»Du siehst nichts, aber du weißt alles.«
Umbaujahre in Ottmarshausen – die 50er und frühen 60er Jahre

Äußerlich verlief unser Leben in ruhigeren Bahnen, so wie ich es mir immer gewünscht hatte. Adi kam pünktlich zum Mittag- und Abendessen. Aber das war auch schon alles, von Harmonie zwischen meinem Mann und mir keine Spur. Adi ging seine eigenen Wege.

Zunächst wollte ich es nicht wahrhaben, dann musste ich erkennen, dass er sich immer mehr mit anderen Frauen einließ. Im Auto, in seinen Anzügen oder im Mantel fand ich Sexhefte und Telefonnummern, die er vor mir versteckte. Manchmal lagen die Hefte auch unter dem Bett oder der Matratze – irgendwo habe ich immer wieder etwas gefunden, hob es auf und verlor kein Wort darüber. Wenn ich weg war, hat Adi die Frauen in meinem Bett gehabt. Ich habe die Bettdecken und Kissen mit einem dünnen Faden an das Laken genäht, damit sie rissen, wenn man sie aufschlug. Wie oft waren sie gerissen, wenn ich abends nach der Arbeit nach Hause kam! Alles war weggerissen.

Er hatte auch ein Verhältnis mit seinem Lehrmädchen Beatrix. Abends ging er mit zu ihr nach Hause und gleich ins Schlafzimmer, wie ein Freund und ich beobachtet haben. Deren Eltern waren schon so alt, dass sie nichts mehr mitbekommen haben. Auch habe ich sie von unserem Küchenfenster aus beim Knutschen in unserem Vorhäuschen beobachtet. Das Treiben hatte erst ein Ende, als das Mädchen einen 35 Jahre älteren Mann heiratete und nach Augsburg zog. Sie soll ihr Schlafzimmer total verspiegelt haben, mit Spiegeln auch an der Decke – das muss Adi wohl auch Spaß gemacht haben.

Später hatte er viele Jahre lang eine Sekretärin und fuhr mit der mittags an unserer Haustür vorbei nach Hainhofen zum Essen und ließ mich allein daheim mit meinem Essen sitzen, das ich für ihn gekocht hatte.
Nachdem ich ihn darauf angesprochen hatte, sagte er: »Du, ich geh jetzt immer nach Hainhofen zum Essen. Du brauchst für mich mittags nichts mehr zu kochen.«
»Warum?« fragte ich.
»Weil ich dort essen gehe und das Essen ist sehr gut und das will ich. Für das Geld kannst du gar nicht kochen. Du kannst ja mitgehen.«

Das wollte ich aber nicht, das Angebot war ohnehin nicht ernst gemeint, denn ich hatte ja kein Auto. Adi war immer dagegen, dass ich den Führerschein machte. Aber nach einigen Jahren überraschte ich ihn doch einmal in dem Gasthaus in Hainhofen, sagte »hallo« und setzte mich einfach zu ihm und seiner Sekretärin. Adis Ohren wurden vor Aufregung fast dunkelrot. Er zitterte und stotterte, doch ich ließ mir nichts anmerken. Irgendwann kam er wieder regelmäßig zum Mittagessen, vielleicht war es mit der Sekretärin aus? Oder ihm schmeckte das Essen bei mir nun doch wieder besser?  

Ich war nie eine Frau fürs Bett. Für mich ist die »Bett-Liebe« ein Akt, um mit Gott Kinder zu zeugen, aber was Adi von mir verlangte, hatte damit nichts zu tun. Weil ich nicht das tat, was er wollte, strafte er mich täglich. Aber in meinen Augen dient Sex einzig der Fortpflanzung und ist etwas Heiliges, keine Alltagsangelegenheit wie Essen und Trinken. Sex war deshalb nie meine Sache, ich interessierte mich nicht für Männer. So ging ich auch als Jungfrau in die Ehe, im Gegensatz zu Adi, der damals schon viele Frauen gehabt hatte und ein richtiger Draufgänger war. »Ich teile nicht«, sagte ich ihm, wenn er mehr als Zärtlichkeiten von mir wollte, sich aber den Sex außerhalb holte. Hätte er mir vor der Hochzeit gesagt, dass er mehrere Frauen brauchte, hätte ich Adi nie geheiratet.

