ausgabe enthalten.
Weitere Informationen: www.biographiezentrum.de
29. Mai 2010
Der Streitfall, wie er auch in diesem Blog umfassend besprochen worden ist, ist für die beteiligten Autoren - Prof. Marita Krauss, Torsten Dewi und Katrin Kaiser (jetzt Tempel) - gütlich ausgegangen! Doch nicht nur das, der Vergleich vor dem Münchner Landgericht vom letzten Donnerstag, den 11. März 2010, kann als vielversprechendes Signal für Wissenschaftler und Sachbuchautoren gedeutet werden, das in Zukunft andere Streitfälle ähnlicher Art positiv zu beeinflussen vermag!
Meine Haltung in dieser Debatte war von Anfang an, den Plagiats-Vorwurf gegen das Autorenpaar Dewi / Kaiser (Tempel) als ungerechtfertigt zu behandeln, und gleichzeitig die Ansprüche der Augsburger Professorin Marita Krauss auf Entgelt für die Nutzung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten als berechtigt anzuerkennen. Jetzt ist es amtlich: Wie in der Wochenendausgabe des Münchner Merkur und in der Süddeutschen Zeitung zu lesen ist, haben die Münchner Filmproduktion Hofmann & Voges und die Historikerin Marita Krauss vor dem Münchner Landgericht am Donnerstag, den 11. März 2010 einen bis zum 18. März widerruflichen Vergleich geschlossen. Ersten Aussagen der Justitiarin Dagmar Graef zufolge, die Hofmann & Voges vertritt, wolle man keinen Widerspruch einlegen. Die Produktionsfirma wollte der Augsburger Professorin per einstweiliger Verfügung untersagen zu behaupten, die Nutzung ihrer Forschungen zur Verfilmung der Lebensgeschichte von Dr. Hope Bridges Adams Lehmann sei ein Plagiat und eine Urheberrechtsverletzung. Prof. Krauss ist jedoch aus dieser Verhandlung, in der sie die Beklagte war, ganz anders herausgegangen: Nun muss ihr die Produktionsfirma 15.000 Euro zahlen, und zwar, so der Richter, “als Abgeltung ihrer wissenschaftlich-publizistischen Leistung, die in der Auffindung und Darstellung des verfilmten Stoffes liegt”. Prof. Krauss’ Anwalt Patrick Jacobshagen resümiert: „Dieses Ergebnis ist eine Sensation. Eigentlich sollte meine Mandantin verklagt werden, jetzt aber wurden alle ihre ursprünglichen Forderungen erfüllt.“ Chapeau, Herr Anwalt!
Mit dem Vergleich hat die Filmproduktion in meinen Augen vermutlich noch Glück gehabt, denn der Nutzwert der Forschungen und Publikationen von Prof. Krauss zu diesem 5-Millionen-Filmprojekt (Arte / ZDF) hätte auch um ein Vielfaches höher taxiert werden können. Doch darüber muss hier nicht weiter debattiert werden, denn die Würfel sind gefallen und das Ergebnis steht fest.
Ich habe in meinem Artikel zu diesem Streitfall und vor allem in meinen Kommentierungen immer wieder auf die – in meinen Augen unglückliche – Rolle der Filmproduktionsfirma Hofmann & Voges in diesem Fall hingewiesen, die meiner Ansicht nach bereits während der Produktion für die Auffindung des Stoffes und die Nutzung der wissenschaftlichen Leistungen zu “Dr. Hope” an Frau Prof. Krauss hätte zahlen müssen – auch, um ihre Drehbuchautoren Dewi und Kaiser (jetzt Tempel) zu schützen. Es kann bei einem solchen Filmprojekt, wo sich die biographische Forschungslage zu “Dr. Hope” nahezu ausschließlich auf die Leistungen von Prof. Krauss konzentriert, nicht angehen, dass der Besuch einer Ausstellung und der Kauf einen Buchs für 19,90 Euro als Entgelt ausreichen soll, um damit den Großteil einer freien Verfilmung in den biographischen Fakten zu unterlegen und damit hohe Recherchekosten zu sparen.
Ich glaube, wir müssen auch darüber hier in diesem Blog nicht weiter diskutieren, das haben Dietmar Steinhaus, Roger Bader, Torsten Dewi und ich ausführlich und bisweilen kontrovers getan. Der Vergleich vor Gericht bestätigt Prof. Krauss’ und auch meine Ansicht völlig, und er entlastet das Autorenpaar Dewi/Kaiser (Tempel) von einem Vorwurf, der rufschädigend ist und den sie nicht – bei allen Kontroversen in manchen Sachfragen – verdient haben.
So freue auch ich mich über die Waffenruhe, wie sie Torsten Dewi in seinem immer wieder lesenswerten Wortvogel-Blog ausruft, und gebe das letzte Wort (vor den Kommentaren) an Frau Prof. Krauss, die diesen Text vor wenigen Stunden als 35. Kommentar zum Artikel „Urheberrecht und biographische Sachverhalte: Filmbiographie “Dr. Hope” – ein Plagiat?“ gepostet hat, der es aber verdient, an dieser Stelle nach vorne geholt zu werden und damit den Abschluß des Falls würdigend zu runden.
Lieber Herr Dr. Mäckler, lieber Herr Dewi, lieber Herr Steinhaus,
da nun eine juristische Einigung stattgefunden hat, mit der ich leben kann und mit der offenbar auch Herr Dewi zufrieden ist, wie ich seinem Blog entnehme, möchte ich noch einiges richtigstellen. Es sind - dafür bin ich ja inzwischen bekannt - nüchterne Fakten.
1. Ich habe nie gesagt, der Film oder der Roman seien „Plagiate“, das war der Überschriftenredakteur des Münchner Merkur. Deshalb sage ich das auch in Zukunft nicht. Ich habe jedoch den Medien und auch dem Gericht gesagt, dass die Drehbuchautoren sich an meinem Buch bedient haben, dass meine Hope-Biografie die zentrale Grundlage des Films und des Romans bildet. Das Gericht beschloss daher, mir 15.000 € zuzugestehen „als Abgeltung der wissenschaftlich-publizistischen Leistung, die in Auffindung und Darstellung des verfilmten Stoffes liegt“.
2. Nachdem ich mir den Film angesehen und den Roman nach seinem Erscheinen sorgfältig durchgelesen hatte, schickte mein Anwalt Anfang November 2009 ein Schreiben an die Produktionsfirma, dem rund zwanzig Seiten detaillierte Gegenüberstellungen beilagen. Spätestens seit Dezember kennt also Herr Dewi die Vorwürfe im Detail. Es stimmt daher nicht, dass ich allgemeine, nicht präzisierte Vorwürfe gleich öffentlich erhoben hätte. Alle diese Dinge lagen bereits seit drei Monaten auf dem Tisch, bevor der Artikel im Münchner Merkur erschien.
3. Meine Recherche zu Hope ging über Jahre. Ich war damals freie Autorin und Publizistin, den Lehrstuhl in Augsburg habe ich erst seit 2008. Allein die privat finanzierten Recherchereisen für meine erste Hope-Biografie summieren sich auf rund 20.000 €. Da niemand Hope kannte, betrug darüber hinaus der Druckkostenzuschuss 5.000 €.
4. Niemand hat mir freiwillig Danksagungen oder Geld für meine Arbeiten angeboten. Für alles musste ich Agenten oder Anwälte beschäftigen. Die Produktionsfirma bot mir nach zähen Verhandlungen 2007 nicht etwa eine „fünfstellige Summe“, sondern genau 9500 €. Dafür sollte ich neben Beratung, die ich sehr gerne gemacht hätte, alle meine Materialien der Firma geben, ebenso vorsichtshalber alle möglichen Rechte (die es angeblich nicht gibt), auch meine Printrechte. Das wollte ich nicht und daher kam der Vertrag nicht zustande. Auch eine Danksagung im Roman sollte nur erfolgen, wenn ich ohne Kenntnis des Textes auf alle denkbaren Rechte verzichtete. Das wollte ich jedoch nicht, ohne den Roman zu kennen.
