»Spielen Sie viel und singen Sie mit ihm.«
Bernhards Geburt 1951 und die Jahre danach

Meine Schwiegermutter wurde von Tag zu Tag kränker. Sie hatte offenen Krebs von der Brust aufwärts bis zum Kinn und wurde bestrahlt. Das führte zu Verbrennungen, ihre linke Seite war voller Blasen, so groß wie 5-Mark-Stücke. Die platzten auf und dann war nur noch rohes Fleisch auf ihren Knochen zu sehen. Ich musste sie morgens und abends waschen und mit Zinksalbe einreiben, damit die Wunden nicht eiterten. Schwiegermutter lag nur noch in ihrem Schlafzimmer, wir hatten das restliche Haus für uns. An ihrer Schlafzimmertür stand eine Schüssel mit Sagrotan, damit jeder die Hände desinfizieren konnte, der mit ihr in Berührung kam.

Ich pflegte meine Schwiegermutter mehr als zwei Jahre lang, jeden Tag. Als ich als Schwiegertochter in die Familie Kempf gekommen war, hatte ich 140 Pfund gewogen. Ich war schön und rund, mein Mann wog 96 Pfund, als er vom Krieg zurück kam. Jetzt magerte ich zusehends ab. Wir hatten damals nur 40 Mark im Monat zum Leben, doch meine Schwiegermutter musste 600 Mark an Behandlungskosten aufbringen. Weil wir das Geld nicht hatten, lieh es ihr eine Freundin, Frau Gerey, die schräg gegenüber in einem Wochenendhaus wohnte und Vermögen in Bregenz und in Bucher am Pfedersee hatte. Dieses Geld knallte meine Schwiegermutter dem behandelnden Arzt Dr. Öller bar auf den Tisch. Sie war empört über die Arztrechnungen und hilflos zugleich.

Eines Tages kam eine Frau zu meiner Schwiegermutter, die behauptete, ich hätte ihren Mann verführt. Meine Schwiegermutter glaubte ihr, sie schikanierte mich umso mehr. Aber pflegen und ihre Windeln wechseln ließ sie sich von mir bis zum Tod! Es war die Hölle, ich wurde physisch und psychisch als Person immer kleiner. Aber das kümmerte keinen. Meine Schwiegermutter beutete mich aus, der Bruder meines Mannes, Richard, saugte uns finanziell jahrelang aus. Seine Wäsche musste ich sonntags früh selbst im Winter, bei dreißig Grad Kälte, draußen auf dem Beton im Hof schrubben. Bis zum Abend musste sie wieder trocken und gebügelt sein, damit er sie am Montag morgen um fünf Uhr mitnehmen konnte, wenn er die Woche über auf Montage fuhr.

Eine Szene aus dieser Zeit werde ich niemals vergessen: Richard hatte am Montag morgen eine frisch gewaschene Strickjacke angezogen, an der ein Knopf fehlte. Ich sagte: »Richard, ich sehe gerade, dass da ein Knopf fehlt, den nähe ich dir noch schnell an. Das hättest du mir ja schon gestern sagen können, dass da ein Knopf fehlt.«
Da brüllte er mich wie aus heiterem Himmel an: »Für was bist du dummes Luder denn da? Hättest du das nicht schon gestern sehen können?«

Ich war wie vom Donner gerührt. Ach so ist das, hab ich mir gedacht, ich bin also das dumme Luder hier im Haus! Ich war außer mir und weinte den ganzen Tag. All die Jahre, immer hatte ich versucht, es allen in der Familie recht zu machen, aß selbst nicht, wenn die anderen aßen, damit ich meinen Mann und die Familie besser bedienen konnte, und stellte meine Bedürfnisse völlig hintan. Und dann der Dank: »Du dummes Luder!« Ich war zutiefst verletzt.