Weil ich im Laufe unserer Ehe durch Adis Eskapaden so sehr gedemütigt und gekränkt worden bin, kommen mir noch heute immer die Tränen, wenn ich Zärtlichkeiten und liebevolle Umgangsformen bei anderen Menschen meiner Umgebung wahrnehme, denn ich habe Liebe in meiner Familie nie erleben dürfen.

Ich sprach mit mehreren Ärzten darüber und fragte sie um Rat. Ich beschrieb ihnen, dass Adi ständig an sich rumfummelte und onanierte, besonders nachts, wenn er meinte, ich schliefe schon. Die Ärzte bestätigten mir, dass Adis übersteigerter Sexualtrieb nicht normal wäre, sondern krankhaft, daher hatte ich Mitleid mit ihm. Auch Bernhard soll sich in anderen Betten rumgetrieben haben, dass er kein Aids bekommen hat, erscheint fast als Wunder.
Meine Mutter hatte mir immer gesagt: »Kind, das merkst du dir für das ganze Leben: Beschmutze nie dein eigenes Nest!« Das habe ich mir ganz fest eingeprägt und nie etwas von der Familie nach außen getragen, denn die Leute konnten nur über etwas reden, das nach Außen getragen worden war.

Ich hing noch mehr an Adi, tat noch mehr für ihn und hatte noch mehr Angst um ihn. Meine Angst wurde derart schlimm, dass ich hinter ihm her telefonierte, wenn er das Haus verließ und mit dem Auto weggefahren war. Ich fand immer einen Grund, ihn in der Firma anzurufen. Wenn er außerhalb des Geschäfts unterwegs war, erreichte ich ihn telefonisch natürlich nicht. Oder ich ging abends zur Firma und schaute, ob noch irgendwo Licht brannte. Meistens war alles stockdunkel.
Wenn ich ihn dann fragte: »Wo warst du?« antwortete Adi häufig vage. »Ich musste noch ins Allgäu fahren.«
»Wieso Allgäu?«
»Zu den Bauern und den Melkmaschinen.«

Das war eine seiner Lieblingsausreden. Oder er log mich an, nicht weggefahren zu sein, obwohl das Auto in er Garage noch voller Schnee oder die Motorhaube warm war. Schließlich ließ ich ihn machen, was er wollte, so wie die Ärzte es mir geraten hatten. Ich habe mir immer nur gedacht: Er ist ein kranker Mann, lass ihn laufen! Bis ich eines Tages doch Angst vor ihm bekam, weil sein Benehmen mir gegenüber sehr streng, laut und böse wurde. Auf Anraten der Ärzte richtete ich ein getrenntes Schlafzimmer ein.
»Ich kann nicht schlafen, weil du so schnarchst!« sagte ich ihm. Das war zwar eine Ausrede, aber ich war ja wirklich schlecht beieinander, so hatte ich wenigstens Ruhe bei Nacht. Aber ich hatte nach Bernhards Geburt immer unheimliche Angst, dass Adi mir etwas antun könnte. Mehr als einmal ging er mit dem Messer oder Beil auf mich los. Er konnte sehr jähzornig sein. Die getrennten Schlafzimmer nahm er mir natürlich übel.

Ich versuchte weiterhin, ihm ein schönes Heim zu bieten, und schwieg zu fast allem, um ihn nicht wütend zu machen. Wenn wir stritten, würde es ja noch schlimmer werden, dachte ich mir. »Dann kommt er gar nicht mehr nach Hause.« Also spielte ich die liebe Hausfrau und machte gute Miene zum bösen Spiel. Einmal, als ich wieder ganz unglücklich war, sprach ich unsere Problematik an, aber in einer ganz allgemeinen Form. »Ist die Frau eigentlich nur ein Gebrauchsgegenstand für den Mann?« fragte ich ihn.
»Wieso?« fragte er.
»Weil die Frau die Kinder kriegen muss, sie macht den Haushalt, sie muss Mutter und Ehefrau sein. Und der Mann? Der setzt sich an den gedeckten Tisch und wird verwöhnt.« Das alles sagte ich eher beiläufig lächelnd, als sei es ein Witz.
»Hat das alles so dein Vater gemacht?« wollte Adi wissen.
Ich sagte: »Immer, wenn ich da sage, beziehst du es auf meinen Vater. Aber das war vor hundert Jahren! Damals war das anders.«
»Heute ist das auch nicht anders«, bemerkte Adi nur lakonisch.
»Ist schon gut«, lenkte ich ein. »Ich hab ja nur gefragt, ob das so ist, dass die Frau einfach nur ein Gegenstand des Hauses und Haushalts und des Mannes ist. Das war nur eine Frage.« 

