»Du gehst von dieser Welt, aber du kommst in eine andere.«
Die Jahre der Trennungen – Adis Tod 1998

In Adelsried klagte Adi ständig: »Ich habe meine Heimat verloren.« Das Zusammenleben war noch schlimmer als in all den Jahrzehnten zuvor. Ich war immer noch sterbenskrank und befürchtete, zurück ins Krankenhaus zu müssen. Monatelang hatte ich in der Klinik gelegen, mein Mann und meine Kinder besuchten mich so gut wie überhaupt nicht. »Ich hoffe, du verreckst endlich und kommst nie wieder!« – diese Worte musste ich mit 72 Jahren – jedenfalls teilweise – wieder einmal wahr machen. Ich ging und sagte zu Adi: »Ich gehe, aber ich verlasse dich nicht.« Dies war der zweite Rausschmiss, der mich bis heute schmerzt.

Von Adelsried nach Wörishofen zu ziehen, war das Schlimmste meines Lebens. Als der Möbelwagen vor der Tür stand, schwebte ich förmlich neben mir selbst wie eine Sterbende. Selbst noch, als mich Adi aufforderte, mit ihm zur Vermieterin zu gehen und ihr zu erklären, warum ich auszöge, schonte ich ihn. Statt ihr zu sagen, dass ich ihn verließe, weil er mir ins Gesicht geschrieen habe, ich solle endlich verrecken, faselte ich nur etwas von »wir verstehen uns nicht mehr«.

Doch als ich bereits abends in meiner neuen Wohnung in Wörishofen eingezogen war, rief Adi mich schon wieder an und sagte: »Mutti, bist du gut angekommen? Wie geht es dir?« Ich hatte es wirklich mit einem kranken Menschen zu tun.
Er weinte, ich weinte auch – fürchterlich. Ich sagte nur: »Ja, ich bin gut angekommen und ich lasse wieder von mir hören.«

Aber er konnte es nicht erwarten und rief gleich am nächsten Tag wieder an. Er rief laufend an. Wir trafen uns mindestens einmal in der Woche, entweder in Augsburg, oder Adi besuchte mich in Wörishofen. Wenn er abends wieder nach Hause fahren musste, weinte er oft. Ich weiß nicht, warum, aber in solchen Momenten war ich unglaublich stark, mich berührten seine Tränen nicht mehr. Vielmehr wunderte mich, dass er überhaupt nicht mehr von Selbstmord sprach. Wie oft hätte er Gelegenheit gehabt, unterwegs gegen einen Baum zu fahren, oder sich sonst wo zu erhängen.

Wir waren getrennt, und diese Trennung war für mich fürchterlich.
Weil Adi die Wohnung in Adelsried allein zu groß und zu teuer war, suchten ihm die Kinder eine nette kleine Wohnung in Gersthofen. Da fehlte am Anfang natürlich dies und das, Gardinen mussten aufgehängt werden usw. Das habe ich für ihn auch gemacht, doch ich fühlte mich diesmal völlig fremd, schon als ich in die Wohnung kam. Ich hatte ihm ja all das schöne Mobiliar gelassen und nur das mitgenommen, was ich selbst gekauft und bezahlt hatte, nicht das, was wir zusammen angeschafft hatten. Daher hatte ich ihm eine sehr schöne Wohnung hinterlassen. Trotzdem war sie mir fremd.

Wir trafen uns zumeist in Augsburg. Wenn Adi zum Arzt musste, habe ich ihn zum Arzt gebracht und wieder heimgeführt. Adi war wirklich sehr krank, und ich habe ihn nie allein gelassen, bis er wieder in seinen vier Wänden war.

Die Kinder wollten nicht, dass ich ihn mit nach Wörishofen nahm, aber selbst wollten sie ihn auch nicht pflegen, als es ihm schlechter ging. So schoben sie ihren Vater ins Pflegeheim ab, da war er gut aufgeräumt. Sie konnten es nicht dulden, dass er noch einige Zeit bei mir lebte. Gesprochen hat mit mir ja niemand in der Familie, sie sagten mir auch nicht, was sie vorhatten, bis Adi eines Tages anrief und sagte, er sei nach Batzenhofen ins Pflegeheim gebracht worden.

