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Justus Geiß (1882-1965): Lebenserinnerungen (1)

»Wasser statt Öl?«
Der Mann, der Bergzabern zum »Bad« machte

Justus Geiß 1882-1965
Lebenserinnerungen
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Festschrift anlässlich seines 125. Geburtstags
am 19. März 2007

(c) 2007 Nachlass Justus Geiß
(c) 1984 des Vortrags über Justus Geiß von Georg Falk (1906-2002)

Privatdruck (Hardcover-Ausgabe)
2. verbesserte Auflage 2007

 

Inhalt

Georg Falk  (Folge 1)
Justus Geiß und seine Verdienste um Bad Bergzabern

Justus Geiß:
30 Jahre weniger 4 ½ Monate
Verwalter der Kreissparkasse Bergzabern – Ein Rückblick (Folge 2)

»Ich dien!« Erste Jahre in Bergzabern 1903-1905 und 1919-1922 (Folge 3)

Der »passive Widerstand«: 1923-1925 (Folge 4)

Erbohrung einer Heilquelle in Bergzabern: 1926-1929 (Folge 5)

Aus anderer Leute Haut Riemen schneiden: 1930-1938 (Folge 6)

Bergzabern in Flammen: 1939-1945 (Folge 7)

Besatzungsmächte in Bergzabern: 1945-1949 (Letzte Folge)

Justus Geiß
und seine Verdienste um Bad Bergzabern

Vortrag von Georg Falk, 7. Juli 1984
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Zu den Männern, die nicht in Bad Bergzabern geboren sind, aber durch ihr Wirken ganz besonders zur Entwicklung unserer Stadt beigetragen haben, ist in vorderster Linie der langjährige Sparkassenverwalter Justus Geiß zu rechnen.

Justus Geiß ist am 19. März 1882 in Sippersfeld/Pfalz geboren, also ein Nordpfälzer. Er war das elfte von zwölf Kindern der Eheleute Jakob und Margarete Geiß aus Sippersfeld gewesen. Die Volksschule besuchte er in seinem Heimatort. Dann kam er in das Progymnasium in Winnweiler. Täglich musste er einen Weg von 7,5 Kilometern dorthin gehen – und zurück, also 15 Kilometer. Der Weg führte durch Wald und Feld bergauf und bergab. Nach dem Besuch des Progymnasiums trat er in der Einnehmerei als Lehrling ein. Der Leiter der Einnehmerei wurde einige Jahre später an das Finanzamt Kaiserslautern versetzt und unter denen, die er in Winnweiler als besonders tüchtig und brauchbar erkannt hatte, nahm er in seine neue Dienststelle auch Justus Geiß mit. So war dieser mehrere Jahre an Finanzämtern tätig, von 1903 bis 1905 auch in Bergzabern. Dann wechselte er zur Bezirkssparkasse Homburg/Saar. Bis zum 15. November 1919 arbeitete er dort und war zuletzt als Oberbuchhalter tätig. Als Mitte des Jahres 1919 die Stelle des Verwalters der Distriktsparkasse zur Bewerbung ausgeschrieben wurde, bewarb er sich und kam mit zwei anderen, darunter auch der als Kontrolleur an der Sparkasse in Bergzabern tätige Fritz Karch, in die engere Wahl. Er wurde dann endgültig gewählt und stand von 1919 bis 1949, also dreißig Jahre lang, dem Institut vor. Noch 16 Jahre Ruhestand waren ihm vergönnt. Gestorben ist er am 20. März 1965.

Justus Geiß hatte vorbildliche Eltern. Sein Vater war 25 Jahre Adjunkt in Sippersfeld und genoss dort großes Ansehen. Gab es mitunter Streit unter den Mitbürgern, da genügte schon sein bloßes Erscheinen, um die Streithähne still zu bekommen. Die Mutter widmete sich der Krankenpflege und stand vielen Kranken bei, ob es nun Verwandte oder Bekannte oder Angehörige ärmerer Familien waren. Der Sohn Justus wurde in der Kindheit viel zur Mithilfe im elterlichen Betrieb herangezogen. So bekam er auch von der schlechten Lage der Bauern in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu hören. Im Trockenjahr 1893 kostete z.B. eine Kuh etwa 70-120 Mark, ein Ferkel konnte nicht einmal für 3 Mark verkauft werden. Um das Vieh füttern zu können, holte man die Laubblätter von den Waldbäumen. Auf dem Weg nach Winnweiler widerfuhr ihm eines Tages ein schweres Unglück. Er vertrat sich den Fuß und trotz vieler ärztlicher Bemühungen trat keine Heilung ein, sein Fuß musste bis zum Knie amputiert werden. Geiß musste sich einer schweren Operation unterziehen und im Anschluss daran eine Beinprothese tragen. Und trotzdem hat er in Feld und Garten gearbeitet. So hat man bewundert, dass er noch achtzigjährig solche Arbeiten verrichtete und auch noch bei einer Drainage auf einem Grundstück zwischen Stauweiher und Hotel Pfälzer Wald mitarbeitete.

Am 17. Juli 1909 hat er sich mit Katharina Hellmann aus Homburg/Saar verheiratet; von seinen vier Kindern ist ein Sohn gefallen.

Die Bevölkerung litt unter dem Währungsverfall und der Inflation.
Konnte da eine Sparkasse überhaupt mit Erfolg geleitet werden?

Wir gedenken nun seines Wirkens und betrachten ihn als umsichtigen Leiter der Bezirkssparkasse; als den unermüdlichen Mitarbeiter beim Bau des Schwimmbades und als den energischen Vorkämpfer für die Erbohrung der Petronellaquelle.

Als Justus Geiß am 17. November 1919 vor dem Bezirksamtmann, Regierungsrat Oswald, den Eid ablegte, dass er die ihm nach der Geschäftsordnung der Distriktsparkasse obliegenden Verpflichtungen treu und gewissenhaft erfüllen und das Dienstgeheimnis wahren werde, da wusste er wohl, dass er ein schweres Amt antrat, aber wie viel auf ihn zukommen sollte, konnte er noch nicht ahnen.
Deutschland hatte im Jahre 1918 im Walde von Compiegne Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen, und in ihm wurde ein großes Gebiet Deutschlands zum besetzten Gebiet gemacht. Auch Bergzabern wurde eine besetzte Stadt. Die Bevölkerung litt unter dem Währungsverfall und der Inflation. Konnte da eine Sparkasse überhaupt mit Erfolg geleitet werden? Wenn auch der Sparkassenausschuss und ein Kontrolleur dem Verwalter zur Seite standen, Justus Geiß musste die Hauptsorgen tragen und Impulse und Hauptanstöße mussten in erster Linie von ihm ausgehen.

Wegen der schlechten Verkehrsverhältnisse und Verbindungen musste in dem
Jahre 1918 das Geld von auswärts geholt werden, vor allem aus Kaiserslautern.
Junge Angestellte wurden per Fahrrad dorthin geschickt.

Aber auch der Aufgabenkreis wurde ein größerer. Am 12.12.1919 mussten die Geschäfte der Bezirksverzinsungskasse mit übernommen werden, deren Rechner gestorben war. Sie hatte mit der Bergzaberner Volksbank zusammen gearbeitet, und so musste ein Weg der Überleitung gefunden werden. Auch die Aufgaben der Bezirkskasse waren zu übernehmen. Und auch hier musste eine Überleitung getätigt werden, denn sie hatte bisher mit der Staatsbank in Pirmasens zusammen gearbeitet. Während des Krieges musste ein Kommunalverband gegründet werden, der für die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern zu sorgen hatte. Der Verband hatte die Verrechnung der bezogenen und ausgegebenen Waren selbständig vorgenommen und mit verschiedenen Geldinstituten zusammen gearbeitet, nur nicht mit der Sparkasse; bis zur schwindelnden Höhe von vier Millionen Mark Schulden hat er es gebracht. Und nun wurde die Regelung dieser Angelegenheiten der Sparkasse übertragen. Justus Geiß war sich darüber klar, dass er bei der Koordinierung höchste Sorgfalt anzuwenden hatte. Darum war er darauf bedacht, die gesamte Kassenführung des Kommunalverbandes in seine Hand zu bekommen, denn nur auf diesem Wege konnte er überblicken, wie die Schuldenlast zu regeln war. Mit Hilfe eines treuen Mitarbeiterstabes gelang ihm das. Außer der Kassenführung musste auch noch die Lagerführung des Kommunalverbandes übernommen werden.

Da gab es eine weitere Aufgabe. Während des Krieges waren von den Bürgern verschiedene Metallwaren abgeliefert worden, aber noch nicht bezahlt; nun hatte die Abrechnung zu erfolgen, und auch sie fiel der Sparkasse zu. Ebenso waren die Familienunterstützungen auszuzahlen. Von August 1920 bis Juni 1922 waren der Kasse auch die Kriegsbeschädigten- und Hinterbliebenenfürsorge anvertraut. 1921 wurde die Landwirtschaftsschule gegründet, auch deren Kasse war zu führen. So war durch die Erweiterung des Geschäftsbereiches dem Sparkassenverwalter in den ersten Jahren seiner Tätigkeit ein gerütteltes Maß an Arbeit zuteil geworden.

Schwierig war auch die Beschaffung der Gelder. Wegen der schlechten Verkehrsverhältnisse und Verbindungen musste in dem Jahre 1918 das Geld von auswärts geholt werden, vor allem aus Kaiserslautern. Junge Angestellte wurden per Fahrrad dorthin geschickt, und man kann sich vorstellen, dass der Sparkassenverwalter jedes Mal besorgt darauf gewartet hat, dass sie glücklich und erfolgreich zurückkamen.

Besonders die Erwerbslosengelder lagen ihm am Herzen. Während des passiven Widerstandes verlangten Anfang Oktober 1923 französische Beamte die Herausgabe derselben. Justus Geiß weigerte sich, das zu tun. Daraufhin wurde er am 5. Oktober 1923 ausgewiesen, er musste Bergzabern verlassen und durfte erst am 7. Januar 1924 wieder zurückkehren. Den für die Erwerbslosen bestimmten Geldtransport aber hatten die Franzosen am 6. Oktober 1923 beschlagnahmt.

Die Geschichte der Sparkasse von 1919 bis 1949 hat Justus Geiß
durch sein umsichtiges Wirken erheblich mitgeprägt.

Eine weitere Sorge gab es. Das Geld verlor in den ersten Nachkriegsjahren immer mehr an Wert und Kaufkraft. Die Bevölkerung strebte nach wertbeständigen Zahlungsmitteln; im Reich selbst wurde am 13. 10. 1923 die Rentenmark eingeführt, die Franzosen aber widersetzten sich ihrer Einführung in der französischen Besatzungszone. In ihrer Not versuchte die Bevölkerung, sich mit französischem Geld zu helfen; Justus Geiß kam in innere Not, denn er wollte das Frankengeld nicht einführen, schließlich tat er es doch, wenn auch widerwillig. Es war für ihn eine Erleichterung, als im Jahre 1924 die Rentenmark auch in unserem Gebiet zugelassen wurde und das Frankengeschäft wieder aufgegeben werden konnte.

Durch die Stabilisierung der deutschen Währung im Jahre 1924 kamen wieder neue Aufgaben auf die Sparkasse zu. Die Aufwertungsverfahren mussten durchgeführt werden, im dritten Reich folgten dann die Entschuldungsverfahren.
Besondere Lichtblicke für die Entwicklung der Stadt schienen die Jahre 1937 und 1938 zu bringen. 1937 wurde die Mackensenkaserne gebaut, 1938 wurde die Stadt zur Garnisonsstadt erhoben und mit den Grenzbefestigungen des Westwalls begonnen. Da kamen neue Firmen, ein Zuwachs an Arbeiten, auch ein Zuwachs an Geld. Aber das bedeutete eine Umstellung im Betrieb der Sparkasse, auch die neuen Verhältnisse meisterten Justus Geiß und seine Mitarbeiter.

1939 kam eine Wende. Im September dieses Jahres erfolgte die Kriegserklärung; die Sparkasse wurde nach Bamberg evakuiert, weil große Teile der Bevölkerung in die dortige Gegend umgesiedelt wurden. Bald darauf konnte sie wieder zurückkehren, zunächst nach Landau, durfte 1940 ihre alten Räume wieder beziehen, musste aber 1944 nochmals auswandern und bekam Asyl im Anwesen Bus zu Klingenmünster. Geiß hat dabei sein organisatorisches Talent bewiesen, den Überblick nicht verloren und die Fäden in der Hand behalten.

Besonders hervorgetan hat Justus Geiß sich bei der Gründung des Schwimmbades
und der Erbohrung der Petronellaquelle. Ohne seine Initiative
wäre diese damals nicht erbohrt worden.

Wiederholt musste Justus Geiß dem ständigen Zuwachs von Aufgaben und Kunden Rechnung tragen. Schon bei seinem Amtsantritt im Jahre 1919 wurde er unmittelbar vor Umzugs- und Bauprobleme gestellt. Die Sparkasse hatte bereits ein Haus in der Marktstraße, das Gasthaus Zum Badischen Hof (heute Haus Bär) gekauft. Man hatte auf einen schnellen Umzug gehofft, aber die Umbauarbeiten gingen langsamer vor sich, als man gerechnet hatte. Vorläufig hatte man die Räume in der Königstraße aufgegeben und deswegen musste man im Hause des Sattlers Füß (heute Pfannkuch) ein Notquartier beziehen. Erst im Herbst 1920 war es möglich, die neuen Räume zu beziehen. 16 Jahre später, im Jahre 1936, erwiesen sich auch die Räume von 1920 als zu klein. An die Nordseite der Kreissparkasse grenzte das in der Königstraße gelegene Anwesen Schieß. Justus Geiß entschloss sich, dasselbe anzukaufen. Aber auch jetzt war ein Umbau größeren Umfangs nötig. Man bezog erneut ein Notquartier, das Weinhaus Koch am Ende der Königstraße, das heutige Autohaus Hoffmann/ Hirsch. Als man 1945 von Klingenmünster nach Bergzabern zurückkehrte, war das Sparkassengebäude durch Kriegseinwirkung zerstört; nur zwei Räume konnten noch benutzt werden. Aber man ließ sich nicht entmutigen. Trotz erschwerter Beschaffung von Baumaterialien ging man sofort an den Wiederaufbau. 1948 wurde er vollendet. So konnte Justus Geiß im Jahre 1949 seinem Nachfolger ein intaktes Haus übergeben.

Aber auch um die Verbesserung des Innenbetriebes war er bemüht. 1920 wurde der Scheck- und Überweisungsverkehr eingeführt. Sodann wurde die Verwahrung und Verwaltung von Wertpapieren übernommen.

Die Geschichte der Sparkasse von 1919 bis 1949 hat Justus Geiß durch sein umsichtiges Wirken erheblich mitgeprägt, seine Mitarbeiter stellen ihm das Zeugnis aus, dass er streng und gerecht war, und sie auch privat gefördert hat und oft an seinen Hobbys teilnehmen ließ.
Trotz der starken Inanspruchnahme durch seine Arbeit hat sich Sparkassenverwalter Geiß auch um das öffentliche Leben in der Stadt gekümmert. Er war musisch veranlagt und führte Laienspiele ein. Besonders hervorgetan hat Justus Geiß sich bei der Gründung des Schwimmbades und der Erbohrung der Petronellaquelle. Ohne seine Initiative wäre diese damals nicht erbohrt worden.

Im Jahre 1924 berief der Schuhwarenhändler Jakob Frank eine Versammlung ein, in der über die Gründung eines Schwimm- und Badevereins, auch über den Bau eines Schwimmbades beraten werden sollte. Unter den 218 Personen, die dazu erschienen waren und diesen Verein gründeten, befand sich auch Sparkassenverwalter Justus Geiß. Er wurde in den Vorstand gewählt und mit dem Amt des Rechners betraut. Dass die Wahl auf ihn fiel, war verständlich, er zeigte sich auch als guter Sachwalter. Am 29. März 1925 richtete er an das Kultusministerium in München ein Gesuch um einen Zuschuss. Er hatte Erfolg, bereits am 27. Juli 1925 traf der bewilligte Betrag von 5.000 Mark ein. Der Vorstand des Vereins hoffte, mit der Durchführung einer Lotterie weitere Mittel zu erhalten. Die Regierung von Speyer aber wollte sich mit diesem Gedanken nicht befreunden. Da fuhr Geiß dorthin und verhandelte mit dem zuständigen Regierungsdirektor Doktor Stähler, der selbst aus Bergzabern stammte. Wiederholt drängte Geiß fernmündlich bei den zuständigen Referenten und erreichte vor allem mit Hilfe des Landtagsabgeordneten Gollwitzer sein Ziel. Die Lotterie kam zustande, aber brachte nicht den Ertrag, den man erhoffte, nur 600 Mark kamen als Reingewinn zusammen.

Aber auch innerhalb der Gemeinde kam Widerstand auf. Von Gegnern des Schwimmbades wurde behauptet, man erliege mit der Einrichtung einer Modekrankheit; auch gefährde man mit einem Freibad die Moral; obendrein sei das Wasser zu kalt und daher gesundheitsgefährdend; man sollte für solch eine unnütze Sache keine Gelder verschwenden. Geiß ließ sich von dem Vorhaben nicht abbringen. Er widersprach in einem Zeitungsaufruf den unberechtigten Behauptungen, der Verein beauftragte das Kulturbauamt Neustadt mit der Fertigung eines Planes. Schwer war es, einen Platz zu bekommen. Doch gelang es, dem Weinkommissionär Jakob Bauer ein Stück Land abzukaufen. Mit der Stadt wurden Verhandlungen geführt, dass sie sich an den Kosten beteiligte und die Bürgschaft und Zinsgarantien für den vom Schwimmverein aufzunehmenden Kredit übernähme. Auch an diesen Verhandlungen war Justus Geiß maßgeblich beteiligt. Sorge trug er dafür, dass das Grundstück mit Erdreich aufgefüllt wurde. Es lag auf der Rötz (dem heutigen Kurpark) und der Boden brauchte dort eine Auffüllung. Geiß hatte gehofft, dass von den Aushebungen am Bau der Rebveredelungsanstalt, die zu dieser Zeit gebaut wurde, dem Badeverein Erdreich zur Verfügung gestellt würde; aber er hoffte vergebens. So musste er es anderswoher beziehen. Erneut setzte er sich am 8. Juli 1928 für den Erhalt eines Zuschusses ein.

Er ging den Landtagsabgeordneten Bürger an, den Nachfolger Gollwitzers, und so wurde erreicht, dass das Staatsministerium des Innern einen weiteren Zuschuss von 2.000 Mark zur Verfügung stellte. Außerdem wurde genehmigt, dass der Bau des Bades im Jahre 1928 als Notstandsarbeit durchgeführt wurde. Am 1. Juli 1928 konnte es eingeweiht und eröffnet werden. Wenn wir auch gerne zugeben, dass viele Bürger sich an diesem Bau beteiligten, darf doch nicht verschwiegen werden, dass Justus Geiß zu den rührigsten Förderern des Bades gehörte.

Aber er fand nicht nur taube Ohren, sondern wurde öffentlich ausgelacht.

Eine weitere, wichtigere Aufgabe nahm ihn in den Jahren 1925/26 in Anspruch. Der Wünschelrutengänger Oberstleutnant von Heinemann aus Homburg/Saar hatte bei einem seiner Gänge über die Rötz entdeckt, dass sich dort eine Therme befand. Er teilte seine Wahrnehmung einer Reihe von Bekannten mit, auch der Schwester Rosa von der Emilienruhe. Die meisten nahmen die Mitteilung gleichgültig hin. Nur einer, der Sparkassenverwalter Justus Geiß, nahm diese Nachricht ernst. Er war der Überzeugung, dass es für die Entwicklung der Stadt unerlässlich sei, diese Quelle zu erbohren.

Seine Meinung trug er am 29. September 1928 bei einer Versammlung des Schwimm- und Badevereines vor. Aber er fand nicht nur taube Ohren, sondern wurde öffentlich ausgelacht. Doch am Morgen darauf kam der Weingroßhändler Hermann Lorch zu ihm und erklärte, er werde 500 Mark beisteuern, wenn die Erbohrung ernsthaft durchgeführt würde. Unterstützt wurde sein Gedanke auch von dem damaligen Bezirksamtmann Stölzl. Um sicher zu gehen, ließ man Oberstleutnant von Heinemann nochmals kommen, und er erklärte nach einem erneuten Durchgang durch die Rötz mit der Wünschelrute, es bestehe kein Zweifel daran, dass sich dort eine Therme befinde. So konnten auch Bezirksamtmann Stölzl und Oberbauverwalter Buch nichts mehr gegen die Überzeugung von Justus Geiß einwenden.

Jetzt war die Frage, wer die Erbohrung durchführen lassen solle? Geiß selbst war der Meinung, dass dies die Stadt tun sollte, weil sie auch den Gewinn daran haben würde. Aber der Stadtrat war dazu nicht bereit; er bestand darauf, dass eine private Bohrgesellschaft die Trägerschaft für die Erbohrung übernehmen sollte. Regierungsrat Jung vom Bezirksamt war dem Vorhaben günstig gesinnt; allerdings war er dafür, dass ein zweiter Wünschelrutengänger eine nochmalige Untersuchung durchführte. Man ließ Herrn von Greve aus Gernrode kommen. Für das Unternehmen hatte Herr Jung 500 Mark aus dem ihm zustehenden Fond zur Verfügung gestellt. Herr von Greve kam zu demselben Ergebnis wie Herr von Heinemann. Und nun kam die Bohrgesellschaft zustande. Außer Justus Geiß traten ihr Herr Jean Bechtold und Herr Hermann Lorch bei, und auch die Stadt. Sie wollte das Recht nicht verlieren, auf die Dinge Einfluß zu nehmen.
Nun konnte die Bohrung beginnen. Aber die Berginspektion Zweibrücken, die davon unterrichtet werden musste, ließ sie zunächst einstellen. Denn der Geologe von der Firma Racky aus Salzgitter hatte ihr gegenüber die Vermutung ausgesprochen, dass sich in dem Gelände Öl befinde. Da kamen anscheinend der Stadt Bedenken; denn sie wollte von ihrem Vertrag mit der Bohrgesellschaft wieder zurücktreten. Das erschien wunderlich, weil man bereits 146 m tief gebohrt hatte und im Wasser 2,404 g feste Bestandteile feststellte. Man konnte fest damit rechnen, dass bei einer Tiefe von 203-214 m über 5 g und bei einer solchen von 300 m ein Salzgehalt von 15-16 g auf ein Liter Wasser gewonnen werden könnte.

Geiß hatte am 23. Oktober 1923 an das Staatsministerium ein Gesuch um einen Zuschuss eingereicht, der hatte Aussicht auf Erfolg, denn für die pfälzischen Kurorte war von der Westhilfe der Betrag von 440.600 Mark zur Verfügung gestellt und Bergzabern eine solche von 150.000 Mark in Aussicht gestellt worden. Aber da verschiedene Schwierigkeiten von der Stadt gemacht wurden, zog die Bohrgesellschaft ihr Gesuch wieder zurück, die Weiterbohrung musste eingestellt werden.

Aber die Quelle war doch schon soweit erbohrt, dass sie genutzt werden konnte. Justus Geiß dachte an einen Verkauf des Wassers als Tafelwasser und setzte sich für den Bau einer Trinkhalle ein. Das Wasser sollte verdünnt und konzentriert werden. Geiß trat im Auftrag der Bohrgesellschaft an das Kreissanatorium Friedrichsruhe heran, um dieses für die Errichtung einer solchen Halle zu gewinnen. Der Plan zerschlug sich. Erst am 26. März 1933 kam ein Vertrag mit der Stadt über die Abnahme von Mineralwasser für eine Trinkhalle zustande.