Das Münchner Landgericht hat nun am Donnerstag, den 11. März einen Vorschlag zur Lösung der Dinge gemacht, dem sowohl die Produktionsfirma wie ich beigetreten sind: Ich wurde einbestellt, weil die Produktionsfirma gegen mich eine einstweilige Verfügung eingereicht hatte, ich ging mit 15.000 € im Plus.
Ich finde, die Kraft, die wir alle in diese Auseinandersetzung gesteckt haben, sollten wir nun wieder anderen, kreativen Dingen zuwenden.
Ihre Marita Krauss
14. März 2010
Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten. Hatte ich gerade noch die zweiteilige Filmbiographie über „Dr. Hope“ in Arte (und später ZDF) angekündigt, kommen mir wenige Tage später Plagiatsvorwürfe zu Ohren, denen sich die Drehbuchautoren Torsten Dewi und Katrin Kaiser, jetzt Katrin Tempel, ausgeliefert sehen. Ich möchte den Fall nicht referieren, wer sich dafür interessiert, braucht nur zu googeln und findet genügend Zeitungs-Einträge zum jeweils aktuellen Stand der Auseinandersetzung. Auch der Blog „Wortvogel“ von Torsten Dewi ist erhellend und spannend zu lesen.
Mich beschäftigen andere Aspekte des Falls.
In den historischen Wissenschaften hat die Biographik einen zwiespältigen Ruf. Einerseits kommt Geschichte nicht ohne “große” Menschen und Macher aus, andererseits – nur allzu menschlich – sehen diese Heroen ihr Leben und Werk subjektiv. Wie viele Auto-Biographien sind regelrecht schöngeschrieben, voller Auslassungen und Vergesslichkeiten? Allein schon die Wahl dessen, was biographiert wird, ist subjektiv, und Wissenschaftler sind sich einig: Es gibt keine Objektivität in der Biographik, die über schlichte Fakten hinausginge.
Letztlich schreibt jeder Biograph über sich selbst und sein imaginäres Wunschbild – selbst wenn er thematisch Wallenstein oder Hitler oder Bismarck oder Dieter Bohlen oder „Dr. Hope“ in diesem Fall zum Gegenstand seiner literarischen Portraitkunst gewählt hat. Er schreibt über das, was ihn begeistert und irritiert, was er recherchiert, was er sich in Büchern und anderen Quellen angelesen, zusammengeschrieben und neu interpretiert hat – eben so, wie es seinem handwerklichen Vermögen entspricht und er es persönlich für gut und richtig hält. Die biographierte Person ist letztlich nur noch Anlaß zur Biographie als Kunstwerk, das mal mehr, mal weniger mit seinem Urbild zu tun hat, aber immer Kunstwerk eines externen Schöpfers ist - selbst wenn man die eigene Biographie, die Autobiographie schreibt.
Wir kennen es von den historischen Bildportraits und der Photographie mit der Frage: „Wie objektiv ist das Objektiv?“ Die Model- und Talent-Shows im TV beweisen es uns täglich: Erst durch die geschickte Inszenierung wird aus einem Heer von Nobodys ein Star. Oder anders ausgedrückt: Erst durch den Autor wird die Lebensgeschichte einer Person zur Biographie inszeniert.
Kannten Sie die Ärztin Hope Bridges Adams Lehmann (1855 bis 1916) schon lange? Wahrscheinlich nicht. Es ist das Verdienst der Augsburger Uni-Historikerin Prof. Dr. Marita Krauss, diese Frau wiederentdeckt und erstmals biographisch umfassend rekonstruiert zu haben, sei es durch Artikel und Bücher, durch Vorträge und Ausstellungen, durch Forschungsveranstaltungen. Wenn ich es richtig sehe, hat Marita Krauss diese Figur vor rund zwei Jahrzehnten für sich entdeckt, eine wissenschaftliche Leidenschaft für diese Frau entwickelt und sie seitdem unermüdlich erforscht, so dass Marita Krauss sich wohl im Laufe der Jahrzehnte eine Art Forschungsmonopol zu Hope Bridges Adams Lehmann mühsam erarbeitet hat.
Und dann kommen da zwei kreative Drehbuchautoren und andere kommerziell orientierte Zweitverwerter (u.a. die Filmproduktionsfirma von “Dr. Hope” sowie ZDF und Piper Verlag) und bedienen sich aus den mühsam erarbeiteten und publizierten Forschungen einer Wissenschaftlerin, als seien deren Arbeiten mit der Publikation zum allseits frei nutzbaren Gemeingut geworden. Das „Tannöd-Urteil“ scheint ja der künstlerischen Nutzung von Sachbüchern auch Recht zu geben, so dass sich das Duo Dewi-Kaiser keinerlei Vergehen schuldig fühlen muss. Wörtlich abgeschrieben – wie im Fall Hegemann – haben sie nicht, und die Herkunft ihrer Sachinformationen streiten sie nicht ab (wobei sie einige falsche Schreibweisen ungeprüft übernommen haben sollen, wie ihnen die Professorin vorwirft). Sie haben also recherchiert und einen eigenen neuen Text geschrieben, wie es alle ordentlichen Journalisten und Drehbuchautoren tun. Ich glaube nicht, dass man ihnen einen Vorwurf machen kann.
Die Problematik liegt anderswo: in unserem Rechtssystem. In meinen Augen ist auch das Tannöd-Urteil ein Schlag ins Gesicht für jeden Sachbuchautor! Mir ist unerklärlich, warum Sachbücher bis in die Figurenzeichnung hinein weniger schützenswert sein sollen, als fiktionale Werke. Biographien sind immer auch Fiktion! Letztlich ist die „Hope Bridges Adams Lehmann“ aus den Publikationen von Marita Krauss genauso subjektiv und ein Medienprodukt, wie „Dr. Hope“ von Dewi und Kaiser, und dementsprechend sind beide Werke urheberrechtlich schützenswert.
Doch es kann nicht angehen, dass Sachbuchautoren und Biographen kostenlos den „Steinbruch“ für Stoffe der Medienindustrie liefern und – neben Spott und wirtschaftlichem Schaden – auch noch juristisch das Nachsehen haben. Die Publikationen aus Wissenschaft und Forschung in den Geisteswissenschaften sollten juristisch weit mehr vor den Übergriffen der Medienindustrie geschützt werden, als es bislang Praxis ist.
01. März 2010
Hier der Zeitschriftenartikel, den ich nach meiner Uganda-Reise (4.8.-1.9.2009) geschrieben habe:
Hi Mzungu! How are you?
Erster Besuch bei meinen Schwiegereltern in Uganda
(c) Von Andreas Mäckler
Nach siebzehn Stunden Flug und Transfer hätten wir in unserem neuen Zuhause gern etwas zu trinken bekommen, Sprudel vielleicht für die beiden Jungs, mir wäre Wasser lieb gewesen, und ein Kaffee mit Milch zum Aufwachen. Morgens um fünf Uhr waren wir von der Familie meiner Frau am Flughafen Kampala abgeholt worden – freundliche dunkle Gestalten, die uns scheu die Hand reichten und sich in meinen Augen kaum von der Dämmerung abhoben, so müde waren wir. Dann die rasante Fahrt im Sammeltaxi, einem klapprigen 14-sitzigen Minibus japanischen Fabrikats ohne funktionierendem Abblendlicht, über Schlaglöcher und Bodenwellen hinweg durch kaum erleuchtete Straßen. Viel sehen von der Hauptstadt Ugandas konnte ich nicht, doch schlafen auch nicht. Nur Farida, meine Frau, war munter und plauderte lachend auf Buganda – der landesüblichen Sprache – über die Fahrgeräusche hinweg mit ihren Eltern und Geschwistern, die sie jahrelang nicht gesehen hatte. Von den Angehörigen, über hundert, die zu ihrer Familie zählen, waren neun zum frühmorgendlichen Empfang am Flugplatz gekommen: mehr hätten in dem Minibus mit uns und dem Gepäck keinen Platz gefunden.