Weil ich zunehmend kränker und schwächer geworden war, konnte ich natürlich die viele Arbeit im Haus und Garten nicht immer optimal erledigen. Es waren ja immerhin 2.500 qm Gartenfläche zu bearbeiten. Richard und Adi schauten mir gern zu, wie ich mich im Garten abmühte, aber geholfen hat mir keiner von beiden. Die Ärzte sagten es mir mehr als einmal: »Hören Sie auf! Das geht nicht mehr so weiter, sonst liegen Sie selbst eines Tages im Garten drin.«

Wir hatten keine Waschküche, ich musste alles draußen auf dem Hof waschen, egal ob im Winter oder Sommer. Im Winter waren meine eiskalten Hände genauso gefroren wie die Wäsche. Ich musste die Wäsche mit der Bürste bearbeiten, auch bei 20 bis 25 Grad Kälte.

Es war eine schlimme Zeit. Dann kam das Obst aus dem Garten dazu, das musste auch im Freien verarbeitet werden, kein Mensch hat mir je dabei geholfen. Ich hatte jedes Jahr 400 bis 500 Flaschen Most zu keltern und ca. 100 Pfund Marmelade in 300 bis 400 Gläsern eingeweckt. Das musste ich alles alleine machen, denn Adi war das von seiner Mutter gewöhnt, bzw. von der Köchin, die sie sich geleistet hatten, bevor ich als Dienstmädchen, das Ehefrau genannt wurde, ins Haus kam. Adi war es gewöhnt, dass alles, was im Garten wuchs, auch verarbeitet wurde.

Die Reiselust der Deutschen ist gewachsen, aber nicht bei uns. Wir hatten kein Geld für solche Späße. Auch Fußball interessierte mich nicht. »Das Wunder von Bern« bei der WM 1954 ging gleichgültig an mir vorbei Maler wie Picasso bewunderte ich sehr, doch andere moderne Künstler lagen nicht so sehr auf meiner Wellenlänge.

Ich habe mich angestrengt, geschuftet und meinen schlimmen gesundheitlichen Zustand immer wieder verdrängt, mich gezwungen, nicht an meine Krankheit zu denken, aber es ging nicht, denn die Krankheit war ja da. Für die Kinder hatte ich einen kleinen Zoo eingerichtet mit Hasen, Hühnern, Enten, Gänse, Truthahn und Katzen. Manchmal hatte ich ein Dutzend Katzen zu versorgen, weil ich alle Kätzchen leben ließ, die auf die Welt kamen. Einen Hund hatten wir auch noch, und 36 Kanarienvögel – alles für die Kinder, die im Dorf isoliert wurden, niemand wollte mit ihnen spielen. Für Christine hatte ich als seelischen Ausgleich einen Dackel gekauft, den sie liebte wie ein lebendes Spielzeug und der ihr steter Begleiter war. Wenn sie zur Schule fuhr, lief Wesso um 12 Uhr an die Bushaltestelle und wartete so lange, bis sie kam. Er lief ihr immer hinterher. »Geh mit, Wesso! Geh mit«, sagte ich immer, »geh mit dem Christinchen mit, die muss jetzt in der Schule.«

Ich habe Adi bedient wie einen Fürsten. Kein König wurde so bedient und hofiert wie mein Mann. Christine besuchte die Volksschule in Heinhofen. Früh bereitete ich sie für den Haushalt vor, sonntags durfte sie kochen. Wenn das Essen mal nicht gelungen war, kippte sie es zu den Fischen in den Weiher. Das bemerkte ich immer dann, wenn ich aus der Kirche kam und sie etwas anderes kochte als am Morgen. Trotz gelegentlicher Pannen hatte Christine viel Spaß am Kochen. Samstags gab ich ihr das Geld zum Einkaufen, da konnte sie einkaufen, was sie wollte. Dadurch wurde sie selbständig. Christine ging in die Kindermesse, ich ins Hochamt. Mein Mann besuchte nie den Gottesdienst. Kam ich nach der Kirche ins Haus zurück, war Christine bereits in der Küche am arbeiten. Das hat ihr auch gefallen.