Nun ging es um die Abfindung der Gesellschafter. Wie viel sollten Geiß, Lorch, Bechtold und Stölzl erhalten? Erst dadurch, dass Justus Geiß die Verhältnisse beim Präsidenten des Verkehrsverbandes klarstellte, kam mit Hilfe des Bürgermeisters Imbt von Bad Dürkheim, folgende Regelung zustande: Die Quelle nimmt die Stadtgemeinde in Alleinbesitz und zahlt an die Privatbeteiligten die Summe von 60.000 Mark. Der Anteil von Stölz und Geiß soll auf 65.000 Mark beziffert werden.

Das geschah am 18. Juli 1935. Am 7. Dezember 1936 wurde dann noch die von den Herren Geiß und Bechtold gekaufte Wiese im Bereich des Quellengeländes um 3.000 Mark vergütet. Herr Geiß hat seinen Erfolg mit viel Geduld errungen. Er schrieb am Ende seines Berichts:
Ich zeigte zu keiner Zeit während all der Jahre des Kampfes um die Quelle Ärger gegen Bürgermeister oder Beamte des Stadthauses. Das zeigen auch die Auszüge aus den Sitzungsberichten des Stadtrates, die ich mir machen durfte oder die mir Herr Bouquet lieferte. Es war ein Kampf Schachzug gegen Schachzug. Und als die Ratsherren glaubten, uns vollständig eingekreist zu haben mit einem Beschluss vom Oktober oder November 1933, dass das Quellengelände auch unter Heimatschutz stehe, da kam als unser Retter Herr Imbt.
Die Verdienste des Sparkassenverwalters Justus Geiß sind nicht verkannt worden. In den fünfziger Jahren erhielt er das Bundesverdienstkreuz erster Klasse durch den Herrn Bundespräsidenten Heuss, und die Stadt ehrte ihn, indem sie den Weg von seinem Wohnhaus zum Kurpark Justus-Geiß-Weg nannte.

Wir alle sind ihm dankbar, denn er ist durch sein mutiges und beharrliches Eintreten für die Erbohrung der Petronella-Quelle der Wegbereiter für unsere Stadt zu einem Thermal- und Staatsbad geworden.

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Justus Geiß (1882-1965): Lebenserinnerungen (2)

30 Jahre weniger 4 ½ Monate Verwalter der Kreis-Sparkasse Bergzabern
Ein Rückblick

Brennend trieb’s dich hinaus zu den Menschen, zu schenken
Überströmendes Herz, und zu glauben. Es ward dir
Gift zum Dank für die Gabe. Die ausgestreckten Hände sie sanken.
Maske und Larve fiel von gelogenen Gesichtern.
Wünsche und Süchte bleckten wie Hunde nackt die
Gierigen Zähne. – Da wardst du müde, Herz.
Nicht stand wie ein Turm die Treue des Freundes.
Trost schwebte auf aus glaubenden Kinderaugen.
Sternglanz der Liebe legte ums Haupt dir die Hände.
Beug dich in Ehrfurcht!

Gerhard Schumann

»Ich dien!«
Erste Jahre in Bergzabern 1903-1905 und 1919-1922
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Als Einundzwanzigjähriger war ich vom 1. Oktober 1903 bis 5. Dezember 1905 kgl. Rentamtsgehilfe beim Rentamt Bergzabern unter dem damaligen Amtsvorstand Arras. In dieser Zeit glaubte ich die Menschen in Bergzabern als aufgeschlossen, freundlich, hilfsbereit und fortschrittlich kennengelernt zu haben.

Als die Sparkassenverwalterstelle im September 1919 ausgeschrieben war, sehnte ich mich nach diesem Bergzabern zurück, obwohl ich in Homburg in einem Hause wohnte, das meine Schwiegereltern zwei Jahre zuvor eigens für mich und meine Familie gekauft hatten; und obwohl mir Regierungsdirektor Ullmer im Jahre 1906 eröffnet hatte, er habe mich nach Kaiserslautern versetzt, weil die Bergzaberner Luft für mich nicht tauge.
Meine Bewerbung hatte Erfolg, und ich trat am 16. November 1919 meinen Dienst an.

Ich fand die Sparkassenräume im Hause des Sattlers Füß unterhalb des Bezirksamts, eine Stiege hoch, einen etwa 3 m langen dunklen Gang durchschreitend, der sein spärliches Licht nur von einem kleinen Fenster in der Tür zum Kassenraum erhielt, so dass man den Fußboden nicht erblicken konnte und tapsend vorwärts ging. Kassier Karch, Gehilfe Steller, Lehrling Lorch saßen im Kassenraum, und nebenan war mein Zimmer, das ich nun bezog.

Ich war entsetzt. Hier konnten wir unmöglich bleiben, wenn zum Sparverkehr der Scheck- und Giroverkehr hinzukommen sollte, wie vorgesehen. Eine meiner ersten Fragen war darum auch, ob hier nicht ein Haus für die Sparkasse zu kaufen sei? Man nannte mir die Paquesche Villa, jetzt Café Heist. An mehreren Nachmittagen stand ich vor diesem Haus: Netter Eingang, schöner Park, aber die Kundschaft müsste, um hierher zu gelangen, fast ausnahmslos an der Volksbank vorbei, und das Gebäude lag mir auch zu weit abseits vom Geschäftsverkehr.
Wenn eine Sparkasse ihren Zweck restlos erfüllen soll, dann muss auf dem Panier des Sparkassenleiters und seiner Helfer groß stehen: Ich dien!

Dieses Haus war also keinesfalls für uns geeignet. Nächste Frage: Wo ist ein Bauplatz, der besser geeignet wäre? Da wurde die Spitze am Bahnhof genannt, wo jetzt die Postomnibusse an- und abfahren. Er war mir wieder zu weit vom Geschäftsverkehr entfernt.

Für den 25. November 1919 war eine Sitzung des Bezirksausschusses anberaumt, und zwar in meinem Zimmer. Als alle versammelt waren, fiel mir bei manchen Mitgliedern eine recht gereizte Stimmung gegen den Bezirksamtsvorstand Herrn Oberregierungsrat Oßwaldt auf, wohingegen dieser mir wiederum ängstlich und zu nachgiebig schien. Dies hinderte mich jedoch nicht, auf den unhaltbaren Zustand hinsichtlich der Kassenräume hinzuweisen. Da aber kam ich schlecht an: Kaum sei ich hier, wollte ich schon kritisieren! Die Räume seien doch erst vor nicht allzu langer Zeit gemietet worden und hätten bisher voll genügt! Die Stimmung schien gegen mich zu sein, als Bürgermeister und zugleich Volksbankdirektor Schlitt ganz trocken bemerkte: »Der Mann hat recht!« Sogleich stimmte auch Geistlicher Rat Breitling zu, und nun schwenkten alle um!
Beschluss: Anderwärts mieten, oder ein Haus kaufen oder bauen.

Nach der Sitzung wollte Kassier Karch wissen, dass der Besitzer des Badischen Hofes verkaufen wolle. Ich wurde am nächsten Tag mit Herrn Dinkel einig, dass er sein Hotel um den Preis von RM 70.000 der Sparkasse verkaufen werde.
In den nächsten Tagen erfuhr ich: Der langjährige Verwalter der Sparkasse, Einnehmer Becker, wie er allgemein genannt wurde, weil er wohl die Einnehmereiprüfung gemacht hatte, war 1917 gestorben. Sein Nachfolger war der 2. Beamte Hagenbuch, der aber auch schon 1919 starb, worauf man den bisherigen Leiter des Kommunalverbandes, Schneider, als Sparkassenverwalter wählte. Aber bevor dieser seine Stelle antreten wollte, ergab sich, dass der Kommunalverband stark verschuldet war. Daher große Aufregung. Es gab erbitterte Vorwürfe gegen Schneider, Oberregierungsrat Oßwaldt, seinen Assessor, so dass Schneider schließlich die Nerven verlor und sich vom Zug überfahren ließ.

Als Hüter der Gerechtigkeit hatten sich vier Fritze in den Vordergrund geschoben: Walter Fritz, Ökonomierat in Niederhorbach, der schon bisher dem Bezirkstag angehörte und Wortführer war; Mattern Fritz, der ein Geschäftsbüro mit Vermögensverwaltungen betrieb; Mees Fritz, Weinhändler, und Ziegler Fritz, Kaufmann, diese drei in Bergzabern wohnhaft. Mees und Ziegler wurden 1920 in den Bezirkstag und Mattern in den Sparkassenausschuss gewählt. Sie führten schon vorher in der Stadt das große Wort.

<strong>Aber Gift und Galle gegen mich blieben.</strong>

Bei meinem Dienstantritt lag schon ein Beschluss des Sparkassenausschusses vor, dem Bezirk ein Darlehen von vier Millionen zu gewähren zur Abdeckung der Kommunalverbandsschuld. Man hatte weiter die Versetzung des Bezirksamtsvorstandes und seines Assessors bei der Regierung beantragt, weil man ihnen vorwarf, bei den Bauern zu viele Metzelsuppen besucht und den Dienst vernachlässigt zu haben. Da konnte man sich auf manche Ungemütlichkeit gefasst machen.

Am 9. Dezember 1919 verstarb der Bezirksamtssekretär Thyson, der die sogenannte Bezirksverzinsungskasse (bestimmt zur Einlage von Gemeindegeldern und Darlehensgewährung an die Gemeinden) geführt hatte. Ich wurde von Oberregierungsrat Oßwaldt gebeten, noch am gleichen Tage diese Kasse zu übernehmen. Zur Teilnahme an der Beerdigung wurden sämtlich Bezirkstagsmitglieder eingeladen mit dem Hinweis, dass anschließend eine Sitzung im Badischen Hof folgen solle. Mein Antrag zum Kauf des Hotels als zukünftiges Sparkassengebäude fand bei der Mehrheit des Bezirkstages Zustimmung. Zwei Mitglieder glaubten, dass die Sparkasse den Kaufpreis von RM 70.000 niemals bezahlen könne.

Bei der Akterrichtung durfte ich nicht mitwirken, damit ich nicht »zu üppig« würde. Am Tage nach der Akterrichtung bot der Weinhändler Julius Kimmle RM 120.000 für das Haus.
Man hatte von mir die Stellung einer Kaution in Höhe von RM 20.000 gefordert. Ich schlug vor, mich das Haus des wegziehenden Dr. Götzmann am Eingang zum Kurtal kaufen zu lassen, und dann auf dieses Haus eine Sicherung für die Sparkasse gutzuheißen. Das Anwesen sollte RM 28.000 kosten. Fast gleichzeitig kam Ökonomierat Walter mit dem Vorschlag: Der ab 1. April 1920 nach Bergzabern versetzte Zollverwalter Mühlhäuser, gebürtig in Niederhorbach, solle als Mieter in die Sparkasse aufgenommen werden. Ein egoistischer Schmarotzer hätte vielleicht seinen Vorteil erblickt und ja dazu gesagt. Ich aber machte Front dagegen. Ein Steueramt dürfe niemals mit der Sparkasse in einem Haus untergebracht sein. Man könne nicht jedem Kunden auseinandersetzen, dass dieses mit dem Finanzamt nichts gemein habe. Misstrauen und Erregung seien hoch genug gespielt. Ja, da hatte ich mein Glück verscherzt!

Man bestand nun auch auf Wertpapieren für die Kaution, zumal wohl etliche glaubten, dass das in Aussicht genommene Haus mit RM 28.000 überbezahlt sei. Nun versteifte ich mich erst recht darauf, dass der Zollverwalter nicht in das Sparkassengebäude kommen dürfe, denn als Repräsentant der Kasse fiele es mir nicht ein, ihm zuliebe in den oberen Stock zu ziehen und auf die Wohnung über der Sparkasse zu verzichten. Mühlhäuser konnte im Kurtal ein Haus kaufen (jetzt Villa Daheim), und die ganze Streiterei war für die Katz. Aber Gift und Galle gegen mich blieben.

Als Herr Dinkel Ende März 1919 das Hotel räumte, mussten zwei große Spiegel in den Wirtsräumen (2,50×3 und 2×3 m groß) entfernt und versteigert werden. Ökonomierat Walter war eigens zur Versteigerung erschienen und flüsterte dem Schreinermeister Bader zu, der diese Spiegel erwarb, er möge auch auf den Spiegel im Hausgang ein Gebot abgeben. Für 90 Reichsmark bekäme er ihn zugeschlagen. (Der Hausgang bekam sein Licht zu dieser Zeit nur durch ein kleines Fenster in der Tür und durch das Oberlicht. Die Seitenbauten verhinderten jegliches Licht von oben.) Nachdem Mühlhäuser abgewehrt war, missgönnte man uns, d. h. Schulrat Dellmeyer und Familie, Putzfrau und mir und meiner Familie diesen »Luxus«. Als Bader den Spiegel herausnehmen wollte, zersprang er in Stücke und der Erwerber fluchte, dass er sich hatte verführen lassen.

Die Krankenhauskasse war schon Jahre von meinen Vorgängern mitgeführt worden, und sie steckten dafür jährlich 600 Mark ein. Nun lief alles über ein Girokonto, so dass das Kassenbuch nur eine Abschrift von diesem Konto bedeutete, und die 600 Reichsmark wurden eingespart.

Bei der übernommenen Bezirksverzinsungskasse war schon seit dem Jahre 1914 kein Rechnungsabschluss mehr gemacht worden, und das Kassenbuch wies Lücken auf. Beispielsweise waren Wertpapiere (Pfandbriefe) ausgelöst worden, und der Gegenwert stand noch auf dem Postscheckkonto des Bezirksamts. Nach mühseligem Zusammensuchen verblieben RM 700 Fehlbetrag, den die Inflation ausglich.

Zu den Glocken- und Metallablieferungen lagen Quittungen der Ablieferer über die empfangenen Gegenwerte beim Bezirksamt vor, aber ein Kassenbuch war nicht zu finden. Die Überweisungen des Reiches zur Bezahlung der abgelieferten Gegenstände fanden sich ebenfalls noch auf einem Postscheckkonto: des Bezirksamts. Natürlich wurde mir das Vergnügen, auch diesen Stall zu misten, übertragen.

<strong>»Herrgott, lassen Sie sich von denen doch nicht alles gefallen!«</strong>

Aufgefallen war mir schon am ersten Tage meines Dienstes, dass Kassier K. die rotgestempelten Hunderter- und Tausender-Banknoten gesondert bündelte und sie einem regelmäßig abends erscheinenden jungen Mann gegen grüngestempelte Noten austauschte. Warum? Ach, die Volksbank bekommt für die Roten französische Francs billiger! Das war ein schamloser Schmuggel. Denn das Reich hatte Belgien zugesagt, die dort während des Krieges verbliebenen rotgestempelten Noten zum Goldmarkwert einzulösen. Da konnte Geld »gemacht« werden. Ein Rotgestempelter wurde mit 60 % Aufschlag über die Grenze nach Frankreich und von da nach Belgien geschmuggelt. Wenn ich mich recht erinnere, hätte das Reich schließlich 61 Milliarden Goldmark an Belgien zahlen müssen, was dann verweigert wurde. Ich ließ diese Noten allabendlich an die Staatsbank Pirmasens schicken, um diese Gaunerei bei uns zu unterbinden.

Als ich gegen Ende November 1919 meinen Besuch bei der Volksbank machte, war der Empfang durch Kassier Herold (Bürgermeister und zugleich Bankdirektor Schlitt war nicht da) äußerst kühl. Und als ich ein gegenseitiges Verrechnungskonto vorschlug (wir verkehrten bisher nur über die Staatsbank Pirmasens miteinander), da glaubte Herold sein »Mütchen etwas kühlen« zu können. Er forderte bissig, dass Guthaben der Volksbank bei uns mit 3,6 %, also wie tägliche Spareinlagen verzinst werden sollten, während umgekehrt Guthaben der Sparkasse bei der Volksbank mit 1 % Zins abgerechnet würden. Scheck- und Kontokorrentverkehr? Das sei noch allein Sache der Volksbank!
Erst als im Jahre 1922 der spätere Volksbankdirektor Müller aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, wurde unser Verhältnis mit der Volksbank besser, und die Flegeleien schliefen allmählich ein.

Die Bezirkstagssitzungen, zu denen ich regelmäßig hinzugezogen wurde, waren höchst unerquicklich. Man hatte an allen Handlungen des Bezirksamtsvorstandes und seines Assessors etwas zu nörgeln, so dass ich einmal nach einer solchen Sitzung gegenüber Oberregierungsrat Oßwaldt in heller Wut herausplatzte: »Herrgott, lassen Sie sich von denen doch nicht alles gefallen!« Herr Oßwaldt war Junggeselle und ein guter Mensch.

Eine Hauptfrage war nun, wie die Gläubiger des Kommunalverbandes zu befriedigen seien. Bekannte man, dass die Sparkasse ein Darlehen von vier Millionen, wie beschlossen, nicht gewähren könne, fachte man wieder die alten Gehässigkeiten zu neuem Leben an. Darum riet ich dem Bezirksamtmann, er möge veranlassen, dass mir Einblick in die Geschäftsbücher des Kommunalverbandes gewährt würde mit dem Hinweis, ohne Klarsicht könne die Sparkasse nicht helfend mit Geldern eingreifen. Aber der neue Geschäftsführer – ehemals Reisender bei der Firma Ziegler – saß auf hohem Ross und verweigerte mir den Einblick.

Nun schlug ich ein Rundschreiben von mir an die Bezirkstagsmitglieder vor, dahingehend, dass die Darlehensaufnahme und Zinszahlung in der bisher angenommenen Höhe wohl nicht erforderlich sei, wenn man jeden eingehenden Betrag sofort an die Gläubiger weitergäbe, die Sparkasse auch wohl mit einem Kredit aushelfen könne, aber da müsste ich klar sehen. Und darunter verstünde ich, dass bei der Sparkasse ein Konto eingerichtet würde, worauf jeder Schuldner des Kommunalverbandes auch wie bisher bei der Volksbank einzahlen könne, die Kontoauszüge dieser Bank wie vom Postscheckkonto in meine Hände kämen, wie auch die Forderungen der Gläubiger und ich allein verfügungsberechtigt würde.

Beim Verlesen meines Rundschreibens vor Herrn Oßwaldt wurde dieser so erregt und wollte nichts davon wissen, dass ich abbrach und ohne sein Einverständnis handelte. Und siehe: es klappte! Aber es gab zuerst doch Stank.
Zwei Tage nach Absenden meines Schreibens besuchte ich Herrn Ziegler, der inzwischen Sparkassenausschussmitglied geworden war, und wollte ihn in meine Pläne noch etwas näher einweihen. Ich hatte kaum sein Büro betreten, da schwenkte er mir einen Brief entgegen, den er von Volksbankkassier Herold empfangen und der so ungehörig sei, dass er mir den Inhalt vorenthalten müsse. Dieser Brief aber erreichte das Gegenteil von dem, was er erreichen sollte.
Zu der Sitzung des Bezirkstags, die den Fall Kommunalverband besprach, wurde ich nicht eingeladen, aber mein Vorschlag fand Zustimmung. Ab 1. Juli 1920 wurde ich verfügungsberechtigt über die Gelder des Kommunalverbandes und siehe da, die Verschuldung des Verbandes war gar nicht so hoch, wie behauptet! Dreiviertel Million Mark, die auf den Konten bei der Volksbank, der Staatsbank Pirmasens und auf dem Postscheckkonto lagen, befriedigten die Gläubiger so, dass die Sparkasse nicht mal mehr einen Kredit gewähren musste. Der Herr Geschäftsführer des Kommunalverbandes und seine zwei Assistenten kündigten. Ein Fräulein Homberg bei dem neuen Bezirksamtsassessor, Regierungsrat Heinz, übernahm die Ausstellung der Mehlbezugsscheine, und wir bei der Sparkasse übernahmen Korrespondenz usw. Dadurch wurde viel Geld eingespart. Einen sichtbaren Vorteil hatten wir: Wir erbten die Kommunalverbandsmöbel.

Wohl durch die schweren Kritiken im Bezirkstag und in der Bevölkerung verschreckt, wurde Stadtsekretär Blumröder, der bisher die Bezirkskasse geführt, aber zu Sitzungen des Bezirkstages in diesem Jahr niemals eingeladen oder erschienen war, »amtsmüde«. Er mag auch befürchtet haben, dass er allein gelassen würde bei der nun fälligen Abrechnung über die Familienunterstützungsgelder, die er sorglos all die Kriegsjahre auf Anweisung des Bezirksamts an die Gemeinden in Pauschalbeträgen überwiesen hatte. Wer sollte nun rasch die Bezirkskasse übernehmen, nachdem der neue Bezirksamtssekretär Boßlet lungenkrank war? Sie blieb an mir hängen.

Ich hatte nun kaum die Rechnungen der Bezirksverzinsungskasse für die Jahre 1914 bis 1919 erstellt und mich über die Belege der Glocken- und Metallabrechnung hergemacht, da erschienen drei Herren aus Berlin – keiner unter 220 Pfund schwer – und forderten die Rückzahlung von RM 6.000 angeblich in der Metallablieferung zu viel überwiesener Gelder. Ich hatte überhaupt noch keine Ahnung, was überwiesen worden war, und meinte: »Wenn Sie schon zu dritt eine so weite Reise machten, müssten Sie doch einwandfreie Belege haben für Ihre Behauptung. Meine Abrechnung stimmt, soweit ich sehen kann.« Da verschwanden die Wohlgenährten und ließen nichts mehr von sich hören. Die Endabrechnung ging auch nicht ganz auf, aber niemand fragte nochmals danach.

Am schwierigsten gestaltete sich die Abrechnung über die Familienunterstützungen. Hier lagen auch nur die Familienunterstützungsakten mit den Quittungen der Empfangsberechtigten vor. Darum blieb mir nichts anderes übrig, als mir Formblätter drucken zu lassen, in die ich Posten für Posten, Monat für Monat die ausgezahlten Beträge mit den Namen der Empfänger eintragen musste: vom Beginn des Krieges bis zur Gegenwart. Und dabei stellte sich heraus, dass auch hier nicht alles aufging. Man hatte Akten von verzogenen Unterhaltsberechtigten abgeschickt, ohne die Quittungen zurückzubehalten, und meistens nicht festgehalten, w o h i n die Einzelnen verzogen waren. Also hatte ich am Schluss eine Mehrausgabe von 7-10.000 RM, deren Berechtigung ich nicht nachweisen konnte.

Ich schlug darum dem Sachbearbeiter bei der Regierung vor, die Restzahlung unter Nichtbeachtung des unmöglich mehr nachzuweisenden Betrages anzuweisen. Aber der Bürokrat bestand auf restloser Aufklärung, und so musste auch hier die Inflation einen Strich unter die Rechnung ziehen und meine ganze Nachtarbeit war für die Katz.

Beim Bezirksamt war an die Stelle des Herrn Oberregierungsrats Oßwaldt Oberamtmann Schick getreten, ein feiner und netter Herr, der den richtigen Abstand zu wahren wusste, und damit unsere Bezirkstagsmitglieder auch wieder ins Gleichgewicht brachte. Leider blieb er nur kurze Zeit bei uns und wurde dann von Oberamtmann, später Oberregierungsrat Dr. Jung abgelöst, der auch wieder nach meinen Begriffen etwas zu entgegenkommend war. An die Stelle des verstorbenen Bezirksamtssekretärs Boßlet war Sekretär M. getreten, ein jähzorniges Mannsbild.

<strong>»Ich dien!« hieß bei mir die Losung.
Verschiedene Revisoren nannten uns die »Familiensparkasse«.</strong>

Um die Bevölkerung kennenzulernen, wanderte ich anfänglich sonntags mit Karch auf verschiedene Dörfer, wo wir hie und da Privatbesuche machten, was mir nicht so zusagte. Als ich daher mit Bezirksgärtner Palm bekannt geworden war, schloss ich mich regelmäßig diesem an, wenn er Bauernversammlungen hielt.