Das Gelände, in dem wir später zwanzig Kilometer südwestlich abgesetzt werden, gleicht einer Baustelle: ein kleines Haus mit drei nebeneinander liegenden Zimmern, zusammen etwa 60 Quadratmeter groß, außen hübsch hellgrün verputzt, innen ohne Strom und Wasser. In der Mitte das Wohnzimmer: spärlich möbliert mit weißem Campingtisch, Plastikstühlen und wuchtigen Polstermöbeln, die mich an Gelsenkirchener Barock erinnern – und auch so alt zu sein scheinen. Im Raum daneben haben uns die Eltern ihr Schlafzimmer überlassen, das gegenüberliegende Zimmer bekommen Faridas pubertierende Buben aus erster Ehe zugewiesen. Vorsorglich haben wir Wochen vorher doppelbettähnliche Luftmatratzen per DHL geschickt, damit wir nicht auf dem Boden schlafen müssen.
Das zweite Häuschen auf dem Grundstück gleicht einer kleinen Scheune, innen mit freiem Blick hinauf zu den Dachziegeln: zwei Zimmer, rotbraun gemauert ohne Verputz. Hier haben sich die Eltern eingerichtet, damit wir – die Gäste – schöner residieren. Im Nebenraum ein selbstgezimmertes dreistöckiges Hochbett, in dem sechs Frauen und Kinder schlafen.
Von dem dritten Bauvorhaben, das einmal Haupthaus des weitläufigen Anwesens werden soll, wie uns stolz erläutert wird, sind ein paar Grundmauern auf rot sandigem Gelände zu sehen, ohne Dach. Drumherum Palmen, Buschwerk und Gras. Hühner, Hunde und Ziegen flitzen umher, manchmal durch das Wohnzimmer über die Möbel hinweg in den Innenhof, wo sie mit Lachen wieder herausgetrieben werden. Warum wir immer noch nichts zu trinken bekommen, frage ich meine geliebte schwarze Frau nach dem Rundgang. „Meine Eltern haben nichts“, ist ihre Antwort, „nur das Wasser aus der Quelle, das wir nicht trinken sollen.“
Jetzt sehe ich in der aufgehenden Morgensonne die ersten Kinder, Frauen und Männer mit gelben 20-Liter-Kanistern an unserem Haus vorbeilaufen in Richtung eines tropischen Wäldchens, etwa fünfhundert Meter entfernt, in dem die Wasserquelle der Streusiedlung eingefasst ist. Es gäbe hier noch den Beruf des Wasserträgers, wird mir erklärt. Einer sei sogar Akademiker, habe studiert, sei aber kurz vor der Prüfung verrückt geworden. Als ich mit unserer kleinen Tochter Anelia auf dem Arm vor die Haustür trete, bleiben die Leute neugierig stehen und winken uns lachend zu: „Hi Mzungu! Hello Mzungu!“
Irritiert gehen wir ins Haus zurück. „Mzungu“ wird „Musungu“ ausgesprochen, heißt Weißer, Reicher, Fremder und ist kein Schimpfwort – die Engländer wurden so genannt, als sie Uganda kolonialisierten.
Sparsamkeit beim Tanken
Außerhalb Kampalas ist es nicht leicht, Geld zu wechseln – einen Automaten für EC-und Kreditkarten zu finden ist noch schwerer. So fahren wir durstig in der Mittagshitze von unserem ländlichen Domizil aus mit dem Boda-Boda, einem Moped-Taxi der Marke Boxer in den nächsten Ort namens Wakiso. Das Boda-Boda wird von jungen Männern gelenkt, die keinen Führerschein haben, aber durchwegs gut fahren können.
Von dort geht es mit dem Matatu weiter – dem 14-sitzigen Sammeltaxi, in das auch zwanzig Personen passen. Zwar werde die chronische Überbelegung von der Polizei mit Bußgeld geahndet, wie mir unser einheimischer Führer Omar (48) erklärt, doch halte sich kaum jemand daran. Auch auf den Mopeds, die das Straßenbild prägen, sitzen mehr Personen, als zugelassen sind – der Fahrer hat Platz auf dem Tank, und zwei bis drei Fahrgäste passen auf die Sitzbank. Die meisten Menschen in Uganda sind ohnehin dünn, weil sie wenig zu essen haben, und ökonomisch fahren die jungen Zweiradkünstler obendrein: Jede noch so kleine Senke in der Straßenführung wird ausgenutzt, das Moped im Leerlauf rollen zu lassen und damit Benzin zu sparen – wobei mir „Straße“ zumeist als etwas erscheint, das wir in Deutschland bestenfalls „Feldweg in schlechtem Zustand“ nennen würden: unbefestigte Verbindungsstrecken in roter Erde, voller Löcher und Bodenwellen, die bei gemäßigtem Tempo Slalom erlauben. Wer zu Fuß geht, mit dem Fahrrad oder dem Moped fährt, hat schnell den roten Staub überall am Körper bis in die Nasenlöcher und Ohren hinein. Selbst die wenigen Autobahnen haben kaum das Niveau unserer Landstraßen. Ansätze von Straßenausbesserungsarbeiten sehe ich selten.

Sparsam beim Tanken sind auch die Sammeltaxis, die an den Tankstellen zumeist nur zwei bis fünf Liter Sprit aufnehmen und dann so lange weiterfahren, wie es der Tank erlaubt. Bleiben die Pendler vor dem nächsten Tankstopp unplanmäßig in einem der zahlreichen Staus in Kampala stecken, geht schon mal der Motor aus. Dann schieben die Fahrgäste den Kleintransporter an den Seitenrand und warten geduldig, bis neuer Kraftstoff organisiert worden ist, schließlich haben sie die Fahrt bezahlt. Auch Reifenwechsel und andere Reparaturen werden gleich vor Ort erledigt, ohne dass die Fahrgäste aussteigen.

Gefährlicher sind solche Stops, wenn sie in der Luft erfolgen: Am 19. August 2009 musste eine Cessna 206 mit einem portugiesischen Touristen-Ehepaar an Bord wegen Treibstoffmangel auf dem dicht befahrenen Masaka Highway notlanden und rollte auf einen angrenzenden Acker aus. Dort wurde die Maschine von herbeigerufenen Spezialisten rasch gecheckt und wieder aufgetankt, dann flog der Glückspilot noch am selben Tag zu seinem Heimatflughafen in Kampala zurück – allerdings ohne die beiden Passagiere, die ihre Tour jetzt lieber auf dem Landweg fortsetzen wollten.
Die Umweltverschmutzung ist atemberaubend
„Schmeiß einfach weg!“ Ich traue mich nicht in dem Menschengewimmel und halte Omar meine leere Cola-Dose hin. Der nimmt sie und wirft sie mit seinen Bananenschalen lachend neben eine Gemüsekiste, die vor einem Lebensmittelladen steht. Überall in Kampalas Straßen sehe ich Müllhaufen am Straßenrand, die verbrannt werden: leere Wasserflaschen aus Kunststoff, Papier, Obst- und Essensreste, Lumpen, Holz, Plastiktüten und das, was in den vielen Werkstätten der Handwerker abfällt. An manchen Straßenrändern sehe ich alle zwanzig bis fünfzig Meter qualmende Feuerstellen. Von wenigen Stadtvierteln abgesehen, die einen westlich reichen und entsprechend gepflegten Eindruck machen, verbrennen die Leute ihren Müll einfach dort, wo er liegt. „Wir sind ein freies Land“, lacht Omar, „jeder kann machen, was er will.“
Später erzählt mir Omar aus seiner Lebensgeschichte. Er stamme aus Kenia und hatte in Mombasa einen Laden für Touristen, bis es Ende Dezember 2007 zu politischen Unruhen kam. Mehr als 1.500 Menschen waren in den folgenden Monaten getötet worden und über 600.000 Menschen mussten fliehen, darunter er mit seiner Frau Zamda. Ihr Haus war mit anderen Häusern einfach angezündet worden – Holz und Pappe in den Slums brennen schnell, nur Wellblech bleibt. Mit dem, was sie am Leib trugen, konnten Omar und Zamda zu Faridas Eltern nach Uganda fliehen. „Meine Tante hilft, so gut sie kann, hat aber auch nichts.“ Jetzt schlafen die beiden auf dem Boden hinter einer Eisentür in einem kleinen, unverputzten Raum, in dem eigentlich die Ziegen nächtigen. Ich wage nicht, mir vorzustellen, wie mein Leben aussehen würde, besäße ich nur noch meine Kleider am Leib: nichts von dem, was unseren Alltag begleitet und an materiellen Dingen unsere Persönlichkeit definiert.
