Hier mein Artikel über das Geschäft mit den Lebensgeschichten anderer Menschen, der gerade in Sandra Uschtrins Autorenhandbuch erschienen ist. Mehr darüber finden Sie hier.

Je dienstleistungsorientierter ein Autor arbeitet, desto eher lässt sich ein regelmäßiges Einkommen erzielen, das seinen Betreiber nährt. In den letzten Jahren hat sich ein neu erscheinender, in Wirklichkeit aber uralter Markt eröffnet, der lukrativ ist: das Schreiben von Privat- und Firmenbiographien.

Wie vieles in unserer deutschen Nachkriegskultur, kommt auch diese neue privatbiographische Bewegung aus den USA, wo sich ihre Dienstleister als „Personal Historians“ (www.personalhistorians.org) vereinigt haben und mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Kommunikationstechnologie wachsen.

Alt ist der Markt deshalb, weil Biographien eine der ältesten Literaturgattungen darstellen und daher immer auch Autoren als Dienstleister (Ghostwriter) geschrieben haben, doch neu ist heutzutage das Marketing, sowie die Qualität und Auflage (auto-)biographischer Werke von Menschen, für deren Lebensgeschichte sich keine Öffentlichkeit interessiert, wohl aber die Familie und deren Nachkommen.

Vor der Erfindung des Kopiergeräts hatten Privatbiographien meist die Auflage eins, das Manuskript wurde als Unikat wie ein Familienschatz gehütet und in einer Mappe verwahrt oder als Buch in Leinen bzw. Leder gebunden. Mit der Schreibmaschine gab es die Möglichkeit, mehrere Durchschläge eines Typoskripts herzustellen. Die Kopiertechnik half der Vervielfältigung von Manuskripten, für die sich kein Verlag interessierte, weiter voran. Mit der Digitalisierung von Daten, Internet und der digitalen Drucktechnologie (PoD = Print on Demand) hat sich nun ein neues Geschäftsfeld für Autoren als Biographiedienstleister / Auftragsbiographen eröffnet und ein neues Genre etabliert: das der Privatbiographien.

Der Markt und seine Preise

Der Markt in Deutschland ist klein, aber wachstumsstark und statistisch nicht erfassbar. Einige hundert Biographiedienstleister sind über das Internet mit folgendem Leistungsspektrum recherchierbar:

  • (Auto-)Biographie als Buch, Film, Hörbuch, Skizze, Roman, Textportrait, Spielszene, Fotobuch
  • Biographische Erzählungen zu einzelnen Themen wie Abschied, Jubiläum, Kinder, Liebe, Reisen, Studium, Beruf
  • Familiengeschichte mit oder ohne Stammbaum
  • Firmengeschichte, Chroniken
  • Textcoaching / biographische Schreibbegleitung
  • Therapeutische Biographieberatung
  • Biographische Schreibkurse und Vorträge

Die Leistungsangebote im Einzelnen:

  • Texterfassung mit oder ohne Buchproduktion
  • Schreibbegleitung/Lektorat mit oder ohne Druckabwicklung
  • Verlagsarbeit / Produktion biographischer Medien (Buch, CD, DVD)
  • Fort- und Weiterbildungen für Biographen
  • Organisation von Lesungen und Erzählsalons
  • Vernetzung von biographischen Dienstleistern

Was kostet nun „meine Biographie“? Diese Frage taucht in jedem Erstgespräch auf: sei es mit potentiellen Kunden, oder sei es mit Autoren, die in diesen Markt einsteigen wollen – am besten zunächst als 2. Standbein.

Doch lassen Sie es mich gleich sagen: Ein Unternehmen ist schnell gegründet. Besonders Autoren und Journalisten, die sich als Biographen dem wachsenden Markt der Privatbiographien widmen möchten, glauben, ein Internetauftritt, Flyer und einige Anzeigen in der regionalen Presse oder Schreibkurse in Volkshochschulen und Altenheimen reichten aus, um ins Geschäft zu kommen. Das ist ein Irrtum! Das Problem, an dem die meisten biographischen Dienstleister scheitern, ist nicht die Produktion von Texten und Büchern, sondern die Akquisition von Aufträgen. Das Verkaufsgespräch beherrschen die wenigsten!

Die wahre Kunst besteht darin, zumeist ältere Menschen zur Ausgabe von 7.000 bis 20.000 Euro für ihre wohlfeil edierten Memoiren zu bewegen. Natürlich gibt es Autoren, die pauschal für 3000 Euro ein 150-seitiges Paperback schreiben und in kleiner Auflage von 30 Exemplaren als PoD drucken lassen. Doch Billiganbieter können auf Dauer wirtschaftlich nicht überleben, allein für die Akquise neuer Kunden sollte man mindestens 300 Euro pro Monat als Werbebudget einplanen. Ein Biographieanbieter verlangte schon mal EUR 50.000 und mehr für ein 200-seitiges Werk mit 70 Exemplaren Hardcover, was allerdings auch zu Streitigkeiten mit dem überraschten Kunden geführt hat, die dann vor dem Berliner Amtsgericht ausgetragen wurde. In solchen Fällen hat der Kunde einen Vertrag unterschrieben, dessen Zahlungsmodalitäten er nicht durchschauen konnte. (Siehe Federwelt – Zeitschrift für Autorinnen und Autoren, Nr. 65, August/September 2007, S. 14-17, sowie www.biographiezentrum.de/fachartikel/pdf/fw_65_maeckler.pdf)

