Hier meine Einführung zur Lesung des Biographiezentrums, Köln 2019 – eine modifizierte Version meiner Rede aus dem Jahr 2018 in München.

Vielen Dank, Bernhard (Terjung), für die augenzwinkernde Einführung als “Vorturner” des Biographiezentrums. Als Gründer und Leiter unserer Vereinigung deutschsprachiger Biografen geht man mit gutem Beispiel voran. Wobei “Vorturner” in meinem Fall durchaus eine humoristische Note hat. Ich bin ein geborener Jahn: Andreas Johannes Martin Jahn. Mein Großvater mütterlicherseits hat Ahnenforschung betrieben und die Linie bis zum Turnvater Jahn rekonstruiert. Doch wenn Sie mich jetzt anschauen, werden Sie wenig Sportliches in meiner Erscheinung finden … mein Ur-Ur-Urgroßvater Turnvater Jahn möge mir im Grab verzeihen …

Vortuner im Biographiezentrum – nun ja, ich bin dessen Gründer und Leiter. Nachdem ich damals – 2004 – eine erste Homepage mit der Domain Biographiezentrum.de online gestellt hatte, kamen bald weitere Autoren aus ganz Deutschland auf mich zu und wir gründeten zusammen am 1. Januar 2005 den „Förderverein für biographische Arbeit e. V.“, der später als gemeinnützig anerkannt wurde. Die Auftragsbiografik in Deutschland stand noch am Anfang und wir sind stolz darauf, zu ihrer Entwicklung und öffentlichen Wahrnehmung beigetragen zu haben. Ich freue mich auch, dass in rund 10 Jahren Hunderte Teilnehmer meine Kurse zur Professionalisierung von Biografen durchlaufen und gelernt haben, sich dieses neue, wachsende Tätigkeitsfeld zu erschließen; auch die Biografinnen und Biografen, die heute zum Gelingen beitragen, haben mindestens einen meiner Kurse besucht. Fruchtlos können sie also nicht gewesen sein.

Wir setzen uns für die Förderung der Erinnerungsarbeit ein, insbesondere der Privatbiografien von Menschen, die ihre Lebenserinnerungen weniger für die Öffentlichkeit und den Buchmarkt schreiben, sondern vielmehr für die kommenden Generationen in der eigenen Familie. Stellen Sie sich vor, in 100 oder 200 Jahren finden Ihre Nachkommen die Lebenserinnerungen von Ihnen. Was glauben Sie, welche Lebens- und Erfahrungswelten sich diesen zukünftigen Erdenbürgern öffnen? Indem wir Biografien lesen, erfahren wir viel über das Leben anderer Menschen und Zeiten, aber auch viel über uns selbst. Fragen Sie sich, welche Biografien Sie gern lesen und was diese Vorlieben mit Ihnen persönlich zu tun haben. Sicher finden Sie erhellende Antworten. Eine könnte lauten, dass wir uns im Leben anderer in den verschiedensten Facetten spiegeln bis hinein in unsere Wünsche und Sehnsüchte, aber natürlich auch Ängste und Abneigungen. Wer die Lebensgeschichten seiner Eltern und Großeltern liest, wird auch viel über sich selbst erfahren. Wir spiegeln uns – bewusst und wohl mehr noch unbewusst – in unseren Vorfahren. Vielleicht gibt es einmal die Wissenschaft der biografischen Genetik. Wir wissen heute, dass auch Traumata von Kriegsteilnehmern an die Kinder- und Enkelgeneration weitergegeben werden. Fragen Sie sich selbst: Was haben Ihre Eltern und Großeltern Ihnen mitgegeben? Was geben Sie in der neuen Generation Ihren Kindern und Enkeln für die Zukunft mit?

„Leben kann man nur vorwärts“, schreibt der Philosoph Sören Kierkegaard, „das Leben verstehen nur rückwärts.“ Wer sein Leben also biografisch festhalten und in der Reflexion verstehen möchte, damit jedoch Schwierigkeiten hat, findet bei den Mitgliedern des Biographiezentrums kompetente Hilfe. Wir helfen Menschen, ihr Leben rückblickend zu erfassen, sprachlich zu gestalten und medial zu dokumentieren: als Buch, Hörbuch oder Film. Erinnerungsarbeit hat dabei weniger damit zu tun, in der Vergangenheit zu leben oder sich in ihr zu verlieren. Im Gegenteil: Erinnerung ist Gegenwart, wir bestehen weitgehend aus Vergangenheit, je älter wir werden. Wir erinnern, was aus der Vergangenheit gegenwärtig in uns wirkt – und liegt diese Erinnerung noch so weit zurück. Natürlich können Erinnerungsgegenstände – Fotos, Tagebücher, Briefe und andere Objekte – große Hilfen sein, um vergessen geglaubte Erlebnisse wieder zutage zu fördern, doch an erster Stelle steht das Erzählen. Eine erste Anregung zum biografischen Schreiben lautet daher auch: Schreiben Sie so lebendig und sinnlich, als würden Sie es Ihrem besten Freund oder Ihrer besten Freundin erzählen!

„Du, ich muss Dir was erzählen …“ – so beginnen viele der schönsten Anekdoten. Oder: „Mama, erzähl doch mal, wie hast Du …“ „Papa, erzähl doch mal …“ „Wie war das damals?“

Wenn Sie mit einer Biografin oder einem Biografen arbeiten, bilden Ihre Erzählungen die Basis, die zumeist mit einem Aufnahmegerät aufgezeichnet werden. Ihre Erinnerungen werden dann nicht einfach abgeschrieben, sondern umgeschrieben und geformt. Im besten Fall entsteht neben dem persönlichen Zeitzeugnis als Familienerbe auch Literatur. Schreiben ist wie Musizieren, nur mit anderem Instrumentarium: Jedes Kind kann Klaviertasten drücken, doch virtuos werden nur wenige, die viel und täglich üben, oft über Jahrzehnte hin. So ist es ratsam, wenn Sie mit dem Verfassen der eigenen Biografie allein nicht weiterkommen, einen guten Geist zu engagieren, einen Biografen, jemanden, der das Handwerk des lebendigen Schreibens beherrscht.

Gehen Sie heute also mit uns auf eine kleine Reise durch die Werkstätten des Biographiezentrums: Hören und schauen Sie sich in Ruhe um, wie andere Menschen ihre Lebenserinnerungen mit unserer Hilfe zu Papier gebracht und ediert haben. „Wer schreibt, der bleibt“, sagt ein Sprichwort, und ein anderes ergänzt: „Wer nach dem Tod vergessen wird, stirbt zweimal.“ Also schreiben Sie Ihre Biografie selbst oder lassen Sie sie von uns schreiben! Sie finden alle Mitglieder des Biographiezentrums auch über unsere Homepage Biographiezentrum.de und können Sie direkt kontaktieren. 12 Biografinnen und Biografen aus ganz Deutschland sind heute zu dieser Lesung gekommen, um uns zwei bis drei bewegende Stunden zu bereiten.

Genießen wir die Zeit!