Interview mit dem Autor Christian Bedor

Woher kommt der Titel Ihres Buchs: „Diastimmen“?

Ich war auf der Suche nach einem Titel. Gedanken dazu schrieb ich in Mindmap-Form auf. Während der konzeptionellen Vorarbeit für das Manuskript entwickelte sich die Idee, dass ich einen Diaprojektor auf einem Stativ benutze; dazu eine Leinwand, um die alten Dias aus meiner Kindheit und Jugend anzuschauen. Diapositive sind klassischerweise stumm. Damit meine ich, dass sie keine Tonspur haben – wie beispielsweise ein Tonfilm aus den 1960er-Jahren. Beim Schreiben entstehen in mir Bilder. Dies können durchaus reale Bilder sein. Damit meine ich, Dias, die mir in Erinnerung blieben. Aber es sind auch Bilder, die sich neu zusammensetzen. Lebensbilder – durch die Jahre entstanden. Und während ich am Manuskript schrieb, hörte ich Stimmen. Stimmen, die ‚aus‘ den Dias kamen. Die Menschen unterhielten sich. Meine Mutter, mein Vater, meine Geschwister – ich; andere. Es entstanden Emotionen, alte, neue. Ich notierte als Mindmap: Dias. Dann schrieb ich irgendwann das Wort Stimmen dazu. Ich kombinierte beide zu Diastimmen und ließ die Idee mehrere Tage lang sacken.

Ihr Protagonist – Thomas Lehr, Sohn eines Volksschullehrers – mietet sich für die autobiografische Erinnerungsarbeit in seinem Geburtsort ein, in eine Ferienwohnung, und besucht die Stätten seiner Kindheit und Jugend. Er spricht Notizen in ein Diktaphon und notiert später in einem Tagebuch akribisch Beobachtungen, Erinnerungen und Reflexionen, auch über das Wechselverhältnis von Erinnerungen zur Gegenwart, Jahrzehnte später. Wie viel Autobiografisches ist in Ihrem Roman, Herr Bedor?

Die Orte sind real. Die Zeit ist real. Die Gegenstände sind real. Die Personen sind real, die Geschehnisse. Meine Fußabdrücke sind real; die aus der Kindheit, Jugend – und diejenigen, die ich Jahre später als Erwachsener an den bereisten Orten hinterließ. In manch angejahrte Fußabdrücke konnte ich hineintreten – als ich sie wiederentdeckte, wenngleich meine Schuhe nicht mehr ganz hineinpassten. Andere Fußspuren wurden durch Zeitläufte verwaschen.

Haben Sie die Namen der handelnden Personen geändert, um keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen? Oder hatten die Namensänderungen auch andere Funktionen in der Aufarbeitung realer Geschehnisse?

Ja. Chronisch kranke Alkoholikerinnen und Alkoholiker haben auch ein Recht auf den Schutz ihrer Persönlichkeit; gerade kranke Menschen. Durch die Verwendung anderer Namen entstand zudem eine Art Allgemeingültigkeit – bezogen auf die Familienkrankheit Alkoholismus. Will sagen: In Deutschland wachsen Millionen von Kindern in alkoholkranken Familien auf; sie durchleben destruktive Phasen. Dazu kommen die Erwachsenen, von denen die meisten räumlich getrennt von ihren kranken Eltern leben und diese Bürde der Dysfunktionalität zu tragen haben. Ich denke, dass sich die Angehörigen in dem Geschriebenen wiederfinden.

Der Namenswechsel bedeutet auch einen Perspektivwechsel für den Autor. Wenn der Ich-Erzähler sich einen anderen Namen gibt und damit in die Rolle der dritten Person schlüpft, kann er auf die Personen und Geschehnisse wie in einem Marionettentheater „von oben herab“ schauen. Haben Sie diese Distanzierung als entlastend in Ihrer Erinnerungsarbeit und beim Schreiben empfunden?

Ja. Marionettentheater ist ein passendes Beispiel. Beim Lesen dieses Satzes ‚sprang‘ ich spontan in die Perspektive des Von-Oben-Betrachters. Genauer: Ich befand mich auf dem Schnürboden eines Theaters. Unten, auf der Bühne, agierte meine Herkunftsfamilie – manchmal in hellem Scheinwerferlicht, manchmal in absoluter Dunkelheit.

Lebensklärung und Entlastung durch biografisches Schreiben ist für viele Menschen eine wichtige, manchmal geradezu existenzielle Motivation, sich täglich an den Schreibtisch zu setzen, monate- und manchmal jahrelang. Was war Ihre Schreibmotivation?