Gitter vor den Fenstern
In den vier Wochen unseres Uganda-Besuchs habe ich kein einziges gemauertes Haus gesehen, dessen Fenster nicht von innen vergittert gewesen wäre – selbst Häuser mit mehreren Etagen zeigten bis zum oberen Stockwerk vergitterte Fenster. Wer es sich leisten kann, umschließt sein Anwesen zusätzlich mit einer hohen Mauer, auf der zerbrochene Glasscherben zementiert sind – oder lässt Stacheldraht aufsetzen und unter Strom setzen. Manche Anwesen sahen so befestigt wie das Gefängnis von Stadelheim aus, nur kleiner.
Faridas Eltern halten zwei freundliche Wachhunde und haben Sandsteine um ihr Anwesen aufgeschüttet, auf denen jeder Schritt knirscht. Oft wachen wir nachts auf, und sei es, weil ein Nachbar auf seinem Weg nach Hause die Abkürzung über das Grundstück sucht. Manchmal sorgen auch die Tiere im Innenhof für Unruhe. Einmal wurden die Hühner im engen Stall nachts von einer Termiten-Armee attackiert, die in einem Zug so dicht und lang wie ein Teppich über die Mauer gekrabbelt war und eines der Hühner tot biss, bevor sie weiterzog. An einem anderen Tag legten uns die Hunde mit wedelndem Schwanz stinkende Innereien und Knochen zu Füßen, die sie in der Nähe aufgelesen hatten. Einem Nachbarn waren in der Nacht sieben Ziegen mit deren Zicklein gestohlen worden. Nur wenige hundert Meter entfernt hatten die Diebe sie sofort geschlachtet und das essbare Fleisch mit Fell wegtransportiert. Jetzt hat Mama Farida Angst um ihre Tiere.
Die Kleinkriminalität ist allgegenwärtig. Sie beginnt schon bei den Händlern, die vorgeben, kein Wechselgeld zu haben: „no change.“ Wenn Farida einkaufen geht, bleibe ich als Weißer außer Sichtweite, um keine Mzungu-Preise zu provozieren, die hundert bis tausend Prozent Aufschlag bedeuten. Beim Besuch der Königsgräber – den Kasubi-Tombs – muss ich den fünffachen Eintritt meiner afrikanischen Begleiter zahlen. „Jeder bescheißt jeden“, lacht Omar.
Mitleid empfinde ich bei Faridas Tante, Mama Night, einer alten Frau, die in Kampala in einem winzigen Schuppen Holzkohle verkauft. Ein Kunde hatte ihr mittags einen gefälschten Geldschein (umgerechnet 3,30 Euro) für einen Sack Kohle gegeben und war mit dem Wechselgeld abgehauen – ohne die Kohle mitzunehmen, die nur ein Bruchteil gekostet hat. Jetzt war nicht nur Mama Nights Tagesverdienst verloren, sondern auch das angesparte Geld, um die letzte Kohlelieferung beim Großhändler zu bezahlen. Ich tröste die alte Frau, wechsele ihr den falschen Geldschein und stecke ihn als Souvenir ein. Als wir auf der Heimfahrt im Taxi von einem Polizisten angehalten werden, weil unser Fahrer angeblich zu schnell gefahren ist, gebe ich ihm den Geldschein und das Problem ist gelöst.
Die Korruption reicht bis in die untersten Gesellschaftsschichten. Eine Lehrerin verdient in Uganda umgerechnet 75 Euro, ein Verkehrspolizist kaum mehr. Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 100-300 Euro versteht es sich, dass ein Mzungu als reich angesehen wird, auch wenn er es in seinem Heimatland nicht ist. Wird jemand in der Familie krank, zahlen wir den Arzt und die Medikamente – oder das, was dafür ausgegeben wird, denn viele Tabletten, die in den Apotheken auch einzeln verkauft werden, sind gefälscht und bestehen nur aus Hefe. Auch Trinkwasser in Plastikflaschen dürfen wir nicht von jedem Händler kaufen, vor allem nicht an den Taxistationen, weil viele (Aids-)Kranke aus Wut und Rache ihre Erreger durch den Boden in die Flasche injizieren und das winzige Loch mit einem erhitzten Kunststofftropfen verplomben. Faridas Schwester Hawa zeigt uns eine Wasserflasche mit Einstich im Boden: Hier war kostbares Trinkwasser gegen billiges Leitungswasser ausgetauscht worden. Deshalb inspizieren viele Leute vor dem Kauf die Wasserflaschen ganz genau.
Generationenvertrag
Vor unserer Ankunft wohnten fünf Personen bei Faridas Eltern im Haus, jetzt sind es rund zwanzig, die sich freundlich einquartiert haben. „Ich habe dich geheiratet, nicht deine Familie“, hatte der Ex-Mann meiner Frau früher gepoltert, wenn er derart zur Kasse gebeten wurde. Doch damit irrte er sich bei seiner afrikanischen Frau: Im Alter müssen die Kinder die Eltern und alle anderen ernähren, die zur Familie gehören. Als nichtafrikanischer Ehepartner kann man dieses Sozialsystem nur akzeptieren oder sich ständig ärgern.

Übrigens bietet es auch Annehmlichkeiten. Unsere kleine Tochter Anelia hat rund um die Uhr fröhliche Spielgefährten jeden Alters. Ich genieße die entspannte Anmut der vielen jungen Frauen in der Familie, die den Tag mit einfachsten Hausarbeiten füllen: den Boden putzen mit einem Wasser, das nicht sauberer als der Boden ist, Wäsche waschen mit der Hand – wie ohnehin der Zeitaufwand einfachster Hausarbeiten mangels Maschinen groß ist. Auch das Kochen schlichter Gerichte dauert stundenlang. Reis gibt es nahezu täglich und oft Kochbananen mit Soße, die mir wie süße Kartoffeln schmecken. Gekocht wird auf kleinen Holzöfen, die im Innenhof stehen, wo die Hühner zwischen den Töpfen herumspringen. Angesichts fehlender Kühlmöglichkeiten sind Fisch und Fleisch selten – sofern nicht ein Huhn dran glauben muss. Wer einmal in Afrika war, wird danach die delikate Vielfalt unserer Speiseangebote in Deutschland besonders schätzen.
Im Gegensatz zu den Frauen, die rege und fröhlich ständig miteinander plaudern, zeigen sich die Männer eher einsilbig. „Reden Männer hier immer so wenig?“, frage ich Farida erstaunt.
„Was haben Männer denn zu sagen, wenn sie mit Frauen zusammen sind?“, fragt Farida zurück.
Ich zucke die Achseln. „Offenbar nichts.“
„Eben.“
Every day truth
Abends wirft einer der jungen Männer den Generator an, der an einer Eisenkette vor Diebstahl gesichert vor dem Haus steht, und das kleine Wohnzimmer wird zum Kino, in dem mittelamerikanische TV-Soaps laufen. Geschaut wird alles, was im Fernsehen mit seinen wenigen Programmen gezeigt wird. Einen DVD-Player besitzt die Familie nicht. Wer keinen Platz auf einem der Stühle findet, hockt sich auf den Boden.

Der Generator hat noch eine zweite Funktion: Trotz chronischer Geldknappheit besitzt jeder ein Handy, dessen Akku abends aufgeladen werden muss. Telefoniert wird mit Prepaid-Karten, die es ab 200 Uganda-Schillinge (ca. 0,07 Euro) überall zu kaufen gibt. Bei den kleinen Beträgen ist ein Gespräch, kaum dass es begonnen hat, schon nach wenigen Sekunden wieder zu Ende.