1921 bekam Bergzabern eine Landwirtschaftsschule, und durch meine Kassenführung wurde ich rasch mit Herrn Landwirtschaftsrat Müller und seinem Assessor Mayer bekannt, und nun marschierten wir zu viert zu den Versammlungen – Autos waren damals noch nicht üblich. In manchen Dörfern war es den Bauernburschen eine Freude, uns heimzufahren; besonders die Dierbacher ließen es sich nicht nehmen. Übel vermerkt wurde es mir von manchem Bauern, dass ich mich den anderen nicht anschloss, wenn sie nach der Versammlung noch in dem und jenem Haus einkehrten. Ich fürchtete die Schoppen! Bei den Schlussfesten der Landwirtschaftsschüler fehlte ich nie und gewann dadurch auch das Zutrauen vieler junger Menschen.

Während der Kassenstunden erschien ich oft hinter dem Kassier oder der Kassiererin, um dem anwesenden Publikum meine Achtung und meinen Gruß

20. Februar 2009

Justus Geiß (1882-1965): Lebenserinnerungen (3)

»Ich dien!«
Erste Jahre in Bergzabern 1903-1905 und 1919-1922

________________________

Als Einundzwanzigjähriger war ich vom 1. Oktober 1903 bis 5. Dezember 1905 kgl. Rentamtsgehilfe beim Rentamt Bergzabern unter dem damaligen Amtsvorstand Arras. In dieser Zeit glaubte ich die Menschen in Bergzabern als aufgeschlossen, freundlich, hilfsbereit und fortschrittlich kennengelernt zu haben.

Als die Sparkassenverwalterstelle im September 1919 ausgeschrieben war, sehnte ich mich nach diesem Bergzabern zurück, obwohl ich in Homburg in einem Hause wohnte, das meine Schwiegereltern zwei Jahre zuvor eigens für mich und meine Familie gekauft hatten; und obwohl mir Regierungsdirektor Ullmer im Jahre 1906 eröffnet hatte, er habe mich nach Kaiserslautern versetzt, weil die Bergzaberner Luft für mich nicht tauge.
Meine Bewerbung hatte Erfolg, und ich trat am 16. November 1919 meinen Dienst an.

Ich fand die Sparkassenräume im Hause des Sattlers Füß unterhalb des Bezirksamts, eine Stiege hoch, einen etwa 3 m langen dunklen Gang durchschreitend, der sein spärliches Licht nur von einem kleinen Fenster in der Tür zum Kassenraum erhielt, so dass man den Fußboden nicht erblicken konnte und tapsend vorwärts ging. Kassier Karch, Gehilfe Steller, Lehrling Lorch saßen im Kassenraum, und nebenan war mein Zimmer, das ich nun bezog.

Ich war entsetzt. Hier konnten wir unmöglich bleiben, wenn zum Sparverkehr der Scheck- und Giroverkehr hinzukommen sollte, wie vorgesehen. Eine meiner ersten Fragen war darum auch, ob hier nicht ein Haus für die Sparkasse zu kaufen sei? Man nannte mir die Paquesche Villa, jetzt Café Heist. An mehreren Nachmittagen stand ich vor diesem Haus: Netter Eingang, schöner Park, aber die Kundschaft müsste, um hierher zu gelangen, fast ausnahmslos an der Volksbank vorbei, und das Gebäude lag mir auch zu weit abseits vom Geschäftsverkehr.

Wenn eine Sparkasse ihren Zweck restlos erfüllen soll, dann muss auf dem Panier des Sparkassenleiters und seiner Helfer groß stehen: Ich dien!
Dieses Haus war also keinesfalls für uns geeignet. Nächste Frage: Wo ist ein Bauplatz, der besser geeignet wäre? Da wurde die Spitze am Bahnhof genannt, wo jetzt die Postomnibusse an- und abfahren. Er war mir wieder zu weit vom Geschäftsverkehr entfernt.

Für den 25. November 1919 war eine Sitzung des Bezirksausschusses anberaumt, und zwar in meinem Zimmer. Als alle versammelt waren, fiel mir bei manchen Mitgliedern eine recht gereizte Stimmung gegen den Bezirksamtsvorstand Herrn Oberregierungsrat Oßwaldt auf, wohingegen dieser mir wiederum ängstlich und zu nachgiebig schien. Dies hinderte mich jedoch nicht, auf den unhaltbaren Zustand hinsichtlich der Kassenräume hinzuweisen. Da aber kam ich schlecht an: Kaum sei ich hier, wollte ich schon kritisieren! Die Räume seien doch erst vor nicht allzu langer Zeit gemietet worden und hätten bisher voll genügt! Die Stimmung schien gegen mich zu sein, als Bürgermeister und zugleich Volksbankdirektor Schlitt ganz trocken bemerkte: »Der Mann hat recht!« Sogleich stimmte auch Geistlicher Rat Breitling zu, und nun schwenkten alle um!
Beschluss: Anderwärts mieten, oder ein Haus kaufen oder bauen.

Nach der Sitzung wollte Kassier Karch wissen, dass der Besitzer des Badischen Hofes verkaufen wolle. Ich wurde am nächsten Tag mit Herrn Dinkel einig, dass er sein Hotel um den Preis von RM 70.000 der Sparkasse verkaufen werde.

In den nächsten Tagen erfuhr ich: Der langjährige Verwalter der Sparkasse, Einnehmer Becker, wie er allgemein genannt wurde, weil er wohl die Einnehmereiprüfung gemacht hatte, war 1917 gestorben. Sein Nachfolger war der 2. Beamte Hagenbuch, der aber auch schon 1919 starb, worauf man den bisherigen Leiter des Kommunalverbandes, Schneider, als Sparkassenverwalter wählte. Aber bevor dieser seine Stelle antreten wollte, ergab sich, dass der Kommunalverband stark verschuldet war. Daher große Aufregung. Es gab erbitterte Vorwürfe gegen Schneider, Oberregierungsrat Oßwaldt, seinen Assessor, so dass Schneider schließlich die Nerven verlor und sich vom Zug überfahren ließ.

Als Hüter der Gerechtigkeit hatten sich vier Fritze in den Vordergrund geschoben: Walter Fritz, Ökonomierat in Niederhorbach, der schon bisher dem Bezirkstag angehörte und Wortführer war; Mattern Fritz, der ein Geschäftsbüro mit Vermögensverwaltungen betrieb; Mees Fritz, Weinhändler, und Ziegler Fritz, Kaufmann, diese drei in Bergzabern wohnhaft. Mees und Ziegler wurden 1920 in den Bezirkstag und Mattern in den Sparkassenausschuss gewählt. Sie führten schon vorher in der Stadt das große Wort.

Aber Gift und Galle gegen mich blieben.

Bei meinem Dienstantritt lag schon ein Beschluss des Sparkassenausschusses vor, dem Bezirk ein Darlehen von vier Millionen zu gewähren zur Abdeckung der Kommunalverbandsschuld. Man hatte weiter die Versetzung des Bezirksamtsvorstandes und seines Assessors bei der Regierung beantragt, weil man ihnen vorwarf, bei den Bauern zu viele Metzelsuppen besucht und den Dienst vernachlässigt zu haben. Da konnte man sich auf manche Ungemütlichkeit gefasst machen.

Am 9. Dezember 1919 verstarb der Bezirksamtssekretär Thyson, der die sogenannte Bezirksverzinsungskasse (bestimmt zur Einlage von Gemeindegeldern und Darlehensgewährung an die Gemeinden) geführt hatte. Ich wurde von Oberregierungsrat Oßwaldt gebeten, noch am gleichen Tage diese Kasse zu übernehmen. Zur Teilnahme an der Beerdigung wurden sämtlich Bezirkstagsmitglieder eingeladen mit dem Hinweis, dass anschließend eine Sitzung im Badischen Hof folgen solle. Mein Antrag zum Kauf des Hotels als zukünftiges Sparkassengebäude fand bei der Mehrheit des Bezirkstages Zustimmung. Zwei Mitglieder glaubten, dass die Sparkasse den Kaufpreis von RM 70.000 niemals bezahlen könne.

Bei der Akterrichtung durfte ich nicht mitwirken, damit ich nicht »zu üppig« würde. Am Tage nach der Akterrichtung bot der Weinhändler Julius Kimmle RM 120.000 für das Haus.
Man hatte von mir die Stellung einer Kaution in Höhe von RM 20.000 gefordert. Ich schlug vor, mich das Haus des wegziehenden Dr. Götzmann am Eingang zum Kurtal kaufen zu lassen, und dann auf dieses Haus eine Sicherung für die Sparkasse gutzuheißen. Das Anwesen sollte RM 28.000 kosten. Fast gleichzeitig kam Ökonomierat Walter mit dem Vorschlag: Der ab 1. April 1920 nach Bergzabern versetzte Zollverwalter Mühlhäuser, gebürtig in Niederhorbach, solle als Mieter in die Sparkasse aufgenommen werden. Ein egoistischer Schmarotzer hätte vielleicht seinen Vorteil erblickt und ja dazu gesagt. Ich aber machte Front dagegen. Ein Steueramt dürfe niemals mit der Sparkasse in einem Haus untergebracht sein. Man könne nicht jedem Kunden auseinandersetzen, dass dieses mit dem Finanzamt nichts gemein habe. Misstrauen und Erregung seien hoch genug gespielt. Ja, da hatte ich mein Glück verscherzt!

Man bestand nun auch auf Wertpapieren für die Kaution, zumal wohl etliche glaubten, dass das in Aussicht genommene Haus mit RM 28.000 überbezahlt sei. Nun versteifte ich mich erst recht darauf, dass der Zollverwalter nicht in das Sparkassengebäude kommen dürfe, denn als Repräsentant der Kasse fiele es mir nicht ein, ihm zuliebe in den oberen Stock zu ziehen und auf die Wohnung über der Sparkasse zu verzichten. Mühlhäuser konnte im Kurtal ein Haus kaufen (jetzt Villa Daheim), und die ganze Streiterei war für die Katz. Aber Gift und Galle gegen mich blieben.

Als Herr Dinkel Ende März 1919 das Hotel räumte, mussten zwei große Spiegel in den Wirtsräumen (2,50×3 und 2×3 m groß) entfernt und versteigert werden. Ökonomierat Walter war eigens zur Versteigerung erschienen und flüsterte dem Schreinermeister Bader zu, der diese Spiegel erwarb, er möge auch auf den Spiegel im Hausgang ein Gebot abgeben. Für 90 Reichsmark bekäme er ihn zugeschlagen. (Der Hausgang bekam sein Licht zu dieser Zeit nur durch ein kleines Fenster in der Tür und durch das Oberlicht. Die Seitenbauten verhinderten jegliches Licht von oben.) Nachdem Mühlhäuser abgewehrt war, missgönnte man uns, d. h. Schulrat Dellmeyer und Familie, Putzfrau und mir und meiner Familie diesen »Luxus«. Als Bader den Spiegel herausnehmen wollte, zersprang er in Stücke und der Erwerber fluchte, dass er sich hatte verführen lassen.

Die Krankenhauskasse war schon Jahre von meinen Vorgängern mitgeführt worden, und sie steckten dafür jährlich 600 Mark ein. Nun lief alles über ein Girokonto, so dass das Kassenbuch nur eine Abschrift von diesem Konto bedeutete, und die 600 Reichsmark wurden eingespart.

Bei der übernommenen Bezirksverzinsungskasse war schon seit dem Jahre 1914 kein Rechnungsabschluss mehr gemacht worden, und das Kassenbuch wies Lücken auf. Beispielsweise waren Wertpapiere (Pfandbriefe) ausgelöst worden, und der Gegenwert stand noch auf dem Postscheckkonto des Bezirksamts. Nach mühseligem Zusammensuchen verblieben RM 700 Fehlbetrag, den die Inflation ausglich.

Zu den Glocken- und Metallablieferungen lagen Quittungen der Ablieferer über die empfangenen Gegenwerte beim Bezirksamt vor, aber ein Kassenbuch war nicht zu finden. Die Überweisungen des Reiches zur Bezahlung der abgelieferten Gegenstände fanden sich ebenfalls noch auf einem Postscheckkonto: des Bezirksamts. Natürlich wurde mir das Vergnügen, auch diesen Stall zu misten, übertragen.

»Herrgott, lassen Sie sich von denen doch nicht alles gefallen!«

Aufgefallen war mir schon am ersten Tage meines Dienstes, dass Kassier K. die rotgestempelten Hunderter- und Tausender-Banknoten gesondert bündelte und sie einem regelmäßig abends erscheinenden jungen Mann gegen grüngestempelte Noten austauschte. Warum? Ach, die Volksbank bekommt für die Roten französische Francs billiger! Das war ein schamloser Schmuggel. Denn das Reich hatte Belgien zugesagt, die dort während des Krieges verbliebenen rotgestempelten Noten zum Goldmarkwert einzulösen. Da konnte Geld »gemacht« werden. Ein Rotgestempelter wurde mit 60 % Aufschlag über die Grenze nach Frankreich und von da nach Belgien geschmuggelt. Wenn ich mich recht erinnere, hätte das Reich schließlich 61 Milliarden Goldmark an Belgien zahlen müssen, was dann verweigert wurde. Ich ließ diese Noten allabendlich an die Staatsbank Pirmasens schicken, um diese Gaunerei bei uns zu unterbinden.

Als ich gegen Ende November 1919 meinen Besuch bei der Volksbank machte, war der Empfang durch Kassier Herold (Bürgermeister und zugleich Bankdirektor Schlitt war nicht da) äußerst kühl. Und als ich ein gegenseitiges Verrechnungskonto vorschlug (wir verkehrten bisher nur über die Staatsbank Pirmasens miteinander), da glaubte Herold sein »Mütchen etwas kühlen« zu können. Er forderte bissig, dass Guthaben der Volksbank bei uns mit 3,6 %, also wie tägliche Spareinlagen verzinst werden sollten, während umgekehrt Guthaben der Sparkasse bei der Volksbank mit 1 % Zins abgerechnet würden. Scheck- und Kontokorrentverkehr? Das sei noch allein Sache der Volksbank!

Erst als im Jahre 1922 der spätere Volksbankdirektor Müller aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, wurde unser Verhältnis mit der Volksbank besser, und die Flegeleien schliefen allmählich ein.

Die Bezirkstagssitzungen, zu denen ich regelmäßig hinzugezogen wurde, waren höchst unerquicklich. Man hatte an allen Handlungen des Bezirksamtsvorstandes und seines Assessors etwas zu nörgeln, so dass ich einmal nach einer solchen Sitzung gegenüber Oberregierungsrat Oßwaldt in heller Wut herausplatzte: »Herrgott, lassen Sie sich von denen doch nicht alles gefallen!« Herr Oßwaldt war Junggeselle und ein guter Mensch.

Eine Hauptfrage war nun, wie die Gläubiger des Kommunalverbandes zu befriedigen seien. Bekannte man, dass die Sparkasse ein Darlehen von vier Millionen, wie beschlossen, nicht gewähren könne, fachte man wieder die alten Gehässigkeiten zu neuem Leben an. Darum riet ich dem Bezirksamtmann, er möge veranlassen, dass mir Einblick in die Geschäftsbücher des Kommunalverbandes gewährt würde mit dem Hinweis, ohne Klarsicht könne die Sparkasse nicht helfend mit Geldern eingreifen. Aber der neue Geschäftsführer – ehemals Reisender bei der Firma Ziegler – saß auf hohem Ross und verweigerte mir den Einblick.

Nun schlug ich ein Rundschreiben von mir an die Bezirkstagsmitglieder vor, dahingehend, dass die Darlehensaufnahme und Zinszahlung in der bisher angenommenen Höhe wohl nicht erforderlich sei, wenn man jeden eingehenden Betrag sofort an die Gläubiger weitergäbe, die Sparkasse auch wohl mit einem Kredit aushelfen könne, aber da müsste ich klar sehen. Und darunter verstünde ich, dass bei der Sparkasse ein Konto eingerichtet würde, worauf jeder Schuldner des Kommunalverbandes auch wie bisher bei der Volksbank einzahlen könne, die Kontoauszüge dieser Bank wie vom Postscheckkonto in meine Hände kämen, wie auch die Forderungen der Gläubiger und ich allein verfügungsberechtigt würde.

Beim Verlesen meines Rundschreibens vor Herrn Oßwaldt wurde dieser so erregt und wollte nichts davon wissen, dass ich abbrach und ohne sein Einverständnis handelte. Und siehe: es klappte! Aber es gab zuerst doch Stank.

Zwei Tage nach Absenden meines Schreibens besuchte ich Herrn Ziegler, der inzwischen Sparkassenausschussmitglied geworden war, und wollte ihn in meine Pläne noch etwas näher einweihen. Ich hatte kaum sein Büro betreten, da schwenkte er mir einen Brief entgegen, den er von Volksbankkassier Herold empfangen und der so ungehörig sei, dass er mir den Inhalt vorenthalten müsse. Dieser Brief aber erreichte das Gegenteil von dem, was er erreichen sollte.

Zu der Sitzung des Bezirkstags, die den Fall Kommunalverband besprach, wurde ich nicht eingeladen, aber mein Vorschlag fand Zustimmung. Ab 1. Juli 1920 wurde ich verfügungsberechtigt über die Gelder des Kommunalverbandes und siehe da, die Verschuldung des Verbandes war gar nicht so hoch, wie behauptet! Dreiviertel Million Mark, die auf den Konten bei der Volksbank, der Staatsbank Pirmasens und auf dem Postscheckkonto lagen, befriedigten die Gläubiger so, dass die Sparkasse nicht mal mehr einen Kredit gewähren musste. Der Herr Geschäftsführer des Kommunalverbandes und seine zwei Assistenten kündigten. Ein Fräulein Homberg bei dem neuen Bezirksamtsassessor, Regierungsrat Heinz, übernahm die Ausstellung der Mehlbezugsscheine, und wir bei der Sparkasse übernahmen Korrespondenz usw. Dadurch wurde viel Geld eingespart. Einen sichtbaren Vorteil hatten wir: Wir erbten die Kommunalverbandsmöbel.

Wohl durch die schweren Kritiken im Bezirkstag und in der Bevölkerung verschreckt, wurde Stadtsekretär Blumröder, der bisher die Bezirkskasse geführt, aber zu Sitzungen des Bezirkstages in diesem Jahr niemals eingeladen oder erschienen war, »amtsmüde«. Er mag auch befürchtet haben, dass er allein gelassen würde bei der nun fälligen Abrechnung über die Familienunterstützungsgelder, die er sorglos all die Kriegsjahre auf Anweisung des Bezirksamts an die Gemeinden in Pauschalbeträgen überwiesen hatte. Wer sollte nun rasch die Bezirkskasse übernehmen, nachdem der neue Bezirksamtssekretär Boßlet lungenkrank war? Sie blieb an mir hängen.

Ich hatte nun kaum die Rechnungen der Bezirksverzinsungskasse für die Jahre 1914 bis 1919 erstellt und mich über die Belege der Glocken- und Metallabrechnung hergemacht, da erschienen drei Herren aus Berlin – keiner unter 220 Pfund schwer – und forderten die Rückzahlung von RM 6.000 angeblich in der Metallablieferung zu viel überwiesener Gelder. Ich hatte überhaupt noch keine Ahnung, was überwiesen worden war, und meinte: »Wenn Sie schon zu dritt eine so weite Reise machten, müssten Sie doch einwandfreie Belege haben für Ihre Behauptung. Meine Abrechnung stimmt, soweit ich sehen kann.« Da verschwanden die Wohlgenährten und ließen nichts mehr von sich hören. Die Endabrechnung ging auch nicht ganz auf, aber niemand fragte nochmals danach.

Am schwierigsten gestaltete sich die Abrechnung über die Familienunterstützungen. Hier lagen auch nur die Familienunterstützungsakten mit den Quittungen der Empfangsberechtigten vor. Darum blieb mir nichts anderes übrig, als mir Formblätter drucken zu lassen, in die ich Posten für Posten, Monat für Monat die ausgezahlten Beträge mit den Namen der Empfänger eintragen musste: vom Beginn des Krieges bis zur Gegenwart. Und dabei stellte sich heraus, dass auch hier nicht alles aufging. Man hatte Akten von verzogenen Unterhaltsberechtigten abgeschickt, ohne die Quittungen zurückzubehalten, und meistens nicht festgehalten, w o h i n die Einzelnen verzogen waren. Also hatte ich am Schluss eine Mehrausgabe von 7-10.000 RM, deren Berechtigung ich nicht nachweisen konnte.

Ich schlug darum dem Sachbearbeiter bei der Regierung vor, die Restzahlung unter Nichtbeachtung des unmöglich mehr nachzuweisenden Betrages anzuweisen. Aber der Bürokrat bestand auf restloser Aufklärung, und so musste auch hier die Inflation einen Strich unter die Rechnung ziehen und meine ganze Nachtarbeit war für die Katz.

Beim Bezirksamt war an die Stelle des Herrn Oberregierungsrats Oßwaldt Oberamtmann Schick getreten, ein feiner und netter Herr, der den richtigen Abstand zu wahren wusste, und damit unsere Bezirkstagsmitglieder auch wieder ins Gleichgewicht brachte. Leider blieb er nur kurze Zeit bei uns und wurde dann von Oberamtmann, später Oberregierungsrat Dr. Jung abgelöst, der auch wieder nach meinen Begriffen etwas zu entgegenkommend war. An die Stelle des verstorbenen Bezirksamtssekretärs Boßlet war Sekretär M. getreten, ein jähzorniges Mannsbild.

»Ich dien!« hieß bei mir die Losung.
Verschiedene Revisoren nannten uns die »Familiensparkasse«.

Um die Bevölkerung kennenzulernen, wanderte ich anfänglich sonntags mit Karch auf verschiedene Dörfer, wo wir hie und da Privatbesuche machten, was mir nicht so zusagte. Als ich daher mit Bezirksgärtner Palm bekannt geworden war, schloss ich mich regelmäßig diesem an, wenn er Bauernversammlungen hielt.

1921 bekam Bergzabern eine Landwirtschaftsschule, und durch meine Kassenführung wurde ich rasch mit Herrn Landwirtschaftsrat Müller und seinem Assessor Mayer bekannt, und nun marschierten wir zu viert zu den Versammlungen – Autos waren damals noch nicht üblich. In manchen Dörfern war es den Bauernburschen eine Freude, uns heimzufahren; besonders die Dierbacher ließen es sich nicht nehmen. Übel vermerkt wurde es mir von manchem Bauern, dass ich mich den anderen nicht anschloss, wenn sie nach der Versammlung noch in dem und jenem Haus einkehrten. Ich fürchtete die Schoppen! Bei den Schlussfesten der Landwirtschaftsschüler fehlte ich nie und gewann dadurch auch das Zutrauen vieler junger Menschen.

Während der Kassenstunden erschien ich oft hinter dem Kassier oder der Kassiererin, um dem anwesenden Publikum meine Achtung und meinen Gruß zu entbieten. Dabei machte in den letzten Jahren meiner Dienstzeit eine Dame mir Freude, die stets über mich hinwegsah.

»Ich dien!« hieß bei mir die Losung. Verschiedene Revisoren nannten uns die »Familiensparkasse«. Sie staunten immer, wenn die jungen Leute auch mit Privatangelegenheiten zu mir kamen, welches Vertrauen ihnen sonst nicht bemerkbar war. Nur Denunzianten waren mir verhasst, aber ein solch räudiges Schaf war auch uns nicht erspart. Als drei junge Männer einmal gleichzeitig zu mir kamen und eine Verfehlung eines Älteren meldeten, musste ich wohl ein Verfahren einleiten. Aber am nächsten Tag kam der Jüngste von ihnen und gestand, er schäme sich, weil sie aus Gehässigkeit gehandelt hätten, nicht aus Sauberkeitsgefühl.

