»Ihnen beim Verkaufen zuzusehen, ist ein Wunder.«
Berufsleben und Ehejahre Mitte der 60er Jahre bis 1992

Weil Bernhard stotterte und die Ärzte sagten, dass Musik und Singen ihm helfen könnten, kaufte ich ein Klavier und wir nahmen zu dritt Klavierunterricht. Die Stunde kostete 15 Mark, das war für uns viel Geld. Adi war natürlich dagegen, so wie er gegen alle künstlerischen Ambitionen war, und hob immer nur hervor, wie teuer das sei. Schließlich schaffte er es, dass wir mit dem Klavierunterricht aufhörten, weil er das Geklimpere nicht mehr ertragen konnte. Die Lehrerin bedauerte unsere Entscheidung natürlich, vor allem wegen Bernhard, der von uns Dreien der Talentierteste war. Wir konnten schon vierhändig miteinander spielen.


Bernhard spielte lieber Fußball, doch ich war dagegen, weil der Arzt mich warnte: »Die Lungen des Jungen sind noch nicht stark genug, er ist ja eher schmächtig.« Mit neun Jahren war Bernhard schwer an der Leber und Galle erkrankt. Tage- und nächtelang habe ich an seinem Bett gesessen und zu Gott gebetet, dass er ihn wieder gesund werden ließe. Bernhard aß nur wenig, alles spuckte er wieder aus. Vor allem das fette Essen, das Adi täglich wollte, mochte Bernhard überhaupt nicht. Für Adi musste alles mit Butterschmalz zubereitet werden, dadurch war das Essen noch fetter als normal. »Wenn ich keine Butter bekomme«, hatte Adi gedroht, »höre ich auf zu arbeiten.« Es hat Jahre gedauert, bis Bernhards Appetit sich wieder normalisierte. Bis heute verzieh er mir nicht, dass ich ihn nicht im Fußballverein spielen ließ. Doch ich hatte Angst, dass zu seiner angeschlagenen Leber und Galle auch noch Herzkrankheiten wegen der Überanstrengung kommen würden. Vielleicht war das falsch, aber ich kann es heute nicht mehr ändern. 

Damit sich sein schmächtiger Körper besser entwickelte, meldete ich Bernhard beim Turnverein an, doch Adi weigerte sich, seinen Sohn zum Training zu fahren. Christine sollte unbedingt Ballett machen, sie hatte Freude beim Betrachten der Bilder. Ich wollte Abendkurse machen, um mich weiter zu bilden. Ich wollte nicht nur Hausfrau sein. Aber wie sollte ich zur Volkshochschule kommen, wenn mich Adi nicht hinbrachte? Dann wollte Christine Theater spielen, auch das hat Adi verhindert. So hat er uns alles vergällt, was uns Spaß machte. Ich wäre so gern öfters ins Theater und zu Konzerten gegangen. Musik und Kunst liebte ich über alles. Schon im Krieg ging ich gern zu den Aufführungen der Feldbühnen. Aber mit meinem Mann war ich nur einmal im Theater. Wir saßen oben im »Juchhee« für 3,75 Mark. »Das ist doch nicht so schlimm«, sagte ich zu Adi.
»Ich mag das nicht!« sagte Adi. »Ich musste bei meinem Vater immer alles anschauen, das hat mir gereicht. Ich will nicht mehr ins Theater.«

Angeblich musste er mit seinem Vater immer ins Theater gehen. Wieder alles gelogen! Sein Vater ging überhaupt nicht gern aus, und schon gar nicht ins teure Theater. Er war Postamtmann, der war die Woche über zwischen Augsburg und Kempten unterwegs und am Wochenende am liebsten zu Hause.
Ich tanzte leidenschaftlich gern! Mit zehn Jahren tanzte ich schon den Walzer rechts- und linksrum. Ich ging auf alle Manöverbälle! Mein Vater und meine Mutter waren nicht dafür: »Die ist doch noch viel zu klein!« Aber eine Nachbarin legte immer wieder ein gutes Wort für mich ein: »Nun lasst die Veronika doch mitgehen. Die tut doch so gern tanzen!«

Ich hatte die Soldaten geführt! Ich wirbelte mit ihnen übers Parkett. Erst später, nachdem ich verheiratet war, war es aus mit meiner Leidenschaft. Adi war kein großer Tänzer. Und dann, nach Adis Tod, war es vorbei mit meiner Attraktivität, keiner forderte mich mehr auf oder holte mich ab. Selbst in Wörishofen zum Tanznachmittag im Kurhaus fand ich nur noch selten einen Tanzpartner.

Ich hätte lieber viel mehr gesungen und gemalt, als im Haus zu arbeiten. Adi nahm mir alles, was schön war. Er ist der totale Kulturbanause gewesen, der nicht einmal ein Buch las. Immer fragte er nur, was das kostet, und dass es hinausgeworfenes Geld wäre, ein Konzert zu besuchen, ins Theater zu gehen, Klavierunterricht zu nehmen oder zu Malen. Meine Lieblingsmaler waren List und Defregger, mein Lieblingskomponist war Mozart, auch Kirchenmusik hörte ich gern, vor allem von Bach. In meiner Jugend konnte ich nie ausgehen, und im Krieg war daran schon gar nicht zu denken. In meiner Ehe hat mir dann Adi alles verleidet, obwohl wir es uns hätten gut einrichten können. Wir hatten später ein Auto und hätten überall hinfahren können. Adi ging schon aus, aber nicht mit mir.

Ich ging in eine Eheberatung, Adi ging natürlich nicht mit. »Du weißt scheinbar überhaupt nicht, dass du eine Familie hast!« warf ich ihm vor. Er wollte einfach nicht, dass wir noch etwas anderes taten als das, was im Rahmen seines primitiven Lebens war. Nicht um die Bohne hat er uns einen Wunsch erfüllt. Immer hieß es: »Da ist kein Geld da!« Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir auch nur einmal etwas zusammen unternommen haben, das uns allen Spaß machte.

Ich glaube gar nicht mal, dass Adi die Kinder quälen wollte. Nein, er wollte mich treffen als Rache dafür, dass ich die Kinder auf die Welt gebracht hatte. Bernhard hält mir noch heute vor, dass ich ihn damals nicht Fußball spielen ließ. Doch ich folgte nur dem ärztlichen Rat. Dass ich eine Preußin bin, kam als weiteres Argument hinzu, das Bernhard mir später entgegenbrachte, als er begann, mich zu hassen und aufs schlechteste zu behandeln.

Mein Mann hat alles getan, um mich zu quälen. Wenn die Kinder, vor allem Bernhard, geärgert wurden, dann litt nicht er darunter, sondern ich. »Die hat ja die Kinder gewollt«, sagte er mir immer wieder, »nicht ich!«
Wenn es besonders schlimm wurde, stellte er die Vaterschaft in Frage. »Die Plagen sind nicht von mir!« Immer, wenn es etwas Unangenehmes zu erledigen gab, waren die Kinder plötzlich nicht mehr von ihm. Immer ließ er mich allein kämpfen. »Dir kann man auf dem Kopf rumscheißen und du sagst auch noch Danke dafür«, sagte Bernhard. Mir gegenüber war er frech, Adi gegenüber nie.

Bernhard wechselte die Schule nach Neusäß. In der letzten Schulklasse kam er in die Klasse des Rektors, da wurde er endlich in Ruhe gelassen. »Jetzt habt ihr den Kempf genug gequält«, sagte der Rektor. »Jetzt ist Schluss! Wenn auch nur einer daher geht und den Kempf Bernhard anrührt, kriegt er es mit mir zu tun.« Da ging es auch schulisch aufwärts mit Bernhard.
Eines Tages fragte mich der Rektor: »Was will der Bub denn werden?«
»Ja«, sagte ich. »Er hat Spaß am handwerklichen Arbeiten.«
»Mit Maschinen?« fragte der Rektor.
»Ja, er will immer etwas mit Autos zu tun haben. Automechaniker wäre was für ihn.«
»Dann soll er am besten eine Prüfung für die Maschinenbauschule in Augsburg machen.«
Bernhard war begeistert. »Und wenn du deine Lehre machst«, versprach ich ihm, »dann spare ich ganz feste und kaufe dir eine Autowerkstatt – und ein Auto dazu.«

Bernhard bestand die Aufnahmeprüfung mit Bravour, da wurde ich gleich zehn Zentimeter größer vor Stolz. Und bei der Abschlussfeier des Jahrgangs bereitete uns der Rektor eine weitere Überraschung, die er ebenfalls ganz stolz verkündete, weil er Bernhard ja persönlich gefördert hatte: »Der einzige«, sagte er der Klasse, »der aus eurer Klasse die Aufnahmeprüfung für den Lehrgang Maschinenbau bestanden hat, ist der Kempf Bernhard.«

Ich war überglücklich. Bernhard wurde ein superguter Schüler an der Maschinenbauschule, auch wenn es wieder die üblichen Schwierigkeiten gab. Die Mitschüler haben ihm nachgestottert und Bernhard wie einen Vollidioten behandelt. Auch wegen der Kleidung musste er manchmal leiden. Als es im Winter so kalt war, habe ich ihm Strickstrumpfhosen angezogen. Da lachten ihn alle aus. Ich hatte immer Sorgen, dass er heil mit dem Bus in die Stadt und dann wohlbehalten in der Schule ankam. Bernhard musste schon um fünf Uhr morgens aufstehen und um sechs Uhr aus dem Haus gehen.

Chistine und Bernhard wurden selbständig, und ich suchte mir eine Arbeit. Wir brauchten Geld, so begann ich am 1. März 1966 im Haus der Hüte in Augsburg. Adi hatte Lust auf Luxus bekommen und wollte unbedingt ein Auto. Mir war es recht. Im Haus der Hüte bekam ich die schöne Gelegenheit, endlich meine Kreativität ausleben zu können und dafür auch Anerkennung zu bekommen. Ich durfte wunderschöne Pelzhüte fertigen. Das war zwar eine ziemliche Arbeit, die sehr anstrengend war, allein das Nähen des Leders ist ein Kraftakt, aber es machte mir viel Freude.
Wenn ich mit unangenehmen Kunden oder einem ungemütlichen Chef zu tun hatte, lachte ich immer und nahm es mit Humor. Wenn ich geschimpft bekam, habe ich danach gesungen. Singen tue ich noch heute, wenn mir etwas Böses widerfährt oder wenn ich deprimiert bin. Mit den Kollegen hatte ich manchmal Probleme, weil bei mir das Geschäft gut lief und sie neidisch waren. Die Besitzer des Geschäfts merkten rasch, hoppla, die arbeitet nicht für sich, sondern für uns. Ich schneiderte tolle Modelle und räumte ihnen auch den Laden auf. »Ob ich mal in den Keller hinunter darf, der riecht so komisch«, fragte ich eines Tages.

»Ja, Sie können ruhig mal runter gehen«, sagte die Chefin.
Da lagen Hunderte von alten Hüten in den Regalen, die völlig verwahrlost waren. »Was machen Sie denn mit den Hüten?« fragte ich die Chefin.
»Die kann man nicht mehr verkaufen«, sagte sie. »Wir werfen sie weg.«
»Nicht verkaufen?« fragte ich ungläubig. »Das glaube ich nicht! Die verkaufe ich.«
»Wie wollen Sie das denn machen?« Jetzt war auch der Chef hinzu gekommen und zog die Augenbrauen hoch. »Die stinken doch.«
»Lassen Sie mich das nur machen«, sagte ich und ging an die Arbeit, stellte sie Hüte ins heiße Dampfbad, bimste und stärkte sie und zog die Nähte nach. Dann wickelte ich sie sorgfältig in Seidenpapier, damit sie schön in Form blieben und nicht wieder zusammenfielen. Frisch renoviert stellte ich sie im Laden zum Kauf aus und hatte vollen Erfolg. Keiner hätte gedacht, dass die alten Hüte noch mal neue Besitzer finden würden. Ich verkaufte sie alle! Jetzt war ich wirklich als Modistin anerkannt und durfte auch Modellhüte fertigen, Seiden- und Ganzerhüte, Tüllhüte usw. Wir stellten auf den Modemessen in München, Frankfurt und Düsseldorf aus.