Internetcafés gibt es in jedem größeren Ort, doch kann es schon mal fünfzehn Minuten dauern, bis ein schlichtes Yahoo-Postfach sich öffnet. Große Datenmengen können überhaupt nicht transportiert werden. Will man Zeitung lesen, ist die Auswahl ebenso beschränkt. Immerhin bietet der Daily Monitor bereits in seinem Logo „Every day truth“. So lese ich über die aktuelle Entwicklung im Beziehungsleben von Boris Becker und Lilly Kerssenberg, was für die Menschen in Uganda offenbar wichtig zu wissen ist.
Will man sich wie der blonde Tennisstar fühlen, empfiehlt es sich, in eine Gegend Afrikas zu reisen, in der wenig Weiße sind. Dort bekommt man alle Aufmerksamkeit eines Superstars. Schöne afrikanische Frauen halten Ausschau nach europäischen Männern, und afrikanische Männer nach – zumeist älteren – europäischen Frauen. Werde ich auf dem Rücksitz eines Mopeds zur Busstation gefahren, laufen die Kinder von Haus zu Haus zusammen und rennen hinter uns her: „Hi Mzungu! How are you?“
Dann winke ich majestätisch zurück und rufe: “Hi fans! Everything’s fine. Have a nice day!”
Und alle strahlen. „Bye Mzungu! Bye!“
(c) 2009 by Andreas Mäckler. Abdruck nur nach vorheriger Genehmigung durch den Autor.

11. Dezember 2009
Hier meine Laudatio zum 2. Deutscher Biographiepreis 2009 im Rahmen der Eröffnung der 2. Nordwalder Biografietage 2009 am Freitag, den 25. September 2009, 14 Uhr im Rathaussaal.
Die Preisträger:
Rosa von Praunheim:
Meine Mütter – Spurensuche in Riga. Dokumentarfilm, Basisfilm Berlin 2008
Dr. Inka Postrach:
Friederike Ruhm – Paulinchen war allein zu Haus…. Privatbiographie. Hamburg 2008
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Verehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank für den schönen Rahmen, den Deutschen Biographiepreis 2009 hier zur Eröffnung der 2. Nordwalder Biografietage verleihen zu dürfen, ebenfalls zum zweiten Mal. Er wurde ja 2008 zum ersten Mal in München vergeben.
Es ist also noch ein junger Preis des Biographiezentrums – der Vereinigung deutschsprachiger Biographen; ein Kollegenpreis für biographische Arbeiten, deren Qualitäten aus dem Alltagsgeschäft heraustreten und uns vor Augen führen, wie Lebensgeschichten realisiert sein sollten – gerade solche, die wir im Auftrag unserer Kunden erstellen. Die Menschen, deren Autobiographie wir als „gute Geister“ – als „Ghostwriter“ – aufzeichnen, müssen nicht berühmt sein, aber ihre Lebensgeschichten sollten mit aller Sorgfalt aufgearbeitet und gestaltet werden, denn jede Lebensgeschichte ist einmalig und wert, erhalten zu bleiben. Das ist das Credo des Biographiezentrums.
Als Vereinigung deutschsprachiger Biographen mit rund fünfzig Mitgliedern sind wir deutschlandweit tätig und pflegen die professionelle Vernetzung. Deshalb ist es uns eine große Freude, dieses Jahr unser Mitgliedertreffen und die Preisverleihung in Nordwalde zu machen, wo Matthias Grenda mit dem Verein für biografische Kommunikation e.V. bereits im vorigen Jahr mit den 1. Nordwalder Biografietagen ein Programm realisiert hat, das eindrucksvoll ist und dessen Ruf bis zu mir nach Bayern gelangt ist, wo ich lebe. Daher die Erklärung auf Ihre Frage, weshalb sich die Mitglieder des Biographiezentrums dieses Jahr in Nordwalde treffen – einem hübschen Ort bei Münster, den die Meisten von uns vorher nicht kannten. Wir Biographen sind einfach von Berufs wegen neugierig und lernen gern neue Menschen und Orte kennen. Deshalb freuen wir uns auf die Tage bei Ihnen in Nordwalde! Herzlichen Dank dafür dem Organisator Matthias Grenda!
Monatelang haben wir die eingereichten Biographien zum Deutschen Biographiepreis 2009 gelesen und abgeklopft: Ja oder nein, möglicherweise… Einig waren wir uns in der Jury bis zum Schluss nicht. Die Autobiographie der afrikanischen Bürgerrechtlerin und Nobelpreisträgerin Wangari Maathai stand in der engeren Wahl, aber auch Hans-Peter Schwarz’ Biographie über Axel Springer. Dann reichte eine Mitarbeiterin des Basis-Film Verleihs Berlin – der Redaktionsschluss war eigentlich schon vorbei – Rosa von Praunheims Dokumentarfilm „Meine Mütter – Spurensuche in Riga“ ein – und wir waren sofort einhellig begeistert!
Rosa von Praunheim: Meine Mütter – Spurensuche in Riga
Basis-Film Verleih Berlin 2008
Es ist kein Geheimnis, wir verfolgen mit der Preisvergabe neben Qualitätskriterien auch subjektive Ziele. Alles, was wir wahrnehmen, erkennen wir schließlich, weil es in uns selbst begründet liegt. Rosa von Praunheims Spurensuche nach der eigenen Herkunft deckt sich kongenial mit der unsrigen als Auftragsbiographen, deshalb sind wir glücklich, von ihm ein Werk erhalten zu haben, das Maßstäbe setzt und berührt. Es enthält alles, was eine mitreißende Biographie braucht: Herz, Witz, Hingabe an das Leben und die Menschen. Schauen Sie sich den Film an!
Rosa von Praunheims Dokumentarfilm erzählt von der Suche nach den leiblichen Eltern. Im Jahr 2000 gestand ihm seine damals 94-jährige und inzwischen verstorbene Mutter Gertrud Mischwitzky, dass er nicht ihr leiblicher Sohn ist, sondern während der deutschen Besatzung in Riga/Lettland aus einem Kinderheim adoptiert worden ist. Mehr als diese knappe und (wie sich später herausstellen sollte) falsche Auskunft konnte der Regisseur seiner Adoptivmutter nicht entlocken. Erst nach ihrem Tod im Jahr 2003 machte sich von Praunheim auf die nahezu aussichtslos scheinende Suche nach seinen Wurzeln. Wie absichtslos aktualisiert er dabei den uralten Mythos des Findelkinds auf der Suche nach der eigenen Herkunft, in dem wir uns selbst erkennen. Sind wir nicht alle auf der Suche nach den eigenen Wurzeln: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?
Schritt für Schritt begleiten wir den Regisseur Rosa von Praunheim und sein Team bei ihrer akribischen Recherchearbeit in Archive, zu Zeitzeugen und Geschichtswissenschaftlern. Die deutsch-lettische Familiengenealogie entwickelt sich dabei zu einer spannenden Detektivgeschichte, die zunehmend eine erschütternde historische Dimension entfaltet. Aber es sind weniger die zeitgeschichtlichen Elemente, die uns berühren, so monströs sie erscheinen mögen – die Frage, ob der leibliche Vater ein Nazi-Massenmörder war. Vielmehr besticht Rosa von Praunheims Film durch die Schlichtheit seiner Dramaturgie: Da macht sich jemand auf den Weg zu den Wurzeln seiner Herkunft und findet an erster Stelle sich selbst.
In zwei Tagen haben wir Gelegenheit, den Film gemeinsam anzuschauen und darüber zu sprechen. Schade, dass Rosa von Praunheim heute nicht bei uns sein kann, weil er gerade in New York einen neuen Film dreht. Doch er freut sich über den Preis.
Dr. Inka Postrach: Friederike Ruhm – Paulinchen war allein zu Haus.