Als Bernhard etwas älter geworden war, besuchte er öfters meinen Schwager in Bregenz, auch wenn er dort als armer Junge behandelt wurde, so wie sie immer von oben herab auf uns runter schauten. »Berndi, magst du was zu essen?« fragten sie ihn laufend, als sein er unterernährt und bekäme daheim nichts zu essen.

Er nickte nur, denn er stotterte ja. Wenn er irgendetwas sagte, haben ihn die anderen aus der Verwandtschaft gehänselt und nachgestottert. Das war für mich die Hölle. Erst später wurde das Verhältnis zu Richard und Sofie besser, als sie ein Mädchen bekamen und unsere Kinder miteinander spielen konnten. Sie kamen zwar nicht oft zu uns zu Besuch, aber wir durften sie immer wieder besuchen, bis es mir eines Tages zu bunt wurde und ich meinem Mann sagte, dass ich nicht mehr zu ihnen gehen werde, weil ich es leid sei, dass wir immer als arme Leute hingestellt und ständig gefragt würden, ob jemand etwas essen wolle.

Zunehmend erkannte ich Sofies Alkoholsucht. Der erste Schritt, wenn sie nach Ottmarshausen kam, war der zum Kofferraum. Öfters holte ihre kleine Tochter Marlies die Flasche raus: »Hier Mama!« und gab sie ihr in die Hand.
»Das kann ich mir ja leisten«, sagte die Schwägerin zu mir und nahm einen kräftigen Schluck aus der Pulle.

Ich schüttelte nur den Kopf. »Dein Schnaps«, dachte ich mir. Sie war wirklich eine Trinkerin, die täglich eine halbe bis ganze Flasche trank. Später wurde mir erzählt, dass sie bereits einige Entziehungskuren erfolglos hinter sich hatte.
Generell wurde bei den Gereys viel getrunken, und ich bemerkte, dass auch Adi sich den Alkohol schmecken ließ. Wenn ich eine Flasche gekauft und in der Speisekammer abgestellt hatte, war sie immer recht schnell geleert. Gott sei dank – möchte ich sagen – vertrug er nicht viel und es ging ihm anschließend nicht gut, so dass er das Trinken bald sein ließ. Aber meine Schwägerin ist mit dem Saufen alt geworden. Mich hat das Bregenzer Verhältnis immer sehr belastet und gedemütigt.

In der Verwandtschaft und bei den Nachbarn ließ mich Adi nicht nur körperlich, sondern auch geistig für krank erklären – vor allem gegenüber den Kindern, was mir in der Seele weh tat. Obwohl er sich am Anfang nie um sie gekümmert und sie sogar abgelehnt hatte, versuchte er nun, sie auf seine Seite zu ziehen, je älter sie wurden – was er letztendlich auch geschafft hat. Die Kinder nahmen immer mehr seine Seite ein und glaubten all seinen Lügen, was für eine schlechte Frau ich sei, die mit anderen Männer fremd ging usw. Alles, was Adi laufend selbst beging, vor allem Ehebruch, schob er mir zu. Außerdem warf er mir vor, dass ich sein Geld verschleudere, doch ich hatte nichts zu verschleudern, weil er mir nur das Nötigste an Haushaltsgeld gab, das hinten und vorne für die Familie nicht reichte. Ich sagte oft zu ihm: »Lass doch mal das Lügen sein! Du darfst nicht lügen, das geht nicht! Eines Tages wirst du dafür bestraft.« Aber nein, Adis Lügereien wurden immer schlimmer und bösartiger. Mir verschlug es manchmal die Sprache, ich wusste wirklich nicht mehr, was ich dazu sagen sollte.

Ich dachte, wenn man kleinen Kindern ein schönes Leben vorleben kann, dann werden auch die Kinder brav und leben ein harmonisches, glückliches Leben voller Zuneigung zu anderen Menschen. Sie lernen, Mitleid zu haben und keine Egoisten zu werden. Meine Kinder lebten nebeneinander her, zusammen spielten sie kaum. Auch mir gegenüber war Bernhard wortkarg. Er ging gern in den Pferdestall zu den Reitern und putzte die Pferde, dafür durfte er kostenlos reiten. Natürlich erzählte er mir nichts davon, so wie er mir generell wenig über seine Aktivitäten erzählte. Ich hörte davon immer nur durch Dritte. Als ich ihm eine Reiterausrüstung kaufte, war er ganz erstaunt, dass ich seine Leidenschaft kannte, und fragte: »Woher weißt du das?«
Ich sagte: »Ich bin doch deine Mutter.«
»Ja, das verstehe ich nicht«, entgegnete er. »Du siehst nichts, aber du weißt alles.«

Jahre später ritt er bei einem Turnier mit, da fiel das Pferd auf ihn und er hatte Glück, dass er nicht erdrückt wurde oder sich die Knochen brach. Überall dabei zu sein und überall der erste zu sein, das war sein Streben. Bernhard machte aus seinen Schwächen Stärken, darauf war ich sehr stolz.