Christine ging nach der Berufsschule in den sozialen Wohnungsbau und wechselte zur Baufirma Griesmann. Die Chefin, Frau Griesmann, rief mich öfters an und gratulierte mir zu dieser reizenden und schönen Tochter. Ich solle nur sehen, dass sie lange in der Firma bliebe, denn sie habe einige Söhne und würde sie in Zukunft gern als Schwiegertochter haben. Aber Christine wollte nicht.

Lieber ließ sie sich mit einem Freund vom Bernhard verkuppeln, der Sohn eines Limonadenherstellers war. »Ich geb dir ein paar Flaschen Limo«, sagte Vinzenz lachend zu Bernhard, »und du gibst mir deine Schwester.«
So geschah es, doch eines Tages sagte Christine zu mir: »Du, ich mag den Jungen nicht – weil er stottert.«
»Das darfst du aber nicht«, sagte ich. »Bloß wegen des Stotterns oder eines anderen kleinen Gebrechens darfst du niemals einen Menschen wegschicken. Deinen Bruder müsstest du ja sonst auch wegschmeißen, bloß weil er stottert.«
Wenn die beiden Jungen sich unterhielten und stotterten, klang das schon recht komisch. Wir hatten viel Spaß zu Hause. Mein Schwiegersohn stottert ja heute noch. Anfangs lag er mir immer in den Armen oder saß auf meinem Schoß. Herr Schwab – so hieß er – bettelte mich förmlich an: »Gib mir doch die Christine, ich kann ohne sie nicht sein. Ich gehe in den Siebentischwald und erschieße mich.« Das waren seine Worte, bald erwies er sich auch als krankhaft eifersüchtig. Weil er dauernd bei uns anrief, kaufte ich Christine ein eigenes Telefon. »Ich reiß das Telefon aus der Wand, wenn der Kerl noch mal anruft«, schrie Adi, völlig genervt. An manchen Tagen rief Herr Schwab jede Viertelstunde an, oder er lag weinend in meinen Armen, weil er auch eine schlechte Kindheit hatte. Sein Vater war ein Trinker, die Ehe zerrüttet. Der Junge kam in ein Münchner Internat und dann in die Lehre bei Foto Lechenmeier, wohin er von seinen Eltern förmlich »verkauft« wurde. Weil er mir leid tat und ich mir dachte, dass sein Stottern ebenso psychisch bedingt wäre wie bei Bernhard, und dass ihn Liebe und Geborgenheit heilen könnten, gab ich nach all seiner Bettelei meine Einwilligung zur Verlobung. Erst nach der Hochzeit zeigte sich Vinzenz‘s wahres Wesen, und er wurde frech und unverschämt. Wie man sich nur in einem Menschen täuschen kann! Auch mein künftiger Schwiegersohn entwickelte sich zur Katastrophe.

Bei der Landung der ersten Menschen auf dem Mond 1969 saßen wir den ganzen Tag und die halbe Nacht vor dem Fernseher und haben gebetet, dass die Männer auch wieder wohlbehalten auf die Erde zurück kämen. Die hüpfenden Astronauten zu sehen, das war schon aufregend! Meine Mutter sagte immer: »Wenn du nicht brav bist, dann schieße ich dich auf den Mond!« Wenn sie heute noch leben würde und wüsste, dass man das wirklich tun kann und Raumflüge zum Mond fast schon normal geworden sind, dann würde sie herzlich lachen über ihren Spruch aus den 30er Jahren. »Oder ich schicke dich dahin, wo der Pfeffer wächst!« 

Nach der Maschinenbauschule ging Bernhard nach Regensburg in die Technikerschule, wo er sich erfolgreich gegen 400 Bewerber durchgesetzt hatte. Nur 124 Lehrlinge wurden angenommen, Bernhard wurde zum Maschinenbau-Techniker ausgebildet. Ich war glücklich. Alle 14 Tage fuhren wir zu ihm nach Regensburg, ich putzte ihm das Zimmer, bezog die Betten neu und brachte ihm frische Wäsche und Lebensmittel, schaute nach dem Rechten, wie es eben eine Mutter macht. Selbst fremde Toiletten zu putzen war ich mir nicht zu schade, damit die Jungs es sauber hatten. Mit frisch gebackenem Kuchen verwöhnte ich sie. Nach drei Jahren kam Bernhard mit einem Einser-Zeugnis nach Ottmarshausen zurück und ich war überglücklich – aber nicht lange! Ich weiß nicht, warum, aber von einem Tag auf den anderen lehnte mich Bernhard ab und sprach nicht mehr mit mir. Er entzog sich mir völlig. Damals war er 18 Jahre alt.
»Was ist los mit dir? Es war doch alles in Ordnung, du bist glücklich aus Regensburg zurück, warum redest du nicht mit mir?«
Er gab mir keine Antwort – bis heute nicht. Ich bereitete ihm ein schönes Willkommensessen, da sagte er plötzlich, als wir unsere Suppe löffelten: »Vater, das verzeihe ich dir nie, dass du eine Preußin geheiratet hast.«

Ich war wie vom Blitz getroffen, mein Mann hat dazu überhaupt nichts gesagt. Er sagte nie etwas, um mich zu verteidigen. Immer weniger wusste ich, in welcher Funktion ich Adi eigentlich sehen sollte: Als Vater oder als Mann, oder als… Ein Ehemann, der zu seiner Frau hielt, war er auf keinen Fall! Sonst hätte er mir geholfen.
Bernhard machte ein Praktikum in der Firma Hauser, wo sein Vater als Geschäftsführer arbeitete. Auch hier bewährte sich Bernhard. Alle staunten, wie gut dieser kleine Mann arbeiten konnte, denn körperlich war Bernhard nicht groß gewachsen. Um es den Männern gleich zu tun, fing er mit dem Biertrinken und Rauchen an, was er aber wegen seines Leberschadens nicht gut vertrug. Ich hatte Angst um ihn, denn ein Arzt hatte mir vor Jahren gesagt, dass der Junge wahrscheinlich nicht alt werden würde. Deshalb versuchte ich, ihn von allem Üblen fernzuhalten. Er sollte es doch schön haben, wo er sich bisher in seinem Leben immer nur quälen lassen und viel leiden musste, auch gesundheitlich. Ständig hatte er das Essen ausgespuckt. Auch die Nahrung aus dem Reformhaus nützte nichts.
Eines Tages fragte er mich, warum wir so arm seien?
»Aber wir sind doch überhaupt nicht arm«, sagte ich. »Wir haben doch alles, was wir brauchen. Oder fehlt dir irgend etwas?«
»Ich will aber nicht der Sohn von armen Eltern sein«, sagte Bernhard trotzig. »Ich will der Sohn von dem Herrn Steger sein – dem Chef der Firma Hauser.«
»Dann musst du dich von ihm adoptieren lassen«, sagte ich. »Dann erbst du dessen Firma und bist ein reicher Mann. Aber will er dich überhaupt adoptieren?«
Bernhard schwärmte von dessen vielen Autos und ich tat so, als nähme ich alles auf die leichte Schulter. Aber in Wirklichkeit tat es mir im Herzen weh.

Nach dem Praktikum wurde Bernhard zum Militärdienst nach Lagerlechfeld eingezogen. Dort reparierte er Flugzeuge, besonders Starfighter. Alle Prüfungen absolvierte er hervorragend, ich war überglücklich. Je mehr er in der Schulzeit zu leiden gehabt hatte, desto schöner sollte nun sein berufliches Leben werden, stellte ich mir vor. Auch er war ganz stolz. Ihm wurde sogar angeboten, als Leutnant in die USA zu gehen. Ich redete ihm gut zu, er solle die Chance nutzen, doch er lehnte ab. Lieber arbeitete er bei der KUKA in Lechhausen. Er war so fleißig, dass er innerhalb eines halben Jahres drei Gehaltserhöhungen bekam. Eines Tages kam er nach Hause, wir saßen bereits am Abendtisch, und sagte: »Was meint ihr dazu, wenn ich zur Polizei gehe?«
Ich war so erschrocken, dass ich ganz laut »nein!« rief. »Entschuldige, Bernhard«, sagte ich. »Es ist deine Entscheidung, aber es war meine spontane Reaktion.«
Bernhard ließ sich nicht abbringen, auch wenn ich mir gleich dachte, dass diese Entscheidung nicht gut sein konnte; so ein feiner, sensibler Junge, der kann doch nicht zur Polizei gehen! Den schlagen die Ganoven zusammen, ohne dass er sich wehren kann.

Doch Bernhard ging Anfang der 70er Jahre nach Nürnberg zur Polizeischule. Glücklich war er dort nicht. Schon bald schimpfte er: »Diese Arschlöcher!« Man hörte wenig Gutes über die Polizei, in Dachau häuften sich die Selbstmorde von Beamten, die den Stress nicht mehr aushalten konnten. Auch Bernhard sah immer schlechter aus, bald war er nur noch Haut und Knochen. Übel waren die Spielchen, die dort an der Polizeischule gespielt wurden, z.B. am 12. Februar spielten sie bei 15 Grad Minus ihre Banditenspiele. Bernhard wurde mit nacktem Oberkörper an einen Baum gefesselt und holte sich eine Erkältung, von der er sich jahrzehntelang nicht mehr richtig erholte.

Dann hatte Bernhard an der linken Schulter eine Nervenentzündung, die ihn halb wahnsinnig vor Schmerzen machte. Er war Freitag abends zum Wochenende gekommen, Sonntag morgens um vier Uhr zwanzig musste Dr. Schnitzer zu uns nach Hause kommen. Ich hatte ihn aus lauter Verzweiflung aus dem Bett geklingelt.
»Der kann nicht zur Polizeischule zurück«, sagte Dr. Schnitzer. »Bernhard muss sich zu Hause auskurieren. Das sieht wirklich übel aus.«
Ich rief sofort in der Polizeischule an, doch die sagten nur: »Das kommt gar nicht in Frage, ihr Sohn muss zurück zur Polizeischule. Wir haben ein eigenes Krankenhaus.«

All mein Protest nützte nichts, auch Dr. Schnitzer war stocksauer. »Wenn das nicht ordentlich behandelt wird, kann ihr Sohn einen steifen Arm zurückbehalten.« Bernhard wurde Montag morgens von einem Sanitätswagen abgeholt und nach Nürnberg gebracht. Ich rief in meiner Verzweiflung verschiedene Nervenärzte in Nürnberg an und bat sie, zu meinem Sohn in die Schule zu gehen und ihn zu behandeln. Doch sie wiegelten immer nur ab: »Die Polizeischule hat ihre eigenen Ärzte.«
Ich gab keine Ruhe, bis mich Adi nach Nürnberg fuhr. Wir hatten mit dem behandelnden Arzt einen Termin vereinbart, aber als wir kamen, war er schon gegangen. Keiner konnte uns auf der Krankenstation eine vernünftige Antwort geben, selbst Bernhards Zimmer zu finden war schwierig. Wie alles, war auch Bernhards Krankenzimmer trostlos. Bei 15 Grad Raumtemperatur konnte man noch nicht einmal die Tür schließen. Ich wäre fast ausgerastet über die Zustände, in denen mein kranker Sohn hier leben musste.
Schließlich kam der Arzt und ich stellte mich vor. »Ich bin hier, um nach unserem Sohn zu schauen.«
»Das können Sie gern tun«, sagte der Arzt und ließ uns auf dem Gang stehen. »Was nicht stirbt, macht hart.«
Ich war empört. »Das kann doch nicht wahr sein, dass man mit den Menschen so umgeht! Das hat doch mit der Schule und dem Leben bei der Polizei nichts zu tun! Ich will, dass mein Sohn wieder gesund in den Polizeidienst kommt, und nicht als kranker Krüppel weggeschmissen wird!«

Adi tat bei all dem, als ginge es ihn nichts an, nach seinem Motto: »Die Kinder sind ja nicht von mir!« Öfters sagte ich zu ihm: »Mir scheint es fast, als ob du dich freust, wenn es dem Bernhard schlecht geht. Wie gemein du bist!«
Einmal markierte Adi den empörten Vater. »Sollten Christine oder Bernhard krank werden, dann bringe ich dich ins Zuchthaus!« Adi sprach diese Worte, schlug die Küchentür zu und verschwand zur Arbeit, als wäre nur ich allein verantwortlich für das Wohl unserer Kinder. Die Ängste, die ich bei jeder Erkrankung von Bernhard durchlitt, waren ihm völlig egal, so wie ihm alles egal war, was mit den Kindern in Zusammenhang stand. Hinzu kam ja die Prophezeiung, dass Bernhard nicht alt werden würde, was mir bei jeder Erkrankung neue Angst bereitete und ich mich mit meiner Fürsorge besonders ins Zeug legte, damit ihm ja nichts passierte. Ich betete viel, und Dr. Schnitzer half Bernhard durch Fernheilung, ihm die größten Schmerzen zu nehmen.