Privatbiographie, Hamburg 2008
Auch Friederike Ruhms Lebensgeschichte, wie sie von der Hamburger Biographin Inka Postrach auf den Weg gebracht worden ist, erscheint uns mehrfach beispielhaft; für die Generation der „Kriegskinder“ und für den Umgang mit Grenzerfahrungen, die eine Krebserkrankung mit sich bringt. Diese Autobiographie kann viele Menschen motivieren, ihre eigene Geschichte aufzuschreiben.
1939 geboren, erlebt Friederike Ruhm Dinge, die sie als kleines Kind nicht verstehen kann: das Verschwinden ihres Vaters, Bombenangriffe und Bunkerangst. Als der Vater als „fremder Mann“ aus dem Krieg zurückkommt, muss die Mutter zurück an den Herd, und die begabte Tochter wagt es später nicht, ihren Studienwunsch zu äußern, denn es galt: „Aus den Jungs soll etwas werden.“ Erst, nachdem sie drei eigene Kinder großgezogen und eine lebensbedrohliche Krankheit überwunden hat, erfüllt sie sich den Studienwunsch.
Friederike Ruhms Buch macht Mut, weil es die Überwindung von Traumata und Krisen anschaulich beschreibt; sich nicht als Opfer fühlen, die eigenen Träume verwirklichen und die eigene Geschichte aufschreiben.
Die Hamburger Biographin Inka Postrach, der wir den Deutschen Biographiepreis 2009 in der Kategorie „Privatbiographie“ überreichen, schreibt über ihre Arbeit: „Ich ermutige meine Kunden zumeist, ihre Lebensgeschichte selbst zu schreiben, weil die Effekte von Selbsterkenntnis, Kreativität und Heilung größer sind als beim Ghostwriting. Auch mich beglückt es, zu erleben, wie jemand seine Sprache für seine Erlebnisse und Erfahrungen findet, kreativ wird und sich an seinem Werk freut.
Friederike Ruhm musste ich nicht zum Schreiben ermuntern. Sie hatte schon geschrieben, als sie sich an mich wandte. Ich beriet sie in Fragen der literarischen Form: wie aus dem Bericht eine Erzählung machen, wie frühe, nebulöse und fragmentarische Erinnerung ausdrücken, wie Personen lebendig charakterisieren und Dialoge schreiben.
Ich begleitete sie aber auch in therapeutischen Fragen: Welche Folgen können frühe traumatische Erfahrungen haben, wie ambivalente Gefühle gegenüber nahen Menschen beschreiben, ohne zu verletzen, wie sich aus der Opferrolle lösen?
Mir hat die Zusammenarbeit mit Frau Ruhm Spaß gemacht, ich habe dabei einiges gelernt und erfahren und freue mich, dass dieses gelungene Buch den Deutschen Biographiepreis 2009 bekommt, den es verdient.“
Wir gratulieren Rosa von Praunheim und Inka Postrach von Herzen für ihr Werk!
29. September 2009
Lutz von Werders Bücher zum autobiographischen Schreiben sind eine Quelle der Inspiration - eines habe ich kürzlich ja besprochen. Mehr noch: Sie nicht durchzuarbeiten heißt, die eigene Biographie in ihrem Facettenreichtum nur ungenügend auszuloten. So widmet sich sein neues Werk der Heldenreise. Ich werde es für den Deutschen Biographiepreis 2010 nominieren.
Sicher hatten auch Sie immer wieder das Gefühl, Ihr Leben sei tiefer und kostbarer, als das tägliche Allerlei im Hamsterrad vermuten lässt. Diesen Wunsch nach Größe und Bedeutung, den der winzige Mensch im Universum seit Angedenken hegt, formuliert Lutz von Werder in seinem neuen Buch zeitaktuell: “Das Problem ist, viele Menschen sind heroischer als sie denken. Die heutige Welt braucht heroische Menschen, die angesichts größter Herausforderungen sich als Helden des Alltags erkennen und wissen, dass sie auf der Heldenreise für Männer wie für Frauen unterwegs sind.”
Lutz von Werder
Die Welt romantisieren
Wie schreibe ich meine persönliche Mythologie?
Schibri Verlag 2009
Die “Heldenreise” können Sie ruhig auch bei diesem Buch wörtlich nehmen, wenn Sie es zur Hand nehmen, denn Sie sollten es nicht nur lesen, sondern damit arbeiten, und zwar vom ersten Kapitel an. Es ist eine wunderbare Fundgrube voller Übungen zum biographischen Schreiben mit dem Schwerpunkt der Selbstmythologisierung. “Schreiben Sie Ihren Tageslauf zwei Mal, zum ersten ganz banal: die Fakten vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-Gehen. Den zweiten Tagesablauf verwandeln Sie dann in ein Geheimnis. Beschreiben Sie möglichst viele Apskete der Begegnung mit dem Geheimnisvollen.”
Schon Goethe hatte geschrieben: “Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt.”
Nun geht es nicht nur um alten Mythen, in sich Götter und Helden der Antike wieder aufleben zu lassen - nehmen wir Herkules als Idealbild des Mannes. Schon der amerikanische Traum vom “Tellerwäscher zum Millionär” ist ein Mythos, der sich heute in der Finanzkrise vielfach umkehrt. Wie das Kaninchen vor der Schlange verharren viele Menschen daher in einem “Mythos der Hilflosigkeit und Ohnmacht”, wie von Werder konstatiert. So lautet denn auch eine Übung: “Legen Sie eine Liste an, die Ihre großen Krisen auflistet und die Lösungen, die Sie zur Beendigung der Krise gefunden haben.”
Gut gefällt mir die Imagination, die vier Prozesse des eigenen Geburtsprozesses niederzuschreiben: “Mein Leben als Fötus. Meine Erlebnisse im Geburtskanal. Das Überstehen des Todes während der Presswehen. Mein Ankommen in der Welt.” Und ja: Die vielen Variationen zur “Zeugung des Helden” - der auch eine Heldin sein kann - gefallen mir als frisch gebackender Vater einer wundersüßen Tocher ohnehin…
“Der Heldenweg durch das Chaos des Lebens ist nicht für wenige da, sondern für alle”, schreibt Lutz von Werder - auch wieder so ein Mythos, woran Sie sehen, wie wichtig die Aufarbeitung unserer Glaubenssätze und tieferen Seelenschichten ist, denn durch das Schreiben persönlicher Mythen schaffen wir unsere inneren Vorbilder und Leuchtfeuer, die uns Orientierung geben in der Finsternis. “Das Schreiben von persönlichen Mythen kann Verdrängtes und Tabuisiertes gestalten. Persönliches Mythenschreiben ist immer autobiographisch. In seinem Kern ist der persönliche Mythos nicht Biographie, sondern Autobiographie von Krisen und ihrer Bewältigung. Wie im Traum befriedigt der persönliche Mythenschreiber infantile und asoziale Wünsche, die ihn ohne die mystische Gestaltung neurotisch machen würden.” Kurzum: “Betrachten Sie Ihr Leben als einen Mythos, der von dem Aufbruch, von dem Abenteuer und der Rückkehr des Helden handelt.”
Ein hübsches Phantasiespiel, das sich in sogenannten Rückführungen noch intensivieren lässt, sind biographische Projekte a la “Mein Leben als antiker Held oder antike Heldin” - selbst wenn Spötter Reinkarnierten gern entgegenhalten, es sei traurig, dass sich starke Persönlichkeiten wie Jesus, Napoleon etc. offensichtlich nur nach unten reinkarnierten… Humor also sollten Sie als Held haben!
Was glauben Sie, welcher Heldenreise-Typ Sie sind? Der Krieger? Der Suchende? Der Magier? Der Weise? Der Narr? Wo immer Sie sich ansiedeln, ächzen müssen alle, weshalb schon Schopenhauer meinte: “Mensch sein heißt leiden.” Manch einer begreift die Welt als Straflager, C. G. Jung empfand das Leben als Nachtmeerfahrt. Auf die Suche nach Klärung und Erlösung gehen sie alle.