Ich ließ eines Tages Gendarmerie vor dem Mehllager
aufmarschieren und jeden Bäcker kontrollieren.

Bezirksamtssekretär Hehr, ein kleiner Mann mit einem guten Herzen, hatte die Betreuung der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen. Da kamen von den geringen Mitteln, die er hatte, manche Beträge in falsche Hände. Es kamen hauptsächlich die Faulenzer und wenig Beschädigten zu ihm und lockten ihm Gelder ab, die besser hätten angewendet werden können. Sein Ausschuss bestand aus den Geistlichen beider Konfessionen, der Freifrau von Maylott, einer ehemaligen Rotkreuzschwester, und noch einem oder andern Herrn. Nun sollten Mäntel, Röcke, Hosen, Schuhe an Bedürftige verteilt oder auch verschenkt werden, wofür er sich nicht gewachsen fühlte. Deshalb erschien Herr Oberregierungsrat Dr. Jung bei mir: »Möchten sie nicht?«

Ich nahm an, schickte an alle Bürgermeisterämter Rundschreiben mit der Bitte, mir die rabiatesten unter ihren Kriegsbeschädigten zu nennen und ihren Charakter etwas näher zu beschreiben. Unter diesen Unzufriedenen wählte ich mir vier aus, nahm noch eine Kriegerwitwe hinzu, und mein Ausschuss war gebildet, der alte nicht aufgelöst. Die neuen Männer und die Frau wurden über die zur Verfügung stehenden Mittel informiert und auch über die zu verteilenden Kleider. Jeder bemühte sich, die Bedürftigsten herauszufinden, was auch bei jedem der Andern Anklang fand, und keiner forderte je etwas für sich. Die früheren Nutznießer wagten nicht mehr zu erscheinen.

Beim Kommunalverband handelte es sich nur noch um die Verteilung von Mehl, und da stimmte etwas nicht. Es fiel mir auf, dass etliche Bäcker gegenüber ihren Kollegen immer in Bezug auf Menge und auch hinsichtlich des Weißmehls begünstigt erschienen. Da konnte doch nur die Empfängerin der alten Marken und Scheinausstellerin Fräulein H. mit diesen Günstlingen unter einer Decke stecken. Ich schimpfte, drohte und sie heulte, dass ich ihr Unrecht täte. Aber in ihrem Zimmer stand die eiserne Kassette, in die sie die alten Marken warf, bis sie von Zeit zu Zeit verbrannt wurden. Zur Kassette hatte nur sie allein einen Schlüssel. Ich ließ eines Tages Gendarmerie vor dem Mehllager aufmarschieren und jeden Bäcker kontrollieren. Da stellte sich heraus, dass der Lagerhalter manche Bäcker nochmals begünstigte, indem er ihnen mehr Weißmehl gab, als ihnen zustand, und den andern vorflunkerte, es sei nicht genügend Weißmehl auf Lager, sie müssten darum Kornmehl nehmen. Der Gauner wurde nicht entlassen, obwohl er eines Tages einen Sack Mehl bei der Kontrolle unter leeren Säcken versteckt hatte und glaubte, ich würde ihn abschreiben.

Eine Mehlsendung von der Mühle Bindewald bei Kirchheimbolanden erschien mir so schlecht, dass ich die Ausgabe verbot und eine Probe an die Untersuchungsanstalt in Speyer schickte. Das Urteil war verheerend, aber das Mehl, trotz Verbot, vom Lagerhalter schon ausgegeben. Rundschreiben an die Müller, dass derjenige, der sich unterstehe, solches Mehl nochmals zu liefern, beim Staatsanwalt angezeigt würde. Kam ein Müller, von dem ich es nie erwartet hätte, und fragte den Lagerhalter, ob es sich bei dem untersuchten Mehl um solches von ihm gehandelt hätte. Das schönste Mehl lieferte die Mühle Kreutzer in Landau, und nach meinem Rundschreiben erschien der junge Kreutzer und erzählte mir, dass gewisse Bäcker Weizenmehl zu ihm brächten und es nochmals feiner mahlen ließen. Aber wie diesen Gaunern beikommen, ohne Kreutzer hinein zu verwickeln und die Kundschaft ihm für die Folge abspenstig machen?

Erst 1926 bekam ich Aufschluss über den ganzen Schwindel. Lagerhalter B. hatte sich von der Kassette einen Zweitschlüssel machen lassen, öffnete sie in den Mittagsstunden und stahl alte Markenbücher, die er seinen »Lieblingen« nachts zustellte. So erzählte mir Bäcker Schönthaler von Rohrbach bei einem Abendschoppen in der Wirtschaft Goldschmitt. Ich habe das Gefühl, das unrechte Gut ist den Gaunern doch nicht recht bekommen.

Im Sommer 1921 erschien einmal Müller O. von Annweiler bei mir und meinte, wir seien doch wohl knapp in Fett, weshalb er mir eine Flasche Öl mitgebracht hätte. Als er mein erstauntes und abweisendes Gesicht erkannte, setzte er rasch hinzu, ich könne das Öl ja bezahlen. Ich riet ihm, damit schleunigst zu verschwinden und niemals mit so etwas wiederzukommen. Abends beim Nachtessen sagte ich zu meiner Frau so ganz nebenbei: »Du hast doch heute eine Flasche Öl bekommen?«
Gegenfrage: »Woher weißt du denn das?«
Ich forderte die Auslieferung und schloss die Flasche in den Kassenschrank. Bezirksgärtner Palm hatte den geknickten O. getroffen, der ihm seinen Misserfolg klagte, worauf Palm glaubte, den Wohltäter machen zu müssen. Beim Wiedererscheinen O.s bekam er sein Öl in die Hand gedrückt mit der Drohung, dass bei nochmaligem Versuch der Staatsanwalt mitreden würde.

Erst im Jahr 1925 begegneten Müller O. und ich uns wieder, und zwar in der Hauptstraße in Annweiler. Da meinte er, aber jetzt dürfe er mich doch wohl zu einer Tasse Kaffee in seinem Heim einladen, wo wir geschäftlich nichts mehr miteinander zu tun hätten. Ich nahm gerne an und bekam ein Kummche vorgesetzt, das fast den Inhalt dreier Normaltassen fasste, und da an Kaffeebohnen nicht gespart worden war, brach mir der Schweiß aus, bis ich ausgetrunken hatte. Zu O. und seiner Frau passten diese Kummchen, weil beide recht gewichtig waren.
O. suchte sein Verhalten im Jahre 1921 zu erklären, indem er darauf hinwies, dass etliche Bezirkstagsmitglieder von ihm Mehl sackweise gefordert, aber ans Zahlen nicht gedacht hätten. Als er den ersten Namen aussprach, bat ich ihn, keine weiteren mehr zu nennen, denn ich wolle den Glauben an die Menschen nicht ganz verlieren.

Ich wollte nimmer!

Obgleich wir allerlei Möbel vom Kommunalverband geerbt hatten, war es notwendig geworden, weitere Schränke anzuschaffen, um die anfallenden Akten unterzubringen. Aber da stieß ich wieder auf die Engstirnigkeit meiner Ausschussmitglieder. Jetzt müsse man die Akten auf dem Boden stapeln, wo die Möbel so teuer seien, und auf bessere Zeiten warten. Die Inflation könne bald wieder rückgängig gemacht werden.

Dieses kleinliche Einmischen in alle Angelegenheiten, ein Disput mit Weinhändler Mees, brachten mich derart in Erregung, dass ich beschloss, meine Stelle aufzugeben, obwohl Mees am nächsten Tag erschien und vorschlug, was gestritten worden sei, solle vergessen sein. Ich wollte nimmer!

Ich erbat bei Herrn Oberregierungsrat Dr. Jung einen Urlaub von drei Tagen und fuhr zu meinem Chef der Jahre 1910/12, der von St. Ingbert nach München versetzt worden war. Ich wollte lieber zurück in den Finanzdienst, als dieses Genörgel weiter mitmachen. Dass ich in der Pfalz wieder aufgenommen würde, hielt ich für unwahrscheinlich, weil ich Ende 1917 aus dem Finanzdienst als stellvertretender Amtsvorstand von St. Ingbert ausgeschieden war, obwohl Regierungsdirektor Morgens mir gestanden hatte, er habe keinen Ersatz für mich. Also zu Herrn Schulbach, München. Er war bereit, meine Wiederaufnahme beim Minister durchzusetzen, wenn ich meinen Entschluss aufrecht erhielte und ein Gesuch einreichen würde.

Als ich am dritten Tag um zwei Uhr in meinem Büro erschien, war im Nebenzimmer der Bezirkstag versammelt. Ich wurde sofort hereingerufen und mir versichert, dass doch alles nicht so gemeint gewesen sei usw. In Zukunft würde mir in dienstliche Angelegenheiten nicht mehr hineingeredet werden. Herr Oberregierungsrat Dr. Jung ging sogar soweit, dass ich künftig kein Gesuch mehr einzureichen bräuchte, wenn ich Urlaub oder dienstfrei haben wolle, es genüge telephonische Verständigung, denn mein pflichtbewusstes und hilfsbereites Arbeiten verdiene Anerkennung. Ich unterlag diesen Schmeicheleien und blieb.

Palm, der erfahren hatte, dass ich weg wollte, hatte Vorsehung gespielt und von dieser Absicht Herrn Oberregierungsrat Dr. Jung und Ökonomierat Walter verständigt gehabt.

jetzt kommentieren? 20. Februar 2009

Justus Geiß (1882-1965): Lebenserinnerungen (4)

Der »passive Widerstand«
Die Jahre 1923-1925

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Wenn ich abends mal ausging, kam ich in der Regel nicht weiter als in das Gasthaus Zur Pfalz, das auch Stammlokal von Herrn Mees und etlicher Handwerksmeister war. Zeitweise erschienen dort auch Herr Oberregierungsrat Dr. Jung und Herr Ziegler wie auch mein Nachbar Kaufmann Duttlinger.

Im Februar 1923 war Mees einmal wieder hochpatriotisch in Fahrt, schlug auf den Tisch und meinte: »Mein halbes Vermögen gäbe ich her, wenn die Franzosen draußen wären!« Kaum war das letzte Wort verklungen, steckte der französische Gendarm Minier den Kopf zur Tür herein. Da zog es Mees vom Stuhl hoch: »Wen suchen Sie denn, Herr Minister?« Der schloss still wieder die Tür.

Wenige Wochen später wurde der »passive Widerstand« erklärt und Fritz Mees und Fritz Walter waren die Ersten, von den Franzosen über den Rhein Abgeschobenen. Die Familienangehörigen durften bleiben.

Von der Regierung in Speyer wurde bei mir angefragt, ob ich nicht bereit wäre, die Unterstützung für die Erwerbslosen auszuzahlen, was die Franzosen allgemein zu unterbinden suchten, und auch kein Geld mehr über den Rhein ließen. Ich erklärte mich zur Überweisung der Gelder an die Gemeindeverwaltungen bereit und, um die nötigen Mittel beschaffen zu können, schlug ich Herrn Dr. Jung vor, er möge meinen jungen Leuten zu Fahrten nach Kaiserslautern sein Dienstauto zur Verfügung stellen, weil dies ja kaum angehalten würde. Das wurde mir natürlich verweigert, und Herr Oberregierungsrat Dr. Jung ließ sich in meinem Zimmer, in dem die Unterredung stattfand, zu der Bemerkung verleiten: »Hätten Sie die Finger davongelassen! Es geht ja doch schief.«

Es wurde von einem Schwätzer mitgehört und sollte später nochmals eine Rolle spielen. Dann meinte er, die jungen Leute könnten doch auch per Rad nach Kaiserslautern oder Ludwigshafen fahren, und tatsächlich waren unser Lorch und unser Mattern sofort dazu bereit.

Diese beiden Freiwilligen hatten hinter meinem Rücken auch schon eine andere heikle Angelegenheit eingefädelt. Sie hatten mit Förster Förster (Förster hieß er und Förster war er) einem Draufgänger, der später die Separatistenfahne vom Bezirksamtsgebäude stahl, vereinbart, die Gelder, die dieser für an verschwiegene Bauern verkauftes Holz vereinnahmen würde, nachts an vereinbarten Stellen in Empfang zu nehmen, und die Sparkasse würde es auf ein Konto bei der Staatsbank in Würzburg gutschreiben lassen. Forstmeister Blättner war auch ausgewiesen worden. Die Franzosen hatten einen Waldhüter bestellt (Anderhuber, nun Anderhueber), der das Holz verkaufen sollte und mit ihnen abrechnen. Der Verräter wagte sich aber wohl kaum in den Wald und konnte nur an Separatistenfreundliche verkaufen. Viele Bauern, die von Förster kauften, kamen dadurch in den Geruch, auch Separatisten zu sein, und mussten doch schweigen.

Als ich von Heidelberg wegfuhr, löste ich abends kurz vor zwölf Uhr
meine Karte nach Leipzig, die 200.000 Mark kostete. Als ich am Morgen
aus Neugier fragte, was ich nun bezahlen müsste, hieß es 600.000 Mark.

Mattern und Lorch hatten nun eine schwere Zeit! In der Regel holten sie Geld bei der Girozentrale Kaiserslautern. Fahrt über Johanniskreuz, wohl noch bei Tag hin, aber nachts zurück. Um die Holzgelder in Empfang zu nehmen, wurden nächtliche Treffpunkte an Hohe Derst, Drei Eichen, Marienlinde, Silzer Lind usw. vereinbart.

Rucksackwechsel: So viel ist’s, und es hat immer gestimmt. Die Gelder kamen nachts zwischen zwölf und zwei Uhr in den Kassenschrank, und am Morgen standen die beiden wieder an ihren Plätzen.

Doch nicht immer langte das Geld, um die Erwerbslosen rechtzeitig zufrieden zu stellen. Zuerst bemängelte das Bezirkstagsmitglied Hauck von Rohrbach unsere vermeintliche Lässigkeit in einer Bezirkstagssitzung. Seine Äußerungen waren derart verletzend, dass ich zuerst einmal die Sitzung verlassen und mich beruhigen musste. Und dann ernannte ich ihn zum Geldbeschaffer. Da konnte er ja nicht ausweichen. Also wurde der Herr Schneidermeister Hauck von mir ermächtigt, Gelder zu beschaffen, wo es zu erreichen sei. Aber er kam leer zurück. Ja, wenn ich Bezirkstagsmitglied geschrieben hätte, dann… Also erhielt das Bezirkstagsmitglied den Auftrag. Aber auch das Bezirkstagsmitglied hatte keinen Erfolg, vielleicht weil die Kassen bei einer Kontrolle des Hauck durch die Franzosen befürchteten, dass er die Zweckbestimmung der Gelder verraten und sie somit selbst gefährden könnte. Nun kam es trotzdem wieder einmal zu einem Auflauf vor der Sparkasse mit großem Murren. Da musste der Sprecher der Erwerbslosen in den sauren Apfel beißen und die Fahrten unentgeltlich mitmachen.

So ging es gut bis Mitte September 1923. Da standen eines Morgens gegen zehn Uhr plötzlich zwei Franzosen vor mir und forderten von mir die Herausgabe von 2,5 Milliarden Mark Erwerbslosengelder. Ich versicherte natürlich, einen solchen Betrag nicht zu haben, und verweigerte die Herausgabe aus Sparkassenmitteln, was ja verboten sei. Es ist merkwürdig, wie wortreich man sein kann, wenn man in der Zange steckt. Bald gesellte sich ein dritter Gendarm hinzu. Sie hatten zu dritt zuerst bei Inspektor Bouquet nachgeforscht und dort, wie dieser mir später erzählte, die Erwerbslosenliste auf seinem Tisch entdeckt. Da hatte er die Zahlstelle preisgegeben. Nach halbstündigem Hin und Her hieß es, Geld oder Verhaftung und Schließung der Kasse. Da musste ich zahlen, weil die Folgen bei Schließung der Kasse nicht abzusehen waren.

Wenige Tage danach erschien der »rechtsbeflissene« T., ein Spitzel der Franzosen, mit der Frage: Wie ich mich zu den Separatisten stellen würde, wenn sie die Kasse besetzten? Ich bemerkte, dass es für mich eine solche Frage nicht gäbe, worauf er tückisch äußerte: »Sie werden doch Ihre Familie nicht unglücklich machen«, und verschwand.
Der junge Koch, bei dessen Vater Separatisten in der Wirtschaft verkehrten, ließ mich wenig später durch unsern Lorch warnen, dass die Separatisten tatsächlich die Kasse besetzen wollten. Wir schafften das Geld aus dem Weg, aber sie kamen doch nicht.

Dagegen erschien am 5. Oktober 1923 der französische Gendarm Minier bei mir mit dem Ausweisungsbefehl für mich und meine Familie. Mein Abtransport sollte sofort geschehen, die Familie nach vier Tagen folgen müssen. Minier hatte ein gutes Herz und versicherte mir: »Ich nix dafür kann!« Bis zum Eintreffen des Lastwagens schickte er mich zum Packen zu meiner Familie, während er sich in den Schalterraum setzte. Mit ausgewiesen wurde Herr Ziegler, zu dem Gendarm Krämer geschickt worden war. Von Ziegler hörte ich, dass dieser ihm bis zum Erscheinen des Lastwagens nicht mehr von der Seite gewichen sei.

Wir wurden in die Kaserne an der Weißenburgerstraße in Landau verfrachtet und mussten dort von morgens elf bis abends acht Uhr sitzen. Gegen zwei Uhr nachmittags bat Ziegler, ihm wenigstens etwas Essen zu holen, was Streit unter den französischen Offizieren auslöste. Der eine wollte etwas holen, der andere sagte nein, worauf der erste sein Käppi aufsetzte und nicht mehr erschien. Abends acht Uhr wurden wir zum Bahnhof gebracht, wo wir etwas essen durften. Begleitmannschaft: ein Unteroffizier und zwei schwarze Soldaten. Mit diesen fuhren wir mit der Eisenbahn nach Germersheim, wo nochmals zwei französische Gendarmen zu uns stießen. Diese Fünf brachten uns zwei Männle über die Rheinbrücke, wobei ein Schwarzer von jedem von uns einen Koffer tragen durfte, und über der Brücke wurden wir in die Dunkelheit laufen gelassen. Gegen elf Uhr vielleicht kamen wir in Rheinsheim an, übernachteten mit vielen anderen Ausgewiesenen in einem Saal und fuhren am nächsten Morgen Ziegler nach Karlsruhe, wo er ein Filialgeschäft unter Leitung seines Sohnes betrieb, und ich nach Heidelberg.

Meine Frau hatte noch am Tage meiner Ausweisung ihre Eltern verständigt, worauf die Schwiegermutter angereist kam und einen in der Aufregung wenig beachteten kleinen Schlaganfall erlitt, der am 17. November 1923 zum Tode führte. Infolge dieser Krankheit mit Todesfolge wurde meine Familie nicht ausgewiesen.

Von Heidelberg fuhr ich nach Leipzig bzw. Böhlitz-Ehrenberg zu Schwager und Schwester meiner Frau, um zu sehen, ob meine Familie dort unterkommen könnte, denn Heidelberg war mit Ausgewiesenen stark besetzt, und nur die Herren Oberbürgermeister von Großstädten bekamen Vergünstigungen über ein Tagegeld hinaus. Ein Beispiel: Weingutsbesitzer Lorch war auch ausgewiesen und hörte, dass ein Obersowieso Wohnzimmer und Küche, d. h. Geld zum Kauf von der Regierung bekommen hatte. Da wandte er sich an den Betreuer der freien Berufe, Herrn Oberregierungsrat Fritz (der mein zweiter Chef in St. Ingbert und als Vorstand des Finanzamts Neustadt ausgewiesen worden war) und bat ihn um Geld für ein Paar Hosen. Er wurde abgewiesen. Dafür sei kein Geld da. Nun verwies Lorch auf die großzügige Bewilligung für den Herrn Ob. Da lachte Herr Fritz und meinte: »Ja, der war auch kühner wie Sie!« –  das heißt, er hatte sich direkt an den Herrn Präsidenten Mathäus gewandt.

In Leipzig herrschten die Kommunisten. Es war dort so ungemütlich wie in der Pfalz mit den Separatisten. Am 20. Oktober rückte wohl Reichswehr ein, aber mein Tagegeld kam so verspätet, dass ich der Überweisungsstelle, als sie mir erstmals schrieb, sie habe, weil ich so weit weg sei, mein Wochengeld früher als üblich abgeschickt, antworten musste, dass ich für die Fürsorge wohl danken müsste, aber mit dem ganzen Geld hätte ich mir gerade noch ein Paar Schuhnestel kaufen können. Zum Glück bekam mein Schwiegervater, der sich damals auch in Bergzabern aufhielt, seine Geschäftsmiete von seinem Sohn in Franken (Homburg-Saargebiet), so dass davon auch für mich etwas abfiel. Die Geldentwertung war damals ja aufs Höchste gestiegen. Als ich von Heidelberg wegfuhr, löste ich abends kurz vor zwölf Uhr meine Karte nach Leipzig, die 200.000 Mark kostete. Als ich am Morgen aus Neugier fragte, was ich nun bezahlen müsste, hieß es 600.000 Mark.

»Die Hakenkreuzler haben die Regierung gestürzt!«

Ich kehrte also wieder nach Heidelberg zurück und nahm mit verschiedenen Bergzabernern, Lorch, Fräulein Kärner & Jahnke usw. am 6. November 1923 an einer Versammlung der freien Berufe teil, die von einem Regierungsbeamten einberufen worden war. Der Vertreter des Reiches mahnte: Jeder solle versuchen, zurück über den Rhein zu kommen, denn man könne den Unterhaltsbeitrag bald nicht mehr zahlen. Das löste einen Sturm aus. Rufe: Sollen wir es machen wie der und jener Lump, die sich den Franzosen und Separatisten in die Arme geworfen haben? Der bayerische Vertreter wiederum suchte zu beschwichtigen, so dürfte es natürlich nicht sein. Aber abends beim Bier im Perkeo meinte der Reichsvertreter doch wieder: »Am besten ist’s, sich eine blauweißrote Kokarde an den Hut zu stecken und über den Rhein zu marschieren.« Unser größter Patriot (Mees) handelte ähnlich, und das war dann auch wieder verkehrt. Nur eine fortgeschrittene Krankheit (Krebs) bewahrte ihn vor Kerker und Prozess.

Weil über die Ausweisung oder den Verbleib meiner Familie immer noch keine Klarheit herrschte, entschloss ich mich, nach Partenkirchen zu Bruder und Schwägerin meiner Frau zu fahren, um dort eine Unterkunft für alle Fälle zu suchen. Am Morgen des 8. November kam ich in München an und verständigte meinen »Betreuer«, wohin er mein Tagegeld überweisen solle, und bekam zum ersten Mal neben Billionen auch Rentenmark.

Die Münchener Kost verursachte bei mir immer veränderten Blutdruck, was sich durch Schmerzen an meinem Beinstumpf und durch Nasenbluten äußerte. Am Abend dieses Tages ging ich darum schon um acht Uhr zu Bett. Gegen zehn Uhr erklangen Soldatenlieder und man hörte den Schritt vieler Marschierer. Ich wohnte im Roten Hahn am Stachus für RM 1,50 die Nacht, so billig fing es an.