Als Christine 1958 zur Kommunion kam, machten wir den großen Umbau unseres Hauses, das Adi geerbt hatte. Zuerst wurde die untere Mauer erneuert, damit das Haus stabil am Berg stand. Ursprünglich war es ja nur als Wochenendhaus gebaut worden, während das Geburtshaus von Adis Mutter in Augsburg am Milchberg stand, ein Kurzwarengeschäft, das heute noch existiert. Im Krieg hatte man das Haus von Adis Eltern enteignet, weil am Milchberg alle Häuser abgerissen und eine große Straße gebaut werden sollte. Doch nach dem Krieg erhielten die Leute ihre Häuser zurück. Adi hat es später verkauft.

In diesem Jahr des Umbaus musste ich mich der Kieferoperation unterziehen, die man 1945/46 in Kempten nicht machen konnte, ohne mein Gesicht zu entstellen. Sechs Wochen lag ich im Diakonissenhaus, und als ich wieder nach Hause kam, war nichts an dem Umbau passiert. Adi hatte nichts getan, ich war enttäuscht. Letztlich musste ich alle Arbeiten allein mit den Handwerkern machen.

Mit einem Tuch, um den Mund gewickelt, damit sich die Wunde nicht entzündete, machte ich die Böden, Wände und Fenster sauber und versiegelte den Boden. Adi bot mir nie seine Hilfe an. Alle Handwerker und Freunde wie Fritz Adler, die mir halfen, lachten mich offen oder heimlich aus: »Lass doch deinen Alten auch mal schaffen!« Doch Adi kam immer nur zum Schauen, wie weit die Arbeit fortgeschritten war. Nicht eine Schubkarre hat er bewegt.

Als das Haus fertig renoviert war, wollte Adi natürlich prahlen, doch unsere Freunde, die mir beim Umbau geholfen hatten, rückten die Wahrheit zurecht. Zufällig kam mein Hausarzt einmal bei unserem Haus vorbei und sah mich im Garten arbeiten.

»Da hab ich Sie ja mal erwischt!« lachte er und fuhr mit einem ernsten Gesicht fort. »Sie sollen doch nicht so harte körperliche Arbeit verrichten!«
»Aber was soll ich tun?« fragte ich ihn »Das Unkraut ruiniert uns sonst alles, wenn ich die Hände in den Schoß lege.«
»Sie haben doch einen Mann«, sagte er.
»Ja, freilich habe ich einen Mann, aber der macht so etwas nicht.«
Der Doktor konnte mir auch nicht weiter helfen.

Ich hatte schon immer ein gutes Herz für andere. Als Bernhards Lehrerin schwer erkrankte, kümmerte ich mich um sie. Zuerst sah alles so aus, als habe Lieselotte nur Grippe, doch dann klagte sie über fürchterliche Schmerzen in der Brust, und es wurde Krebs diagnostiziert. Sie wurde sofort operiert, eine Brust musste abgenommen werden. Das ist für eine Frau natürlich furchtbar. All die Lebenslust, die Lieselotte ihrem Wesen nach hatte, verlosch förmlich über Nacht. Ich nahm sie nach der Operation bei uns auf, weil sie alleinstehend war und sich in ihrem Zustand nicht selbst versorgen konnte. Außerdem mochte ich sie sehr, ihre lebenslustige Art hatte mir gut getan und ich wollte ihr etwas davon in ihrer schweren Zeit zurückgeben. Sie war 31 Jahre alt und wurde mir so lieb wie eine Tochter.