Gerade in Phasen, wo uns der Sinn des Lebens zweifelhaft wird, bietet sich das Modell der Heldenreise an, den eigenen Lebenssinn wiederzufinden und dadurch gestärkt aus der Krise hervorzutreten, selbst wenn Sie - wie so manch anderer Held - erstmal durch die Hölle gehen müssen, um zum Paradies zu gelangen. Dieses Buch hilft Ihnen auf Ihrem Weg!
Unsere Workshops zur biographischen Arbeit finden Sie u.a. hier.
22. April 2009
Diese Frage stellen sich viele. Zuletzt las ich sie gestern abend in den Memoiren des Soziologen Peter L. Berger: Im Morgenlicht der Erinnerung - Eine Kindheit in turbulenter Zeit. Das Buch ist in engerer Wahl für den deutschen Biographiepreis 2009 nominiert, und ich gehöre zur Jury.
“Warum veröffentlicht einer seine Erinnerungen?”, fragt Peter L. Berger in der Einleitung seiner eigenen Memoiren. “Die Gründe dafür, die mir zunächst in den Sinn kommen, scheinen mir alle nicht gerade sympathisch. Da wären: Exhibitionismus, also der Drang, sich in der Öffentlichkeit seiner Kleider zu entledigen. Oder Größenwahn, also die überspannte Einschätzung der eigenen Wichtigkeit unter der Annahme, dass sich jemand für jedes Detail im Leben des Schreibenden interessieren könnte. Und dann Raffgier, also die Hoffnung, viel Geld mit der Veröffentlichung zu verdienen. Aber ist das nicht eine Folge des erwähnten Größenwahns? Und da ist dann noch die Enthüllung, wenn man meint, wirklich überraschende, sehr wichtige Geheimnisse offenbaren zu können.
Manche sind überzeugt, dass die eigenen Lebenserfahrungen auch für andere wichtig sein können. Und für mich trifft nur der letzgenannte Grund zu. Ich bin kein Exhibitionist, mein natürlicher Hang zum Größenwahn, den eigentlich jeder Intellektuelle hat, ist durch einen sicheren Instinkt fürs Lächerliche gezügelt. Und bedauerlicherweise habe ich nur sehr triviale ‘Geheimnisse’ zu enthüllen.”
So viel zur Einleitung, und dann folgen 240 lesenswerte Seiten, die ich Ihnen empfehlen möchte…
Warum haben viele Menschen Bedenken, ihre Memoiren zu schreiben und dann in einer mehr oder weniger großen Auflage als Buch zu edieren? Privatbiographien als Nachlass für die Familie und Freunde, wie sie das Biographiezentrum ediert, haben eine durchschnittliche Auflage von 1-50 Exemplaren. Und Verlagspublikationen, wie dieses schöne Werk von Peter L. Berger, werden in der Erstauflage kaum mehr als 5.000 Exemplare erreichen. Wenn die denn auch verkauft würden, zählt das in der heutigen Zeit der medialen Überflutung schon als Erfolg! An “reich werden” mag da gar nicht zu denken sein.
Ich sehe die Sache pragmatisch: Das Schreiben der eigenen Lebensgeschichte ist eine der wichtigsten Formen zur Selbstvergewisserung. Wer sich selbst nicht gefunden hat, kann sich und anderen Menschen in der Tiefe nicht begegnen. In der heutigen Zeit, wo die Austauschbarkeit mechanischer Teile mit der Austauschbarkeit von Arbeitskräften und Partnerbeziehungen gleichgesetzt wird, verliert die menschliche Individualität drastisch an Wert. Doch wer zumindest einmal das Glück hatte, die Geburt und das Aufwachsen des eigenen Kindes zu erleben, spürt etwas vom Wunder und der Einmaligkeit unseres Leben, dem wir uns in der biographischen Arbeit retrospektiv wieder nähern.
Daher ist mein Credo als Biograph: Jeder Mensch und jedes Leben ist einmalig und wertvoll, von anderen wahrgenommen und gewürdigt zu werden! Wie und ob der Markt auf einzelne Lebenserinnerungen reagiert, ist eine wirtschaftliche Frage, unabhängig vom Wert der biographischen Selbstbesinnung. Deshalb sollte sich auch niemand darin verunsichern lassen, sich selbst und seinem Leben auf die Spur zu kommen. Nur wer den ersten Schritt geht, lernt laufen.
20. Februar 2009
Lutz von Werders Ratgeber zum kreativen und biographischen Schreiben sind immer eine große Freude zu lesen, und ein Gewinn für alle, die sich selbst und ihre Persönlichkeit weiterentwickeln möchten.
Im Juli 2008 ist eines seiner Standardwerke - gemeinsam verfasst mit Barbara Schulte-Steinicke, Dozentin für akademisches Schreiben an der Berliner Alice Salomon Fachhochschule - wieder ediert worden. Ich möchte es Ihnen ans Herz legen:
Lutz von Werder / Barbara Schulte-Steinicke
Schreiben von Tag zu Tag
Wie das Tagebuch zum kreativen Begleiter wird
Ein Handbuch für die Praxis
Patmos Verlag 2008
“Erkenne dich selbst” und “Werde, der du bist” - das sind wohl eine der größten Aufgaben unseres Lebens, individuell, als auch gesellschaftlich. Wer ständig das Leben der Anderen führt, verliert sich schneller, als er sich je gefunden hätte. Auf dieser Suche ist das kreative-biographische Schreiben eine große Hilfe.
Wir im Biographiezentrum bieten dazu zahlreiche Kurse an, nicht nur diesen, und natürlich Prof. von Werder in seinem Institut für kreatives Schreiben Berlin e.V. Ich habe nur begeisterte Teilnehmerstimmen gehört. Auch für uns - damit darf ich ruhig ebenso im Namen meines Kollegen Stefan Schwidder sprechen, dessen Ratgeber zum biographischen Schreiben sehr praxisorientiert und erfolgreich ist - stellt Prof. von Werders Arbeit die Messlatte dar, an der wir Zöglinge uns orientieren.
Nun zum Buch: Dem Thema des Tagebuchschreibens entsprechend, ist es nach Tagen gegliedert - besser gesagt nach Tagwerken, denn die Aufforderung zur Eigenleistung in Form von Übungen und Tipps ist allgegenwärtig. Mir gefällt das ausgezeichnet! Die größten Probleme des biographischen Schreibens liegen nicht im Mangel an Wissen, sondern am fehlenden Tun - am kontinuierlichen Schreiben, Tag für Tag. Dazu ermuntert das Buch.
Das 1. Kapitel macht mit den Schreibtechniken für das kreative Tagebuchschreiben vertraut. Es beginnt mit einem Fragenkatalog: Fragen zur eigenen Geschichte, Fragen zu den Grundbegriffen der eigenen Weltanschauung, Fragen zu Freundschaft, Liebe und Partnerschaft, Fragen zur beruflichen Identität und Ökonomie, Fragen zu Tagträumen, Visionen und Phantasieprojekten. Weil natürlich die individuellen Antworten das Spannende und die Herausforderung darstellen, legt das erste Kapitel wichtige Grundlagen dazu, die auch medienübergreifend sein können: Beispielsweise das Malen von Mandalas, um zur eigenen Konzentration und Mitte zu finden, wird für den 11. Tag empfohlen.
Nun, das Arbeitsprogramm ist beachtlich, aber machbar. Auch ich predige meinen Biographie-Studenten: Schauen Sie weniger in die Glotze und mehr in sich und Ihre Welt! Dann ist auch genügend Zeit für die biographische Arbeit vorhanden. Für den 19. Tag empfehlen Lutz von Werder und Barbara Schulte-Steinicke das “Schreiben nichtabzusendender Briefe” - auch eine Technik, die es in sich hat, wenn der Schreiber sich seinen Emotionen (Liebe, Wut, Hass) stellen muss, die er jemand anderem gegenüber - häufig im Laufe vieler Jahre - angesammelt hat.