Am Morgen lag Schneematsch. Reichswehroffiziere fuhren gerade vorbei, als ich um sieben Uhr die Straße betrat, und warfen Flugblätter aus ihren offenen Wagen. Auf meine Frage hieß es: »Die Hakenkreuzler haben die Regierung gestürzt!« Ein altes Mütterchen, das mir entgegenkam, blieb vor mir stehen und meinte: »I hob nix mehr zu verlier’n und nix mehr zu g’winnen, aber Gott sei Dank, jetzt wird’s anders!«

Gegen 11 Uhr vormittags fuhr ich nach Garmisch, und in den gleichen Zug stieg ein Trupp Reichswehr ein. »Meine Regierung hat mir befohlen, dem Herrn Oberst Gehorsam zu geloben.«

»Meine Regierung hat mir befohlen,
dem Herrn Oberst Gehorsam zu geloben.«

Als wir bei wärmstem Wetter nachmittags auf dem Balkon saßen (Schwägerin, Schwager und Nichte), war eine große Unruhe unter der Bevölkerung bemerkbar. Die Nichte verschwand, um Erkundigungen einzuziehen, und bald wiederzukommen mit der Nachricht, dass der Putsch in München missglückt wäre, der und jener verwundet oder über die Grenze sei usw. Die Reichswehr war von der Bürgerschaft von Garmisch-Partenkirchen freudig begrüßt worden. Sie besetzte das Bezirksamt, ohne in den Betrieb weiter einzugreifen. Die Menschen schleppten Betten, Esswaren, Getränke herbei, »und wenn die Herren noch was wünschen!…«

Da kam die Schreckenskunde, und die armen Soldaten wurden scheeler angesehen wie bei uns in der Pfalz die Separatisten. Bürgermeister von Partenkirchen und Garmisch sicherten mir zu, dass sofort eine Wohnung bereitstände, wenn meine Familie noch kommen sollte. Nun wurde mir eine Stelle als 2. Beamte bei der Sparkasse in Nürnberg angeboten, oder ich könnte auch eine Stelle als Bezirksamtsoberinspektor bekommen. Misstrauisch geworden durch die Bemerkungen in der Heidelberger Versammlung, lehnte ich beides ab. Ich hielt die Gesellschaft für fähig, uns sitzen zu lassen, wenn die Franzosen es forderten.

Aber ich wollte doch wieder zurück. Durch das viele Fleisch und kaum Gemüse war mir das Gehen sehr erschwert, und schließlich wurde dadurch meine Prothese schadhaft. Am 28. November nahm ich Abschied von Partenkirchen, übernachtete für RM 1,50 im Deutschen Kaiser in München und kam am nächsten Abend in Karlsruhe an. Weil mir das Laufen Schmerzen verursachte, übergab ich meine Koffer einem Dienstmann mit der Bitte, mich in das nächste Hotel oder eine gute Gaststätte zu bringen. Er brachte mich in die Wirtschaft Zum Albtal, eine Fuhrmannskneipe. Essen widerstand mir vor Ekel. Wenn nur das Bett erträglich ist, war mein Stoßseufzer. Ich musste das Übernachten mit 1,25 RM vorausbezahlen und die Wirtin brachte mich ins Zimmer. Neuer Schreck wegen des Aussehens des Raumes. Die Wirtin verschwand. Ich schlug das Bett auf und nahm meine Koffer. Ich konnte laufen!

Unten hieß es: »Ja, wollen Sie wieder fort? Ich geb Ihnen Ihr Geld zurück.«
»Behalten Sie’s«, schrie ich und war draußen. Da stand ich auch gleich vor einem Hotel Europäischer Hof. Balkonzimmer kostete die Nacht 6 Reichsmark.

Am nächsten Tag nistete ich mich im Karpfen ein, der gerade umgebaut wurde. Er war damals schon übermodern, weil mein Zimmer Tapeten mit drei verschiedenen Farben hatte, die teilweise herabhingen. Im Zimmer hatte ich einen Koksofen und bezahlte für die Herrlichkeit pro Tag 2,99 RM. Dort verblieb ich bis Mitte Dezember und musste dann ins Diakonissenkrankenhaus, weil eine Wunde, die ich mir auf dem Nachtmarsch am 5. Oktober zugezogen hatte, ungemütlich zu werden begann. Die Abende hatte ich bis dahin mit Herrn Ziegler und Eisenbahndirektionsrat Lang gewöhnlich bei Monninger oder auch im Kreise der Familie Ziegler zugebracht.

Im Krankenhaus erbat ich mir ein Bad, was vom Geheimrat verweigert wurde. Schließlich wurde ich dadurch so gereizt, dass ich eines Abends bat, der 61-Jährige Herr Geheimrat möge mir verzeihen, aber ich müsse sagen, seine Behandlung käme mir vor, wie wenn ich eine Maus im Hause hätte, stopfe das Loch mit Glasscherben zu und bilde mir ein, die Maus sei gefangen. Bei meiner Behandlung im Krankenhaus Frankenthal als 21-Jähriger hätte ich täglich oft eine halbe Stunde im Bad gelegen. Er meinte, das verstünde ich nicht, aber am nächsten Morgen kam die Oberin, Freiin von Egglofstein, und rief: »Sie haben gesiegt!« Ich bekam ein Bad.

Am 23. Dezember wurde mir ein Telegramm der Regierung zugestellt, dass die Franzosen mir einen Aufenthalt von vier Wochen in der Heimat bewilligt hätten. Ich hätte mich an die Fürsorgestelle in Mannheim zu wenden und dort nähere Weisungen entgegenzunehmen. Abends erschien unser damaliger Lehrling Hugo Hengen bei mir, von Karch geschickt, um mir zu helfen. Er übernachtete im Karpfen, und am nächsten Morgen fuhren wir nach Mannheim. Dort wurden meine Papiere für die französische Kommandantur in Speyer fertig gemacht und Hengen fuhr damit los, um den Passierschein zu holen. Aber die Franzosen jagten ihn davon: Es müsse ein naher Verwandter von mir kommen und um den Schein bitten. Hengen fuhr heim und ich nach Heidelberg. Denn bei der Fürsorgestelle war mir eröffnet worden, dass die Regierung von mir fordere, dem Oberst Faber in Bergzabern bei der Rückkunft einen Besuch zu machen und ihm Gehorsam zu geloben.

Ich wollte bei der Regierung im Klingenteich gegen diese Zumutung am 27. Dezember protestieren. Mein erster Besuch galt dort Regierungsrat Alexander, den ich von der Schule in Winnweiler her kannte. Aber dieser lehnte eine Stellungnahme ab und deutete lächelnd nach oben. Also ging ich zum Präsidenten Mathäus. Als ich ihm gesagt hatte, dass ich niemals dem Oberst Faber Gehorsam leisten würde, sprang er auf und stieß mir vor die Brust: »Das müssen Sie, und kommen Sie mir nimmer rüber!«

Geringschätziges Lachen von mir: »Das liegt nicht in meiner Hand. Wenn die Separatisten die Sparkasse besetzen, wie schon mal beabsichtigt…«
»Da müssen Sie protestieren!«
Ekel stieg mir auf: »Habe ich schon mitgemacht!«
»Kommen Sie mir nimmer rüber!«

Ich dachte an Regierungsdirektor Stähler, den die Franzosen monatelang eingesperrt hielten. Und hier ein fader Spruchmacher.

Nach Mannheim ins Hotel Union zurückgekehrt, fand ich Regierungsrat Krebs und Oberinspektor Doll, beide vom Finanzamt Bergzabern als Mitbewohner. Meine Frau hatte hernach den Bittgang zu den Franzosen in Speyer gemacht, und am 7. Januar 1924 konnte ich wieder pfälzischen Boden betreten. Am 9. Januar wurde der Separatistenhäuptling Heinz von Orbis im Wittelsbacher Hof in Speyer von Studenten erschossen. Da war vorerst nicht an einen Besuch bei Oberst Faber zu denken. Ich verschob ihn bis Ende Januar oder Februar.

Ich meldete mich bei Kapitän Ludmann, dessen Frau eine Einnehmerstochter von St. Ingbert war, der ich in meiner St. Ingberter Zeit fast jeden Morgen im Vorbeigehen den Morgengruß zunickte, wenn sie ihre Zimmer in Ordnung brachte. Bei Begegnungen hier hatte ich natürlich auch immer gegrüßt, wodurch Ludmann mich kannte. Beim Betreten des Oberstenzimmers setzte Faber, der in Zivil war, sein Käppi auf und wetterte sofort über die Mörderbande in Heidelberg los. Als er geendet hatte, sagte ich: »Meine Regierung hat mir befohlen, dem Herrn Oberst Gehorsam zu geloben.«

Sofort platzte er los: »Und wenn die Mörderbande befiehlt, nicht zu gehorchen, gehorchen Sie eben nicht!«
Achselzucken, Verbeugung und Abtreten. Ludmann riet mir, nochmals einige Wochen zu warten und dann erst ein Gesuch um dauernden Aufenthalt einzureichen, eine Begründung würde ich dann doch wohl finden. Ich befolgte seinen Rat und begründete meinen Antrag mit der Wunde am Bein, die ich mir am Abend des 5. Oktober zugezogen hatte, und die sieben Jahre nicht zuheilen sollte.

Von Karch hatte ich erfahren, dass er die Herren Finanzrat Arras und Geistlichen Rat Breitling gebeten hatte, sich für meine Rückkehr bei den Franzosen zu verwenden. Die Dankbesuche bei diesen Herren fielen mir leichter als der Gang zu Oberst Faber. Herr Oberregierungsrat Dr. Jung hatte schon am 6. Oktober 1923 bei der Regierung im Klingenteich, Heidelberg, angerufen, wo ich gerade anwesend war, und mir versichert, dass er sich für meine Rückkehr einsetzen würde. Voller Patriotismus war mein Ruf: »Aber nichts zugestehen, was gegen meine Ehre geht!« Vielleicht hatte ich ihn dadurch verschnupft.

Es dürfte am 23. Februar 1924 gewesen sein, als ich abends im Schwanen allein am Stammtisch saß, während an den anderen Tischen gekartet wurde. Da kam Postbeamter Koch und setzte sich zu mir und flüsterte, dass in Pirmasens ein Kampf gegen die Separatisten im Gange sei und das Bezirksamtsgebäude brenne. Er trank sein Glas rasch aus und verschwand wieder, um eine Stunde später nochmals zu kommen und zu erzählen, dass der Separatistenführer Schwab, als er aus dem brennenden Bezirksamtsgebäude flüchten wollte, von der erregten Menge in die Flammen zurückgeworfen worden sei, weil ein Arzt, der einen Verwundeten auf der Straße verbunden hätte, von einem Separatisten erschossen worden ist. Von Regierungsrat Heintz wusste ich, dass sein Kollege Stempel von Pirmasens wenige Wochen zuvor ihn eines Sonntags sprechen wollte, damit er in Bergzabern einen Aufstand inszeniere. Er war ihm ausgewichen und hatte durch die Hintertür seiner Wohnung die Flucht ergriffen, als Stempel an der Haustür klingelte. Stempel hatte seine Frau nach Bekannten ihres Mannes gefragt, die ihm Bäckermeister Junker nannte.

Für den 24. Februar war von Heintz und mir eine Fahrt nach Ludwigshafen, Heidelberg und München vereinbart, und zwar mit der Eisenbahn. Am Morgen sagte ich meinen Leuten noch, sie möchten sich an einem Aufstand, wenn er kommen sollte, nicht beteiligen. In einer anderen Stadt sei am Vortag nach meinem Dafürhalten genug geschehen.
Hatte Heintz vom Tag des Aufstandes gewusst und deshalb die Fahrt an diesem Morgen vorgeschlagen? Er sprach hierüber nichts zu mir. Junker aber hatte zu handeln versucht. Der Auflauf in Bergzabern jedoch wurde durch anreitende Spahis auseinander getrieben. Bäcker Junker, sein Sohn, Karl Kuhr und Correl Heiner von der Wappenschmiede wurden von den Franzosen als Rädelsführer verhaftet und Wochen oder Monate gefangen gehalten. Kaum waren wir zurück, wurde ich von den Franzosen über unsere Reise verhört und insbesondere, was Heintz dabei zu tun hatte. Als verräterischen Lumpen betrachtete ich den »rechtsbeflissenen« T., der beim Bezirksamt beschäftigt wurde.

Die traurigen Augen einer Frau werde ich nie vergessen, die sie bekam,
als ich ihr sagen musste, ich könne ihr den gewünschten Kredit nicht gewähren.

Während der Inflationsjahre hatte die Geschäftswelt von Bergzabern großen Zuspruch von Elsässern, wobei teilweise auch der Franc eine Rolle spielte. Bei der Währungsumstellung hatten nur wenige Reservelager und kamen dadurch gleich wieder in erhebliche Schulden. Mancher Geschäftsmann wollte sich nun von der Volksbank lösen, aber die Sicherheiten, die wir für Kredite verlangen mussten, reichten vielfach nicht aus. Blankokredite durften damals nur bis zu RM 300 gewährt werden. Die traurigen Augen einer Frau werde ich nie vergessen, die sie bekam, als ich ihr sagen musste, ich könne ihr den gewünschten Kredit nicht gewähren.

Die Elsässer blieben nun aus, der Umsatz stockte, wodurch Neid und Hass sich einnisteten. Früher hatten viele Handwerker noch Rückhalt an Weinbergen, aber die Zahl derer war nur noch gering. Diese Umstände drängten mich dazu, bei der Stadt eine stärkere Werbung für den Kurbetrieb zu fordern. Insbesondere müsste diese Werbung auch der Wahrheit entsprechen. Die »Kurfremden«, wie man sagte, dürften nicht als Ausbeutungsobjekte angesehen werden. Ein Lesezimmer dürfte nicht vorgelogen werden, sondern müsse vorhanden sein, ein Tennisplatz nicht vergrast sein usw. Aber dazu meinte der Herr Obersekretär Blumröder, der so gewissenhafte: »Wir haben noch andere Sorgen!« Dass ein Raum, der als Lesezimmer geeignet ist, zu finden wäre, bezweifelte er. Zwei Stunden später konnte ich ihm einen anbieten, und da fiel der obzitierte Spruch.

Nun wandte ich mich an die Bezirkstagsmitglieder: Sie möchten mir RM 1.500 bewilligen für die Einrichtung eines Lesezimmers in der Pfälzer Weinstube, das von Kurgästen und im Winter von Klein- und Sozialrentnern ohne Trinkzwang besucht werden könnte. Sie bewilligten ohne weiteres. Ich legte die damals besten Monatsschriften darin auf: Die Bergstadt, Der Türmer, Hochland, Vellhagen & Klassings Monatshefte, Westermanns Monatshefte, die von den Franzosen verbotenen Süddeutschen Monatshefte und dann noch Gartenlaube und Reclams Universum.

Nach einem Jahr forderte ich von der Stadt, im Sommerhalbjahr die Kosten zu tragen, was sie auch tat. Aber im nächsten Sommerhalbjahr kam der große Egoismus wieder zu seinem Recht: Die Monatsschriften wurden abbestellt und nur geschenkte Tageszeitungen aufgelegt, Zeitungen, die die Kurgäste ja auch in ihren Unterkünften fanden oder sich nachschicken ließen. Und dabei war der Bürgermeister ein Oberlehrer!

Von drei Lesezirkeln mit je 15 Personen, die ich ins Leben gerufen hatte, gingen zwei bald wieder ein, während der dritte bis 1933 fortbestand. Als der Bade- und Schwimmverein durch Schuhhändler Frank ins Leben gerufen war, übernahmen schließlich unser Mattern von der Sparkasse als Schriftführer und ich als Rechner die ganzen Arbeiten und Planungen.

Im Frühjahr dieses Jahres bekam ich auch meinen Dank für die Übernahme der verschiedenen Kassen ohne Bezahlung, so dass der Bezirk doch allerlei Gelder sparte. Man stufte mich eine Gruppe tiefer ein, als ich bisher war. Das tat ein armseliger Schreiber und ich erkundigte mich nicht mal, ob Oberregierungsrat Dr. Jung und die Bezirkstagsmitglieder etwas davon wussten, denn zur Bezirkstagssitzung war ich erstmals nicht geladen worden. In Bergzabern waren die Menschen damals wirklich arm und verschuldet, so dass ich mich einige Jahre weigerte, eine Aufwandsentschädigung anzunehmen, bis sie Herr Revisionsdirektor Fickeisen in einer Sitzung erzwang. Heute ärgere ich mich, dass ich so einfältig war und auch später nicht die Einreihung in die frühere Gruppe forderte. Denn heute sind die Bergzaberner Besitzende, wie sie Bernanos sah: Die Höflichkeit ist heute nicht mehr der Ausdruck einer menschlichen Haltung, einer Lebensauffassung. Sie wird zunehmend zu einem System von Riten, deren ursprünglicher Sinn längst entfallen ist, zu einer festgelegten Abfolge von Grimmassen, Kopfbewegungen, Glucksern, genormten Lächeln – gemeinsamer Abzeichen einer durch die gleiche Gymnastik dressierten Sorte von Bürgern. Hunde haben ähnliche Verhaltensweisen untereinander – selbstverständlich nur unter sich. Selten werdet ihr beobachten, dass ein Hund den Hintern einer Katze oder eines Schafes beschnuppert. Genauso verhält es sich mit dem Höflichkeitsgetue meiner Zeitgenossen: Sie vollführen ihre Gestikulationen ebenfalls nur in Gegenwart von Angehörigen ihrer Klasse.

Der Sohn eines armen Schluckers von Handwerkers der 20er Jahre meinte vor Jahresfrist zu mir: Ich sei mir gleich geblieben und hätte keine Schätze gesammelt wie andere, und er hat wahr gesprochen. Aber solch Besitzender, wie diese Sorte, möchte ich nicht sein. Gegen diese Aufgeblasenheit war mein früheres Bedauern und Zurückstehen fehl am Platze.

Im Jahre 1921 war ein neuer Baumeister angestellt worden, der auch den Titel Baurat erhielt, wie ihn sein Vorgänger hatte. Nun meinten manche Bezirkstagsmitglieder, ein solcher »Rat« müsse auch für mich zu finden sein. Diese Titelsuche währte bis 1929. Man fand den Finanzrat oder Rechnungsrat für anwendbar. Ich winkte stets ab, wie auch den Direktorentitel. Zu meinem 60. Geburtstag wurde er mir unter Beistand von Fickeisen aufgezwungen, aber ich blieb gleichwohl der »Herr Verwalter«. Und das mit gutem Grund. Als ich hierher kam, gab es wohl Familien Bock, aber Geiß? Das auszusprechen schien etwas schwer, und wenn mal die Rede auf eine vierbeinige Geiß kam, fing das Stottern an, und es kam eine Ziege heraus. Also wurde ich der »Herr Verwalter« und meine Frau die »Frau Verwalter«, ohne dass jemand einen roten Kopf bekam.

Im Jahre 1924 schloss ich mich der Deutschen Volkspartei an, der Partei der »Fritze«. Als die Stadtratswahl anstand, lehnte ich jedoch ab, mich auf die Liste setzen zu lassen, besonders, nachdem H. fordern ließ, als Stadtratskandidat aufgestellt zu werden, aber nicht wagte, selbst zu den Besprechungen zu erscheinen, denn es lagen allerlei Beschuldigungen gegen ihn vor. Aber schließlich waren die Menschen bei der Volksbank verschuldet und er der Herr der Bank.

jetzt kommentieren? 19. Februar 2009

Justus Geiß (1882-1965): Lebenserinnerungen (5)

Die Erbohrung einer Heilquelle in Bergzabern
Die Jahre 1926-1929
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In Ingenheim hatten wir eine Zweigstelle eingerichtet, die ich des Öfteren selbst offen hielt. Veranlasst durch ein Gespräch mit Ingenheimer Geschäftsleuten bei einem Abendschoppen, erstrebte ich eine Postomnibusverbindung von Bergzabern-Ingenheim-Landau und zurück, wobei Ökonomierat Walter die Unterschrift hergab. Heller Aufruhr der Bergzaberner Geschäftswelt. Die Bahn erhob Einspruch. Weiter erstrebten wir ein drittes Autopaar nach Schweigen und zurück. Man fürchtete, dass dadurch die Bevölkerung von Bergzabern und Umgebung noch schneller in die Großstädte kämen. Die Autobuslinie Bergzabern-Ingenheim wurde auch wieder eingestellt, weil sie zu dieser Zeit kein Mensch benützte. Und heute? 12 Autopaare laufen auf der Strecke Landau und zurück und ebenso Schweigen und zurück; und die Bergzaberner Kaufleute sind noch nicht verhungert.

Zu dieser Zeit erstrebte man auch einen Straßenbau von Schweigen gegen Rumbach, um den Winzern und Bauern, die gewohnt waren, im Westrich Heu und Stroh zu kaufen, den beschwerlichen Weg über Weißenburg zu ersparen. Das Gesuch um Bewilligung der Herstellungskosten in Höhe von 600.000 RM musste ich auch anfertigen, aber es blieb erfolglos.

Für den Krankenhausneubau und für den Bau einer Landwirtschaftsschule erbaten wir Zuschuss. Das Gesuch für ersteren Bau verfasste ich, für den letzteren Landwirtschaftsdirektor Müller.

Eines Morgens kam Herr Oberregierungsrat Dr. Jung in seiner etwas hastigen Art in mein Zimmer: »Wir haben 100.000 Mark Zuschuss bekommen. Jetzt bauen wir ein Krankenhaus!« Er hatte die Tür offen stehen lassen. Nun kam’s dahinter hervor: »Um Gotteswillen!«

Ich schloss die Tür und nun standen sich Dr. Jung und Ziegler einander gegenüber, die seit 1923 wegen einer ungeschickten Bemerkung Zieglers verfeindet waren. Kurzes Anstarren. »Gut, bauen wir eine Landwirtschaftsschule!« und fort war Dr. Jung. Ziegler war im Krankenhausausschuss, und weil dort im Jahr zuvor die Warmwasserheizung eingebaut und der Operationssaal renoviert worden war, kam ihm ein Neubau ungeheuerlich vor. Wenn ein neues Krankenhaus gebaut worden wäre, sollte die Landwirtschaftsschule in das alte Krankenhaus kommen. Aber davon wusste kaum jemand, weil man Landwirtschaftsdirektor Müller nicht vorzeitig verschnupfen wollte.

Nun galt es, den richtigen Bauplatz für die Landwirtschaftsschule zu finden. Herr Müller plädierte für einen Bau zwischen Erholungsheim und Weißenburger Straße. Dr. Jung wohnte damals im nunmehrigen Café Heist und fand, dass es dort im Winter schrecklich kalt und windig sei. Karch und sein Schwager Hüther hatten gerade zu der Zeit Bauplätze an der Zeppelinstraße gekauft und wussten, dass dort noch mehr Plätze zu haben waren. Karch, von jeher ein Geschäftemacher, schlug vor, dass sie ihre Bauplätze abgeben würden, wenn der Wingert von Kimmle Julius d. Ä. vom Bezirk erworben werden könnte, der noch für eine Landwirtschaftsschule benötigt würde.

Als wir an einem Nachmittag gerade auf dem Baugrundstück Karchs standen und Pläne schmiedeten, kam Kimmle Julius jr. vorbei und meinte: »Das wäre ein Platz für die Landwirtschaftsschule.«

Noch am gleichen Tag kaufte Karch den Wingert des alten Kimmle. Dann erst wurde Herr Oberregierungsrat Dr. Jung verständigt. Karch und Hüther übertrugen ihre Bauplätze dem Bezirk und die Landwirtschaftsschule wurde dort errichtet. Kimmle Julius jr. erzählte später, sein Vater sei wie rasend im Büro auf- und abgerannt, als er hörte, dass sein Wingert für den Bezirk gekauft worden sei, dem er natürlich eine viel höhere Kaufsumme abgefordert hätte.