Ich nahm mir vor, Richards Wäsche am nächsten Wochenende nicht mehr zu machen. Aber als er vor mir stand, wurde ich wieder schwach und machte ihm den Dreck weg. Das ging so lange, bis er heiratete. Kein Dankeschön, bis heute nicht. Keinen Blumenstrauß, keine nette Geste. Ich war immer nur das dumme Luder. »Für was bist du dummes Luder denn da?« Das war sein Standardsatz, wenn er irgendetwas von mir wollte. Mein Mann sagte das zwar nicht zu mir, aber er wird es sich wohl gedacht haben, getreu dem Sprichwort: »Mit den Armen und Dummen treibt man die Welt um.«

Eines Tages war Richard mit einer neuen Frau ins Haus gekommen, die er als Sofie vorstellte, die Nichte der Frau Gerey von gegenüber. Meine Schwiegermutter war von Anfang an wenig begeistert über Richards neue Eroberung. Ich war ihr zu schön, Sofie war ihr zu hässlich. Niemand konnte es der Schwiegermutter recht machen. Sie atmete jedes Mal tief durch, wenn Sofie wieder das Haus verließ: »Gott sei dank, dass die wieder draußen ist!«

Aber Sofie war die Tochter reicher Eltern in Bregenz. Der Vater besaß ein millionenschweres Druck- und Verlagsunternehmen, seine Tochter arbeitete bei ihm als Sekretärin und öffnete die Briefe. Mehr hatte sie nicht gelernt. Ich vermute, dass Frau Gerey nachgeholfen hat, damit sich Richard und Sofie kennen lernten. Von Anfang an nahm Sofie die Zügel in die Hand und ließ uns spüren, dass wir eigentlich arme Schlucker waren und nur dank ihrer Gnade nach vorne schauen könnten. Sie war ein furchtbar dominantes Persönchen. Richard zog bald zu ihr nach Bregenz, ich war erleichtert. Endlich eine Belastung im Haus weniger!

Ich wurde magersüchtig. Jahrelang spuckte ich auch später noch das Essen heimlich wieder aus, weil ich Angst hatte, dass das Essen vergiftet sei. Immer wieder hatte Adi mir gedroht, dass er mich vergiften würde. Deshalb hatte ich immer auch die Kinder schon gefüttert, wenn er nach Hause kam, damit er nicht an sie rankam und sie vergiften konnte. Damit hatte er oft gedroht. Sieben Jahre schlief ich nachts fast gar nicht, immer hatte ich Hunger, aber für mich war nie etwas da. Nur die Reste konnte ich nachts heimlich essen. Nie wurde ich am Tisch gefragt, ob ich auch etwas zu essen haben wollte.

Ich war am Ende und wog nur noch 39 Kilo. Unser Hausarzt Dr. Greiner war entsetzt, als er mich sah: »Um Gottes Willen, was ist mit Ihnen los?« Er untersuchte mich. »Sie müssen mit der Arbeit aufhören, Sie müssen sich schonen.«
»Aber ich kann doch nicht, ich hab das Haus, die Küche und den Garten.«
»Da muss eben der Adi mal was tun!« sagte der Doktor. Die beiden waren Schulkameraden gewesen und kannten sich.
»Der tut doch nichts im Haushalt«, klagte ich.
»Dann muss er halt«, meinte der Doktor achselzuckend. »Sie bekommen ein Baby, aber das kann definitiv erst in der Frauenklinik festgestellt werden.«
»Um Gottes Willen!« entfuhr es mir spontan. »Das darf mein Mann auf keinen Fall erfahren!«
»Ja, warum denn nicht?« Jetzt war der Arzt wirklich erstaunt. So groß hatte er sich die Probleme in unserer Ehe nicht vorgestellt.
»Weil mein Mann schon das erste Kind nicht gewollt hat.«

Wenige Tage später, am 1. März 1951, starb meine Schwiegermutter. Bei ihrer Beerdigung standen die Leute auf der Strasse, um auf den Sarg zu warten, der im Haus aufgebahrt worden war. Ich pflückte alle Schneeglöckchen, die in diesen Tagen im Garten blühten, und füllte den Sarg mit ihnen aus. Meine Schwiegermutter lag wie eine Gräfin inmitten der Schneeglöckchen.

Der Trauerzug ging von unserem Haus am Berg hinab durch Ottmarshausen hindurch zum Friedhof. Anschließend musste ich den Leichenschmaus ausrichten und die Leute bedienen. Wie ich das alles geschafft habe, weiß ich bis heute nicht. Ich war überglücklich, als unser Haus am Abend leer war – überglücklich und vollkommen fertig! Meine Seele wurde immer kränker.