Das 2. Kapitel ist dem literarischen Tagebuch gewidmet. Nach einer kurzen Einführung zu dessen Geschichte geht es gleich an die Arbeit. 1. Tag: “Listen Sie alle Dinge in Ihrem Haushalt auf, die Sie besonders gern haben. Schreiben Sie dann auf, weshalb das eine oder andere Ding so wichtig für Sie ist.” Die Aufgabe für den 16. Tag dürfte den Meisten nicht schwer fallen: “Schreiben Sie heute mal richtigen kitschigen Mist, ohne ihn durchzustreichen oder zu verbessern.” Die Aufgabe des 68. Tags: “Schreiben Sie mal einen Satz ohne den Buchstaben E.” “Supi - gar nicht üb_l…” - würde ich mal schreiben.
Sie sehen schon: Das Buch ist eine kluge Fundgrube humorvoller und tiefgründiger Anregungen.
Das 3. Kapitel behandelt das Schreiben des selbsttherapeutischen Tagebuchs. Ein tolles Kapitel! Denken Sie einmal kurz nach, was heutzutage das mächtigste Werkzeug in Ihrem Leben ist. Ist es Ihr Auto? Ihr Haus? Ihr Bankkonto? Oder sind es Worte, die Sie täglich sprechen und hören und die Ihre Gedanken und Aktionen lenken. Was empfinden Sie, wenn Ihnen jemand eine Liebeserklärung macht? Oder Sie beschimpft, Ihnen seinen Hass ins Gesicht schleudert? Worte können heilen, ebenso wie sie zutiefst verletzen. Deshalb hat das biographische Schreiben immer auch eine selbsttherapeutische Funktion. “Heilende Sprüche erinnern” (1. Tag), “Dialog mit der Angst” (41. Tag), “Zukunftsvision der nächsten fünf Jahre” (95. Tag) sind einige der Schreibaufgaben, um mit sich selbst und seinem Leben wieder ins Reine zu kommen.
4. Kapitel: Ein philosophisches Tagebuch schreiben. Wunderbar! Ich bin ohnehin der Überzeugung, dass unser Leben viel mehr im Kopf als in der materiellen Realität stattfindet - zumindest bei mir ist das der Fall (und wohl bei den meisten anderen klugen Menschen auch). Deshalb ist die Lebensgeschichte unserer Gedanken und Ideen - ja, unserer Phantasien - ein spannendes Thema (darüber maile ich auch gerade mit der Schriftstellerin Ruth Gogoll). “Das Ich und der Teufel” wird am 47. Tag zur Aufgabe gestellt: “Beschreiben Sie Erfahrungen mit Ihrem destruktiven Schatten und benennen Sie die Konsequenzen, die Sie als Ich aus dieser Entdeckung gezogen haben.” Hier begegnen sich philosophische Reflektion und Eigentherapie. Überhaupt muten viele Übungen in diesem Kapitel so an, als setzen sie die selbsttherapeutische Arbeit fort - in vergeistigter Form.
5. Kapitel: “Chancen, Krisen und Störungen im Tagebuchschreiben” sind unvermeidlich, deshalb werden sie hier thematisiert. Schreibblockaden hat jeder mal, aber die sind kurierbar. Wie das geht? Ganz einfach: Lesen Sie das Werk!
Summa summarum: Wenn Sie mich fragen, ob das Buch auch einen Nachteil hat, irgend etwas schlechtes, das man darüber sagen könnte, dann vielleicht nur dies: Schade, dass es nicht von mir geschrieben worden ist
(kleiner Scherz muss sein).
11. Februar 2009
Alle Erfahrungen, die der Mensch im Laufe seines Lebens macht, sind nicht nur in seinem Gedächtnis, sondern auch im Körper und im Unterbewusstsein gespeichert. Scheinbar vergessen, liegen dort zahlreiche kostbare Erinnerungen wie in einer Schatztruhe, die geöffnet werden möchte. In meiner Arbeit begegne ich täglich Menschen, die den Schlüssel zu vermeintlich verlorenen Bildern und besonderen Er-Innerungen ihres Lebens suchen. Menschen, die ihre Lebenserinnerungen wie in einem Film noch einmal erleben wollen, um sie für sich und ihre Nachkommen aufzuschreiben und weiterzugeben. Deshalb habe ich im November 2008 ein Hörbuch vorgelegt, das jedem jederzeit den Zugang zu den Glücksmomenten seines biographischen Unterbewusstseins ermöglicht.
In Zusammenarbeit mit erfahrenen Hypnotherapeuten entstanden meditative Texte, die die Reise von der Gegenwart entlang der eigenen Lebenslinie bis zu den frühesten Erinnerungen ermöglicht. Nach einer stimmungsvollen Einleitung führt die bekannte Schauspielerin und Sprecherin Petra Constanza den Hörer von einfachen Entspannungsübungen bis zur induzierten Tiefenentspannung in leichter Trance. Begleitet wird die biographische Reise mit Musik von Erik Satie (1866-1925), dem französischen Meister der „Musique pure“, in Interpretationen von John Hackett und Steve Hackett, dem ehemaligen Genesis-Gitarristen.
„Glückliche Momente erinnern“ bietet Anregungen für alle, die ihr Leben tiefer erinnern möchten, getreu dem Ausspruch Anaïs Nins: „Wir schreiben, um das Leben zweimal zu kosten: im Augenblick und in der Rückschau“. Die CD kann auch in Schreibgruppen- und Therapiesitzungen eingesetzt werden und ist ein wunderbares Geschenk für alle Menschen, die sich gern entspannt erinnern.
„Glückliche Momente erinnern“ ist die erste CD in der neuen Reihe „Meditationen zur biographischen Arbeit“, die der Konzentration auf zentrale Lebensthemen dient. In 2009 folgen die Titel „Menschen und Begegnungen erinnern“ sowie „Orte und Atmosphären erinnern“.
Eine Hörprobe finden Sie hier.
Andreas Mäckler
Glückliche Momente erinnern
Meditationen zur biographischen Arbeit I
Gesprochen von Petra Constanza
Musik von Erik Satie, in Interpretationen von John Hackett und Steve Hackett
Hörbuch auf CD, 56.30 Min., EUR 19,50
Verlag des Biographiezentrums
ISBN 978-3-940210-20-3
Bestellen können Sie hier.

01. Februar 2009
Diese Frage wird mir in unseren Schreibkursen immer wieder gestellt: “Soll ich ‘Biographie’ mit ph oder f schreiben?” Das können Sie selbst entscheiden.
Wir schreiben das Biographiezentrum mit ph, weil es der tradierten Schreibweise entspricht (altgriechisch: Bios = Leben, graphein = schreiben). Auch in meinen Schriften bevorzuge ich diese Schreibweise, die mir - vermutlich wegen meines humanistischen Bilderungshintergrunds - eher zusagt, als die neue Rechtschreibung, die es wohl gerade nochmal hingekriegt hat, “Filosofie” zu vermeiden, aber “Delfin” zu etablieren. Ausserdem ist unsere Kundschaft eher traditionsorientiert - da passen wir uns an. Beim Google-Ranking der Suchbegriffe rangiert die alte Schreibweise ebenfalls (noch) vor der neuen.
In diesem Blog nutze ich allerdings beide Schreibweisen, um das Suchmaschinen-Ranking zu optimieren. Auch die meisten meiner Domains habe ich in beiden Versionen registriert. Pro Artikel behalte ich jedoch eine Schreibweise bei. Das sollten Sie in Ihrem biographischen Arbeiten auch tun. Schreiben Sie Namen und Wörter einheitlich. Selbst wenn Sie einen Namen falsch schreiben, weil Ihnen die richtige Skription nicht einfällt, dann ist er wenigstens konsequent falsch. Nichts irritiert mehr, als wenn ein “Herr Mayer” im Text in mehreren Versionen auftaucht: Meyer, Mayr, Meier, Meir, Maier, Mair. Dann denkt man gleich an eine ganze Meierei… oder Mäckler, Mächler, Mähler… ebenso bei “daß” oder “dass” “tut es mir leid” bzw. “tut es mir Leid” - bleiben Sie einfach konsequent in Ihrer Diktion!
In meinen Autoren-Ratgebern habe ich im Impressum stehen:
Die Rechtschreibung folgt weder der alten noch der neuen, sondern der des Autors.
31. Januar 2009