Ihr Bruder kam öfters zu Besuch, er war Richter am Augsburger Gericht. Sie waren Zwillinge, auch ihn mochte ich gern. Als es Lieselotte wieder besser ging, zog sie zurück in ihre Wohnung, doch bald schon kam sie mit neuen Schmerzen zu mir. Auch die zweite Brust musste abgenommen werden. Ihre Mutter war bei der Geburt eines der Geschwister gestorben, und der Vater hatte eine neue Frau geheiratet, die nur den Mann, aber nicht die Kinder wollte. Lieselotte gegenüber war sie unausstehlich, der Vater kümmerte sich bald nicht mehr um seine Tochter. Er war Prokurist in einer Seilwandfabrik in Dillingen. Ich schrieb ihm einige Male, dass es seiner Tochter gesundheitlich sehr schlecht gehe, dass sie vermutlich bald sterben müsse und sie ihn vorher noch einmal sehen möchte. Aber es kam keine Reaktion. Vielleicht hat seine Frau die Briefe an ihn vernichtet.

Ich konnte Lieselotte nicht länger pflegen, ich hatte zwei kleine Kinder zu versorgen, sowie Adi und den Haushalt, und war gesundheitlich ebenfalls angeschlagen. Lieselotte wurde ins Krankenhaus verlegt, wo sie auch starb. Sie wurde in Kempten beerdigt. Nach der Beerdigung zückte ihr Vater den Geldbeutel und fragte mich, was er mir für die jahrelange Pflege schuldig sei.

»Nein, Herr Seidl«, sagte ich. »Das war mein Kind. Sie hat so den Wunsch gehabt, Sie noch einmal zu sehen, weil sie wusste, dass sie sterben musste. Aber Sie haben ihr diesen letzten Wunsch nicht erfüllt. Das war die Hölle für sie. Deshalb möchte ich Sie bitten, das Geld wieder einzustecken. Ich brauch kein Geld.«
Er steckte seinen Geldbeutel wortlos wieder ein. Lieselottes Bruder Till erzählte mir später, die verhasste Stiefmutter habe bei der Todesnachricht gesagt: »Gott sei Dank, dass das Miststück verreckt ist!« Deshalb hatte Lieselottes Vater sie auch nicht mit zur Beerdigung genommen. Das muss selbst ihm zu viel gewesen sein! 

Mir tat ihr Bruder leid, weil sein Verhältnis zu den Eltern ebenso schlecht war. Er bedankte sich sehr herzlich bei mir und zog schließlich bei uns ein, da wir ein freies Zimmer hatten und auch etwas zusätzliches Geld gut brauchen konnten. Es wäre mir nur gegen die Ehre gegangen, es von Lieselottes Vater anzunehmen. Später wurde Till nach Kempten versetzt und fand dort eine liebe Frau, die er heiratete. Wir hatten noch lange Kontakt miteinander.
Ich inserierte, dass wir ein freies Zimmer hätten, und es meldete sich Herr Kugler, ein Student aus Augsburg, der in der Gegend von Kempten aufgewachsen und immer knapp bei Kasse war. Er nahm das Zimmer sofort und verstand sich auch gut mit den Kindern. Ebenso wie meine anderen beiden »Pflegekinder« fühlte er sich bei uns sehr wohl. Ich kochte gut, er konnte den großen Garten mit benutzen, und wenn es sein musste, nähte ich ihm auch einen Knopf an. 

Mit zwölf Jahren kam Christine zu den Englischen Fräulein nach Augsburg in der Frauentorstraße. Dort musste sie einen Aufsatz schreiben: »Ein Tag auf dem Plärrer.« Da fragte sie die Schwester: »Was heißt denn Plärrer?«
»Das weißt du nicht?«
»Nein.«
»Auf dem Exerzierplatz, wo die Karussells stehen, da warst du noch nie?« Die Schwester zog ungläubig die Augenbrauen hoch.
»Nein, das hab ich noch nie gesehen.«
Da wendete sich die Schwester an die Klasse und sagte laut: »Jetzt lacht mal alle die Christine aus, die hat noch nie den Plärrer gesehen.«
Das hat Christine so beleidigt, sie hat sich so gedemütigt gefühlt und traurig, dass sie zu Hause weinte. »Mutti, diesen Aufsatz schreibe ich nicht!«

Natürlich ging ich sofort zu dieser Schwester und stellte sie zur Rede. »Das sollte man doch wirklich nicht glauben«, polterte ich, »dass eine Klosterfrau ein Kind auslachen läßt, weil es noch nie auf einem Rummelplatz war.«
Die Schwester entschuldigte sich, Christine blieb drei Jahre bei den Englischen Fräulein und wechselte dann in die Reischle Handelsschule. Sie absolvierte die Berufsschule mit der Note 1, dort gefiel es ihr schon viel besser.