Im Jahr 1927 gründete ich eine Jugendwandergruppe mit Bezirksamtmann Stölzl als Vorsitzendem und 1. Jugendführer. In den Räumen der Sparkasse erschallten oft abends Wandervogellieder, und es wurde auch musiziert unter Leitung von Herrn Grünauer als Primgeiger. Selbst Herr Völbel als Flötist tat mit. Mein Sohn Herbert und meine Tochter Anneliese wirkten auch mit, ersterer mit der Bratsche, letztere als Klavierspielerin. Das Orchester bestand aus 14 Spielern.

In diesem Jahr zog ich auch von Dorf zu Dorf und hielt Vorträge über die »Aufwertung«, wie man die Abwertung nannte. Ich verfasste Briefe für Menschen, die von Gläubigern betrogen werden sollten, führte sogar Prozesse, und brachte den Vetter des damaligen ehemaligen Landgerichtspräsidenten, der durch Prozesse »den Glauben an die Menschheit verloren hatte«, wie er mir klagte, wieder ins Gleichgewicht dadurch, dass ich seinen Gegner soweit brachte, auf einen Teil seiner Erbschaft zugunsten der Tante (Frau des Klägers) zu verzichten, weil er als Testamentsvollstrecker in den Inflationsjahren unklug gehandelt hatte.

Ich wurde ausgelacht.

Im Jahre 1924 war Schwester Rosa, Oberin des Kinderheims Emilienruh, auf der Suche nach Verbesserung der Wasserverhältnisse des Heims darauf aufmerksam gemacht worden, dass laut dem Roman Nonnensusel von August Becker in der Nähe des unteren Baues ein Brunnen bestanden habe. Sie hoffte, dass ein Wünschelrutengänger diesen ehemaligen Brunnen finden würde, und ließ den ehemaligen Oberstleutnant Heinemann von Bad Homburg kommen. Dieser gab einen Bohrpunkt an und bemerkte bei dieser Gelegenheit auch, dass in Bergzabern eine Therme zu erbohren sei. Das erwähnte er auch gegenüber Herrn Eich, wo er bei dieser Gelegenheit eingekehrt war. Ich erfuhr diese Äußerung von Schwester Rosa.

Herr Dr. Sieben wurde von Herrn Eich informiert. Darauf wendete sich Herr Sieben an Herrn Heinemann, um näher Angaben zu erhalten, und dieser antwortete am 4. Februar 1927, dass er bei der Ermittlung des Bohrpunktes für die Emilienruh auf dem Spaziergang in Bergzabern eine Therme mit Kohlensäure festgestellt habe, die aus dem Gebirge komme.

Er forderte für seine genauen Angaben RM 500 und RM 20 Tagegeld. Herr Dr. Sieben ließ diese Angelegenheiten ruhen.

Damals hieß es auch, Herr von Baginsky gen. Hoffmann auf Berwartstein sei irgendwo Mitinhaber einer Mineralquelle und vermute auch in Bergzabern eine solche. Als in der angesehenen Monatsschrift Der Türmer ein Artikel über den Wünschelrutengänger von Gräve aus Gernrode erschien, der ihm große Fähigkeiten zusprach, brachte ich dieses Heft im September 1927 dem Herrn Bürgermeister Popp und legte ihm nahe, diesen Mann kommen zu lassen. Herr Popp lehnte sofort ab, da für solche Zwecke kein Geld vorhanden sei.

Am 29. November 1927 stellte ich in der Ausschusssitzung des Bade- und Schwimmvereines den Antrag, RM 500-600 aufzuwenden, um zu ermitteln, ob tatsächlich eine Therme zu erbohren sei. Ich wurde ausgelacht. Aber am folgenden Tage kam Herr Lorch, Weingutbesitzer und Händler, zu mir mit der Frage, ob es mir mit meinem Antrag wirklich ernst gewesen sei. Nach Bejahung erbot er sich, RM 500 für den Zweck zur Verfügung zu stellen. Herr Popp wurde von mir verständigt und erklärte sich daraufhin bereit, die weiteren Kosten aus der Stadtkasse bestreiten zu wollen.

Am 2. Dezember 1927 besprach ich die Angelegenheiten mit Herrn Bezirksamtmann Stölzl, den ich als Vorsitzenden des Bade- und Schwimmvereins gewinnen wollte, und hörte dabei, dass man schon mit Herrn Heinemann in Verbindung gestanden habe, wie auch mit Herrn Baginsky.

Herr Stölzl wendete sich sofort wieder an Herrn Heinemann, und am 14. Dezember erschien er. Bei seinem Gang begleitete ihn nur die Herren Stölzl, Popp und Buch. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, mussten Herr Lorch und ich zu Hause bleiben.

Es wurde von Herrn Heinemann versichert, dass eine Therme in der Wiese von Fräulein Stephan zu erbohren sei, die neben dem Schwimmbadgelände lag. Die Mineralquelle sollte aus dem Hörbchen kommen. Herr Heinemann erhielt 558 RM, wovon Herr Lorch die versprochenen RM 500 prompt bezahlte, während Herr Popp sein Versprechen nicht hielt.

Am 11. Januar 1928 vormittags von 11-12 und nachmittags von 4-5 Uhr bemühte sich Herr Stölzl und ich beim Bürgermeister, dass er Bohrungen alleine durch die Stadt beschließe. Ich suchte in der Mittagsstunde auch die Vorsitzenden von Volkspartei und Zentrum auf, Schmitt und Kämmer, um dieses Ziel zu erreichen.

Auszug aus dem Sitzungsprotokoll des Stadtrates vom 11. Januar 1928:
Der Vorsitzende machte dem Stadtrat davon Mitteilung, dass durch den Wünschelrutengänger Oberstleutnant a. D. Heinemann aus Homburg v. d. H. auf dem Schwimmbadgelände eine unterirdische Quelle in einer Tiefe von etwa 120 m festgestellt worden sei, die nach dessen Angaben warmes Wasser liefern würde und salz- und eisenhaltig sei.

Der Bade- und Schwimmverein verspricht sich von der Erbohrung der Quelle einen Aufschwung des hiesigen Kurbetriebes und knüpfte nun an die Geländeübergabe die Bedingung, dass die Stadt sich verpflichtet, innerhalb eines Jahres die Bohrungen vorzunehmen.
Der Stadtrat nahm von dieser Mitteilung Kenntnis und ist damit einverstanden, dass in den notariell Übereignungsvertrag ein Passus mitgenommen wird, dass die Stadtgemeinde Bergzabern sich verpflichtet, innerhalb eines Jahres die erforderlichen Schritte zur Erbohrung fraglicher Quellen zu unternehmen.

Man beachte: Der Bade- und Schwimmverein verspricht sich einen Aufschwung des Kurbetriebes durch eine Quelle – die Stadtverwaltung anscheinend nicht! Und es werden »die erforderlichen Schritte« zur Erbohrung der Quelle »unternommen«.

Man lachte, kritisierte, bekam schwere Bedenken.

Der Geologe sollte noch Stellung nehmen. Auf Bitten des Herrn Stölzl erschien am 6. März Herr Dr. Häberle, Heidelberg. Sein Gutachten lautete dahin, dass es möglich wäre, dass warmes bzw. heilkräftiges Wasser erschlossen werden könnte. Aber er sei auch unsicher, ob dies bei 140 m erreicht werde. Er verwies auf Bad Dürkheim (300-400 m), Heidelberg (998 m), Freiburg missglückte usw.

Am 15. März erklärte mir Herr Popp: Er überlasse die Bohrung der Privatinitiative!

Die Bevölkerung glaubte an die starke Kraft der Rute.

Herr Oberregierungsrat Dr. Jung stiftete aus einem besonderen Fonds nochmals RM 500, und ich ließ den Wünschelrutengänger von Gräve kommen, der im Türmer so sehr gelobt worden war. Er trug über der Brust einen Lederpanzer, unter dem er einen Elektrisier-Apparat verbarg, was wir jedoch nicht wussten. Seine Tricks imponierten der zahlreich erschienen Bevölkerung. Zum Beispiel ließ er einen Kreis bilden, bei dem einer dem anderen die Hand auf die Schulter legte, und dann gab er dem Vordermann ein Teil der Rute in die Hand und legte dem Schlussmann nun die Hand auf die Schulter, wodurch der Vordermann die Rute fahren lassen musste.

Die Bevölkerung glaubte an die starke Kraft der Rute. Herr Stölzl und ich glaubten an das Vorhandensein von Mineralwasser in unserem Gelände, gewannen noch Herr Lorch und Bechthold als Teilhaber, und der Teufel verführte mich, auf die Beteiligung der Stadt zu bestehen.

Am 3. Juni 1928 beschloss der Stadtrat, dass sich die Stadt an der Bohrgesellschaft »insoweit beteiligen soll, dass sie an dem Unternehmen bestimmten Einfluss hat.« Diesen Einfluss glaubten die Herren mit einem fünftel Beteiligung zu erhalten. Im Kaufangebot forderte die Stadt für das abzutretende Gelände, das sie 1925/1926 für RM 1,- pro Quadratmeter erworben hatte, im Falle eines Erfolges RM 2,- pro Quadratmeter.

Am 6. Oktober 1928 begannen die Bohrungen.

Im Juni 1929 sah es aus, als ob wir Öl bekommen könnten, weshalb die Bohrungen vorrübergehend von der Berginspektion Zweibrücken eingestellt wurde. Am 25. Juni 1929 legte ich dem Stadtoberhaupt nahe, sich auch einmal für die Bohrungen zu interessieren, und er kam mit. Damit erschien er zum ersten Mal an der Bohrstelle, wie mir Bohrmeister Berthold versicherte. Zu dieser Zeit konnte man sich beim Glauben an einen Erfolg der Bohrungen noch lächerlich machen.

Vertreter der Stadt in der Bohrgesellschaft war Herr Gärtnereibesitzer Pfeiffer, der leider zu früh starb. Sein Nachfolger, Tüchermeister Emil Konrad, war interesseloser und wohl auch etwas schwerer von Begriff.

Bei einer Tiefe von 146 m hatten wir 2,404 g feste Bestandteile im Wasser. Bei einer Tiefe von 203-214 m waren es schwankend etwas über 5 g Gehalt, einmal über 12 g.

Am 23. Oktober 1929 verfasste ich ein Gesuch an das Stadtministerium des Innern in München mit der Bitte um Zuschuss zu unserem Vorhaben und ließ selbstverständlich auch den Vertreter der Stadt, Herr Konrad, unterschreiben. Schon am 30. Oktober forderte die Regierung nach näheren Unterlagen von unseren Plänen von der Stadt. Dabei muss Herr Popp von Herrn Direktor Stähler verständigt worden sein, wie auch ich Wind bekam, dass geplant sei, den pfälzischen Kurorten aus der Westhilfe RM 440.000 zur Verfügung zu stellen. Davon sollte Bergzabern RM 150.000 erhalten.

Wir ließen weiter bohren, weil wir bei etwa über 300 m einen Salzgehalt von etwa 14-16 g im Liter zu erreichen hofften. Nachdem Herrn Popp von besonderer Seite gesagt worden war, dass er sich die Quelle nicht entgehen lassen dürfe, wurde er rührig. Er legte diesen Rat auf seine Art aus: Sowohl Herr Justizrat Reiser als auch Notariatinspektor Wendel kamen voller Empörung zu mir und erzählten, dass Herr Popp zu ihnen gekommen sei und gefragt habe, ob er sich von dem mit der Bohrgesellschaft geschlossenen Vertrag drücken könne.

Für mich stellte sich nun die Frage, wie bringe ich dies meinen Mitgesellschaftern bei? Wie konnte ich verhüten, dass dieser Streich des Stadtoberhauptes vor die Öffentlichkeit kam?

Ich schwieg und schlug vor, Bürgermeister und Stadtrat auf die Probe zu stellen hinsichtlich ihrer Aufrichtigkeit gegen uns, indem wir ein Darlehen für einen Badbau erbitten könnten. Der Vorschlag wurde angenommen. Ein entsprechendes Gesuch wurde von mir am 8. November 1929 beim Bürgermeister eingereicht. Ich erfuhr die Stellungsnahme des Haupt-Finanzausschusses und forderte am 11. November von der Stadtverwaltung:

Wir bitten um die Stellungsnahme des Haupt- und Finanzausschusses zu unserem Gesuch vom 8. ds. Mts. gefl. sogleich schriftlich mitzuteilen.

Antwort der Stadtverwaltung am 12. November:

…dass Beschlüsse des Haupt- und Finanzausschusses vertraulich und im Übrigen lediglich Vorschläge für den Stadtrat sind. Ich bedaure daher, Ihrem Gesuch nicht stattgeben zu können.

Die Weiterbohrungen wurden bei einer Tiefe von 262/263 m eingestellt. Am 2. Dezember 1929 wiederum Schreiben an den Bürgermeister mit der Bitte um Entscheidung:

1. Weil der Bohrturm nicht noch drei Monate und länger unbenutzt stehen könne.
2. Weil wir aus Gründen, die nicht darzulegen bräuchten, das uns zugesicherte Gelände sofort erwerben möchten.
3. Sollte zugestimmt werden, die Bohrgesellschaft in eine GmbH umzuwandeln.

jetzt kommentieren? 18. Februar 2009

Justus Geiß (1882-1965): Lebenserinnerungen (6)

Aus anderer Leute Haut Riemen schneiden
Die Jahre 1930-1938

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Am 4. Dezember 1929 vormittags Besprechung zwischen Bürgermeister Popp einerseits und Lorch und Geiß anderseits.
Der Bürgermeister teilte mit, dass er einen Brief von Herrn Regierungsdirektor Stähler erhalten habe, der ihn nach Speyer rufe; um was sich dabei handelte, wisse er nicht.

Ich wies darauf hin, dass es sich wohl um das von mir verfasste Gesuch handle. Nun wurde Popp deutlich und verlangte nicht weniger als die Führung in der Bohrgesellschaft. Ich lehnte diese Führung rundweg ab. Ich verwies auf meine Erfahrung bei dem Bade- und Schwimmverein. Dort hatte doch der Verein die Grundlagen für den Badbau geschaffen und dafür gewisse Erleichterung für seine Mitglieder beim Besuch des Bades angedeutet. Und schon im zweiten  Jahr begann man mit dem Abbau. Als ich ihn deshalb zur Rede stellte, hieß es: »Das Schimpfen der Vereinsmitglieder ist mir wurscht!«

Am 4. Dezember abends Stadtratssitzung, die mir Herr August Detzel nachstenographierte. Daraus ist bemerkenswert:

Schmidt: »Die Herren, die die Mittel zur Erbohrung bis jetzt aufgebracht haben, haben jetzt auch den Ruhm. Die Sache soll unterstützt werden. Wenn ich reich genug wäre und aus meinem Säckel zugeben könnte, würde ich es tun. Aus anderer Leute Haut ist aber gut Riemen schneiden.«

Herzhauser: »Ich bin überzeugt, dass beim größten Optimismus heute noch nicht alles genügend geklärt ist und die Angelegenheit noch nicht spruchreif ist. Ist der Bürgermeister in der Lage, rund RM 20.000 zu beschaffen?«

Popp: »Ich glaube, die Sache ist genügend geklärt. Herr Geiß soll noch  2-3 Monate warten. Die Prüfung müsste dann die Stadt erhalten. Solange ich die Verantwortung habe, halte ich mich an die Beschlüsse des Stadtrates. Ich bin nicht dafür, dass die Sache so rasch erledigt wird, wenn es auch drängt. Ich kann mich der Sachlage nicht verschließen, dass es sonst ein Durchbruch der Grundsätze wäre.«

Geiß: »Wir beteiligen uns nicht alleine des Gewinnes wegen. Private haben das Hauptopfer gebracht. Es ist nicht sehr nobel, wenn die Stadt auf solchem Wege die Führung sich verschaffen will.«

Popp: »Es war dies nur ein Vorschlag.« Und nach der Abstimmung: »Es ist mir ein Herzensbedürfnis, die Frage einer glücklichen Lösung zuzuführen. Ich habe auch noch Pläne, die ich hier aber nicht sagen kann. Man möge warten.«

Brief an den Bürgermeister vom 16. Dezember 1929:
Unser Antrag um Gewährung eines Darlehen von RM 20.000 nehmen wir zurück.
Am 6. Dezember stellte uns die Firma Brechtel vor die Entscheidung: weiter bohren oder Miete zahlen. Wir entschieden uns für den Abbruch der Bohrung.

Wir teilten dies dem Bürgermeisteramt mit und fügten hinzu:

Damit hat nun in erster Linie, wenn auch die Mineralquelle von der Stadt noch nicht als Erfolg anerkannt ist, die in der Urkunde vom 21. September 1928 gestellte Frist für die Erwerbung des Geländes um die Quelle herum zu laufen begonnen. Die Gesellschafter wünschen, dass die Annahmen des Kaufangebotes sofort beurkundet wird. Die Vermessung kann später erfolgen. Die Stadtverwaltung möchte aus vorerst nicht ersichtlichen Gründen eine Hinausschiebung der Beurkundung…

Auszug aus dem Protokoll über die Sitzung des Stadtrates, 8. Januar 1930:

Beschlossen wird, den 2. Bürgermeister Emil Konrad als Vertreter der Stadt in der Bohrgesellschaft »Stadt Bergzabern & Gen« zu ermächtigen, bei der Annahme des Kaufvertrages, wie dieser in der Urkunde des Notarates Bergzabern I vom 21.9.1928 vorgesehen ist, mitzuwirken.

Das Bürgermeisteramt teilte mit Datum vom 7. Januar 1930 der Bohrgesellschaft mit:

Wir bestätigen hiermit den Empfang Ihres Schreibens vom 6. ds. Mts. und erklären uns damit einverstanden, dass die in dem notariellen Kaufvertragsantrag vom 21. September 1928 festgelegte Frist von 2 Monaten mit dem heutigen Tag zu laufen beginnt…

Das Südpfälzer Tageblatt berichtete in seiner Nr. 9 vom 11. Januar 1930 über den Verlauf der Sitzung: Stadtrat Schmitt wendete sich gegen die vorbehaltslose Übergabe des Geländes.

Am 19. Januar regte Herr Bertold an, nicht mehr länger abzuwarten, sondern den notariellen Akt vollziehen zu lassen. Am 21. Januar erschienen sämtliche Privatbeteiligte der Gesellschaft beim Notar, nur der städtische Vertreter fehlte. Bürgermeister Popp hatte ihm abends zuvor die Teilnahme an der Akterrichtung verboten. Dem Stadtrat gegenüber formulierte der Herr Bürgermeister seinen »Fehltritt«, sich nicht an den Beschluss des Stadtrates gehalten zu haben, folgendermaßen:

Aus dem Sitzungsprotokoll des Stadtrates vom 29. Januar 1930:

Der Vorsitzende teilte zu dieser Angelegenheit mit, dass die Gesellschafter der Bohrgesellschaft »Stadt Bergzabern u. Gen.« ohne Mitwirkung des Vertreters der Stadt den in der Urkunde des Notariats Bergzabern I von dem 29.9.1928 enthaltenen Kaufmannsantrag durch notarielle Beurkundung von 21.1.1930 angenommen haben.

In dem Schreiben der Bohrgesellschaft an die Stadtverwaltung vom 24. Januar versuchte ich nochmals aufzurütteln und die Dummheit aufzuzeigen:

Nicht verschwiegen soll werden, dass die Privatbeteiligten ein größeres Interesse an dem Verkauf des Wassers als Tafelwasser, denn als ausgesprochenes Heilwasser oder gar als Badewasser (Sole) haben. Dementsprechend suchen wir das Wasser, statt zu konzentrieren, zu verdünnen, und lassen deshalb alle Rohrtouren außer den unbedingt notwendige n inneren, ziehen. Darum kann uns die Stadt nicht schelten. Wir sparen dadurch an Ausgaben etwa RM 4.000. Städtischer wie der Stadtrat brauchen wir ja nicht zu sein. Er will ja von einer Trink- und Badehalle nichts wissen. Darum brauchen wir dafür auch nicht mit unnötigen Kosten vorzusorgen. In diesem Punkt wollen wir mit dem Stadtrat einig gehen.

Und die Reaktion des Stadtrates und seiner Räte auf diese Derbheiten? Aus dem Sitzungsprotokoll des Stadtrates vom 29. Januar 1930:
Weiter wird von dem Schreiben der Bohrgesellschaft »Stadt Bergzabern u. Gen.« vom 24. de. Mts. Kenntnis genommen und der darin angeschlagene Ton als ungehörig zurückgewiesen.

Um die Wahrheit zu sagen: In dem obigen Schreiben hatte ich geflunkert. Die Rohrziehung hatte auf den Gehalt des Wassers keinerlei Einfluss, wie man leicht aus den Untersuchungsergebnissen feststellen konnte. Es war mir unfasslich, dass man, um die Quelle in die Hand zu bekommen, alles duldete.

Wie besessen lauerte man auf die Zuweisung der in Aussicht gestellten RM 150.000 und bedachte dabei nicht, dass alles von der Aufrechthaltung meines Gesuches abhing. Mit dem Vorschlag vom 15. Januar 1930, der sich ja bei den städtischen Akten befindet, hatten wir praktisch auf einen Zuschuss des Ministeriums verzichtet, und darum konnten wir unser Gesuch jederzeit zurückziehen.
Das Bürgermeisteramt am 4. Februar 1930 an die Bohrgesellschaft:

Unter höfl. Bezugnahme auf die fernmündliche Unterstützung mit Herrn Sparkassenverwalter Geiß teilen wir Ihnen nachstehend den bezügl. Beschluss des Haupt- und Finanzausschusses vom 9.1.1930 zur gefl. Kenntnisnahme mit: Die durch Stadttechniker Buch abgesteckte, an die Bohrgesellschaft abzutretende Fläche auf der Rötzwiesen wurden besichtigt und dahin abgeändert, dass auf der Südseite ein etwa 10 Mtr. breiter Geländestreifen im Besitz der Stadt zu bleiben hat.

Bei der Absteckung der Grenzen um die Quelle herum stellte der 3. Bürgermeister Klein den Antrag, dieser Grenze so zu wählen, dass die Bohrgesellschaft von jeglichem Weg abgeschnitten sei, damit sie die Stadtverwaltung ganz in der Hand hätte. Dieser Heimtücke war Klein ohne Einflüsse im Stadthaus nicht fähig gewesen. Der Stadtbautechniker hatte mir schon Tage zuvor mit dieser Absicht gedroht.

Stadtrat Dämrich trat diesem schlauen Plan entgegen. Er bezeichnete ihn als unmoralisch und fügte noch hinzu, dass die Stadt mit der Zustimmung zur Bohrung doch auch damit rechnen müsse, dass hier einmal Gebäude errichtet werden würden. Darum habe die Bohrgesellschaft einen gesetzlichen Anspruch auf einen Weg.

Am 10. Februar schrieb die Bohrgesellschaft an das Bürgermeisteramt:

Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass der Beschluss des Haupt- und Finanzausschusses vom 9.1.1930 betreffend Geländeabtretung an uns nicht vollziehbar ist.
1. Nach Ihrer Mitteilung vom 12.11.1929 sind Beschlüsse dieses Ausschusses
lediglich Vorschläge für den Stadtrat.
2. Bei Änderungen der im Akt vom 21.9.1928 vorgesehenen Fläche von 70×50 m
ist die Errichtung eines neuen Vertrages notwendig, dem ein neuer Beschluss
des Stadtrates vorangehen musste.
Unsere Verhandlungen mit der Stadt standen bisher unter keinem guten Stern. Eine neue Aussprache dürfte nach unserem Dafürhalten nochmalige Verstimmung hervorrufen.
Wir möchten darum empfehlen, uns die vertraglich festgelegte Fläche von 70×50 m zuzuweisen.