Das Schreiben von Büchern ist ein Teil meiner kreativen Arbeit, die öffentlich sichtbar ist. Während der Regelschulzeit begann ich damit, Tagebuch und Kurzprosa zu schreiben. Als meine Herkunftsfamilie und ich in eine 120 Kilometer entfernte Stadt übersiedelten, verfasste ich handgeschriebene Briefe und bekam darauf Briefantworten. Ich hielt Kontakt zu ehemaligen Mitschülern. Das war für mich elementar. Das Schreiben ist eine Ausdrucksform; Fotografieren, Filme machen eine andere. In den vergangenen Jahrzehnten entstand ein Wechselspiel zwischen diesen Medien. Julia Cameron, eine US-amerikanische Buchautorin, Schreibtrainerin, Filmemacherin spricht von „Pfannen“ (Goldwaschpfannen). Manche Autorinnen und Autoren legen mit Hilfe einer „Pfanne“ ihr zentrales Thema frei – wie ein Goldwäscher, der Nuggets findet – und schreiben manchmal ein Leben lang darüber. Es ist das Thema, das immer wieder zum Vorschein kommt und bearbeitet werden sollte. Dem pflichte ich bei. Mit dem Schreiben (eines Buches) gebe ich zudem etwas nach außen ab; in die Gesellschaft und lasse diese daran teilhaben. Das Schreiben ist für mich ein Lebensgeländer.

Alkoholabhängigkeit in der Familie ist ein großes Thema …

Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sind das die Lebensbegleiter von Kindern/Erwachsenen aus alkoholsuchtkranken Familien: Scham und Einsamkeit, Schwierigkeiten zu vertrauen, scharfe Selbstkritik, Starre und Inflexibilität, es anderen recht machen, Perfektionismus, hohe Sensibilität, starkes Verantwortungsbewusstsein, Ängste, sich um andere kümmern und sie retten.

Haben Sie Forderungen an die Alkohol-Industrie und Politik?

Alkohol ist in Deutschland systemrelevant. Nicht nur als Bestandteil von Desinfektionsmitteln. Ein paar Zahlen aus dem Jahr 2019: 74.000 Todesfälle durch riskanten Alkoholkonsum. 40 Milliarden Euro Krankheitskosten. Staatliche Einnahmen 3,1 Milliarden Euro. Für Alkohol-Werbung wurden 557 Millionen Euro ausgegeben. 96,4 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren konsumieren alkoholische Getränke.
Im April 2020 sagte Markus Söder während einer Pressekonferenz, dass das diesjährige Münchner Oktoberfest nicht stattfinden werde. Nicht etwa, weil viele Menschen durchs Saufen komatös werden und schnell in umliegende Krankenhäuser eingeliefert werden müssen, sondern weil sich Corvid-19 dramatisch schnell ausbreiten könnte.
Bravo, Herr Söder! Ich bezweifle, dass Sie der Alkohol-Industrie standhalten werden. Es sind ja noch ein paar Tage bis September und die Alkohol-Lobbyisten haben starken Einfluss. Und wenn die Standbetreiber einen „ordentlichen“ Hygieneplan vorlegen, wird das schon klappen – mit dem Oktoberfest. Und das wäre sehr schlecht!
Ich bin für ein Verbot von Alkoholwerbung. Z. B. werben private TV-Sender wie ntv.de, welt.de für Alkoholisches. Spiegel, Focus gehören auch in diese Reihe der Werber. Jürgen Klopp hat u. a. einen Werbevertrag mit einer bayerischen Brauerei. Keine Macht den Drogen?! So hieß doch mal der Slogan „aus“ dem Sport. Nichts mehr davon zu sehen oder zu hören.
Ich wiederhole es gern: Ich bin für ein Werbeverbot für alkoholische Getränke. Sofort! Was in Deutschland bezüglich Tabakwaren-Verbot gelang, muss auch für Alkoholisches umsetzbar sein.
Ein Verbot wird Einfluss nehmen auf den Konsum. Will sagen: Weniger Menschen greifen zur Flasche, das Alkoholsucht-Elend in den Familien wird geringer.

Sie schildern in Ihrem Buch, das man auch als Ratgeberbiografie lesen kann, zahlreiche bedrückende Szenen, wie sich Alkoholismus in der Familie ausprägt bis hin zum frühen Tod oder – und da weiß man gar nicht, was belastender ist – Zwangseinweisung und jahrelanger Aufenthalt in entsprechenden Einrichtungen. Welche Kernbotschaft haben Sie an die Leser Ihres Buchs?

Kinder, die in alkoholkranken Familien leben, sollten sich von außen Hilfe holen. Sie können ihre Lehrerinnen, Lehrer fragen, ihren Arzt um Hilfe bitten, Bücher zum Thema lesen. Heutzutage können Kinder natürlich das Internet zur Recherche verwenden. Es gibt Alateen-Gruppen. Der Name „Alateen“ kommt von „Al-Anon teenagergroup“. Alateen gehört zu Al-Anon. Eine Selbsthilfegruppe, die es in Deutschland seit 1967 gibt. Nacoa Deutschland ist eine Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien. Auf Youtube findet man Dokumentationen. Unter anderem kommen sowohl Kinder als auch Erwachsene zu Wort, die durch die Familienkrankheit Alkoholismus in Mitleidenschaft gezogen wurden. Diese Möglichkeiten durch das Internet gab es zu meiner Kindheit nicht. Durchzuhalten ist sehr wichtig; an sich zu arbeiten.
Schauen Sie sich, betroffene Leserinnen und Leser, ihre inneren Dias an, hören Sie auf ihre Stimmen. Sind die Bilder diffus? Sind etwa die Stimmen verzerrt? Sie sind nicht allein damit. Nehmen Sie Hilfe an.

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Cover Diastimmen von BoD-BuchShopSeite-2.2.2020