Ich fuhr sofort zu ihm und besuchte ihn fortan regelmäßig. Auch hier waren die Schwestern mir gegenüber sehr kurz angebunden, wenn ich sie grüßte. Ich bedankte mich bei der Oberschwester, dass es meinem Mann hier gefiel und dass es ihm gut ging. Da sagte sie zu mir in einem bösen, scharfen Ton: »Ja, irgendwo wird er wohl bleiben müssen, irgendwo braucht er doch einen Platz!«

Ich war sprachlos. Als ich das nächste Mal ins Heim kam, war ich diejenige, die kurz angebunden war. Ich ging ins Büro und stellte ein für alle Mal klar: »Sie haben mich jetzt schon zweimal sehr ungezogen angesprochen! Ich muss Ihnen jetzt einmal die Wahrheit sagen: Sie sind nur mit Lügen informiert worden. Mein Mann hatte ein wunderschönes Leben mit mir und bei mir. Er hatte Wohnungen wie in einem Schloss, doch das war ihm nicht genug. Er brauchte dauernd andere Frauen. Das hat mich krank gemacht.«

Ich erzählte der Schwester einiges, da sagte sie auf einmal zu mir: »Jetzt glaube ich Ihnen, er ist uns auch schon unverschämt gekommen und wir haben hier einige Male ziemlichen Streit gehabt.«
»Sicher wegen Kleinigkeiten«, sagte ich. »Sehen Sie, das habe ich mein ganzes Leben aushalten müssen.«
»Aber Ihr Sohn…?« fragte sie.
»Ja, mein Sohn lebt genauso wie meine Tochter nur mit Lügen. Mein Mann hat die Kinder und alle Menschen in seinem Umfeld auf seine Seite gezogen und allen erzählt, dass das, was er gemacht hat, angeblich ich getan hätte. Somit haben mich alle verachtet und weggeschmissen! Aber man sollte im Leben wirklich nicht nur eine, sondern auch die zweite Seite hören.

Die Oberschwester entschuldigte sich bei mir für ihr Auftreten: »Frau Kempf, das habe ich ja alles nicht gewusst! Das ist ja das Schlimme bei den Menschen, die nur mit Lügen leben und nicht die Wahrheit hören wollen.«
Ich sprach schon manche Menschen persönlich darauf an, warum sie mich nicht mehr grüßen, aber sie wollten die Wahrheit überhaupt nicht hören, weil mein Mann alles so glaubhaft erzählt hatte mit Tränen in den Augen, wie er es seit 50 Jahren bei mir und anderen gemacht hatte. Schon immer zog er mit dieser Masche das Mitleid auf seine Seite. Von da an war das Verhältnis mit den Schwestern besser und sie grüßten mich freundlich, wenn ich das Haus betrat.
Bernhard und Christine räumten Adis Wohnung in Adelsried leer und behielten wieder das gesamte Mobiliar für sich, ohne mir etwas davon anzubieten, schließlich brauchte Adi im Altersheim ja nichts mehr. Als ich meine Wünsche auf das Sofa anmeldete, weil ich selbst derzeit keines hatte, schrieb mir Bernhard einen unverschämten Brief, dass ich keinerlei Anspruch auf dieses Sofa habe. Erst nach einigem Zureden brachte er mir schließlich auf einem Anhänger das Sofa nach Wörishofen und warf mir bei dieser Gelegenheit den ganzen Krempel, den sie nicht gebrauchen konnten, in den Flur. Von meinem Kuchen, den ich extra für seine Freundin Ingrid und ihn gebacken hatte, nahm er nichts, ebenso nichts von meinem Wurstsalat, den er früher immer so gern gegessen hatte.

Als Bernhard durch einen Bekannten hörte, dass Adi und ich Arm in Arm in Augsburg gesehen wurden, schrie er wutentbrannt seinen Vater, meinen Mann, an: »Was soll das? Was fällt dir ein, dich mit der zu treffen und Arm in Arm mit der zu gehen?« 
Adi ging danach mit mir nur noch dort essen, wo er meinte, dass ihn niemand aus seinem oder unseren Bekanntenkreis sehen würde – also in die billigen Restaurants am Bahnhof.