Stadtrat Georg Öttinger (SPD), während unserer Bohrung bei der Firma Brechtel als Hilfsarbeiter tätig, brachte in NR. 69 des Südpfälzischen Tageblattes folgenden Passus in einem »Eingesandt«:

Mit welchen Schikanen einzelne bestimmte Mitglieder des Stadtrates die Abtretung des versprochenen Geländes hintertreiben wollen, ist bekannt… Beim Abbruch des Turmes war es dem Ingenieur der Firma Brechtel nicht möglich, einen Fuhrmann zum Abtransport der Gerätschaften zu finden, weil einige Fuhrleute wegen Flurschaden Protokolle erhielten. Wer die Schuld trägt, ist mir unbekannt, aber jedenfalls war es nicht schön…

Auch mir hat Herr Brechtel telephonisch geklagt, dass ihm Schwierigkeiten beim Abtransport seiner Geräte bereitet worden seien. Um gegen alle weiteren Schikanen der Stadt bezüglich Zugang zu unserem Gelände gesichert zu sein, kauften Herr Bedetoer und ich eine Wiese von den Erben Ringhäuser neben dem Gesellschafsgelände.

»Ihr habt ja auch die Ehre und den Ruhm!«

Am 2. Mai 1930 boten wir der Friedrichsruhe an, in ihrem Park eine Trinkhalle zu erstellen. Am 10. Mai bemängelte Inspektor Bouquet, dass wir der Friedrichsruhe ohne vorherige Fühlungsnahme mit dem städtischen Vertreter die Zuleitung des Mineralwassers für Bade- und Trinkkuren angeboten hätten. Ich wies darauf hin, dass der Gedanke vom Stadtrat Schmidt ausging und vom
1. Bürgermeister nicht abgelehnt worden sei. Herr Bouquet: »Der Stadtrat wird beschließen, dass auch eine Trinkhalle an der Quelle erstellt werden muss, wenn die Genehmigung zur Weiterleitung des Wassers zur Friedrichsruhe erlangt werden will.«

Auf meinen Einwurf, die Stadt habe es ja in der Hand, eine Trinkhalle zu bekommen, antwortete Bouquet: »Die Stadt hat dafür kein Geld!«
Am 26. Juni 1930 an die Diakonissenanstalt zu Händen des Herren Pfarrers Bauer in Speyer:

Es ist uns bekannt geworden, dass Herr Bürgermeister Popp gegen eine Verpachtung unserer Quelle an die Friedrichsruhe sich ausgesprochen hat. Wir glauben auch, dass er indirekt versuchen wird, Sie zu einem Verzicht auf die Pacht zu bewegen.
Wir möchten darum nochmals ganz bestimmt darauf hinweisen, dass wir einen Bade- und Trinkhallenbetrieb in städtischen Händen für unmöglich halten. Sollten Sie wider Erwarten auf unser Angebot verzichten, werden wir unseren Antrag sofort an andere Stelle weitergeben, aber keinesfalls an die Stadtverwaltung.
Hochachtungsvoll
i. A. gez. Geiß

Am 27. Juni 1930 nach einer Sparkassenausschuss-Sitzung, kam Herr Gustav Schmidt auf die Quellstreitigkeiten zu sprechen und meinte: »Ha, ha, es ist doch immer so, dass die, die so ein Unternehmen aufziehen, nichts davon haben, und dass immer erst die Folgenden die Vorteile davon haben.« Und dann mit starker Betonung: »Ihr habt ja auch die Ehre und den Ruhm!«

Bohrgesellschaft an die Regierung der Pfalz, Kammer des Inneren in Speyer, am 11. Juni 1930:
Betreff: Bitte um Zuschuss zum Abbau einer Mineralquelle. Unser an das Staatsministerium des Innern in München gerichtetes Gesuch vom 23. Oktober 1929 nehmen wir hiermit zurück. Die Quelle dürfte in absehbarer Zeit verpachtet werden, so dass wir keine Mittel zum Betrieb bedürfen.
Ehrerbietigst
i. A. gez. Geiß

Denn: Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber!

Im Februar 1931 erbot sich ein Herr Ullrich aus Nieder-Walluf, Verhandlungen für einen Geldgeber zu führen zwecks Verpachtung der Quelle. Es entwickelte sich eine längere Korrespondenz, aber bei der Uneinigkeit in der Gesellschaft konnte es ja zu keinem Ziel kommen.

Am 26. März 1933 fand eine gemeinsame Sitzung von Stadtrat und Bohrgesellschaft unter Vorsitz des Herren Regierungsdirektors Stähler statt. Es kam eine Einigung über die Wasserabgabe für eine Trinkhalle zustande. Urkunde wurde am 18. April 1933 errichtet.
Wortführer war bei dieser Verhandlung schon Schmidt, der sogar verhindern wollte, dass die übrigen Stadtratsmitglieder ihre Meinung sagen sollten. Popp war ja nie ein Wegweiser, sondern nur ein von einigen Hintermännern Geführter!

Als Schmidt dann nationalsozialistischer Bürgermeister geworden war, vertrat er gegenüber Herrn Bouquet den Standpunkt: Die Herren Bechthold und Lorch sollten ihre Quellenanteile der Stadt schenken, und Herr Stölzl und mir könnte die Stadt ein paar tausend Mark geben. Das nennt man doch: Aus anderer Leute Haut Riemen schneidern!
Es gab zwecklose Verhandlungen mit ihm.

Am 26. Oktober 1934 hatte Herr Imbt als Präsident des Verkehrsverbandes Stadtrat, Kreisleiter und Bohrgesellschafter zu einer Geheimsitzung eingeladen. Schmidt gab einen Rückblick, wie er sich ihm darstellte, und schlug vor: Die Stadt nimmt die Wiese, in der sich die Quelle befindet, zum gleichen Preis zurück, den die Bohrgesellschaft zahlen musste, und für die Quelle selber zahlt sie RM 25.000. Von der privaten Gesellschaft waren nur Herr Lorch und ich anwesend. Herr Stölzl war als Nationaldemokrat bei den Nationalsozialisten verhasst gewesen und wurde Preiskommissar in Augsburg. Bechthold hatte sich entschuldigen lassen.

Auf die Darstellungen und Vorschläge der Herren Schmidt versuchte ich nun zu antworten, wurde aber dauernd von diesem unterbrochen. Als meine Bitte an ihn, mich ebenso ruhig sprechen zu lassen, wie ich ihn zuvor reden gelassen, nicht fruchtete, platzte ich heraus: »Herr Präsident, zu diesem Mann haben wir kein Vertrauen! Er hat schon früher dem Vertragsbruch das Wort geredet!«
Rote Köpfe und hängende Köpfe. Imbt schoss in die Höhe: »Wie können Sie es wagen, einem Bürgermeister im Dritten Reich so einen Vorwurf zu machen?«

»Ich trete den Wahrheitsbeweis an!«

Schmidt: »Ich könnte ihn ja verklagen, aber mit Rücksicht auf seine Familie…«

Da merkte Imbt, dass etwas faul war, winkte gegen Schmidt ab und wandt sich zu mir: Er schlug vor, eine Aktiengesellschaft zu gründen; die Stadt übernimmt 40 %, der Kreis 20 % und die Gesellschafter übernehmen auch 40 % der Anteile. Den Vertragsentwurf sollte ich ausarbeiten. Ich hätte darauf antworten können, dass gerade an diesem Morgen die Zeitung die Nachricht gebracht hatte, dass Aktiengesellschaften mit einem Kapital von weniger als RM 500.000 künftig nicht mehr geduldet würden. Aber ich schwieg, um ihn nicht nochmals zu reizen.

Am folgenden Tag erzählte mit Finanzoberinspektor Seuß, dass Imbt dem Kreisleiter empfohlen hatte, dafür zu sorgen, dass Schmidt so rasch wie möglich verschwände.

Brief an den Herrn Bürgermeister Imbt, Bad Dürkheim, vom 18. November 1934:
Die Bildung einer Aktiengesellschaft zur Verwertung der hiesigen Heilquelle ist undurchführbar, nachdem in absehbarer Zeit alle derartigen Gesellschaften mit einem Kapital von weniger als RM 500.000 verschwinden müssen. Wir halten aus diesem Grund zur Findung der richtigen Gesellschaftsform und zur Einigung über die Bedingungen einer Besprechung mit Ihnen alleine für unerlässlich.
Ich darf Sie daher bitten, mitzuteilen, an welchem Tage und zu welcher Stunde wir Sie besuchen dürfen. Heil Hitler!
Gez. Geiß

Am 30. Juni 1935 wurde Schmidt von der Regierung als Bürgermeister abgesetzt.
Wiederum Sitzung im Stadtratsaal unter Vorsitz vom Herrn Imbt. Ein neuer Bürgermeister war noch nicht bekannt. Herr Dämrich war stellvertretender Bürgermeister. Es kam folgende Vereinbarung zustande: Die Quelle nimmt die Stadt in Alleinbesitz und zahlt an die Privatbeteiligung die Summe von RM 60.000. Der Anteil an Stölzl und mir sollte aus RM 65.000 errechnet werden.
Schlusswort des Herrn Imbt in dieser Sitzung: Wenn der Stadtrat nun mehr bewilligen müsste, als er geglaubt, so müsse er gerade stehen für die Dummheit, die früher gemacht wurde.

Herr Oberinspektor Bouquet meinte am nächsten Tag: Das sei der schwerste Tag seines Lebens gewesen. Er habe danach nichts mehr genießen können.

Die Urkunde konnte erst 1936 nach Ernennung eines neuen Bürgermeisters errichtet werden. Die Goldmark-Klausel, die wir hatten einfügen lassen, mussten wir streichen lassen. An der Währung durfte kein Zweifel aufkommen!
Beim Verkaufspreis hatte ich Zins und Zinseszins gerechnet. Die Wiese, die ich mit Herrn Bechthold erworben hatte für RM 2.240, erwarb die Stadt am 7. Dezember für RM 3000.

»Wer anderen eine Grube gräbt…«

1938 erklärte mir das Kreistagsmitglied Becker, Annweiler, dass man von mir nicht den Beitritt zur Partei verlange, aber die jungen Leute könnte ich doch veranlassen, Parteimitglied zu werden. Er nahm dann diese Forderung wieder zurück.

Das ganze Personal der Kasse war schließlich in einer Formation der Partei beigetreten oder hatte um Aufnahme als Mitglied gebeten, mit Ausnahme von Lorch und Grünauer. Gleichwohl beförderte man Lorch 1938 auf meinen Vorschlag zum Inspektor.

jetzt kommentieren? 17. Februar 2009

Justus Geiß (1882-1965): Lebenserinnerungen (7)

Bergzabern in Flammen
Die Kriegsjahre 1939-1945
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Bei Ausbruch des Krieges sollte unser Abmarsch über den Rhein am 3. September erfolgen.
Aber am Sonntagnachmittag, den 3. September, gerieten in und bei Rechtenbach/Oberotterbach Soldaten auf Minen. Man sprach von über 40 Toten und Verwundeten. Man musste darum mit der Evakuierung sofort beginnen. An männlichem Personal waren noch bei uns vorhanden: Karch, Grünauer, Klein, Wendel und Volk. Männlein und Weiblein forderten von mir, den sofortigen Abmarsch zu genehmigen. Als ich Karch herbeiholen wollte, ergab sich, dass er mit seiner Familie schon verduftet war.

Wir bekamen einen Lastwagen zur Verfügung gestellt, und abends um zehn Uhr fuhr die Gesellschaft in die Nacht hinaus Richtung Ochsenfurt. Herr Landrat stellte mir am nächsten Nachmittag seinen Fahrer Weidler mit Auto zur Verfügung, und dieser brachte mich über Miltenberg, wo wir Akten untergebracht hatten, nach Ochsenfurt. Am nächsten Tag kamen wir abends gegen zehn Uhr in Bamberg an, und da trat uns Karch strahlend wieder entgegen. Er hatte sich mit Familie beim Sparkassendirektor eingenistet. Unsere Schalter konnten wir in einer Zweigstelle der Städtischen Sparkasse aufmachen, eine weitere Zahlstelle in Lichtenfels. Alsdann kehrte ich nach Klingenmünster zurück, um dort eine Zahlstelle für die Nichtevakuierten in den Dörfern aufzumachen, die dann am 5. Oktober unser Grünauer übernahm, während ich nach Bamberg fuhr, um unsere Rückkehr in die Pfalz vorzubereiten. Ich mietete Räume in Landau, Xylanderstr. 2 im zweiten Stock, und am 8. Dezember 1939 richteten wir uns hier ein. Karch und verschiedene Andere verblieben in Bamberg-Lichtenfels.

Im Sommer 1940, als die Bevölkerung in Bergzabern und Grenzorten wieder heimkam, kehrten auch wir nach Bergzabern zurück und behielten nur die Zahlstelle in Klingenmünster bei.

Der Betrieb verlief störungsfrei bis Mitte Dezember 1944. Nun kam die Front wieder nahe. Wir erhielten Weisung, wieder über den Rhein zu gehen, aber das wollte ich nicht mehr, zumal auch die Bevölkerung größtenteils gesonnen war, in der Pfalz zu bleiben. Außer mir und Karch waren nur noch Mädels im Dienst.

Am 16. Dezember 1944 heulten Granaten in der Stadt. Karch war wiederum nicht mehr zu finden. Natürlich bekamen es unsere Mädels nun auch wieder mit der Angst zu tun, und ich musste sie nach Klingenmünster wandern lassen. Die Straße nach Pleisweiler lag unter Beschuss, weshalb ich empfahl, über den Wald zu wandern.

Die »siegreich Frankreich geschlagen«, hatten sich nun
in Keller, Bunker usw. verkrochen!

Am 18. Dezember bekam ich einen Lastwagen zum Transport der Buchungsmaschine und benötigter Akten. Nachtragen muss ich, dass Herr Schimper, ein ehemaliger Bankangestellter, etwa 70 Jahre alt, uns noch aushalf. Dieser, seine Schwester, meine Frau und ich fanden auf dem Lastwagen noch Platz. Kaum saßen wir richtig auf dem Wagen, setzte verstärkte Beschießung ein, so dass meine Frau die Nerven verlor, ihren Schirm aufspannte und schimpfte, weil der Fahrer nach ihren Begriffen zu lange zögerte, um fortzufahren.

Ich hatte gehofft, bei Wirt Seibel im Frauenlob gut untergebracht zu sein. Karch hatte seine Frauen in Bamberg oder wo untergebracht und sich selbst bei der Vorbesitzerin des Frauenlobs einquartiert, die daselbst noch eine Wohnung im Seitenbau hatte. Herr Schimper mit Schwester fand im Dorf Unterkunft, und die Mädels mit Frau Stocker schliefen im Frauenlob auf Stroh, wie auch meine Frau. Der Lastwagenfahrer hatte bei uns eine gute, teure Geige, zwei Zittern und den Schirm meiner Frau mitgehen lassen, und niemand wusste, wie er hieß und wo er zu Hause war.

Karch war wohl mit unserer Ausweichstelle nicht einverstanden, denn er hatte mir in den zwei Tagen die Mädels ängstlich gemacht, dass zu uns hereingeschossen werden könnte. Unseres Bleibens war auch hier nur wenige Tage, dann jagten uns die Truppen hinaus, weil ihr Verbandplatz im Dorf infolge Beschuss unhaltbar geworden und sie ihn nun im Frauenlob aufschlugen.

Wir wichen weiter ins Tal hinein in die Wirtschaft Bus. Dort erschien Girozentraldirektor Stähler mit besorgter Mine und empfahl, doch dem Befehl nachzukommen und über den Rhein zu gehen, was ich ablehnte. Weil Frau Stocker, meine Frau und einige unserer Mädels dem Koch im Frauenlob durch Kartoffelschälen, Gemüseputzen usw. halfen, bekam die ganze Gesellschaft Essen von ihm. Ich war wieder nicht in Klingelmünster geblieben, sondern hielt die Sparkasse in Bergzabern offen.

Die Front war wieder zurückgedrängt worden. Am 5. Januar 1945 war meine Frau wieder bei mir in Bergzabern, so dass ich nimmer bei Landrat Jacobus und seinen Leuten im Erholungsheim um Essen »fechten« musste.

Im März wurde es wieder ungemütlicher, so dass wir für die Nacht den Keller als Schlafstelle benutzen, nachdem einmal eine Granate im Nachbarhaus Hiller im Laden explodiert war. In den Schalterräumen der Kasse hatte ich in dieser Zeit auch eine Feldpost eingerichtet, die aber bald wieder abrückte.

Am 21. März 1945 lag starker Artilleriebeschuss auf Bergzabern. Da erschienen zwei junge Burschen bei mir und fragten nach Wein. Ich konnte ihnen zwei Flaschen Wein mitgeben und brachte den Rat vor, doch schleunigst über den Rhein zu verschwinden. Aber da hieß es: nicht eher, als bis die letzte Granate verschossen ist! Sie bedienten einen Granatwerfer und wechselten ständig die Stellung. Während sie morgens in der Nähe des Deutschhofes aufgefahren waren, sollte sie am 22. Abend sogar im Wingertsberg gewesen sein, bis nachts gegen zwölf Uhr.

Ab Abend des 21. März hatte das feindliche Feuer einmal nachgelassen, und da entschloss sich meine Frau, nach Frau und Kind meines Sohnes Ernst auf dem Berg sehen zu wollen. Sie war aber noch nicht in die Nähe von deren Wohnung gelangt, als ein reines Trommelfeuer niederprasselte. Nach einer Stunde erschien sie wieder heulend und mit geschwollnen Handgelenken. Sie war über Trümmer gefallen und hatte sich mit einer anderen ihr unbekannten Frau hinter einer Hauswand niedergelassen, bis der Granatsegen etwas nachgelassen hatte.
Wo einen Arzt finden?

Die »siegreich Frankreich geschlagen«, hatten sich nun in Keller, Bunker usw. verkrochen! Ich hege die Vermutung, dass Nichtnazis damals besser an Sperre und Beobachtungsposten aushielten als Nationalsozialisten – von Ausnahmen abgesehen.
Der Beschuss hielt an, darum bekam das Handgelenk, das wir nur für verstaucht hielten, einen feuchten Verband.

Nun hörte man nur noch Knistern des Feuers
und sah keine Seele auf der Straße.

Am folgenden Mittag gegen ein Uhr gab es Fliegergebrumm. Meine Frau war kaum unten im Büro eingetroffen, als oben ein Krach zu hören war. Es stellte sich dann heraus, dass eine Bombe das Dach durchschlagen, das Bad in der Wohnung des zweiten Stockes zerstört, die Speichertreppe weggerissen, sowie das Bad in unserer Wohnung stark beschädigt hatte – die Badewanne stand mit einem Sprung quer. Beim Hinausblicken auf die Straße gewahrte ich, dass das zweite Haus (von Dillmann) neben der Sparkasse in Brand geraten war. Auch über den Dächern gegen die Neugasse gewahrte man Rauch. Ich rannte zum Stadthaus, um Löschmannschaften anzufordern, aber da war niemand zu sehen. Bei der Rückkunft sah ich unten beim Seebach’schen Haus (heute Klippel) den Schreiber Kamm mit vier Franzosen eine Spritze bringen. Kamm öffnete einen Hydranten, schloss einen Schlauch an und verschwand.

Ein Franzose erklomm nach einigem Spritzen das Dillmann’sche Haus, um dem Brandherd näher zu kommen, aber der Strahl reichte nicht bis zum Ende des Brandherdes, so dass unsere ganze Mühe (ich hatte mich zu den drei pumpenden Franzosen gesellt) von Mittag bis abends acht Uhr vergeblich war. Um diese Zeit erschien Kamm wieder und transportierte die Pumpe mit den Franzosen in die Neugasse, weil »Wassermangel« eingetreten sei.

Ich erbat von Kamm Einreißhaken, aber angeblich wusste er nicht, wo solche zu finden seien. Er sprach auch von einem Brand an einer Ölmühle (wenn ich recht verstanden habe), um den er sich kümmern müsse. Warum waren andere Brände gefährlicher als der Dillmann’sche? Weil der Egoismus triumphierte! Mehr sagen, ist sinnlos!

Bald griff nun der Brand auf das Hiller’sche Haus neben der Sparkasse über. Der Pächter des Hauses, Bäcker Michael, erschien mit einem Leiterwagen, gezogen von Rottmann, ein oder zwei Frauen und gedrückt von den vier Franzosen. Sie beluden den Wagen mit Mehl und verschwanden damit, wie sie gekommen waren.

Nun hörte man nur noch Knistern des Feuers und sah keine Seele auf der Straße. Ich wanderte unten bei Seebach in die Kettengasse ein und traf dort einen Mann, den ich bat, mir behilflich sein zu wollen, wenigstens etwas Hausrat zu retten. Er lehnte ab, weil er selber noch räumen müsse. Ich kannte ihn nicht.

Wieder stand ich vor der Sparkasse, denn ich war so müde von dem ungewohnten anhaltenden Pumpen, dass ich alleine keine Möbel mehr schleppen konnte. Da stand plötzlich Apotheker Renn neben mir. Er hatte während des Tages in seinem Bunker gesessen. Schon nach ein paar Worten, die wir gewechselt, sahen wir es unter den Ziegeln des Hauses Duttlinger rot aufglühen. Renn eilte in den Weinkeller von Julius Kimmel, wo wir Familie Duttlinger vermuteten, und brachten auch gleich darauf Erna Duttlinger mit Julius Kammle herbei, der eine kleine Handspritze mit hatte, um das Feuer des Gebälks zu löschen, was sich aber als unmöglich herausstellte. Schneider Füß, der im Diehlschen Haus wohnte, erschien, und Renn gelang es nachts, das Diehl’sche Haus zu retten, während das Kuhr’sche Haus auch den Flammen zum Opfer fiel.

Gegen zehn Uhr wurde mir klar, dass wir die Nacht nicht in der Sparkasse zubringen könnten, wenn nicht Hilfe zu finden wäre. Ich räumte vorhandenes Geld in Höhe von RM 232.000 in einen Karton, der nicht auffiel, nahm das Kassenbuch hinzu und verbrachte dieses mit meiner Frau in dem Krankenhauskeller, wo sich etliche Menschen eingerichtet hatten. Tüncher Russy sollte das Geld unter seinem Bett verstauen.

Beim Rückweg begegnete ich im Durchgang zwischen Krankenhaushinterhof und Schlosshof dem Volkssturmkommandanten Wittmar, den ich bat, mir einige Volkssturmmänner mitzugeben, um eine Leiter zum Sparkassenspeicher aufzustellen und so einen aufkommenden Brand vom Nachbargebäude her niederhalten zu können. Er verwies mich an den Finanzamtsboten Stegmann, der stellvertretender Bürgermeister geworden sein sollte und der mir im Schlosshof auch in die Hände lief. Aber dieser lehnte meinen Wunsch mit dem Hinweis ab, dass er noch Verwundete vom Kurhaus Eich hereinholen lassen müsste.

Ich kehrte zur Sparkasse zurück und sah, dass die Wand an Karchs Zimmer inzwischen durch eine Granate aufgerissen worden war. Auch vorn im Garten neben Borns Wohnung klaffte ein Granattrichter. Später hörte ich von Dr. Erhard Horn, dass auch in seiner Wohnung eine Granate eingeschlagen und den Gang im ersten Stock aufgerissen hatte, so dass er in der Dunkelheit hindurch ins Erdgeschoss gefallen sei.

Die Sparkasse brannte. Überall Flammen.

Bei der zweiten Begegnung mit Stegmann hieß es, er hätte Wichart beauftragt, mit mir zu kommen unter Zuhilfenahme weiterer Volkssturmmänner, um beim Hiller’schen Anwesen das Gebälk einzureißen. Weil ich Wichert und seine Männer nicht fand, kehrte ich wiederum zur Sparkasse zurück und sah auch dort niemanden. Beim Versuch, unter der Treppe hindurch in die Sparkasse zu gelangen, riss sich meine Schäferhündin Brenda, die ich an einen starken Kette mitführte, mit der größten Gewalt los und rannte davon. Dabei öffnete sich das schwere Tor von alleine, was mir heute noch unbegreiflich erscheint, und verschwand.