Verkäuferisch ist es in vielen Branchen üblich, hohe Preisangebote durch Splitten in kleine, überschaubar aussehende Produktions-Segmente psychologisch abzufedern (Beratung, Interview, Transkription, Rohmanuskript erstellen, Ergänzungen machen, Feinschliff etc.) und jede Leistung einzeln abzurechnen. Dann sieht ein Stundensatz von EUR 40 bis EUR 80, wie ihn ordentliche Handwerksbetriebe haben, für den Kunden nachvollziehbar aus. Doch wenn im Laufe der Zeit dem Kunden 900 Arbeitsstunden und mehr abgerechnet werden, staunt er nicht schlecht über das, was er bezahlen soll.

Generell sollte ein erfahrener Autor 10 bis 20 Interviewstunden und 200 bis 300 Arbeitsstunden für das Schreiben von 150 bis 200 Seiten biographischem Text einplanen. Hinzu kommt die Produktion des Buchs. Ein anspruchvolles Layout mit Hardcover-Edition von 50 Exemplaren kostet rund EUR 3.000.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Preis letztlich für den Kunden weniger wichtig ist. Vielmehr müssen Autoren ihm das Vertrauen vermitteln, genau der richtige Partner für seine Lebensgeschichte zu sein! An der Darstellung ihrer Kompetenz scheitern die meisten Anbieter, letztlich möchte der Kunde nicht „die Katze im Sack“, sondern mit dem Buch seinen Traum von – zumindest kleiner – Unsterblichkeit kaufen.

Die Kosten anspruchsvoller Unternehmenschroniken bewegen sich höher als die der Privatbiographien – je nach Aufwand zwischen 30.000 bis 60.000 EURO, wobei rund die Hälfte auf die Produktion des Buchs entfällt, das zumeist in Farbe gedruckt und in Hardcover gebunden wird; die andere Hälfte geht als Honorar an Autoren und Dienstleister, die sich auf Recherche und Schreiben von Firmenchroniken spezialisiert haben. Bei solchen Budgets entfällt die Frage nach kostengünstigen Alternativen, der Etat wird als Werbung und PR verbucht, wo ohnehin mehr geklotzt als gekleckert wird.

Das Biographiezentrum und seine Autoren

Die Berliner Publizistin Katrin Ronstock erkannte den Trend frühzeitig. 1998 startete sie ihr Unternehmen Rohnstock-Biografien, das sich selbst gern als Branchenprimus darstellt (www.rohnstock-biografien.de).

Zusammen mit dem Hamburger Dozenten für Kreatives Schreiben, Stefan Schwidder, gründete ich 2004 das Biographiezentrum – die Vereinigung deutschsprachiger Biographinnen und Biographen mit derzeit rund 54 Mitgliedern (www.biographiezentrum.de). Damit schufen wir ein leistungsfähiges Netzwerk biographischer Dienstleister zum Informationsaustausch, zur Weiterbildung und Steigerung des Einkommens seiner Mitglieder.

Seit 2007 schreibt das Biographiezentrum den „Deutschen Biographiepreis“ für Privat- und Verlagsbiographien aus. Workshops zur Professionalisierung von Biographen und solchen, die es werden wollen, bietet die Akademie des Biographiezentrums, außerdem eine Zertifikatsausbildung zum Biographen / zur Biographin. Der Verlag des Biographiezentrums publiziert Biographien in kleiner Auflage, die für den regionalen oder zielgruppenorientierten Buchmarkt ediert werden. Der Verlag hat auch eine Ratgeber-Reihe mit höheren Auflagen von mehreren tausend Exemplaren, in der u.a. auch Stefan Schwidders erfolgreicher Ratgeber „Ich schreibe, also bin ich“ – Schritt für Schritt zur eigenen Biographie in 2. Auflage erscheint.

Die Mitglieder des Biographiezentrums spiegeln die Vielfalt der wachsenden Szene von Biographen und deren Kunden. Die Mitgliedertreffen, zunehmend öfters als einmal jährlich organisiert, bieten neben dem Kennenlernen und Netzwerken vor allem ein dichtes Workshop-Programm zur Weiterbildung. Kunden, die den geeigneten Autor in ihrer Region suchen, können im Mitgliederverzeichnis auf der Website des Biographiezentrums gezielt anhand der Angebotsprofile auswählen und direkt mit dem Dienstleister Kontakt aufnehmen. Im Mitgliedsbereich werden nützliche Arbeitsmaterialien, Muster-Verträge, Terminlisten von (Senioren-)Messen, Verzeichnis der Seniorenpresse und vieles mehr zum Download angeboten. Ausserdem gibt es ein internes Diskussionsforum sowie eine Mailingliste, die dem kollegialen Austausch über alle Fragen rund um das biographische Schreiben und Publizieren dient. Den „BioZen – Newsletter des Biographiezentrums“, der etwa alle zwei Monate erscheint und ebenfalls downloadbar ist, gibt es in einer öffentlichen und einer Mitglieder-Version. Marketing-Tipps und Interna zum Verein und der biographischen Szene sind nur in der Mitglieder-Ausgabe enthalten.

Weitere Informationen: www.biographiezentrum.de

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