Mein Sohn Bernhard ist schuld, dass ich Adi in seiner Todesstunde nicht begleiten konnte. Er sollte an einem Donnerstag ein Korsett bekommen. Wir hatten uns um 16 Uhr in Augsburg verabredet, Adi kam aber nicht zum verabredeten Treffpunkt. Ich wartete eine Stunde, doch Adi kam nicht. Ich rief zu Hause an, er meldete sich auch nicht. Also rief ich Bernhard an, auch wenn ich wusste, dass er sich mir gegenüber wieder unmöglich benehmen würde. Wenn wir überhaupt noch Kontakt miteinander hatten, war er immer höchst ärgerlich. Adi und Bernhard hatten mich ja nicht nur aus dem Haus, sondern auch aus ihrem Leben geschmissen. Deshalb kostete es mich einigen Mut und Überwindung, Bernhard anzurufen.

Als ich meinen Sohn am Telefon hatte, sagte er in seinem gewohnt barschen Ton: »Was geht dich das an? Das geht dich doch gar nichts an!«
Da habe ich gesagt: »Sag mir bitte sofort, wo der Vater ist!«
Mein Sohn darauf: »Das geht dich überhaupt nichts an.«
»Wieso geht mich das nichts an? Adi und ich haben uns um vier Uhr am Autohaus verabredet und er ist nicht gekommen. Also frage ich, wo ist mein Mann?«
»Ja, der ist im Krankenhaus«, kam die freche Antwort.
»Was heißt, im Krankenhaus? Welches Krankenhaus?«
Bernhard schimpfte nur und redete frech. Endlich bekam ich als Antwort: »Im Klinikum«.

Ich legte auf, hielt ein Taxi an und fuhr sofort zum Klinikum. Bernhard war natürlich auch sofort hingefahren und wir trafen uns in Aufzug. Fast wäre ich vor Schreck umgekippt, als sich die Tür öffnete und Bernhard im Fahrstuhl stand. Im ersten Moment dachte ich, der frisst mich. Ich hatte unheimliche Angst, bis wir im 9. Stock waren und ich hinter ihm herlief, weil Bernhard ja wusste, in welchem Zimmer mein Mann lag.

Adi lag auf der Intensivstation, Bernhard warf mir einen Kittel vor die Füße, den musste ich überziehen, dann durften wir zusammen zum Vater gehen.
Ich sagte: »Ja Vati, was ist passiert? Wie kommst du denn hier her?«
Er guckte nur Bernhard an und sagte keine Silbe. Es lag noch ein weiterer Mann im Zimmer, der von seiner Frau besucht wurde. Und wieder sagte Bernhard nur zu mir: »Was geht dich das eigentlich an?«
Ich fuhr ihn an »Bernhard, sei so gut und halte deinen bösen Mund!«

Ich wollte die Hand meines Mannes nehmen, da zog Adi seine Hand weg. Was ist das denn für eine böse Schmierenkomödie? dachte ich. Zu Bernhard gewendet sagte ich, denn jetzt war ich wirklich böse: »Ich verbiete dir, hier in diesem Raum zu sein, so lange ich hier bin. Verlasse sofort das Krankenzimmer! Sonst hole ich den Arzt und lass dich rauswerfen! Das ist mein Mann!«
Wortlos zog Bernhard den Kittel aus und ging. Ich fragte meinen Mann: »Jetzt sag mal, was passiert ist!«
Adi konnte nicht viel sprechen, er war wirklich sehr angeschlagen. Seine Stimme war kaum zu hören, er sah schlecht aus. Ich habe ihn geschont und fragte auch nichts weiter. Erst als es dunkel geworden war, verabschiedete ich mich bei ihm, denn ich musste ja zurück nach Wörishofen fahren. »Ich komme morgen wieder«, versprach ich ihm.
Was ich nicht wusste und erst am nächsten Tag erfuhr: Mein Sohn hatte einen Brief auf der Station hinterlassen, dass ich in Zukunft meinen Mann nicht mehr besuchen dürfe. Eine Ärztin war mir im Flur entgegen gekommen, die ich gefragt hatte, ob sie wüsste, wo der Herr Kempf liegt.
»Sind Sie die Frau Kempf?« fragte sie.
»Ja.«
»Ihr Besuch ist hier unerwünscht«, teilte sie mir schnippisch mit.
»Was haben Sie gerade gesagt?« Ich dachte, ich höre nicht richtig, und konnte gar nicht so schnell reagieren, so frech wie diese junge Ärztin war. Ich war außer mir über diese Frechheit, sagte aber ganz höflich: »Bitte, ich möchte jetzt sofort wissen, wo mein Mann liegt.«