Bei der dritten Vorsprechung bei Stegmann bekannte er seine Ohnmacht: Der Feuerwehrkommandant Fritz Rodrian sitze in irgendeinem Bunker, aber unbekannt, wo. Im Haus lägen Verwundete ohne Behandlung, teilweise vom Tag zuvor. Einer sei schon gestorben. Auf meine Frage: Warum sich der Ortsgruppenleiter Dr. Joachim nicht der Verwundeten annähme, wenn kein Militärarzt da sei, hieß es: Der sitze auch in einem Bunker, und Stegmann habe kein Auto, um ihn holen zu lassen. Die Erbärmlichkeit triumphierte.
Im Schlosshof stieß ich nun auf Wichert, aber er weigerte sich, mit einigen Leuten mitzukommen, denn er müsse ausgerechnet jetzt sein Vieh in Sicherheit bringen! »Die Fahnen nieder!«

Es mag zwischen zwölf und ein Uhr gewesen sein – ich hatte keine Uhr bei mir, da war ich nochmals im Hof der Sparkasse. Brennende Sperren vom Hiller’schen Haus lagen nun auf der Außentreppe zu unserer Wohnung. Darum benützte ich das Loch in der Mauer zum Karch’schen Zimmer, um in die Büroräume zu gelangen. Im Hausgang kam ich dann auch wohl etwas die Treppe hoch, und musste dann doch der aufkommenden Hitze weichen.
Ich gab auf.

Als ich auf dem Wege zum Krankenhauskeller war, den ich nun aufsuchen wollte, sprang plötzlich im Durchgang vom Schlosshof in den Krankenhaushinterhof neben mir eine Tür auf und meine Branda rannte mich fast um. In der offenen Tür erschien Notariatsinspektor Wendel. Ich trat näher und sah im Zimmer Betten, übereinander getürmt, und darin lagen Volkssturmmänner. Ich konnte nicht sprechen, keine Frage stellen, sondern ging an Wendel vorbei und setzte mich auf einen leeren Stuhl am Ofen. Auch den alten Seibel sah ich nun im Raum sitzen, und irgendwer sagte in die Stille: »Der Feind steht bei Eich und fühlt in die Stadt vor.«

War es eins oder zwei Uhr, da sagte Wendel: »Ihr Männer, ich glaube, es ist Zeit, dass ihr euch davon macht, ehe es zu spät ist!« Im Nu waren alle aus den Betten und grußlos verschwunden.

Eine halbe Stunde später etwa steckte Herman Pfeiffer, Adjutant des Wittmar, den Kopf zur Tür herein.
Wendel: »Ich hab den Leuten gesagt, sie sollen heimgehen; ’s wird recht sein!«
Kopfnicken von Pfeiffer, und die Tür schloss sich wieder.

Morgens gegen 5 ½ Uhr brachen auch Wendel, Seibert und ich auf. Ich holte meine Frau aus dem Krankenhaus (Russy musste das Geld noch unter seinem Bett verwahrt halten), und wir wanderten zur Sparkasse. Unterwegs mussten wir einmal stillhalten, weil die Amerikaner mit Volkssturmmännern raschen Schritten hinter uns kamen. Es waren u.a. Wittmar und Pfeiffer. Weiß der Teufel: Da riss der Trotz und die Bitternis des Verlorenseins mir den Arm hoch, und so marschierten sie an uns vorbei.

Die Sparkasse brannte. Überall Flammen. Mit einem Eimer Wasser, gefüllt am Bassin im Hof – an dem oft verlachten – begab ich mich durch das Loch im Karch’schen Zimmer in den Schalterraum, das weitere Zimmer in dem Hausgang, wo brennende Balken lagen, schüttete das Wasser darüber und schloss die vom Hauseingang ins Büro führende mit Eisenblech beschlagene Tür, um so dem Eindringen des Feuers vom hier aus zu wehren. Kaum war ich im Schalterraum zurück, brach hinter mir die Decke herab.
Nun galt meine Sorge der Rettung der Möbel in diesem Schalterraum, die wir von den brennenden Schaltern wegrückten. Meine Frau füllte am Bassin im Hof die Eimer mit Wasser und ich suchte damit die Schalter zu löschen.

Schon gegen sechs Uhr sprangen drei Amerikaner durch das Fenster über die brennenden Schalter in dem Raum und forderten, in den Tresor geführt zu werden. Ich öffnete etwas schadenfroh, denn Geld war ja nicht mehr zu klauen und dachte in diesem Moment nicht an die Pistolen und sechs Trommelrevolver, die darin lagen. Die ersten wurden sofort genommen, die Revolver unbeachtet liegen gelassen, und geradezu tänzelnd verließen uns die Burschen.

Gegen neun Uhr erschien Metzger Hüther und verkündete, dass in der Bachgasse Löschzüge auffahren würden, um uns zu helfen. Mayer Georg, der Onkel meiner Schwiegertochter, war unter der Löschmannschaft. Er wollte noch in das Schlafzimmer meiner Tochter einsteigen, um deren Möbel zu retten, aber in Erinnerung an den Deckeneinsturz im Hinterteil der Büros ließ ich es nicht zu. (Wir hatten 1936 in den Büroräumen eine Blinddecke einziehen lassen, um die Höhe der Räume zu vermindern, und diese hinderte uns nun, zu sehen, wie weit der Brand darunter schon fortgeschritten war.)

Ab zwölf Uhr nachmittags wurden alle Menschen von der Straße gejagt, so dass meine Frau mit gebrochenem Handgelenk und ich wieder alleine löschen mussten. Am nächsten Nachmittag wurde von den Amerikanern die Erlaubnis erteilt, dass die Löschwilligen uns helfen durften.

Karch und die Mädels mit der alten Frau Stocker verbrachten die Nacht vom 22. auf den 23. März nicht in ihren Schlafräumen, sondern in einem Schützengraben, und das war für die Frauen Glück, denn eine Granate schlug in dieser Nacht in ihren Schlafraum bei Bus. Bevor die Amerikaner kamen, konnten sie ihre gefährliche Unterkunft, die doch auch der Schützengraben war, verlassen und kamen heil davon.
Am 19. März 1945 erreichte ich nach längeren nächtlichen Debatten, dass der Volkssturmkommandant Witmar und sein Fahrer, Metzger Kurt Heintz, mich im beschlagnahmten Sparkassenauto mit nach Landau nahmen, wo ich bei der Reichsbank Wertpapiere ablieferte und Geld holen wollte, trotz Sonntag. Kollegen der Sparkasse Landau halfen mir mit RM 200.000 und übernahmen die Ablieferung der Wertpapiere. Aber der Volkssturmkommandant verweigerte mir die Rückfahrt mit ihm. So musste ich den Rückmarsch mit dem Rucksack auf dem Buckel zu Fuß antreten, obwohl gerade an diesem Tage die Jabos ununterbrochen umherfegten. Fuhrmann Fischer und sein Pferd wurden von ihnen auf der Straße nach Klingenmünster erschossen. Von Landwirtschaftsrat Rothgang, der auch bei Klingenmünster unterwegs war, fand man nur noch Auto und Personalausweis. Sobald ich sie in meine Richtung kommen sah, suchte ich jeweils Schutz am Rech und möglichst unter Bäumen.

Am 22. März fiel ein Sohn von Schumacher Füß in der Marktstraße einem Granatsplitter zum Opfer. Die Amerikaner lasen ihn am nächsten Tag mit den gefallenen Soldaten auf und verbrachten ihn an einen unbekannten Ort. Sollte vorher kein einziger Bergzaberner an dem Toten vorbeigegangen sein? Ich glaube es nicht!

jetzt kommentieren? 16. Februar 2009

Justus Geiß (1882-1965): Lebenserinnerungen (letzte Folge)

Besatzungsmächte in Bergzabern
Die Jahre 1945-1949
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Am 25. März wurde ich zur Kommandantur der Amerikaner (ich glaube, es war das Haus Puder) befohlen, um ihre Verordnung entgegenzunehmen. Als ich das Zimmer betrat, setzte sich der Offizier auf den Tisch, langte nach einem Papierstoß und warf mir einfach die Verordnung entgegen, so dass ich sie auffangen musste. Morgenthau-Vorschrift! In der Verordnung war bestimmt, dass die Sparkasse vorerst geschlossen gehalten werden sollte. Wir hatten ein Büro im Hause Schimper aufgemacht und hielten es offen.
Franzosen lösten bald die Amerikaner ab und neue Verordnungen waren zu holen. Diesmal wurde ich zu einem französischen Kapitän namens Samuel, also ein Jude, geführt, der mich wiederum zum Kommandanten Metzger brachte. Man bot mir einen Stuhl an, und die erste Frage des Kommandanten war: »Sie haben doch die Sparkasse geschlossen?«

Das verneinte ich freimütig mit der Begründung, dass es Leute gäbe, die kein Geld mehr hätten und sohin doch bei uns holen müssten, und andere hätten Angst, ihr Geld könnte zu Hause geraubt werden (Tausende von ehemaligen Kriegsgefangenen, Polen, Russen, waren in der Kaserne untergebracht und zogen von dort auf Raub aus). Nach einigem Zögern billigte er mein Handeln und befahl, dass aber keinerlei Veröffentlichung geschehen dürfe. Den Grund hierzu würde er mir später einmal sagen. Er war angehalten, dass sie nicht eingreifen dürften, wenn von den Insassen der Kaserne Plünderungen vorgenommen wurden. Wir waren also vogelfrei, weshalb auch solche Plünderungen und auch mehrere Morde ungesühnt blieben. (Wirt Kamm starb an einem Stich in den Unterleib).

Unser bisheriger Landrat Jacobus spielte im letzten Halbjahr des Krieges eine klägliche Rolle. Er wehrte sich blödsinnigerweise gegen den Vorwurf, der NSDAP nicht mit dem Herzen geneigt zu sein. Wie alle Landräte wurde auch er abgesetzt, wobei ihm seine Rechtsverteidigungsversuche von der nun geschlagenen Partei nur schaden konnte. An seine Stelle trat ein Rechtsanwalt Gutting aus Landau.

Dieser rief mich eines Tages an: »Wir müssen zur französischen Kommandantur kommen.« Was man wünsche, wisse er nicht. Aber als wir vor dem Kommandanten standen, sagte Guttinger unvermittelt: »Das ist der Herr, der die Sache machen kann.«

Metzger erklärte darauf, wir würden nachmittags zusammen nach Rohrbach fahren zur Firma Odrich; ich sollte noch eine Schreibkraft mitbringen. Mittags ging es im Wagen des Kommandanten, den er selber steuerte, mit Kapitän Samuel, unserem Herrn Volk von der Kasse und mir zu Odrich. Dort angelangt hieß es, ich solle das Lager der Firma aufnehmen, worauf ich mich weigerte, denn ich sei ja kein Fachmann. Da fragte Metzger etwas gereizt: »Aber Möbel können Sie doch wohl aufnehmen?« Was ich achselzuckend annahm. So war ich zum Verwalter des beschlagnahmten Vermögen bestellt worden, gegen meinen Willen.

Eines Tages erhielt ich den Auftrag, bei einem früheren Eisenbahnbeamten
eine Vermögensaufnahme zu machen. Als ich das Wohnzimmer betrat,
sah ich nur ärmliches Dahinvegetieren.

Meine Tätigkeit beschränkte sich lange nur auf die Entgegennahme von Vermögensfeststellungen, die mir ehemalige Parteigenossen auf Anschreiben lieferten. Als schließlich von Kapitän Samuel die Forderung gestellt wurde, ich müsse von allen Parteimitgliedern das Vermögen unter Verwaltung nehmen, wies ich darauf hin, dass mir nicht bekannt sei, wer Parteimitglied gewesen ist. Da sollte ich mir eine Liste bei Kapitän Ralson holen. Als ich bei diesem melden ließ, hatte er keine Zeit für mich, und ich nun auch keine mehr für ihn, so dass es beim Alten blieb, nur auf Anweisungen zu handeln.

Eines Tages erhielt ich den Auftrag, bei einem früheren Eisenbahnbeamten eine Vermögensaufnahme zu machen. Als ich das Wohnzimmer betrat, sah ich nur ärmliches Dahinvegetieren. Die Frau zeigte mir das Schreiben der Eisenbahndirektion, wonach ihr Mann fristlos entlassen worden war und jede Beschwerde zwecklos dagegen sei. Der Mann lag zur Zeit in Heidelberg in der Klinik und hatte gerade eine Kehlkopfoperation hinter sich. Anstatt einer Möbelaufnahme, mehr war ja nicht da, veranlasste ich die Frau, am nächsten Morgen zum Gemeindesekretär zu gehen. Ich selber besuchte diesen sofort und forderte, dass er die ärmlichen Verhältnisse der Eisenbahndirektion und auch dem Landesamt meldet. Später begegnete ich dieser Frau mit ihrem Mann in Bergzabern auf der Straße, als sie auf dem Weg waren, mir für die »Hilfe« zu danken. Der Mann bekam Pension.

Mehrmals versuchte ich von diesem üblen »Amt« loszukommen, insbesondere als mir glaubhaft versichert wurde, das Herold sich um den Posten bemühe. Er habe Samuel mehrmals darauf hingewiesen, dass die Volksbank als Judenbank bezeichnet worden sei. Als ich bei Samuel darauf zu sprechen kam, Herold war zweifellos geeigneter als ich, wurde ich brüsk abgewiesen: »Kommt nicht in Frage!«

Aber ich fand nur »Reparaturbedürftiges«. Und als gleichwohl
die Beschlagnahme der Möbel gefordert wurde und man mir
sogar mit dem Militärgericht drohte, wurde ich fünf Wochen krank.

Vom Sommer 1946 an hatte ich es nicht mehr mit Franzosen zu tun, weil in Neustadt eine Stelle eingerichtet worden war, die die Aufsicht übernahm. Auch dort fand ich zuerst taube Ohren, als ich auf mein Alter und meine baldige Pensionierung hinwies. Als ein Rundschreiben die Beschlagnahmung von Schreibtischen und Bücherschränken anordnete und zudem noch von 30 Wohnzimmern, wobei ich von den Bürgermeister Hinweise erhalten sollte, wo etwas zu holen sei, da wurde es doch zu mulmig.

In meinem Bezirk, den ich als Sparkassenverwalter zu betreuen hatte, wollte ich keinesfalls ein Haus betreten, darum alsomal auf nach Annweiler! Der »blutige Knochen«, wie der dortigen Bürgermeister hieß, fertigte mit Vergnügen eine Listen mit Nazis an, von denen etwas zu holen sei. Aber ich fand nur »Reparaturbedürftiges«. Und als gleichwohl die Beschlagnahme der Möbel gefordert wurde und man mir sogar mit dem Militärgericht drohte, wurde ich fünf Wochen krank. Und da kam mir die »Erleuchtung«, dass doch ein Rechtsbeflissener von Landau, Schubart, der geeignete Mann wäre für diese Arbeit. Er war sofort dazu bereit, und ich präsentierte ihn noch am gleichen Tag in Neustadt, so dass man in seiner Gegenwart doch nicht ablehnen konnte.

Landrat Gütting, der dafür war »nur feste auf die Nazis«, musste bald wieder abziehen und war wohl froh, wenn er hiernach die Verteidigung von Nazis vor dem »Entlassungsgericht« übernehmen konnte. An seine Stelle als Landrat trat ein Dr. Graß.
Bei der Sparkasse waren die Nichtnazis dünn gesät und mussten erst beigeholt werden. So hatte ich die Ehre, in den Verwaltungsrat der Girozentrale zu gelangen, weil man auch die Einberufung der »Frischgebackenen« scheute.

Obwohl ich fest gewillt war, nicht länger als bis zu meinem 65. Lebensjahr Dienst zu tun, und im Februar 1947 mich vom Kreisarzt Dr. Schade untersuchen ließ, um einen plausiblen Grund für meine Pensionierung zu haben, ließ ich mich doch beschwichtigen, noch zwei Jahre länger Dienst zu tun, ja, ich hätte dann noch im Herbst 1949 mein 30. Dienstjahr erreichen mögen.

Dann kam die Ruhestandversetzung am 30. Juni 1949 sang und klanglos. Ich habe mich nicht einmal vom Landrat verabschiedet, weil man mich früher immer persönlich fand und den Abschiedbrief mir durch die Post zustellte. Aber vorher hatte ich doch noch verschiedene Versuche unternommen, die den Kurbetrieb Bergzaberns heben sollten, so hatte mir Herr Unkris, früher Regierungsrat hier und dann Landrat in St. Ingberg, auf meinen Wunsch Unterlagen geschickt, die die Notwendigkeit auswiesen für eine Einführung der Kneipp-Kuren. Aber ich fand hier keinen Anklang! Denn man hatte das Jahr 1942 geschrieben, hoffte auf großen Sieg und goldene Berge.
Jetzt aber waren die Nichtnazis bei der Sparkasse dünn gesät und mussten erst beigeholt werden. So hatte ich die Ehre, in den Verwaltungsrat der Girozentrale zu gelangen, weil man auch die Einberufung der »Frischgebackenen« scheute. Aber ich konnte nur an einer Versammlung teilnehmen, da hatte sie schon genug von mir. Ich hatte das Gefühl, dass die neuernannten Landräte, Bürgermeister und Oberbürgermeister eigentlich viel geldgieriger seien, als die abgesetzten. Als ich mich weigerte, ein Tagegeld von RM 25 einzustreichen, obwohl wir nur knapp zwei Stunden getagt hatten, erregte ich Missfall und man suchte sich einen besseren »Einstreicher«.

Nun gab es auch Raum für die »Schmierfinken«. Bei einer Versammlung im Jahre 1946 oder 47 durften ein »Beamter!« ungerührt sagen: »Es müsste erlaubt sein, ein Butterbrot anzunehmen!« Die Größe des Butterbrotes richte sich nach der Gier des Einzelnen und wird bestraft oder auch nicht bestraft. Die Tochter des Bundeskanzlers durfte sich einen »Leihwagen« schenken lassen. Da komme ich nicht mehr mit!

Ein Franzosenspitzel durfte sich bei uns breit machen, ehemalige Nationalsozialisten im Gefängnis schlagen, ohne dass jemand Einwände dagegen erhob. Als er Gefallen an meiner Branda bekundete, kam er falsch an. Er hatte sie schon mal an die Leine genommen und bis zum Hof der Kommandantur mitgenommen, wo er sie wieder laufen ließ, weil eine Frau, deren Name ich nicht mehr weiß, darauf aufmerksam gemacht hatte, dass es mein Hund sei, der ihn nichts anging, und als er trotzdem davonging, ihm nachlief bis in den Hof der Kommandantur.

Nun kam dieser Bursche eines Tages mir entgegen, als ich gerade ein Büro im Landesamt, dass damals in der Landwirtschaftsschule residierte, verlassen wollte. Er blieb stehen mit der Frage: »Wem gehört der Hund?«
Meine Entgegnung: »Sagen Sie erst mal, wer Sie sind!«
Da holte er seinen Spitzelausweis hervor und gab ihn mir. Beim Rückempfang meinte er höhnisch: »Jetzt werden Sie ja wohl wissen, wer ich bin.«
Ich dagegen: »Oh ja! Mein Name ist Geiß.«
Und damit ging ich davon. Auf dem Heimweg überholte er mich und bemerkte, ich hätte wohl noch die alten Nazibosse im Kopf, worauf ich hinwies: »Oh, nur etwas Sinn für Gerechtigkeit.«

Ich schilderte heimgekehrt sofort in einem Bericht an die Kommandantur diesen Hergang und der Bursche schien daraufhin das Interesse an meiner Branda verloren zu haben. Wenige Wochen danach war aus der Zeitung zu entnehmen, dass ihn die Franzosen wegen seiner Gaunerein eingekapselt hatten.

Hier möge auch noch nachgetragen sein, dass die Nationalsozialisten 1935 glaubten, einen Grund zu haben, um mich abzusetzen.
Damals war verboten, Gemeinden und Gemeindeverbänden Kredite zu gewähren. Am Gründonnerstag hatte eine Entwässerungsgesellschaft (Gemeindeverband) kein Geld in den Kassen, um ihre Arbeiter zu bezahlen, das von der Regierung hätte rechtzeitig angewiesen werden sollen. Ich zahlte die Summe, gab also ungenehmigten und unstatthaften Kredit. Monate später kam man dahinter und forderte Rechenschaft von mir unter gleichzeitiger Androhung, dass ein Verfahren zur Dienstentlassung gegen mich eingeleitet sei.

Meine Antwort: Wenn ich vor den Feiertagen die Zahlung verweigert hätte, wäre nicht nur ich als herzlos in verschiedenen Gemeinden angeprangert worden, sondern auch die Regierung hätte abbekommen, weil sie die notwendigen Mittel nicht rechtzeitig zur Verfügung gestellt hatte. Da schlief das Verfahren ohne weiteres ein.

»Ich glaube, wenn Sie fragen, bekommen Sie keinen Korb.«

Im Sommer 1948 kam die Währungsumstellung, die die Bergzabener Geschäftswelt diesmal besser verkraftete wie 1924. Wir bekamen zuerst wenig Darlehens- und Kreditgesuche, und als noch eine Kreditsperre hinzu kam, arbeiteten wir mit Verlust.

1949 ging die Villa Karcher in die Hände eines Hoteliers über, und das kam so: Ein Herr Knipp war Verwalter dieser Villa (die sich etwas abseits der Straße Birkenhördt/Böllenborn befand), weil sie kaum noch besucht wurde.

Auch dieser Knipp war gestorben, und nur seine Witwe wohnte im Nebenhaus der Villa, zu der ihr Sohn Theo Knipp samstags heimkehrte, der in Kaiserslautern Bankangestellter war und bei der Besitzerin der Villa Paula Munzinger geb. Karcher, als ehemaliger Spielkamerad wohnen durfte.

Dieser stattete mir manchmal an freien Tagen einen Besuch ab, und bei einer solchen Gelegenheit fragte ich ihn, ob die Villa nicht zu kaufen sei. Hierauf kam die Antwort: »Ich glaube, wenn Sie fragen, bekommen Sie keinen Korb.«

Gleich am folgenden Tag schlug ich dem damaligen Bürgermeister vor, die Villa für die Stadt als künftiges Kurhaus zu kaufen. »Denn ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass in der Ecke Birkenhördt/Böllenborner Straße genauso gut Mineralwasser erbohrt kann wie in den Rötzwiesen.«

Der Stadtrat gab sein Einverständnis, und der Meister und ich fuhren nach Kaiserslautern zu Munzinger. Man rechnete mit einer Forderung von DM 80.000. Stattdessen wurde nur DM 50.000 gefordert und der Bürgermeister handelte noch DM 5.000 herunter auf DM 45.000. Da schämte ich mich, mitgekommen zu sein. Und dann fehlte der Mut zum Kaufabschluss trotzdem!

Nun erschien eines Tages der Landrat Dr. Graß bei mir und erzählte, dass Herr Schmitt aus Pirmasens für seinen Neffen Gaststätten suche und glaube, im Torbogen des Weintors Schweigen (die Gaststätte dort war noch nicht wieder aufgebaut) könne eine solche eingerichtet werden. Darum wollten sie nachmittags dorthin. Ich verwies auf die Villa Karcher, die man zweckmäßig umbauen könnte. Das Geschäft wurde perfekt, Schmitt kaufte für sich selber und baute das Parkhotel daraus.

Und damit ging auch meine »Nebentätigkeit« als Sparkassenverwalter zu Ende.

jetzt kommentieren? 15. Februar 2009


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