Als die Polizeischule beendet war, kam Bernhard wieder nach Hause und ich tat alles, damit er wieder auf die Füße kam. Er war noch ruhiger geworden, als er ohnehin schon war. Da war überhaupt nichts mehr von Temperament und Fröhlichkeit! 
Ich musste nach einigen Jahren leider im Haus der Hüte aufhören, weil ich durch die Arbeit mit den Filzstoffen und Chemikalien chronisch eitrige Fingernägel bekommen hatte, die nicht wieder heilen wollten. Es hatte keinen Sinn, ich musste gehen, obwohl es mir im Haus der Hüte sehr gefallen hatte. Ich wechselte in das Textilgeschäft Kapfer in Oberhausen. Hier war ich als Näherin tätig, obwohl ich diesen Beruf eigentlich gar nicht gelernt hatte. Aber ich sagte einfach: »Ich kann das«, und dann konnte ich es auch.

So  nähte ich auch für die kirchliche Trauung von Christines Hochzeit Anfang der 70er Jahre ein schönes Kleid und bastelte und dekorierte Tag und Nacht, damit es eine Superhochzeit würde – und was wurde es? Der »Reinfall von Schaffhausen« – ich empfand die Hochzeit als Hölle! Christine war kalt wie eine Hundeschnauze, nüchtern und unnahbar.
Ich wollte für die kirchliche Trauung »Engelchen« aus dem Waisenhaus engagieren und bekam einen süßen schwarzen Jungen zugeteilt. Ein bildschönes Kind, das ich am liebsten gleich selbst behalten hätte, denn ich wollte immer viele Kinder, so wie es von meiner Familie gewohnt war. Vinz polterte gleich los, dass das Kind verschwinden müsse. Er wolle keinen »Neger« auf seiner Hochzeit haben. Da habe ich ihm klar zu verstehen gegeben: »Hör mal gut zu, mein Lieber. Was zur Hochzeit kommt, das bestimme nur alleine ich. Und ich sage: der bleibt!« 
Von dem Moment an, wo Vinz die Gewissheit hatte, dass er Christine als Frau bekam, war er frech und beleidigend geworden. Schnell hatte er sich auf Adis Seite geschlagen, weil er sah, dass Adi das Geld hatte. Bei Vinz hatte mich das gleiche Mitleid gepackt wie bei meinem Mann. Heute bereue ich zutiefst, in die Hochzeit eingewilligt zu haben. Vor allem kurz vor der Hochzeit, nachdem auch seitens seiner Eltern und Großeltern die Forderungen nach mehr Geld immer größer wurden, zweifelte ich an unserer Entscheidung. »Heiratest du jetzt wegen dem Geld oder wegen der Christine«, fragte ich ihn immer wieder. Er führte sich auf, als ob er das Sagen in unserem Haus hätte. Immer mehr stellte sich heraus, wie verdruckt und hinterhältig er in Wirklichkeit war.

Dadurch, dass wir einen reichen Onkel in Bregenz hatten, dachten die Eltern von Vinz, Adi könnte einige Millionen in deren Geschäft einbringen. Und so nahm das Unglück seinen Lauf: Sie hinterließen Vinz und Christine 1,1 Millionen Schulden. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Vinz deshalb immer nur Geld geschenkt bekommen haben wollte. »Ich will keine Geschenke, nur Geld«, sagte er. Im Laufe der Jahre hatte er sich von einem sympathischen Stotterer zu einem hinterhältigen Menschen entwickelt, dem es nur ums Geld geht und um die Erbschaft. So ist Vinz ebenfalls zu einem der Übeltäter unseres unglückseligen Familienlebens geworden, auch Adi konnte diesen aufdringlichen Blender und Aufschneider im Grunde nicht leiden. Ich hätte mir für meine Tochter wirklich einen anderen Mann gewünscht! Vinz hat mit seinen Hetzereien aus meiner Tochter einen Satan gemacht. Er wollte immer nur unser Geld, das sie dann auch bekommen haben. Aber es war gestohlenes Geld, weil es zum Teil mir gehörte, das sie später von unseren Konten abhoben. Doch gestohlenes Geld kann kein Glück bringen.

Als Christine und Vinzenz ihr erstes Kind, Daniela, bekamen, kaufte ich bei Kapfer die erste Ausstattung im Wert von 2.500 Mark, was vor 45 Jahren sehr viel Geld war bei meinem Stundenlohn von 0,84 Pfennig. Ich kaufte die Babyausstattung in dem Geschäft, in dem ich arbeitete, und stotterte sie monatlich ab. Stolz präsentierte ich Geschenke zu Hause, da baute sich Vinz vor mir auf und brüllte mich an: »Ich verbiete dir, das Bett aufzustellen. Ich verbiete dir das! Wir können uns das selbst leisten!«

Nichts konnten sie sich leisten, selbst das Essen mussten wir bezahlen. Vinz war schon immer nur ein Großmaul mit nichts dahinter. Was ich ihm aber hoch anrechnete, war sein Familiensinn. Für seine Familie tat er alles, und er war auch fleißig. Aber eingeladen hat er uns nur selten, und wenn wir zu Tisch saßen, wurden nur Adi  die Schüsseln zugeschoben. »Komm Vati, nimm doch!« Mich hat kein Mensch nach meinen Wünschen gefragt. Vor allem später wurde ich behandelt, als wenn es mich gar nicht gäbe. Immer wieder sagte ich Vinz, er soll meine Tochter schonen und sie nicht so hart arbeiten lassen. Sie ist nicht geschaffen für das Geschäft, in dem er tätig ist. Sie soll keine schweren Sachen heben. »Wie schaust du denn aus mit Fünfzig?« hatte ich sie vor einigen Jahren gefragt. »Wie ein Wrack!« Wer weiß, ob Vinz nicht auch andere Frauen hat? Zuzutrauen wäre es ihm. Als mein Urenkel unterwegs war, durfte ich wieder nicht dabei sein und ihn kennen lernen. Schon meine Enkel waren mir entzogen worden, was mich all die Jahre zutiefst geschmerzt hat.

1972 arbeitete ich als Verkäuferin beim »Hohenadel« am Martin-Luther-Platz in Augsburg. Der Chef war mit mir sehr zufrieden, doch die Chefin wurde zunehmend eifersüchtiger, weil er mir gern beim Verkaufen zusah. »Ihnen beim Verkaufen zuzusehen ist ein Wunder!« sagte er voller Anerkennung. »Wie Sie mit den Kunden umgehen ist zauberhaft, als wären es Ihre Freundinnen.«
Die Chefin schikanierte mich dagegen immer mehr. Plötzlich sollte ich nicht mehr verkaufen, sondern den Laden putzen und die Strümpfe auf der Straße abstauben. Da sagte ich mir: »Veronika, das tust du nicht! Du lässt dich keine Stufe runtersetzen. Du bist zu Hause schon der letzte Dreck, aber nicht bei fremden Leuten!«
Ich kündigte. Der Chef fiel natürlich aus allen Wolken, als ich ihm meine Entscheidung mitteilte. »Warum denn?« fragte er fassungslos.
»Weil Ihre Frau zu mir so gemein und böse ist. Richtig böse!«
Er grinste verständnisvoll, als ob er sich darüber freute, dass endlich mal jemand die Wahrheit über seine Frau sagte. Ich nahm meinen Mantel und ging. Herr Hohenadel war wirklich traurig, musste meine Entscheidung aber akzeptieren.

Bernhard wurde nach Gersthofen versetzt. Öfters kam er nach Hause und war völlig aufgebracht. »Wenn ich das gewusst hätte, was das für ein Dreck ist bei der Polizei, dann wäre ich nicht dort hin gegangen!«
Die ganze Nacht über lief Bernhard im Haus umher, ich hatte Angst um ihn. Aber ich durfte nichts sagen, er hatte es sich ja selbst ausgesucht. Die vielen Unfälle und Schussverletzungen innerhalb der Polizei beunruhigten mich sehr. Wie leicht konnte es auch ihn treffen! Er konnte genau so leicht einen Unfall erleiden oder erschossen werden, wie seine Kollegen. Besonders mit seinem Motorrad, einer BMW, zu der ich auch Geld gegeben hatte.
Dann lernte Bernhard Käthi kennen, die mit ihm gern Motorrad fuhr. Aber von Liebe habe ich wenig gespürt. Ich sah ihn nie Käthi in den Arm nehmen, wenn ich in der Nähe war. »Ach Gott«, dachte ich mir, »der macht den Vater nach. Der nimmt seine Frau nie in den Arm. Oder schämt sich und macht es heimlich.« Das waren Gedanken, die auch mit meiner Ehe zu tun hatten.

Von ihrer Verlobung erfuhr ich erst hinterher, eingeladen wurde ich nicht. Sicherlich schämte sich Bernhard, dass ich inzwischen so krank geworden war. Ich war unheimlich krank. »Wenn Sie Ihr Leben nicht ändern, können wir Sie demnächst auf dem Friedhof besuchen«, sagte mir der Arzt.
Weil ich so oft im Krankenhaus sein musste, warf mir Adi vor, ich wäre Schuld, wenn sie das Haus verkaufen müssten, weil meine Pflege so teuer sei. In Wirklichkeit wurde das allermeiste von der Versicherung gezahlt. Adi und meine Kinder dagegen lebten zunehmend über ihre Verhältnisse.
Ich schaffte den Haushalt nicht mehr.
»Warum gehst du nicht mehr in den Garten?« fragte mich Adi.
»Weil ich die Arbeit kräftemäßig nicht mehr schaffe«, antwortete ich ihm.
»Dann verkaufen wir endgültig das Haus«, schlug er vor.
»Nein, nein, deine Heimat verkaufen wir nicht. Das Haus gehört der Familie, das Haus bleibt stehen.«
»Ja, wie machen wir es dann?«
»Wir mieten uns eine Wohnung und vermieten Bernhard das Haus günstig.«
Das war auch nicht in Adis Sinne, schließlich inserierte er es 1975 zum Verkauf. 250.000 Mark sollte das Wochenendhaus kosten, das wollte niemand zahlen. Da war mir schon wohler, dass sich kein Käufer fand!
Als Bernhard 1975 geheiratet hatte, entschlossen wir uns, ihm das Haus zu überlassen und selber auszuziehen. Wir fanden eine schöne Wohnung in Hirblingen. Das Leben dort war sehr harmonisch mit den anderen Leuten, nicht mit Adi, den ich machen ließ, was er wollte. Er verschenkte alles, was er nicht mehr haben wollte, auch wenn es mir gefiel.
Als ich nach sieben Jahren zum ersten mal wieder in unser altes Haus in Ottmarshausen kam, wurde ich fast vom Blitz getroffen. Bernhard hatte aus unserem Schmuckstück einen Saustall gemacht! Die Toiletten waren verdreckt, der Staub lag fingerdick auf den Möbeln, das Chaos regierte für mich völlig unverständlich, wo Bernhard eigentlich ein so penibler Mensch war. Es lag wohl an seiner Käthi, die von Haushalt wenig hielt.

Von Bernhards standesamtlicher Hochzeit hatte ich wieder erst später erfahren, nachdem sie ohne mich stattgefunden hatte, aber die kirchliche Trauung durfte ich ausrichten. Das machte ich gern! Weil sie unser Haus umbauen wollten, zogen Bernhard und Käthi ins Haus eines Freundes nach Aystetten, wo ich das Haus ebenfalls erst mal auf Vordermann brachte.  
Nur Kunst, Musik, Film und Kunsthandwerk machten mir das Leben etwas schöner. Ich mochte Hildegard Knef. Durch die Zeit hatte sie sehr gewonnen, in meinen Ohren war ihr Gesang nicht überwältigend, aber als Frau und Schauspielerin hat sie mich sehr beeindruckt.
Auch Freddy Quinn mochte ich gern. Lieder wie »Die Nordseeschiffer« berührten mein Herz. Ich sehe ihn noch heute, wie er in eine kleine Kneipe am Kieler Hafen kam und mit seiner Gitarre ein Ständchen gab. Rock`n Roll dagegen war nie eine Musik, die mich begeisterte. Ich war auch kein Beatles-Fan. Deren Musik war mir zu ruppig, nicht harmonisch genug. Louis Armstrong mochte ich dagegen gern, hinter seiner Musik war Seele, das war nicht einfach nur so ein Geblase. 1971 starb er. Die Nachricht von seinem Tod hatte mich traurig gemacht.

