Ist es gekränkter Narzissmus, der mich immer wieder mit der Wikipedia-Biografik beschäftigen lässt? Ich denke darüber nach. Als erstes fällt mir die Frage ein, wer von uns Menschen kein Narzisst ist, der sich morgens wäscht und für den Tag aufhübscht, so gut es geht. Wer möchte nicht von anderen und sich selbst positiv wahrgenommen werden? Vermutlich werden täglich Millionen Selfies weltweit per Handy fotografiert und verschickt – gehört Narzissmus also nicht zu einem Massenphänomen unserer westlich geprägten Zeit, dem sich kaum jemand zu entziehen vermag?

Wer, wie ich, seit rund 30 Jahren als freier Publizist arbeitet, weiß, dass Klappern zum Handwerk gehört. „Personal branding“ kann man das nennen, oder einfach Selbstvermarktung. Was ist daran schlecht, in einer Welt wie der unsrigen mit seiner Arbeitskraft den eigenen Lebensunterhalt und den der Familie zu verdienen? Als Publizist lebt man davon, zu veröffentlichen und honoriert zu werden. Dafür bin ich froh und dankbar, dass mir dies über Jahrzehnte hin gelungen ist.

Warum also beschäftigt mich die Wikipedia-Biographik über meinen Fall zum Personenartikel Andreas Mäckler und vor allem dessen Diskussionen hinaus? Ich glaube, es hängt mit meiner Sozialisation und der meiner Mutter zusammen. Eines meiner ersten Lieblingsbücher als junger Mensch war das Knaurs Lexikon A-Z, der „kleine Knaur“, wie meine Mutter ihn nannte und noch heute mit über 90 Jahren zur Hand nimmt; auch ich las mich als Junge nahezu täglich fasziniert durch die Seiten. „Das Wissen der Welt“ – so und ähnlich klangen die Kompendien, die ich als Jugendlicher zu Weihnachten und Geburtstag geschenkt bekam und mit Leidenschaft verschlang. Die Brockhaus-Enzyklopädie in 24 Bänden (1986) kaufte ich als Student verbilligt im Abo. Auch später, als ich das Drehbuch zu dem Dokumentarfilm Wissen ohne Ende – Vom Lexikon zu Multimedia. Brockhaus und Meyers (1998) schrieb, hatte ich noch diese Freude am Neuentdecken der Wissenswelt.

Und dann kam Wikipedia und sorry, wenn ich es platt sage: In der Publizistik des Wissens hatte ich zuvor niemals ein derartiges Grauen kennengelernt wie in der Wikipedia; vermutlich deshalb interessiert mich deren Mechanik als neuem Phänomen der Zeit.

Es ist schon eine geniale Konstruktion, das „Wissen der Welt“ zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil von weltweit Tausenden kostenfrei, sich selbst ausbeutenden Autoren zusammentragen zu lassen und damit alljährlich Millionenprofite zu erzielen. Natürlich gilt der Einwand, jeder Autor entscheidet selbst über seine Mitarbeit in der Wikipedia, egal der eigenen Ausbeutung oder nicht; das sei ihm unbenommen: Aber muss sich deshalb auch jeder Betroffene diesem Autorenfuror – beispielsweise in Personenartikeln – hilflos ausliefern lassen?

Muss man sich in der Wikipedia denunziern lassen? Dagegen wehre ich mich! Ich wehre mich dagegen, dass in der Wikipedia meine Vita als Publizist teilweise unrichtig und tendenziös dargestellt wird. Ich wehre mich dagegen, dass mehr als 16 Jahre meiner publizistischen Tätigkeit seit dem Jahr 2000 von wortsagenden Wikipedia-Autoren als „irrelavant“ abqualifiziert werden, obwohl Presseveröffentlichungen und andere Fakten eine andere Sprache sprechen. Was mich ärgert und verletzt: Dass auf der Plattform der Wikipedia anonyme Leute ungehindert gegen mich und viele andere Personen und Institutionen diffamieren.

Vermutlich deshalb habe ich diese Debatte als eines der Themen meines Biographieblogs auch zur Diskussion gestellt: http://www.meine-biographie.com/category/wikipedia-casus-mackler/