Schade. Als ich gestern die Ausstellung „Kosmos Rudolf Steiner“ (Kunst-
museum Stuttgart) verließ, war meine Stimmung getrübt. Ein großes Thema ist klein abgehandelt und damit verschenkt worden, hatte ich den Eindruck, wo anlässlich des 150. Geburstags von Rudolf Steiner reichlich bester Stoff zur Verfügung gestanden hätte.

Vielleicht mag es dem Budget der Ausstellungsmacher geschuldet sein, oder ihrer Oberflächlichkeit in der Beschäftigung mit dem Thema, dem Zeitgeist entsprechend. Dafür würde auch der Ausstellungskatalog Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart sprechen, der zwar opulent produziert, inhaltlich aber ziemlich dünn daher kommt, schaut man ihn genauer an. Wie viele farbige Leerseiten in dem 224-Seitenwerk sind, möchte ich nicht zählen, und wie viele Seiten nur mit einem großgedruckten Zitat von Steiner und anderen gefüllt wurden, auch nicht. Optisch macht der Katalog etwas her, ohne Zweifel, aber kunstwissenschaftlich bleibt er weit hinter den Vorgängern zurück, an die dieses Ausstellungsprojekt anzuschließen versucht. Zu nennen wäre vor allem Harald Szeemanns Ausstellung „Der Hang zum Gesamtkunstwerk – Europäische Utopien seit 1800“ (1983) sowie „The Spiritual in Art“ (1986; dt. Ausgabe: „Das Geistige in der Kunst. Abstrakte Malerei 1890-1985“, 1988). Auch der Katalog des Vitra Design Museums, Rudolf Steiner und die Alchemie des Alltags (2010) bietet erfreulich mehr.

Womit haben wir es bei diesem Ausstellungsprojekt zu tun, das noch bis zum 22. Mai 2011 in Stuttgart zu sehen ist? Einerseits greifen die Macher auf rund 100 Jahre Produktions- und Rezeptionsgeschichte der Steiner’schen Impulse zurück, andererseits nutzen sie kaum den zur Verfügung stehenden Stoff, als gelte das Credo: Less is more. Doch wer einmal das Kunstarchiv am Goetheanum besucht hat, wird enttäuscht sein, wie wenig davon ausgestellt worden ist. Hinzu kommt ein Widerspruch: Steiners künstlerische Impulse streben das Gesamtkunstwerk an, sie versuchen zu integrieren, statt zu separieren. Davon ist in der Ausstellung wenig zu sehen. Eine verbindende Inszenierung, die über Chronologie und Themenliste hinausgeht, konnte ich kaum erkennen, und eine substantielle Ausstellungsdidaktik, die sich darum bemüht, die Objekte dem Publikum zu vermitteln, ebenso wenig.

Am meisten wird vermutlich die Auswahl der Künstler und ihrer Werke verwundern, die in Bezug zu Steiners Werk und Wirken gesetzt wurden. Da fällt es bisweilen schwer, den Bezug nicht einzig darin zu erkennen, dass Sponsoren und ihre Ausstellungsmacher eben gerade diese Künstler protegieren wollten, und andere nicht. Der italienische Künstler Giuseppe Penone gesteht denn auch freimütig: „Ich weiß nicht, ob meine Kunst Bezüge zu Rudolf Steiner hat, der für mich keine bewusste Inspirationsquelle war: Das kulturelle Umfeld hingegen, in dem ich aufgewachsen bin, war humanistisch geprägt, insofern sind indirekte Verbindungen durchaus möglich.“ (S. 73)

Natürlich kann man alles zu irgendetwas in Bezug setzen – das nennt man dann Beliebigkeit. Auf diese Weise den „Kosmos Steiner“ vermitteln zu wollen, erscheint mutig, sofern man überhaupt davon ausgehen mag, dass hier Steiners künstlerische Impulse vermittelt werden sollten. Mein Eindruck ist eher der, Steiners Werk im „Anything goes“ (Paul Feyerabend) zu verdecken, statt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu heben. Ist Steiners Werk schon nicht zu negieren, kann man es zumindest neutralisieren und kompatibel machen lassen. Warum sollte eine Volkswagen Financial Services AG auch Interesse daran haben, „anthroposophische Kunst“ und deren Künstler zu fördern? Rudolf Steiner ist eine der großen, berühmten Persönlichkeiten unserer Zeit – da nutzt man gern seinen Namen, auch wenn er umstritten ist. Gerade das macht Steiner reizvoll und sein Werk lebendig. Natürlich haben die Macher der Ausstellung recht, wenn sie dafür plädieren, „Steiner zu entsteinern“ und aus der Enge der anthroposophischen Dogmatik und Gesellschaft der Nachfolgergenerationen zu lösen – aber so?