Ich war so krank und schlecht beieinander in diesen Wochen, dass ich anschließend einen Zusammenbruch hatte und ins Augsburger Westkrankenhaus eingeliefert wurde. Gelbsucht wegen Unterernährung wurde diagnostiziert. Wochenlang musste ich im Krankenhaus das Bett hüten. Der behandelnde Arzt Dr. Hämmerle war entsetzt, als er mich untersuchte. »Sie sind ja nur noch ein Wrack«, sagte er. »Was ist los mit Ihnen?«
Am Ende der Untersuchung war auch er sicher: »Sie bekommen ein Kind, aber in diesem Zustand bekommen Sie es nicht!«
Um eine optimale Behandlung zu gewährleisten, wollte er mit Kollegen am Nachmittag über meinen Fall sprechen und bestellte mich deshalb für den nächsten Tag noch einmal zur Untersuchung. Schließlich teilte er mir mit ernstem Gesicht mit: »Wir sind der Meinung, dass es das beste ist, wenn wir Ihnen das Kind nehmen.«
Ich war entsetzt. »Nein, nein, das Kind gebe ich nicht her! Niemals. Ich will zwölf Kinder, ich gebe keins davon her!«
»Aber Sie werden es in diesem Zustand nicht überleben«, sagte der Arzt. »Sie können ja kaum laufen, Sie sind am Ende. Spätestens bei der Geburt werden Sie sterben. Und was sagt Ihr Mann dazü«
»Dem sag ich das gar nicht.«

Der Arzt schüttelte den Kopf und überwies mich in das Augsburger Wöchnerinnenheim in der Gögginger Straße. Dort wurde ich die nächsten sieben Monate regelrecht wieder aufgebaut. Zwischendurch durfte ich für ein paar Tage oder Wochen nach Hause, aber richtig auf die Beine kam ich nur durch die Schwestern, die mich fütterten und aufpäppelten. Diese Art der intensiven Pflege gibt es heutzutage überhaupt nicht mehr, dass sich Menschen aufopfernd um andere kümmern. Aber nur so konnte ich die Schwangerschaft überstehen, denn zu Hause wurde es immer schlimmer.

Als ich Adi von der Schwangerschaft erzählte, schrie er mich an, dass das Kind nicht von ihm sein könnte! Er nahm mich nicht mehr in den Arm, kein liebes Wort, nichts! Einmal warf er mich brutal vom Sofa, auf dem er lag, als ich mich zu ihm setzte und ihm über den Kopf streichelte.
Jetzt war ich endgültig zum Pflegefall geworden. Ich zitterte am ganzen Körper – und meine Hand und der Kopf zittern seitdem noch heute. Richtig erholt habe ich mich von diesem Drama nie wieder. Sobald ich im Krankenhaus entlassen wurde, klappte ich daheim wieder zusammen und musste wieder ins Krankenhaus eingeliefert werden. Adi half mir in keinster Weise, er war abweisend und widerlich zu mir. So ging es während der ganzen Schwangerschaft, bis zum Schluss.

Vor der Entbindung bot uns unerwarteter Weise mein Schwager Richard an, dass ich Christine nach Bregenz bringen und so lange bei ihnen lassen könne, bis das Baby auf die Welt gekommen sei. Da mir weder Adi noch sonst jemand zur Seite stand, nahm ich das Angebot gern an und packte die Koffer, damit Christine vier Wochen lang mit frischer Wäsche versorgt wäre. Aber kaum kamen wir in Bregenz an, fragte die Schwägerin mit einem Blick auf unsere großen Koffer: »Wie lange wollt ihr denn hier bleiben?«
»Ich bleibe doch nicht«, sagte ich. »Das sind nur die Koffer fürs Christinchen.«
Die Miene meiner Schwägerin verfinsterte sich zunehmend. Sie wurde immer unleidlicher, bis wir es nicht länger aushielten und nach wenigen Tagen frustriert wieder nach Hause fuhren. Von Hilfe auch hier keine Spur! So kam mein Sohn zur Welt.