Als ich zu Adi ins Zimmer kam, benahm er sich wie ein beleidigter Bub. Ich fragte ihn: »Was ist los? Warum redest du nicht mit mir, was ist los? Hat das damit zu tun, dass der Bernhard vorne einen Brief hinterlassen hat, dass ich dich nicht besuchen darf? Was soll das?«
Adi sagte kein Wort, keine Silbe, und ließ mich wie gegen eine Wand reden. Dann kam ein Mann in den Raum – ein Inder, der seine Operation gerade hinter sich gebracht hatte -, mit dem unterhielt sich Adi, aber mit mir nicht. Ich blieb hartnäckig ein paar Stunden bei Adi und ging dann. »Morgen komme ich wieder.«

Ich war von Donnerstag bis Freitag Abend bei Adi im Klinikum. Weil ich dann so müde war, fuhr ich mit den Worten nach Hause: »Ich komme Montag morgen wieder. Ruft mich sofort an, wenn es ihm schlechter geht. Dann komme ich vorher!« Nachdem es Adi die Tage ganz gut gegangen war und er aufstehen konnte, reichte es, so dachte ich mir, wenn ich am nächsten Montag wieder käme. Doch diesen nächsten Montag hat mein Mann nicht mehr erlebt.
Ich erinnere mich noch gut an unseren Abschied. Wir unterhielten uns über Bernhards neue Freundin, und ich sagte: »Adi, unser Leben ist gelaufen. Alles ist vorbei, alles ist rum. Und die paar Tage oder die paar Monate – ich weiß ja nicht, wer von uns zuerst geht – machen den Kohl nicht mehr fett. Ich bin genau so krank wie du, genauso schlecht beieinander wie du. Mein Herz ist genauso krank. Wenn dich eine auf dieser Welt geliebt, wirklich geliebt hat, dann war es nur ich. Die anderen, die haben dich nur gebraucht und ausgenutzt. Und das ist alles vorbei. Aber ich liebe dich, ob du es glaubst oder nicht. Wir müssen zufrieden sein, was geschehen ist, ist vorbei.«
Er lächelte nur.
»Jetzt hör ich mit dem Thema auf und fahre«, sagte ich.

Adi stand auf und begleitete mich zum Aufzug. Er gab mir die Hand, nahm mich in den Arm und drückte mich lange wie selten zuvor. »Mutti«, sagte er, »glaub es mir doch, ich liebe dich auch!«
»Das weiß ich doch«, sagte ich. Die Tür des Aufzugs öffnete sich, ich stieg ein, winkte ihm noch einmal kurz zu, dann setzte sich der Lift nach unten in Bewegung.

Christine rief mich Montag morgens um 8 Uhr an, als ich gerade zum Zug gehen wollte, und teilte mir mit, dass Vati gestorben sei, und zwar von Sonntag auf Montag Nacht zwischen ein und zwei Uhr. Bernhard war noch in der Nacht vorher informiert worden, aber er hielt es nicht für nötig, mich zu benachrichtigen. Ich war schockiert! »Nein, das stimmt nicht!« rief ich in das Telefon.

»Doch, es stimmt«, sagte Christine traurig, »der Vati ist wirklich gestorben.«
Ich habe das nicht begriffen. Adi war doch noch so gut beieinander! »Lieber Gott«, rief ich, »das kann nicht sein! Er kann nicht tot sein! Er hat keinen Frieden gemacht. Er muss Frieden mit den Kindern und mit mir machen! Er darf so nicht gehen!«
Ich ging zum Pfarrer und sagte ihm, dass mein Mann gestorben wäre, dass er sehr krank war, dass er keine Frieden schließen konnte, weil wir eine schlechte Ehe geführt hatten. Der Pfarrer fragte nur: »Was soll ich da jetzt tun?« Er radelte mit seinem Fahrrad davon und ließ mich stehen. Ich ging in einen nahegelegenen Park und schrie, so laut ich schreien konnte, alles aus mir heraus. Das habe ich immer gemacht, wenn meine Seele so krank und voll der Verzweiflung war, dass ich an einen Ort gegangen bin, wo mich niemand hörte und ich schreien konnte, bis mir der Hals weh tat und es mir besser ging.