Weil das Geld nicht reichte, suchte ich mir bald wieder eine Arbeit. Dadurch war ich auch unabhängiger von Adi, der mir kaum Geld für private Dinge gab. Zu den Mitbewohnern im Haus entwickelte sich ein gutes Verhältnis, besonders mit einer Nachbarin befreundete ich mich. Sie war eine sehr herzliche Frau, nahm mich oft in den Arm und drückte mich. So viel Herzlichkeit war ich zuhause überhaupt nicht gewohnt. Wir machten viel gemeinsam und bastelten zusammen auch Weihnachtsgeschenke.

Die Arbeit bei der Firma Margets, wo ich als Verkäuferin bei den Kunden ebenfalls sehr gut ankam, machte mir viel Freude. Bis zum Ende meines Berufslebens hatte ich viele treue Stammkunden, die sich von meinen Umgangsformen angesprochen fühlten und meine Kompetenz schätzten. »So eine Verkäuferin wie Sie gibt es nicht mehr«, lobten mich viele. Heute muss man sich in den Geschäften meistens selbst bedienen, doch alte Leute möchten lieber eine versierte, freundliche Bedienung.
Doch ich bekam eine Gürtelrose, die von den Ärzten lange Zeit nicht erkannt worden war. Mir ging es dreckig, aber ich biss die Zähne zusammen und ging weiter zur Arbeit. Ich trug Kostüme, damit niemand die offene Gürtelrose sehen konnte, was auch relativ gut gelang, denn es war Frühjahr. Nur manchmal, wenn es sehr warm war, fragte mich eine Kollegin, warum ich immer eine Kostüm trug. »Ich friere so leicht«, war eine meiner Antworten. Ich meldete mich nicht krank, sondern arbeitete weiter. Ich war pflichtbewusst, diese Tugend kannten die jungen Verkäuferinnen nicht, und beklagte mich nicht so wie die Kolleginnen, die alle paar Monate eine Gehaltserhöhung haben wollten. Außerdem bediente ich auch Männer, was überhaupt nicht selbstverständlich war in diesen Jahren.
Adi feierte seine Orgien in München, manchmal fuhr er einmal die Woche mit seiner Chefin und einer weiteren Freundin in einen der Münchner Clubs. Adi trieb es immer lieber mit mehreren Frauen gleidchzeitig.
Damit ich nicht völlig vor die Hunde, hatte ich mit 44 Jahren erstmals Malstunden genommen, die ich wieder intensivierte. Die Malerei bereitete mir von Anfang an Freude. Natürlich war Adi dagegen, weil die Stunden 25 Mark kostete, aber diese Erfüllung, die mir die Kunst gab, ließ ich mir nicht nehmen! Bald bekam ich den Neid meiner Familie zu spüren. Ich sollte mit dem Malen aufhören, aber da stellte ich klar: »Wenn du mir auch noch das Malen nimmst, dann ist alles vorbei! Das nimmst du mir nicht!«
Endlich bekam ich die Anerkennung, nach der ich mich immer gesehnt hatte. Ich verstand mich sehr gut mit meinem Lehrer, einem älteren Herrn, der leider verstarb. Ich suchte mir einen neuen Lehrer, der jedoch verstand sich mit mir fast zu gut. Er wollte mit mir in der Welt herumreisen, obwohl er verheiratet war. »Du musst dich von den schönen Dingen dieser Welt inspirieren lassen«, waren seine Worte, »dann kann was aus dir werden!« Damit hatte er ja recht, aber mit einem verheirateten Mann wollte ich nicht reisen. Und dann wollte er noch mehr von mir: ein Verhältnis. Ich sollte seine Liebhaberin werden, da sagte ich »nein« zu ihm und zu seinem Kunstunterricht und lief davon. Weitere Lehrer hatte ich dann keine mehr, was ich eigentlich bedauerte, denn die Abendkurse in der Volkshochschulen brachten wenig. Ich musste mich allein weiterbilden. Trotzdem hatte ich viel Erfolg und verkaufte viele Bilder. Ich machte auch Ausstellungen in Banken.
Eines abends im Jahr 1978/79 kam Adi nach Hause, und ich setzte mich auf seinen Schoß, wie ich es oft machte. Immer habe ich ihn lieb gehabt, ihn gestreichelt, ihm etwas schönes zum Essen gemacht und liebevoll den Tisch gedeckt, als wenn er jeden Tag Geburtstag hätte. Plötzlich sagte er: »Du, was wäre, wenn wir annoncieren?«
»Was denn annoncieren?« fragte ich arglos.
»Partnertausch«, sagte er und sah mich erwartungsvoll an.
»Das dürfen wir doch nicht«, sagte ich erschrocken. »Das ist doch Sünde! Wir sind allein am Altar gestanden, nur wir zwei, und haben uns ewige Treue geschworen, im Guten wie im Schlechten – von Partnertausch und Gruppensex war da keine Rede.«
Da packte er mich und warf mich von seinem Schoß, dass ich unter den Tisch flog. Dass Adi mich jahrzehntelang betrogen, bedroht und misshandelt hat, habe ich keinem Menschen erzählt, nicht einmal den Kindern. Adi wollte ja immer in einem wunderbaren Licht dastehen, als Kavalier, als toller Mann! Mein Fehler war natürlich, mitgeholfen zu haben, dass er im guten Licht erscheinen konnte. Ich wollte ebenso wenig wie er, dass im Geschäft jemand erfährt, zu welchem Ehebrecher und Tunichtgut er sich entwickelt hatte, denn er war ja inzwischen Geschäftsführer geworden. Die Leute wussten ganz genau, dass er nicht treu war, aber konkret konnten sie sich kaum vorstellen, was das hieß.
Eines Tages stand ich neben Adi am Auto, als er den Kofferraum öffnete. Mit einem Blick waren Pornohefte zu sehen, die darin rumlagen, Kondome und Kleenex-Tücher, sogar gebrauchte Damenbinden lagen herum. Ich sagte nichts.
Am schlimmsten war es, wenn Adi von seinen Touren wieder zurück kam. Überanstrengt durch den Gruppensex, war er manchmal so kraftlos, dass er sich nicht mehr selbst waschen konnte, obwohl er nach Schweiß und Sperma stank wie ein Eber. Manchmal kippte er einfach von der Toilettenschüssel und lag im Bad am Boden. Häufig hatte er Striemen und Blutergüsse auf dem Rücken, Adi liebte es, gepeitscht zu werden. Ich konnte ihn nicht mehr anfassen, so sehr ekelte er mich an.
Ich hatte eine ungeheure Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit, doch ich musste immer nur zuschauen, wie Adi andere Frauen verwöhnte und beschenkte, das war für mich sehr traurig. Ich beschenkte Adi immer reichlich. Jedes Weihnachten, jeden Geburtstag feierten wir groß und schön. Mein Geburtstag dagegen wurde nie gefeiert, ich erhielt keine Geschenke. Nichts! Wenn wir Urlaub machten, rief Adi heimlich seine Frauen an. Er hatte bei einer Nordkap-Reise sogar Telefongeld-Schulden beim Busfahrer gemacht, die dieser im Bus ausrief und dadurch kam Adis heimliches Telefonieren ans Tageslicht. Die Schweißperlen standen Adi auf dem Handrücken und im Gesicht.
Immer unverschämter wurden seine Weibergeschichten, und immer mehr ging er mir mit seinen Sex-Phantasien auf die Nerven.
Abends stand er in der Küche, als ich am Büfett hantierte, und fragte: »Weißt du, was ich dich jetzt fragen will?«
»Nö«, sagte ich.
»Könntest du dir nicht vorstellen, dass du beim Gruppensex mitmachst?«
Ich stand vor dem Schrank und meinte, ich falle auf der Stelle um! »Was hast du jetzt gesagt? Erst sollte ich Partnertausch machen, und jetzt Gruppensex?« Ich war sprachlos. »Von wem geht das denn aus?«
»Von mir«, sagte er. »Du bist doch eine Frau, du brauchst doch auch einen Mann. Das kann doch nicht wahr sein…«
Später legte er mir ein dickes Buch auf den Nachtisch: »Sextausend Stellungen einer Frau.«
Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich war außer mir. Er konnte einfach nicht verstehen, dass ich keinen Mann brauchte. »Vier Frauen sind besser als eine«, so lauteten die Bücher und Sprüche, mit denen er mich beleidigte. Das waren wirklich keine Komplimente!
Weil ich darauf überhaupt nicht einging, bedrohte er mich mit dem Messer. Oder er spielte mir seinen Selbstmord vor. Wenn ich abends nach Hause kam und dachte – »er muss doch schon zu Hause sein, aber alles ist so ruhig« -, und ich ins Wohnzimmer ging, stand er am Sofa mit einer Kordel um den Hals.
»Was machst du denn da?« fragte ich und lachte aus Leibeskräften. Das tat ich immer, wenn mich etwas irritierte oder wenn mir jemand etwas Böses tat. Das war ein Angst-Lachen. »Du, hör mal zu«, sagte ich, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte. »Jetzt hast du den ganzen Tag Zeit gehabt. Das hättest du heute früh machen können, als ich gegangen bin. Jetzt, wo ich den Schlüssel ins Schloß stecke und du hörst mich, legst du dir schnell den Strick um den Hals: Da musst du doch auch lachen, oder?«
»Nein«, heulte er auf, »da musst du gar nicht lachen. Das ist fei ernst, mir ist es ganz ernst!« Die Tränen rannen ihm die Wangen hinunter, wie er es schon immer gut inszenieren konnte, seitdem wir uns zum ersten Mal in Kempten kennen gelernt hatten.
»Weißt du was?« sagte ich ihm. »Diesmal helfe ich dir nicht.« Ich ging in mein Zimmer und ließ ihn auf dem Sofa sitzen.
Als ich die Episode am nächsten Tag meinem Hausarzt erzählte, meinte er nur: »Da brauchen Sie keine Angst zu haben. Der ist viel zu feige, der tut das nie.«
Aber dieses Theater spielte er mir häufig vor. Irgendwann hatte ich genug. Oder er drohte mir, das Geld zu entziehen. »Du hast kein Geld! Du hast keine Kinder! Du hast keinen Menschen auf der Welt! Dafür sorge ich! Mit allen Mitteln sorge ich dafür. Du hast keinen Doktor, du hast nichts mehr, das verspreche ich dir!« Und er hat es ja geschafft: Die Kinder hat er so lange mit Lügen über mich bearbeitet, bis sie ihm glaubten und sich von mir radikal abwandten und mir zu Weihnachten die Haustür versperrten. Immer schwerer fiel es mir, Adi in den Arm zu nehmen, ihn zu drücken und zu küssen. Ich musste unwillkürlich an all die anderen Frauen denken, und wie er sie genommen hat. Bei Adis Gruppensexgeschichten waren später ja auch homosexuelle Männer beteiligt. Wenn ich einen Menschen habe, den ich liebe und dem ich vertraue, dann küsse ich nicht fünf oder sechs andere. Gruppensex und Partnertausch sind nichts, was Gott gefällt. In der Tierwelt mag das ja normal sein, aber nicht bei den Menschen. Der Instinkt bei Tieren ist ehrlich, aber Menschen haben einen Verstand, mit dem sie das Gute nicht zum Bösen umwandeln sollten. 
25 Jahre lang war ein Maschinenbauingenieur der Liebhaber von Adis Chefin gewesen, und als er starb, kam Adi dran. Das genoss er in vollen Zügen. »Frau Kempf«, sagte sie mir einmal, »Sie müssen im Bett wie eine Hure sein, dann sind Sie die perfekte Ehefrau.« Also hatte Adi über mich gesprochen, dass ich nicht die perfekte Frau und Liebhaberin sei. Es konnte mich schon nicht mehr richtig treffen. Natürlich schmerzte es mich, mir vorzustellen, was seine Chefin mit meinem Mann im Bett trieb.
Meine Kinder und auch ich wussten es lange nicht, dass aus Adis Herumtreibereien vier Halbgeschwister hervorgegangen sind. Ein Kind in Russland, Frankreich, Holland und in Mering. Das erzählte er mir stolz, als wir rund vier bis fünf Jahre verheiratet gewesen waren. Auch damit hatte er mich vor den Kopf geschlagen: Ich hatte gedacht, einen unschuldigen Jüngling geheiratet zu haben, und keinen Sittenstrolch. Ich war immer treu und hatte vor und während der Ehe keinen anderen Mann. Wenn mich Adi quälen wollte, erzählte er mir, wie toll die Frau in Mering im Bett wäre, und was seine Chefin alles mit ihm machte. 
Nach einigen Jahren in Hirblingen zog Adi wieder zu Bernhard ins Haus, und ich musste mir in Wörishofen eine Wohnung suchen. Vielleicht auch, um Adi zu ärgern, nahm ich eine unrenovierte Wohnung, ließ sie nach meinen Wünschen edelst sanieren und Adi musste die Kosten tragen: 35.000 Mark. Er traf sich mit seiner Chefin fortan in Bad Wörishofen in einem Hotel.
Ich setzte einen Detektiv auf ihn an und ließ Adi überwachen, wenn er morgens nach dem Frühstück bei mir die Wohnung verließ. Es war nicht schwer, das Hotel herauszubekommen, wo Adi mit seiner Chefin verkehrte. Monate brauchte ich, um endlich den Mut aufzubringen, die beiden in flagranti zur Rede zu stellen. Ich ging in das Hotel und fragte nach der Frau. »Ja, ja, der Buchhalter der Frau ….. kommt hier öfters hin«, sagte der Portier, »so ein kleiner Dicker. Aber die schmeiße ich hier bald raus, die sind mir zu ordinär.«
Adis Chefin war sich keiner Schuld bewusst, als ich sie ansprach. »Ach wissen Sie, Frau Kempf, es gibt nichts schöneres, als morgens um sieben nackt ins Schwimmbad hier im Hotel zu gehen und sich in die Fluten zu stürzen. Die Männer sind um diese Zeit schon unten und die dürfen dann auf meinem Rücken reiten. Das sollten Sie auch mal mitmachen!«
Ich war sprachlos. Einige Monate später wechselten die beiden in eine Pension, weil ihre Eskapaden in dem Hotel nicht mehr geduldet wurden. Wenn Adi dann zu mir Freitag abends nach Hause kam, war er total erschöpft. »Was habt ihr im Geschäft für eine Arbeit, dass du immer so müde bist?« fragte ich ihn schmunzelnd. Seinen Ausflüchten glaubte ich schon lange nicht mehr.
1986/87 wechselte ich zur Firma Rossberger, einem Mode-Fachgeschäft. Obwohl ich wieder ziemlich krank war, biß ich mich durch, denn ich wollte auf keinen Fall allein zu Hause sitzen. Bei meinem Mann machte sich der neue Wohlstand rasch bemerkbar. Bis zu seinem Tod wurden es 14 Autos, die ich jeden Monat zu Dreiviertel von meinem Konto mit abbezahlen musste. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, dass ich so viel nicht zahlen konnte und wollte. Aber er konnte natürlich leicht feststellen, wie viel ich verdiente und ließ mir keine Ruhe. Ich sagte immer wieder: »Nicht schon wieder ein neues Auto.«
»Aber Du hast doch Geld«, war seine lapidare Antwort. Und so kam wieder eine Rechnung und ich musste wieder jeden Monat eine Rate bezahlen, bis das neue Auto abbezahlt war und ein neues her musste.
Es ging mir noch schlimmer als zuvor. Ich suchte einen Pfarrer auf, einen Psychologen, Ärzte, die mir helfen sollten, doch ich fand keine Hilfe. Wieder musste ich allein durch dieses tiefe Loch. Ich saß allein in meinem Wohnzimmer und weinte fürchterlich. Ich starrte in den Herrgottswinkel und rief meine Eltern im Himmel an: »Mutti und Vati, helft mir doch! Helft mir doch! Ich schaffe es nicht mehr! Ist denn keiner da, der mir helfen kann?«
Dann kam mein Vater. Er stand lebendig vor mir, groß, fast bis unter die Decke, und sagte mir: »Weine nicht, wir lieben dich alle.«
Diese Erfahrung war überwältigend. Ich wollte noch etwas sagen, da war er schon wieder verschwunden. Aber seine Erscheinung hat mir geholfen, dass ich dieses schwere Schicksal überwinde. Ich ging in die Kirche und betete, danach bat ich den Lieben Gott in einem Park, bei mir zu bleiben.
»Wenn Sie noch ein paar Jahre leben wollen, müssen Sie sich von Ihrem Mann trennen.« Das sagte mir der Arzt, und nicht nur der. Ich war verzweifelt, so zog ich für ein paar Monate zu meiner Schwester Adelheid nach Köln, und dann wieder nach Bad Wörishofen, wo ich 1981/82 halbtags als Aushilfe in einem Modefachgeschäft arbeitete. Adi wollte zwei Jahre vor seiner Rente lieber mit seiner Chefin zusammen sein. Sie hatte forciert, dass ich nach Wörishofen zog, wo sie auch wohnte. So hatte Adi immer einen Grund, nach Wörishofen zu fahren, ohne lügen zu müssen. Und ich musste nach einem Leben voller Arbeit noch einmal von vorne anfangen. Der Unterhalt von 750 Mark, den mir Adi zuwies, reichte nur für die Miete.
Die Demütigungen und Verachtungen der Nachbarn und der Leute, die mich kannten, war deprimierend, weil ich angeblich meinen kranken Mann im Stich gelassen hatte. Die Wahrheit aber war, dass er mich aus dem Haus geworfen hatte – ich hätte Adi nie verlassen, denn ich liebte ihn immer noch, selbst als kranken Mann.
Adi wohnte weiter bei Bernhard. Ich wusste gar nicht, dass er ein Wohnrecht auf Lebenszeit in diesem Haus vereinbart hat, bis ich zufällig die Police fand. Da war mir alles klar. Ich war einmal mehr hintergangen worden, ich wurde schon immer als Depp hingestellt und war immer die Blöde. Doch je älter ich wurde, desto gemeiner trieben es Adi und meine Kinder. Mein Mann war in Rente und wieder nicht in Rente. Ich glaubte, dass er nun ruhiger würde und seine Frauengeschichten endlich zu Ende gehen, aber das Gegenteil war der Fall. Ständig fand er einen Grund, warum er nach Augsburg oder München oder sonst wohin fahren musste. Ich hielt das nicht mehr lange aus. Adi hatte Prostata-Probleme und einen Nierenschaden, doch er nahm seine Medikamente nicht. Auf einem der Beipackzettel, den ich in einer seiner Anzugtaschen fand, wurde als mögliche Nebenwirkung Impotenz angezeigt, die wollte er wohl nicht riskieren. Später im Alter wurde er Dialysepatient und nach einem Herzinfarkt ein Pflegefall.
In Wörishofen fiel ich in einen schlimmen Gesundheitszustand. Das Alleinsein wurde für mich immer unerträglicher. Oft dachte ich daran, mir das Leben zu nehmen. Nur der Glaube an Gott und an den Sinn des Lebens hielten mich zurück. Wenn Adi bei mir in der Wohnung war, zeigte ich öfters auf eine Messingstange zwischen Wohnzimmer und Esszimmer und sagte: »Wenn du mittwochs oder samstags nach Hause kommst, dann hänge ich dort einmal. Ich schaffe dieses Leben einfach nicht mehr.«
Nur das Malen brachte mir Freude, ich kopierte alte Meister wie Philipp Otto Runge und Defregger und verkaufte viele Bilder, worauf ich sehr stolz bin. Doch dann ging es nicht mehr. Ich packte meine sieben Sachen, schloss sie in meinem Schlafzimmer ein, nahm die Schlüssel mit und flüchtete nach Leverkusen zu meiner Schwester. Bernhard und Adi brachten mich mit dem Auto dorthin und ich verabschiedete mich von ihnen so, als wäre es endgültig. Ich war gesundheitlich in einem derart kritischen Zustand, dass sie mich pflegen musste. Meine Schwester Paula war damals auch sehr krank, so musste Adelheid uns beide pflegen. Das, was sie für mich getan hat, kann ich im ganzen Leben nicht wieder gut machen. Ich werde Adelheid und ihrem Mann Johannes ewig dankbar sein!

Bernhard brach anschließend in Wörishofen meine Zimmertür auf, öffnete die Pakete, die ich vorsorglich mit meinen Bildern und anderen Wertgegenständen gepackt hatte, und durchsuchte meine Schränke. Monatelang lag ich krank im Bibliothekszimmer mit meiner Schwester Paula. Erst nach Monaten erhielt ich meine Sachen von Adi und Bernhard durch ein Speditionsunternehmen zugeschickt. Meine Schwester Paula und mein Schwager Johannes kümmerten sich rührend um mich.
Nach einigen Monaten hatte ich mir eine eigene Wohnung gesucht und Adi die Adresse nicht mitgeteilt. So lebte ich etwa ein halbes Jahr unbehelligt von ihm, bis er mich in Leverkusen ausfindig gemacht hatte. »Ich komm nicht mehr heim!« sagte ich ihm, »und suche mir hier eine Arbeit.« Da sperrte er mir sofort das Konto, so dass ich finanziell völlig mittellos war. Gott sei Dank fand ich sofort eine Arbeit und war auf Adis Geld nicht angewiesen.
Er bedrängte mich weiterhin, wieder nach Hause zu kommen. Aber ich wollte nicht. »Wir sind zu zweit und ich bin immer allein, das halte ich nicht mehr aus. Wenn du endlich mal genauso viel für mich tun würdest wie ich für dich, dann kann ich wieder nach Hause kommen, aber nicht, wenn du dein Lotterleben mit deinen Frauen weiterführst und ich nur dazu da bin, deine dreckige Wäsche zu waschen und gut für dich zu kochen.«  
Meine Schwester und mein Schwager sagten auch: »Jetzt mach endlich Schluss!«
Ich ging in die Kirche, und weil sie gerade menschenleer war, schrie ich meine Verzweiflung in den Altarraum hinein. »Großer Gott, hilf mir! Ich ertrage es nicht mehr.« Ich schrie und weinte in der Kirche, bis ich nicht mehr schreien konnte, und das mehrmals –  immer dann, wenn niemand zugegen war. Ich war am Ende.
Wenn es mir besser ging, machten wir Ausflüge in die Umgebung und ich sah sogar das Haus von Adenauer, der ganz bescheiden in einem kleinen Dorf am Rhein wohnte. Vom Schiff aus sah ich es, als ich mit Peter Schuck einige Ausflüge auf dem Rhein unternahm.

Peter Schuck war ein Makler aus Düsseldorf, der nur für die Armen arbeitete und schon mit 58 Jahren starb. Er hatte keine Kinder, seine Frau war mit 38 Jahren in der Badewanne an einem Gehirnschlag gestorben. Er hatte nie mehr geheiratet. »Lass dich scheiden«, sagte er zu mir, »und komm zu mir.« Aber was hätte ich davon gehabt? Einen Mann, der zwei Jahre später gestorben wäre. Vielleicht wäre er ja gar nicht gestorben…
Er hatte in Düsseldorf ein Armenhaus mit 170 Wohnungen, nur für die Bedürftigen. Selbst die Möbel hat er billig oder umsonst besorgt. Auch ich gab ihm meine Möbel, als ich von Leverkusen wieder nach Wörishofen zog. Er setzte sich für die Leute auch ein, damit sie wieder Arbeit bekamen, und hat drei Jungs adoptiert. »Peter, mach das nicht, du wirst bestohlen«, habe ich ihn gewarnt, als er auch noch einen Mann adoptierte. »Du wirst sehen, du wirst viel Ärger kriegen.«
Und was passierte? Peter wurde nach Strich und Faden bestohlen. »Mei, Veronika, du wärst der richtige Ausgleich! Du siehst Sachen, ich weiß nicht, warum, die aber alle eingetroffen sind.« Er war einfach zu gutmütig.
Aber ich konnte nicht. »Du hast eine so liebe Freundin«, sagte ich ihm immer wieder, »die sogar die Wohnungen der armen Leute putzt, die ist so lieb zu dir, die kannst du nicht einfach hintergehen und abservieren!« In Wirklichkeit war Peters Freundin gar nicht so lieb, sondern ein ziemlich übler Besen. Sie hatte eine Metzgerei und war nicht zimperlich im Umgang mit anderen. Manchmal denke ich, sie hat Peter zu Tode gefüttert.
Aber ich machte prinzipiell solche krummen Sachen nicht. Wäre Peter frei gewesen, hätte ich es mir eventuell überlegt und mich scheiden lassen. Aber so blieb alles unverbindlich. Durch seine Kontakte in Köln und Düsseldorf machte ich gute Geschäfte mit meinen Bildern. Ich verkaufte viel und hatte bald einige treue Sammler, die immer mehr Bilder von mir wollten.
Mit Peter Schuck war ich 1982 auch bei »Frau Buchella«, einer berühmten Wahrsagerin in Remagen, zu der ging Königin Juliane aus den Niederlanden. Die Kennedys kamen zu ihr, um sich Rat für die Zukunft zu holen, Helmut Kohl war alle 14 Tage bei ihr. Eine kleine Zigeunerin, nur 1,50 m groß, aber sie war die berühmteste Wahrsagerin ihrer Zeit.
Was sie mir damals alles gesagt hatte, ist bis heute alles eingetroffen. »Wie haben Sie dieses Leben geschafft?« fragte sie mich.
»Dann sagen Sie mir bitte, was ich machen soll, damit es besser wird?« Mir liefen die Tränen die Wangen hinunter.
»Es ist schon vorbei, dieses Leben«, sagte sie mir. »Es wird nur noch schlimmer.«
Als Adi bewusst geworden war, dass ich es ernst mit der Trennung meinte, ließ er mir keine Ruhe, rief jeden Tag an und kam jedes Wochenende von Wörishofen nach Leverkusen gefahren. Immer wieder bettelte er mich an. »Komm zurück! Ich liebe dich! Ich brauche dich!«
»Das weiß ich«, sagte ich ihm dann. »Doch du liebst mich nicht, du brauchst mich nur. Und gerade dieses Wort ‚brauchen‘ regt mich so auf! Ich bin für dich doch nur der Pudel – oder schlimmer, die Putzfrau, die dafür sorgt, dass dein Haushalt glänzt.«
»Nein, das bestimmt nicht!« Adi drückte auf die Tränendrüse und ich ließ mich abermals erweichen. Eines Tages kam er und sagte: »Jetzt ist Schluss, du kommst mit.« Er hatte meine Wohnung gekündigt, schon den Möbelwagen bestellt und versprochen, dass nun alles anders – besser! würde. So konnte ich nicht anders und ging wieder mit ihm mit, allerdings nicht nach Wörishofen.
Wir fanden eine schöne Wohnung in einer Wohnanlage in der Walter-Heim-Strasse in Augsburg, die ich wieder liebevoll einrichtete. Um etwas Geld zusätzlich zu seiner Rente zu verdienen, begann Adi dort als Hausmeister zu arbeiten. Doch damit hatte man den Bock zum Gärtner gemacht. Adi nutzte seine Stelle, um mit den dortigen Frauen anzubändeln. Er konnte es einfach nicht lassen! Selbst das Verhältnis mit seinem ersten Lehrmädchen, das er vor mehr als einem Jahrzehnt gehabt hatte, wurde wieder aufgewärmt. Offenbar vergnügten sie sich auch in Adis Mercedes, denn nach einiger Zeit war der Bezug der Rücksitze völlig zerschlissen, wo sonst nie jemand saß. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er nur: »Du hast eben noch nie richtig geliebt, das solltest du endlich mal lernen!« Irgendetwas war immer. Je älter Adi wurde, um so weniger konnte er seine Heimlichkeiten vertuschen.
Adi hatte von seinem Cousin in München, der mit 87 Jahren gestorben war, 189.000 Mark geerbt. Die Erbschaft wickelte Adi im Geschäft ab, wie er alles, was privat war, im Geschäft abgewickelte, damit ich keinen Einblick in seine finanziellen Transaktionen bekam.
Obwohl ich von dem geerbten Geld etwas erhalten sollte, denn Onkel Julius hatte mir versprochen, dass ich etwas Schönes erben würde, damit es mir gut ginge, doch ich habe von Adi nichts bekommen. »Nein«, beschied er, »das Erbe geht auf meinen Namen.« Was sollte ich machen? Er hat mir nichts gegeben. Ich gab 50.000 Mark dazu und wir legten das Geld in Aktien an. Nach einigen Jahren waren daraus 800.000 Mark geworden, die Adi erlöste und hinter meinem Rücken auf ein Schweizer Nummernkonto brachte. Ich war empört, auch über den Direktor der Bank, der dies zugelassen hatte. Aber es nützte nichts. Adi hatte wieder nur seinen Standardspruch auf Lager: »Das geht dich einen Dreck an. Wenn du Geld brauchst, dann geh zum Sozialamt.« Als ich ihn darauf hinwies, dass ich 50.000 Mark zu dem Aktienerwerb dazu gelegt hätte, kümmerte er sich nicht darum. Mehr als einmal wollte er mich fertig machen: »Du hast weder Geld noch Bekannte noch Kinder, da sorge ich dafür!«
Sein Luderleben führte Adi umso zügelloser weiter, nachdem er geerbt hatte. Ich konnte es immer am Tacho feststellen, wie viel Kilometer er an einem Tag wieder herumgefahren war. Die konnten nicht durch die An- und Abfahrt zur Arbeit angefallen sein. Später ließ er sich zeigen, wie man den Tacho zurück stellte.

Dreimal fiel auf, dass Adi unterwegs kleinere Unfälle gebaut hatte, da muss es ihm arg pressiert haben. Einmal war es ein rotes Auto, wie man an seiner Stoßstange leicht sehen konnte, das er angefahren hatte. Adi beging Fahrerflucht, ich sagte nichts. Nicht einmal meinem Sohn habe ich davon erzählt, weil Adi mich bekniete, es keinem zu sagen.
Sein Auto ließ er richten, das waren natürlich ziemlich teure Reparaturen, und ich habe ihm jedes Mal geholfen, dass er nicht im schlechten Licht da stand. Mir war es sicherlich ebenso wichtig, dass man ihm nichts schlechtes nachsagen konnte – und mir natürlich auch nicht. Ich habe immer geschwiegen, ich hab Adi die ganzen Jahre nie schlecht gemacht, bei keinem Menschen. Wir galten als ideales Ehepaar, aber in Wirklichkeit waren wir nur gute Schauspieler. Ich habe ihm seinen Weg so geebnet, dass Adi einfach als King erschien. Weil er Geschäftsführer war, hatte ich – so war es jedenfalls meine Meinung – die Pflicht, ihn in der Öffentlichkeit in gutem Licht erscheinen zu lassen, sonst hätte er vor den Angestellten – er war ein sehr strenger Chef – den Respekt verloren. Die Wahrheit hätte ihn ruiniert. Seine Mitarbeiter waren ja alles Leute aus der Umgebung von Ottmarshausen, Hainhofen, Neusäss usw., die ihn kannten.
Eines Tages lag folgendes Schreiben im Briefkasten:
Sehr geehrter Herr Kempf,
ich möchte es ganz kurz machen. Im Sommer sind Sie mir schon mal aufgefallen und im September habe ich Sie wieder zufällig beobachten können. Wie ich vermute, war ihre Frau nicht da. Ich habe Sie für einen großen Ehrenmann gehalten. Wie man sich doch täuschen kann. Ich glaube nicht, dass Sie es so nötig haben bei so einer Frau. Ich würde es an Ihrer Stelle nicht in der Wohnung, sondern außerhalb machen, dann würde es niemand auffallen.
Hochachtungsvoll
Ein zufälliger Beobachter aus der Anlage
Als ich ihm auf meine dauerhafte Loyalität hinwies, war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, dass ich meinen Mund hielt. »Jedem Tierchen sei Pläsierchen« war mein Standardspruch, den ich immer dann brachte, wenn mich jemand auf Adis Weibergeschichten ansprach. Trotzdem ging er mehr und mehr in die Offensive und machte mich bei den Kindern und unseren Bekannten schlecht. Ich weiß auch nicht, warum: vielleicht, weil er sich nicht sicher war, ob ich nicht doch eines Tages die Wahrheit ans Licht bringen könnte. Dann sollten mir die Leute nicht glauben, weil ich ja nach Adis Schilderung unzurechnungsfähig und geisteskrank geworden war.
Wenn wir ausgingen, stellte er mich überall überschwänglich vor und lobte mich über den »Schellkönig«, was für eine Top-Frau ich sei, wie elegant und schön. Alles leeres Gerede! Wir waren so tolle Schauspieler, dass man einen Film mit uns hätte drehen können.
1986/87 wechselte ich zur Firma Rossberger, einem Mode-Fachgeschäft. Obwohl ich wieder ziemlich krank war, biß ich mich durch, denn ich wollte auf keinen Fall allein zu Hause sitzen. Bei meinem Mann machte sich der neue Wohlstand rasch bemerkbar. Bis zu seinem Tod wurden es 14 Autos, die ich jeden Monat zu Dreiviertel von meinem Konto mit abbezahlen musste. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, dass ich so viel nicht zahlen konnte und wollte. Aber er konnte natürlich leicht feststellen, wie viel ich verdiente und ließ mir keine Ruhe. Ich sagte immer wieder: »Nicht schon wieder ein neues Auto.«
»Aber Du hast doch Geld«, war seine lapidare Antwort. Und so kam wieder eine Rechnung und ich musste wieder jeden Monat eine Rate bezahlen, bis das neue Auto abbezahlt war und ein neues her musste.
Als Bernhard etwa 31 Jahre alt war, hatte ich ihn um ein Treffen gebeten, damit er mit seinem Vater reden könnte. Adi sollte netter zu mir sein und mit seinem Luderleben aufhören. Da lachte mich Bernhard nur aus – er war ja gut geimpft von seinem Vater. Außerdem hatte ich zwischenzeitlich erfahren, dass Bernhard das gleiche unmoralische Leben führte wie sein Vater. Ich war bei einer Detektivin gewesen, die Adi beobachten sollte, da fragte sie mich: Sie haben doch einen Sohn?«
»Ja.«
»Heißt der Bernhard?«
Und ich sagte wieder »ja.« Da erfuhr ich von der Detektivin, dass Bernhard ebenfalls mit anderen Frauen fremd ging. Trotzdem musste ich mich von ihm auslachen lassen, als ich ihn zur Rede stellte, und hatte nun doppelte Sorgen: die um meinen Mann und die um meinen Sohn. Eines Tages erwischten mein Mann und unsere Schwiegertochter Bernhard mit einer anderen Frau. Das war ihm natürlich höchst peinlich.
Trotz allem hat mein Mann Bernhard unser Haus in Ottmarshausen – ohne mein Wissen – geschenkt. Ich dachte immer, uns kann wirtschaftlich nichts passieren, das Haus ist ja noch da. Doch eines Tages war es nicht mehr da. Kaum war es ihm überschrieben, wurde der Junge immer frecher zu mir, bis ich ihn eines Tages fragte: »Warum bist du eigentlich so frech mit mir? Ich habe dir doch nichts getan, warum sprichst du mit mir so böse? Sprich bitte normal mit mir, ich bin kein Klient von dir, ich bin deine Mutter. Bitte sei so nett, und sprich in einem anständigen Ton mit mir, ich habe das nicht verdient!«
Aber er behandelte mich immer schlechter. Ab seinem 33. Lebensjahr, als ich ihn das gefragt hatte, wurde sein Hass auf mich noch größer. Die Frage war ihm wohl derart peinlich, weil er das gleiche unmoralische Leben wie sein Vater führte, dass er mich fortan schnitt, wo immer er konnte. Ich kam ab diesem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr an ihn heran. Zu seiner Hochzeit lud er mich auch nicht ein. Ohne mein Wissen hatte er standesamtlich geheiratet. Solange Bernhard und seine Frau ihr eigenes Haus bauten, wohnten sie in Aystetten im Haus eines Freundes, das dann plötzlich geräumt werden musste, weil der Freund in Deutschland seine Zelte abbrach und nach Spanien zog. Er verkaufte alles, inklusive seinem Haus. Es war der reinste Saustall, ein Bazillenschiff voller kaputter Teppiche, die Gardinen waren mindestens zehn Jahre lang nicht gewaschen. Ich musste das Haus putzen, die Kisten packen, Möbel schleppen. Ich half Bernhard, wo immer ich konnte: auch hier erhielt ich nie ein Dankeschön. Selbst Bernhards Frau half nicht beim Aufräumen und Putzen, obwohl sie da gewohnt hatte. Für uns war es eine Selbstverständlichkeit, zu helfen, obwohl wir mit siebzig bzw. vierundsiebzig Jahren nicht mehr die Jüngsten waren und vor allem ich mich von Bernhard häufig anschnauzen lassen musste, dass ich mich heute noch frage, warum ich das alles so lange mitgemacht habe.
Bernhard wurde schwerst krank, er musste im Dunkeln liegen, und mir ist bis heute nicht gesagt worden, was er damals hatte. »Das geht dich nichts an!« hatte Bernhard gemeint. Seine Frau, meine Schwiegertochter, war keine Hausfrau, aber eine gute Sekretärin. Bernhard musste selbst seine Hemden bügeln, er musste kochen und aufräumen. Sie dagegen führte ein lustiges Leben, ging jeden Abend irgendwo anders hin: Kegeln, Tanzen, Essen – jeden Abend hatte sie ein anderes Hobby und war nie zuhause, wie uns Bernhard klagte.
Bernhards Leben wurde zunehmend schwieriger. Der Bauerei, an der er beteiligt war, ging endgültig das Geld aus, sie waren mit rund 270.000 DM überschuldet und Bernhard ließ unser Haus umbauen, was eine Menge Geld kostete, das er nicht hatte. Als er nicht mehr weiter wusste, lief Bernhard von seiner Frau weg.
Ich erinnere mich, es war abends an einem Gründonnerstag. Ich rief in Aystetten an, Käthi war am Telefon und weinte. »Warum weinst du denn?« fragte ich sie.
»Gerade im Moment hat mich der Bernhard verlassen.«
»Was heißt denn verlassen?«
»Er hat die Tasche gepackt und ist gegangen«, schluchzte sie.
»Warum denn?«
»Ich weiß nicht, warum er gegangen ist.«
»Du musst doch wissen, warum er gegangen ist. Habt ihr gestritten?«
»Er hat gesagt: Er geht.«
Wir fuhren sofort los, um Bernhard zu suchen. »Der ist in einem Zustand«, hatte Käthi gesagt, »ich weiß nicht, was passiert.«
Wir fanden Bernhard in unserem Haus in Ottmarshausen. Er stand mit dem Rücken zum Herd und sah im ersten Moment aus wie ein Henker oder wie ein Greis, vollkommen zusammengefallen. Ich war erschrocken. Der hat sich von seiner Krankheit, die er sich bei der Polizei zugezogen hat, nicht erholt, dachte ich mir. Ich sah ihn wieder im Dunkeln liegen und seine Frau, die ihn nicht gepflegt hatte, sondern sich um ihren Beruf und ihr Privatleben ohne ihn gekümmert hatte, wie uns Bernhard immer wieder sagte. Er war am Ende.
»Ja Bua, was ist los?« fragte ich ihn.
Er schaute mich nur finster an. »Halt du dich da raus.«
Ich drehte mich zur Tür, um wieder zu gehen, da ich diese niveaulose Art des Umgangs schon lange gewöhnt war und sie mir nicht länger bieten lassen wollte. Doch dann dachte ich mir, wenn der Bua dich schon holt, dann zeig ihm, dass seine Mutter immer für ihn da ist. Und plötzlich sagte er: »Ich will haben, dass ihr heimkommt, ich möchte eine Familie.«
Das hat mich sofort zu Tränen gerührt. Wochenlang, monatelang, jahrelang beschäftigten mich diese Worte. Nach zwanzig Jahren kommt der Sohn nach Hause und will, dass wir wieder zusammen leben. Da dachte ich mir: Jetzt weiß der Bua wieder, dass er eine Mutter hat.
Entgegen dem Rat von Ärzten und anderen, die ich um Rat fragte, willigte ich ein, auch wenn mir jeder sagte: »Tun Sie das nicht! Das gibt eine Katastrophe.«
Und es wurde eine Katastrophe, denn Bernhard hatte sich wirtschaftlich mit dem großangelegten Umbau des Hauses in Ottmarshausen völlig verhoben. In Wirklichkeit wollte er nur, dass wir ihm halfen, seine immensen Bankschulden zu tilgen. Sie hatten Adis Elternhaus teilweise abgerissen und wollten ein Holzhaus auf den Grund gesetzt, dass aber nicht fertig wurde, weil ihnen das Geld ausgegangen war. Bernhard bekam ja schon lange kein Geld mehr von irgendeinem Kreditinstitut. Über die Höhe der Schulden war ich entsetzt. Ingrid, seine zweite Frau, hatte später immer wieder zu mir gesagt: »Ich halte es nicht mehr aus, weil er nie Geld bei sich hat. Ich muss immer alles bezahlen.« Das wollte ich natürlich nicht wahrhaben, selbst wenn es mir Nachbarn wie Frau Gröner und andere deutlichst ins Gesicht sagten, was hinter Bernhards »Gesinnungswandel« steht.
»In der Not muss man helfen«, waren meine Worte. Ich wollte wieder eine Familie haben, und das schien es mir zu sein.
Tag und Nacht schufteten wir, um den Umbau und die neue Einrichtung des Hauses voranzutreiben. Jeden Morgen um halb fünf arbeitete ich im Garten, um tagsüber im Haus zu werken. Ich plante die Innenausstattung, die große Treppe, die Gartenanlage, alles. Bernhard hatte viele Handwerkerfreunde, die schwarz im Haus arbeiteten und denen ich das Mittagessen kochte. Alles zahlte ich, Adi gab keine müde Mark dazu! Ich übertrug sogar meinen Rentenplan der Bank, obwohl mir der Direktor davon dringend abriet. Aber ich wollte Bernhard helfen und verlangte dafür nur das Wohnrecht auf Lebenszeit – das Adi ja schon lange hatte, ohne dass ich davon gewusst hatte.

Alles war wieder wie früher. Wenn Adi abgekämpft von seiner »Tour« zurückkam, war es manchmal nicht mehr zum Ansehen. Wortlos hing er seinen Mantel auf und ging sofort ins Bad, um sich frisch zu machen. Mehr als einmal hatte ich ihn ermahnt: »Wenn du nach Hause kommst, dann wasch dir bitte deine Hände und lege deine Arbeitskleidung ab, die riecht so komisch.« Wenn Adi mich von der Arbeit abholte, musste ich im Auto hinten einsteigen, weil vorne eines seiner Weiber saß. Er hatte seine Millionen verhurt. Wenn er zum Mittagessen kam, kleidete er sich anschließend noch einmal mit frischer Wäsche und Unterwäsche ein, damit er auch sauber war, wenn er seine Weiber durch die Gegend kutschierte.
Ich habe ihm nie auf den Kopf zu gesagt, warum er so komisch roch. Statt jedoch nach dem Duschen in frischen Kleidern oder zumindest im Bademantel aufzutauchen, setzte er sich immer in Unterhose auf das Sofa oder an den Tisch, egal ob in kurzer oder langer Unterhose, egal ob Besuch da war oder nicht, er saß in seiner Unterhose da, obwohl ich ihn immer wieder gebeten hatte, Hose und Hemd anzuziehen. »Dann nimm wenigstens die Hände aus der Unterhose!« wies ich ihn zurecht. Aber auch diese Ermahnung nütze nichts. Ungeniert kraulte Adi sich. Nicht nur meine Schwester war entsetzt: »Das ist mir derart peinlich, ich komme nie mehr zu euch, wenn er das nicht endlich sein lässt! Es ist wirklich nicht schön das anzusehen, was der tut.« Doch ich konnte Adi von dieser schlechten Gewohnheit nicht abbringen. Auch ein kleines Mädchen, das bei uns zu Besuch war, sagte einmal: »Herr Kempf, ja Herr Kempf! Sie müssen doch eine Hose anziehen, das tut man doch nicht, mit der Unterhose da sitzen.«
Das war ihm ganz egal, wie er aussah und was unsere Gäste dachten. Als ich mit Ärzten darüber sprach, gaben sie mir zur Antwort: »Das ist bei ihm Geltungsbedürfnis, das so groß ist, dass er sich in jeder Weise hervorheben will.«
Ich hatte zunehmend mehr Mitleid mit ihm, und immer mehr kam ich zu der Ansicht, der Mann ist wirklich krank! Du kannst ihn nicht fallen lassen, sonst landet er unter der Brücke. Adi wusste genau, warum er mich als Ehefrau nicht aufgeben wollte. Wenn ich ihm gesagt hatte, du liebst mich doch gar nicht, sagte er immer: »Ich liebe dich, aber auf meine Weise.« Da habe ich immer gelacht: »Der andere laut, der andere leise.« Ich habe aus dieser Antwort immer einen Spaß gemacht und war freundlich zu ihm, damit es keinen Streit gab. Aber es war mir immer sehr unangenehm, dass er sich bis ins hohe Alter so ungezogen verhalten hat. Meine Kinder bekamen das alles ja nicht mit, weil sie nur noch selten bei uns zu Besuch waren.
Einmal überraschte ich Adi mit einer seiner Geliebten, als er eine Lungenentzündung mit 40 Grad Fieber hatte und ich trotzdem ins Geschäft musste, weil ich nicht frei bekam. Als ich abends nach Hause kam, stand das Telefon nicht mehr an der Stelle, wo ich es hingestellt hatte. Adi war also aufgestanden und hatte seine Freundin angerufen. Diese Frau hatte einen eigenartigen Geruch an sich, denn die war nicht sonderlich sauber. Schon im Gang hing dieser Geruch ihres Mantels in der Luft, und ich roch ihn natürlich sofort.
Innerlich kochte ich fürchterlich. Ich zitterte am ganzen Leib, dass diese Frau in der Wohnung war und Adi im Schlafanzug herumlief, obwohl er mir versprochen hatte, im Bett zu bleiben – allein. Doch ich schwieg. Adi trieb es mit anderen Frauen immer wilder in unserem Schlafzimmer. Jede Woche fand ich neue Utensilien im Bad oder unter dem Bett: Hefte, Gleitcremes, verschmutzte Taschentücher. Es stank manchmal wie im Schweinestall nach Schweiß und Sekreten. Als Geschäftsmann bekam Adi von den Firmen – nicht nur zu Weihnachten – viele Geschenke, die er großzügig an seine Freundinnen und Arbeitskolleginnen weitergab. Einer seiner Freundinnen schenkte er einen Fernseher, ich bekam nie etwas großes, auch nicht zu Weihnachten, bestenfalls hin und wieder Kleinigkeiten. Für Adi war ich einfach nicht »artig« genug, dass ich ihm seine perversen Gelüste nicht erfüllte, nahm er mir lebenslang übel.
Sein größter Wunsch wäre, sagte er mir einmal, es mit einer Japanerin zu treiben, und sein zweiter, auf einer Frau liegend nach dem Orgasmus zu sterben. Damit wollte er mir sagen, was für eine unmögliche, frigide Frau ich in seinen Augen bin.
1992 hatte ich Bernhards Umbauarbeiten abgeschlossen, unser Haus renoviert und machte im Erdgeschoss einen Kunstgewerbeladen auf, denn mein ganzes Geld war in Bernhards Unterstützung geflossen. 180.00 Mark leistete ich für die Fertigstellung des Hauses. Ich war pleite, Adi zahlte nichts zum Haushalt hinzu, also musste ich mir etwas einfallen lassen. In meinem Alter hätte ich auch keine Stelle mehr bekommen, schließlich war ich fast 70 Jahre alt.
Ich stellte kunstvolle Gestecke aus Seidenblumen und guten Materialien zusammen. All meine Zeit und Liebe steckte ich in die Dekoration, das Geschäft glich bald einem Schmuckkästchen. Ich verkaufte meine Bilder und Blumengestecke, aber auch Handarbeiten und Nippsachen mit wirklich gutem Erfolg. Das Geschäft lief sehr gut. Meine Kunden waren mit mir sehr zufrieden und ich erarbeitete mir einen Kundenkreis von Ulm bis München. Für mich war das Geschäft ein ausgezeichneter Ausgleich zu meinem Familienleben, das nach wie vor die reinste Katastrophe war.
Manchmal lief Adi Amok. Dann rannte er mit dem Messer in der Hand vor meine Tür, klopfte stürmisch, und wenn ich nicht sofort öffnete, trat er sie ein. »Wo bist du?« schrie er. »Ich glaubte, du bist weggelaufen!« Jede Unzufriedenheit ließ er an mir aus. Auch Bernhard tobte, wenn ihm irgendetwas nicht passte. Dass ich mein Geschäft eröffnet und viel Erfolg hatte, passte ihm auch nicht.