Bernhard wurde am 14. September 1951 geboren, drei Wochen zu früh, aber er war von Anfang an ein süßer Kerl mit schönen braunen Augen, wie ich sie mir immer gewünscht habe. Meine Schwiegermutter hatte mir beim ersten Kind ein Foto von sich geschenkt und gesagt: »Schau das Bild immer an, dann kriegt dein Kind auch die schönen braunen Augen, die ich habe.« Das hatte ich täglich getan, was bei Christine allerdings nichts nützte.
Ich war überglücklich, dass der Junge gesund war, auch wenn er durch die frühe Geburt in seiner Entwicklung nicht ganz ausgereift war. Er hatte den Körper voller kleiner blonder Haare.

Für den Fall, dass ich bei Bernhards Geburt sterben würde, hatte ich unser Haus gründlich geputzt. Niemand sollte mir vorwerfen, ist sei schmutzig gewesen. Wegen der vielen Arbeit und Überanstrengung ist es dann vermutlich zur Frühgeburt gekommen. Ich musste ja allein den ganzen Haushalt machen und Kommoden, Schränke und Tische schieben, damit sich dahinter kein Staub festsetzte. Adi sprach immer öfter von einer neuen Frau, die er sich suchen würde oder schon gefunden hatte. Das war natürlich auch kein Kompliment für mich.

Wie bereits bei Christine, war außer mir wieder niemand über den Nachwuchs in der Familie begeistert, weder mein Mann noch mein Schwager in Bregenz nahmen Bernhard jemals in den Arm oder halfen mir im Haushalt mit den Kindern. Kein liebes Wort, kein Freudenausbruch, nichts. Nur Christinchen war stolz, einen kleinen Bruder bekommen zu haben, den sie im Puppenwagen durch die Gegend schieben konnte. Sie war selig.
Ich holte mir meinen Bruder Heinz ins Haus, weil bei meinen Eltern das Geld knapp geworden war und er keine Arbeit hatte. Ich dachte mir, dass Heinz mir im Haushalt helfen könnte, aber da lag ich komplett falsch. »Wenn deine Männer nichts tun, dann brauch ich auch nichts zu tun«, meinte er und ließ sich bedienen. Jetzt hatte ich (mit Heinz) drei Männer im Haus, und keiner rührte einen Finger. Ich wurde noch einsamer und ausgemergelter. »Hat das dein Vater gemacht?« war Adis Spruch, wenn ich ihn um irgendetwas bat. Sei es, mal auf die Kinder aufzupassen, einkaufen zu gehen, im Garten zu helfen, immer ließ er diesen Spruch los und ließ mich allein. Er war ein Chauvinist erster Güte. Kochen musste ich, was er wollte. Aber ein Lob erhielt ich nie.

Am 9. November 1951 starb meine Mutter, was mich noch unglücklicher machte. Adi führte sein Lotterleben weiter, im Büro schauten mich seine Mitarbeiterinnen, mit denen er ein Verhältnis hatte, scheel an, wie ich überhaupt noch ein Kind kriegen konnte, wo er mit mir – wie er sagte – nichts mehr hatte. Das Kind sei ja nicht von ihm, wiederholte er immer wieder. Alles Lüge!

Bernhard war von Anfang an schwierig. Weil ich so krank war und nichts essen konnte, hatte ich nicht genug Muttermilch und konnte ihn nicht richtig stillen. Mit drei Wochen fütterte ich ihn mit dem Löffelchen, doch Bernhard wollte nichts im Mund behalten, weder einen Schnuller noch das Fläschchen. Sobald er etwas Warmes am Mund spürte, spuckte er es wieder aus. Mit Mühe bekam ich ihn so weit, dass er die Breichen runterschluckte. Immer schwerer fiel es mir, die Familie zu pflegen. Meine Gesundheit war angeschlagen und ich bemühte mich jeden Tag, den Kindern eine gute und gesunde Mutter zu sein.

Es ging nichts gut voran, Bernhard wuchs nicht so schnell wie Christine, erst mit drei Jahren begann er zu sprechen. Christine saß mit einem halben Jahr auf dem Töpfchen, Bernhard machte noch mit drei Jahren in die Hose und ins Bett. Die Ärzte beruhigten mich: »Warten Sie‘s nur ab. Das wird schon, der Junge ist einfach ein Spätzünder.«
Am liebsten aß er Kartoffeln, Zwiebeln und Kohl sowie rohe Kohlrabi. Schon früh ging er sorgsam mit seinen Kleidern um. Nach dem Spaziergang in schönen Ausgehkleidern zog er sich immer sofort Spielklamotten an. Ich war überglücklich, als Bernhard nach drei Jahren zum ersten Mal »Ma Ma Ma Mama« sagte.
»Spielen Sie viel mit ihm und singen Sie, das tut dem Jungen gut«, rieten mir die Ärzte. »Singen ist ganz wichtig für ein Kind, dann wird es auch sprechen.« So sang ich Bernhard täglich Kinder- und Volkslieder. Am liebsten mochte ich »Im Märzen der Bauer…« – vielleicht, weil das Lied mit Arbeit zu tun hat. Wenn mein Leben an einem reich war, dann an Arbeit und Leiden!

Das schwere Leben, das ich führen musste, brachte auch schwere Gedanken hervor. Es gab Zeiten, da dachte ich daran, mich und meine Kinder mit dem Pflanzenvertilgungsmittel E 605 auszulöschen, das wir im Garten benutzten. Öfters saß ich an ihrem Bettchen und dachte, soll ich‘s tun? Soll ich‘s nicht tun? Aber mein Glaube an Gott und dessen Weisheit half mir, es nicht zu tun, mochte ich noch so verzweifelt sein. Gott gab mir kein Recht, mich und meine kleinen Kinder zu töten, auch wenn sie von Adi nie geliebt wurden. Er freute sich nicht auf Christine und Bernhard, wenn ich sie abends um 18 Uhr oben ans Gartentürchen stellte und sagte: »Jetzt kommt gleich der Vati! Der freut sich, wenn ihr hier auf ihn wartet.«

Doch bei Adi war überhaupt nichts von Freude zu bemerken, wenn er nach Hause kam! Er ging durch die Gartentür und sagte manchmal noch nicht einmal »Guten Tag, Kinder!« So lebte er sein Leben und gab uns nie das Gefühl, von ihm geliebt und geachtet zu werden. Da konnte man schon einmal auf Selbstmordgedanken kommen.

Je älter der Bub wurde, um so trauriger machte es mich, dass Bernhard einen Sprachfehler hatte. Er stotterte. Von früh auf wurde er deshalb ausgelacht. Besonders schlimm war es in der Schule, sogar die Lehrer machten sich über ihn lustig und schikanierten ihn. »Setz dich hin, Bernhard, du bist zu blöd zu allem, du kannst es doch nicht.« Solchen Spott musste er leider oft hören, auch mir tat es in der Seele weh. Zu meinem Mann sagte ich häufig: »Vati, sei so gut und lass uns gemeinsam zu den Lehrern gehen und mit ihnen sprechen, dass sie diese Hänseleien gegen unseren Bernhard endlich sein lassen!«
Adi reagierte wie immer nur unwirsch. »Was soll ich da?« Er tat, als ginge ihn das alles überhaupt nichts an.
»Du gehst mit, aber ganz bestimmt!« Immer wieder drängte ich ihn und ließ so lange nicht locker, bis er mit ging.

Wir vereinbarten einen Gesprächstermin bei einem Lehrer, der Meier hieß und besonders gemein zu Bernhard war. Mein Mann sagte kein Wort, als wir dem Lehrer gegenüber saßen. Ich stieß Adi unter dem Tisch mit den Füßen an, er reagierte überhaupt nicht. Ich drohte dem Lehrer, wenn er Bernhard nicht in Frieden lasse, ginge ich zum Direktor und von da aus zur Polizei.
Aber es nützte nichts, der Lehrer Meier änderte sein Verhalten nicht. So ging ich zum Schulamt und beschwerte mich über ihn. »Er misshandelt meinen Sohn«, sagte ich.
Aber der Schulamtsleiter antwortete nur kühl: »Wenn Sie besser wissen, was im Falle Ihres Sohns zu tun ist, können Sie ihn ja von der Schule nehmen.«

So schickte ich ihn auf die Schule in Neusäss und Christine nach Heinhofen, aber besser wurde es dadurch auch nicht. Die Kinder hänselten und verprügelten ihn weiterhin, machten ihm das Rad kaputt und zerrissen seine Kleider. Einmal spuckte der Schulrektor Christine auf der Strasse ins Gesicht,  und verglich sie mit einem geistig behinderten Jungen, der im Dorf wohnte und in