Mittags rief ich meinen Sohn an und fragte ihn, was wir jetzt machen sollten. »Das geht dich gar nichts an!« beschied er mir wie immer grob. »Halt du dich da raus, das geht dich nichts an! Ich mach das schon.«
Als er nichts von sich hören ließ, rief ich Bernhard wieder an.
»Du brauchst nicht zur Beerdigung kommen«, bellte er in den Hörer hinein und legte auf. Das war eine der schlimmsten Nächte, die ich durchleben musste.  

Zur Aussegnung hatte Bernhard einen Pfarrer bestellt, aber nicht zur Beisetzung. Als ich das erfahren hatte, rief ich sofort den Pfarrer an und bat ihn, dass er auch die Beisetzung zelebrieren möchte. Bernhard stritt selbst im Leichenhaus noch mit mir. »Es kommt kein Pfarrer zur Beisetzung«, beschied er kategorisch.
Ich entgegnete energisch: »Es kommt doch ein Pfarrer! Du willst wohl deinen Vater nicht ohne Gebet wegschicken?« Da unser Streit sehr laut war, empörten sich die andere Trauergäste, aber das war Bernhard egal. Er war in den Jahren immer rücksichtsloser geworden.

Nach Adis Tod am 29. Juni 1998 ließ Bernhard sofort die Konten sperren, die er verwaltete, rief alle in der Verwandtschaft an und teilte ihnen mit, dass ich enterbt worden bin, weil ich meinen Mann verlassen hätte. Die Beerdigungskosten jedoch hätte ich übernommen. Erben wollte er gern, aber nicht die Kosten tragen. Völlig absurd!
Gnädigerweise teilte er mir mit, wann der Trauergottesdienst für Adi anberaumt wurde. »Aber das sage ich dir«, schrie er ins Telefon hinein, »unterstehe dich, einem Menschen zu erzählen, dass der Vater gestorben ist.«
»Wen soll ich denn anrufen?« fragte ich kleinlaut. »Keinen Menschen rufe ich an.«

Bereits zwei Tage später, Dienstag Mittag, sollte Adis Trauergottesdienst sein, Bernhard hatte alles organisiert, ich wusste über nichts Bescheid. Damit ich nicht allein wäre, hatte ich die Taxifahrerin, die mich von Wörishofen zum Friedhof brachte, gebeten, mich zu begleiten und den Gottesdienst über bei mir zu bleiben. Mein Hausarzt hatte mir sogar geraten, nicht zum Gottesdienst zu gehen, weil mein Sohn mich so widerlich behandelte, dass ich starke Herzschmerzen und Rhythmusstörungen bekommen hatte. Doch das wollte ich auf keinen Fall, bei Adis Trauerfeier nicht dabei zu sein. »Ich habe so viel geschafft«, sagte ich zu meinem Doktor, »da schaffe ich das auch noch.«
»Sie sind aber gewalttätig«, meinte der Arzt resignierend.
»Ich bin nicht gewalttätig«, korrigierte ich, »aber ich lasse mich nicht noch weiter runterdrücken! Ich geh hin zu dem Trauergottesdienst.«
»Dann nehmen Sie jedenfalls jemanden mit, der Ihnen beistehen kann. Ihre Familie würde Sie ja umkippen und liegen lassen, ohne mit der Wimper zu zucken.«   

Christine benahm sich mir gegenüber anständig, nahm mich in den Arm und kümmerte sich zärtlich um mich. Ich weinte die ganze Zeit. Bernhard würdigte mich dagegen keines Blickes. Anstandshalber mussten sie mich ja in die Mitte nehmen. Ich schaute immer gen Himmel. »Gell lieber Gott«, sagte ich zu mir, »du bleibst bei mir! Lass mich bloß nicht allein, denn was jetzt auf mich zukommt, muss schrecklich sein.« Ich spürte es geradezu körperlich, dass irgend etwas nicht stimmte.

Nach dem Gottesdienst erfuhr ich, dass Bernhard mit seinem Vater in Gersthofen ein gemeinsames Grab gekauft hatte, ich sollte auf keinen Fall zusammen mit meinem Mann beerdigt werden. Ich war schockiert! Als ich ihn n