Bernhard ging immer wieder zum Psychologen, weil er ebenso unter diesem Familienleben zu leiden hatte. Manchmal war er auch so verzweifelt, dass er sich das Leben nehmen wollte. Einmal hatte er die Idee, seinen Freitod als Jagdunfall zu inszenieren. Ich war entsetzt, als ich davon hörte. Auch Adi drohte immer wieder damit, sich auf der Autobahn zu Tode zu fahren. Die Ärzte sagten mir allerdings, dass er diese Drohung vermutlich nie wahr machen würde. Sie sei vielmehr sein Druckmittel, um mich gefügig zu machen.
Dann wollten er und mein Mann das Haus verkaufen. Ich sagte zu Adi: »Das verkaufst Du nicht! So lange ich lebe, nicht! Oder glaubst Du, jetzt, wo Du so viel Mist gebaut hast, soll es auch noch heißen: ich hab das Haus verkauft? Ich verkaufe Deine Heimat nicht!«
Ich fiel aus allen Wolken. »Warum denn?« fragte ich Bernhard immer wieder. »Du bekommst doch von der Untermieterin 1.000 Mark Miete monatlich, und von uns auch noch mal 1.000 Mark Miete. Da brauchst du das Haus doch nicht verkaufen!« Der Makler sagte: »So etwas kann man nicht kaufen. So etwas kann man nur haben. Wie kann Ihr Sohn so ein schönes Objekt verkaufen?«
Ich war außer mir. Wie kann man mich nur so benutzen und schamlos um alles bringen, was ich erarbeitet habe? Mein ganzes Geld und meine Arbeit über Jahrzehnte hinweg steckten in dem Haus, das Adi ohne mein Wissen heimlich seinem Sohn überschrieben hatte. Ich wollte zumindest eine Abfindung für all das, was ich getan und investiert hatte. Doch ich bekam nur die Antwort: »Wenn du Geld brauchst, dann geh zum Sozialamt!« So kanzelten mich Bernhard und mein Mann ab! Und um das Maß voll zu machen, warf mir mein Sohn vor, Adi und ich hätten ihn überfallen und uns in sein Haus gedrängt, das früher unser Haus gewesen war!
Ich sagte: »Bernhard, erinnere dich daran, was du in Wörishofen (wo ich zwischenzeitlich hingezogen war) gesagt hast. Du hast gesagt: ‚Mutti, komm heim, ich will wieder eine Familie‘. Das waren deine Worte! Nicht wir haben dich überfallen, du hast uns ins Haus zurückgezogen! Und als du uns wieder rausgeworfen und das Haus verkauft hast, war es ein Schaden, der nicht wieder gut zu machen war.«
Mein Wohnrecht, das notariell verbrieft worden war, musste ich bereits zwei Jahre später wieder abgeben, damit Bernhard das Haus verkaufen konnte. Beim Notar hörte ich meinen Mann zu Bernhard sagen: »Bei den 100.000 bleibt es doch.«
Da schrie ihn mein Sohn an: »Glaubst du mir vielleicht nicht? Vertraust du mir nicht?«
Auch der Notar half ihnen, mich ein zweites Mal zu betrügen. Adi erhielt
DM 50.000, ich ging leer aus und hatte alles verloren: mein Geld und mein Wohnrecht. Erst nach meinem wiederholten Nachfragen gestand er mir schließlich 10.000 Mark zu und sagte vor dem Bankbeamten wortwörtlich: »Hast du jetzt endlich deinen Rachen voll?«
Letztlich verkaufte Bernhard das Haus in Ottmarshausen wohl auch, damit ich nach Adis Tod dort nicht mehr wohnen konnte und er sich nicht mehr um mich kümmern musste.
Zuerst kaufte das Haus Bernhards Freund, der Anwalt Pikat, der es bald weiterverkaufte an den Schuhschmied aus Neusäss. Der machte eine wunderschöne Villa aus dem Haus, mit Schwimmbad. Wir dagegen mussten in eine kleine Wohnung ziehen und viele unserer teuren Möbel verschenken, die teure Eichenküche, die im Keller stand – alles weggeworfen: es war die Katastrophe!
Der Rausschmiss aus Ottmarshausen hat mich sehr viel Kraft und Tränen gekostet. Ich habe schon sehr viel Enttäuschungen in dieser Familie mitmachen müssen, aber das war eine der größten. Adi und ich zogen nach Adelsried.
Als ich von Bernhard einen Teil meines Geldes aus dem Hausverkauf zurück wollte, sagte er kaltschnäuzig zu mir: »Ich wüsste nicht, was du für mich getan hast!«
Ich sagte: »Bernhard, ich habe zwei Jahre geschuftet – nicht gearbeitet, geschuftet! – um dir zu helfen in deiner Not, und dann sagst du zu mir, ‘ich wüsste nicht, was du für mich getan hast.’ Das ist zu viel!«
Wenn ich ihn an seine Rückzahlungspflicht erinnerte, entgegneten Adi und er kaltschnäuzig: »Wenn du Geld brauchst, geh doch zum Sozialamt.«
Das war für mich so schlimm, weil ich von dem Gedanken nicht Ios kam, dass der Junge geistig krank geworden ist, dass er damals und auch heute einfach die Tatsachen vergisst. Ich habe nie heraus bekommen, zu welchem Nervenarzt er ging – gern wäre ich mit ihm zum Arzt gegangen. Ich hätte gern mit einem psychologisch geschulten Arzt all die Lügen aufgearbeitet, die Adi und er seit Jahrzehnten gegen mich aufgebaut hatten. Als Mutter tat es unendlich weh, erkennen zu müssen, dass mein Sohn krank ist, er kapselte sich auch zunehmend von seinen Freunden ab. Er hatte immer Angst, dass man sich an ihn klammerte. Käthi sagte öfters zu mir: »Veronika, gib Obacht, der Bernd ist krank. Der verzieht sich wie ein Hund in dunkle und kleine Ecken, wenn es ihm schlecht geht.«
Ich habe oft zu ihm gesagt: »Bernhard, ich klammere doch nicht. Ich will doch nur, dass du mein Junge bleibst, und dass wir nett auskommen und anständig miteinander umgehen, mehr will ich doch gar nicht! Ich will doch nur, dass es dir gut geht.« Als ich ihn angefasst und gesagt habe: »Bub, bleib halt noch ein bisschen bei mir«, da riss er meinen Arm weg und schrie: »Lass mich los!«
Er ist so voller Hass auf mich, den ihm mein Mann eingebläut hat, ebenso meiner Tochter. Beide sind voller Hass und Wut auf mich. Aber hätte
Ich meinem Mann nicht so ein wunderschönes Leben geboten, so viel Frieden und Geborgenheit und so viel Zuneigung, könnte ich dieses Leben nicht aushalten.
Das war der endgültige Bruch, Bernhard machte sich nichts daraus. Er ließ mich für geisteskrank erklären. Adi ließ sich von der Krankenkasse eine Liste von Psychologen und Nervenärzten geben, die er mir zum Abendessen auf den Tisch legte.
»Was soll das denn?« fragte ich ihn. »Musst du da hin?« Ich wusste wirklich nicht, was er damit wollte.
»Nein, nein«, sagte er, »da musst du hin!«
»Wenn einer von uns spinnt«, sagte ich, »dann fragst du mal den lieben Gott, wer von uns beiden spinnt! Ich bestimmt nicht, sonst würde ich das nicht durchstehen, was ich mit euch mitmache.«
»Das kann doch nicht normal sein, wenn eine Frau keinen Mann braucht«, sagte Adi. »Lass dich mal untersuchen!«
»Dann können wir gleich zu zweit hingehen«, entgegnete ich, »und überprüfen lassen, wer von uns beiden nicht normal ist!« Adi verließ den Raum und ich rief ihm hinterher: »Aber ich hebe sie mir gut auf. Vielleicht brauchen wir die Liste mal. Wir können auch zu zweit gehen.«
Natürlich entzog sich Adi jeglicher partnerschaftlichen Therapie, selbst zu einer Eheberatung ging er nie mit. Statt dessen verbreitete er, dass ich nicht ganz normal und nervenkrank sei. Als Beleg diente ihm mein Zittern. Aber woher es kam, erzählte er nie! Dass seine Mutter und sein Bruder Richard mich krank gemacht haben, dass er mich bis in die Verzweiflung getrieben hat, erwähnte er ebenso wenig, wie die Tatsache, dass meine Kinder ihm gefolgt sind und alles taten, um mich zu quälen und unter die Erde zu bringen. Ich fragte meinen Herrgott oft, warum wird dieser Mann nicht gestraft? Schließlich musste er aber doch für sein frevelhaftes Leben büßen.
Einige Wochen später kam Bernhard mit der gleichen Liste zu mir. »Dumm bin ich sicherlich«, sagte ich zu ihm, »dass ich für euch überhaupt noch die Arbeit mache. Mehr wie dumm! Aber geisteskrank bin ich nicht.«
Die Ärzte attestierten mir, dass ich geistig in Ordnung wäre, doch meine familiäre Situation sorgte überall für Entsetzen. Meine seelische Belastung könne ich nur lindern, wenn ich endlich meine eigenen Wege gehen und mich von meinen Peinigern trennen würde. Ein Heilpraktiker gab mir mit auf den Weg: »Seien Sie eine Lebenskünstlerin!« Keiner verstand, wie man eine Frau wie mich mutwillig so demütigen und zerstören konnte. Ein Psychiater riet mir, jeden Tag mehrmals zu sagen: »Ich lasse mich nicht unterkriegen!«
Weder Adi noch meine Kinder wollten die Atteste sehen. Er quälte mich so lange, bis ich mich entschloss, mir trotz meines Alters eine Arbeit zu suchen und mich von Adi wieder unabhängig zu machen. »Ich geh zum Putzen«, sagte ich mir und fand eine Stelle als »Hausmädchen« bei einer Millionärsfamilie in München-Grünwald: das Haus putzen, den Garten richten, den Hund ausführen, bügeln, kochen – eben alles, was in einem anspruchsvollen Haushalt zu tun war. Da ich sehr tierlieb war, hatte ich Glück, denn als der Hund bei meinem Vorstellungsgespräch an mir hochsprang und meine Hand leckte, sagte die Hausherrin: »Wenn der Hund sie mag, können Sie bleiben und sind bei uns willkommen!«   
Adi holte mich am Wochenende ab, alle sieben oder vierzehn Tage. Ich war nicht unglücklich mit dieser Lösung, aber – wie man sich denken kann – auch nicht glücklich, mit 72 Jahren auf diese Weise – mit Putzen – meinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen.

Ich wurde wieder sehr krank: Pseudomonas wurde diagnostiziert, eine schwere Virenkrankheit, die mich ein Jahr ans Bett fesselte. Meine Beine waren geschwollen und dunkelblau bis schwarz gefärbt, voller Flecken so groß wie Fünf-Mark-Stücke. Ich wurde in eine Klinik nach Bonn verlegt, Adi besuchte mich nicht.
»Wenn ich diese Krankheit überlebe«, sagte ich am Telefon, »dann komme ich nicht mehr nach Hause.«
»Dann verrecke doch!« entgegnete er trotzig. »Du brauchst nicht mehr nach Hause kommen.«