In meinen Augen liest sich der Einleitungstext von Markus Brüderlin und Ulrike Groos passagenweise wie eine Rechtfertigungsschrift. In Anmerkung 3 des Katalogs auf Seite 17 schreiben sie: „Der anthroposophische Kunstkritiker Diether Rudloff beklagt an der sogenannten anthroposophischen Kunst: ‚Das schreckliche Mittelmass mit seiner sogenannten Ausgewogenheit und Wohlanständigkeit, das nicht wagt oder nicht wagen darf, nach oben oder unten auszubrechen in ein schöpferisches Chaos (….), was einen (….) manchmal geradezu panikartig die Flucht ergreifen lässt“, zit. nach Wolfgang Zumdick, Rudolf Steiner und die Künstler, Dornach 2005, S. 100.“

Zitieren aus zweiter Hand ist sicher nicht die erste Wahl wissenschaftlicher Arbeit, aber sei’s drum. Das Originalzitat stammt aus meinem Buch Anthroposophie und Malerei. Gespräche mit 17 Künstlern (Köln 1990, S. 320) und lautet: „Selbst auf die Gefahr hin, für arrogant elitär gehalten zu werden: Das schreckliche Mittelmass mit seiner sogenannten Ausgewogenheit und Wohlanständigkeit, das es nicht wagt oder nicht wagen darf, nach oben oder unten auszubrechen in ein schöpferisches Chaos, wie es schon Novalis und die Gebrüder Schlegel in ihrer romantischen Poetik forderten – ist es nicht gerade dies, was einen vor den Produkten der Medienindustrie, der Postmoderne, der anthroposophischen Malerei manchmal geradezu panikartig die Flucht ergreifen lässt.“ 

Erkennen Sie den Unterschied in der Argumentation? Die „Produkte der Medienindustrie“ und der Postmoderne sind ausgelassen worden, sie passten wohl nicht in den Angriff gegen die „anthroposophische Kunst“. Diether Rudloffs verfälschtes Zitat also als Argument zu verwenden, sich mit der rund 100-jährigen Kunstgeschichte der Anthroposophie nicht weiter beschäftigen zu müssen, weil sie einen „manchmal geradezu panikartig die Flucht ergreifen lässt“, halte ich allerdings für signifikant und bestätigt auch heute meine These, wie ich sie schon vor 21 Jahren formuliert habe.

„Die anthroposophisch orientierte Malerei ist ein Beispiel dafür, wie sich kultur- und wirtschaftspolitisch bewusst gesteuerte Verdrängungsprozesse auswirken: (kunst)historische Fakten aus bisher mehr als 70 Jahren wurden in der allgemeinen Kunstgeschichtsschreibung schlichtweg ignoriert (….). Ich möchte zwei Generationen von Kunsthistorikern und Journalisten nicht unterstellen, sie seien ‚blind’ gegenüber der umfangreichen Bilderwelt dieser Weltanschauungs-
bewegung gewesen. Aber sie haben sie in ihren Publikationen eindeutig verschwiegen, vielleicht auch verschweigen müssen. Zweifellos besteht die Arbeit des Kunstwissenschaftlers auch darin, Menschen zum Verständnis künstlerischer Arbeiten zu erziehen. Und wie in kaum einem anderen Wirtschaftssektor hängt hier der Markt davon ab, welchen Wert finanzstarke Minoritäten jeweiligen Werken und ihrem Kontext zukommen lassen. Daran muss sich der Vermittler weitgehend halten, solange er finanziell abhängig ist und gezielte Geschmacksbildung im zu interessierenden Publikum zu leisten hat. Arbeiten aus dem engen Umfeld der Anthroposophie sollten offenbar nicht aufbereitet werden – anders kann diese einmalige Verdängungsleistung in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht plausibel werden.“ (S. 7f.) 

Daran hat sich in meinen Augen auch mit dieser Ausstellung in Wolfsburg und Stuttgart wenig geändert. Neues wurde kaum erschlossen. Steiner und den Seinen hätte ich bei aller Kritik mehr substantielle Würdigung gewünscht. Als ich 1989 zur Farbentheorie und Malpraxis der Anthroposophie promovierte, versuchte ich zu dem vielfach unerschlossenen Thema beizutragen, ebenso mit meinem oben genannten Buch, das damals ebenfalls bei Dumont erschienen ist, wie dieser Katalog heute. Wenn Sie mich fragen, was mein Resümee nach 22 Jahren ist, dann vielleicht dieses: Schade, dass sich nicht mehr Wissenschaftler und Institutionen des Themengebiets angenommen haben. Schade, dass diese Forschungen nie gefördert wurden. Auch wenn Anthroposophie und Sektierertum bisweilen nahe beieinander liegen, bleibt das Thema „Kunst und Anthroposophie“ spannend, substanzreich und vielfach noch unerschlossen. Daher hat natürlich auch diese Ausstellung ihr Gutes.

Lesen Sie auch meine Besprechung des Katalogs: Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags