Anläßlich des autobiographischen Buchs von Kinderbuchautor Otfried Preußler lesen Sie das Interview mit seinen Töchtern, den Herausgeberinnen des Buchs.

Liebe Frau Preußler-Bitsch, liebe Frau Stigloher, Sie haben von Kindesbeinen an am schriftstellerischen Wirken Ihres Vaters teilgenommen. Haben die kleine Hexe und der Räuber Hotzenplotz im Familienleben mitgemischt?

Ja, ganz selbstverständlich haben die Figuren aus seinen Geschichten in unserer Familie irgendwie mitgelebt: Der kleine Wassermann bewohnte den Weiher gleich hinter der Pulvermühle – übrigens heute noch. Der kleinen Hexe hatten wir es oftmals zu verdanken, wenn wir nach vergeblicher Suche plötzlich herrliche Steinpilze im Unterholz entdeckten – was natürlich nur dann der Fall war, wenn nicht vorher der verfressene Herr Hotzenplotz unsere Plätze geplündert hatte. Und für Hörbe und seine Freunde haben Vaters acht Enkelkinder ganz selbstvergessen wunderschöne Hutzelmannhäuser aus kleinen Zweigen, Tannenzapfen und Moos gebaut. Neben den heiteren Seiten erlebten wir Kinder aber auch einen schreibenden Vater, der zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung viele Monate eine schwarze Augenklappe tragen musste; das war die Zeit, als er intensiv an der Figur des Meisters in seinem „Krabat“ arbeitete.

Ihr Vater hat sich altersbedingt seit dem Tod Ihrer Mutter aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, doch Schriftsteller gehen ja bekanntlich nicht in Rente. Wie geht es ihm?

Je nach Tagesform, die bei einem betagten Menschen bekanntlich wechselhaft sein kann, geht es ihm meist richtig gut. Er hat den wirklich mutigen und sehr klugen Schritt gewagt und sich in einer Einrichtung für Senioren einquartiert. Das Wort vom „Unruhestand“ trifft für jemanden, der als nächsten runden Geburtstag den 90. vor sich hat, verständlicherweise nicht mehr ganz zu, aber er hat noch Ideen, Pläne, Visionen und beschäftigt sich täglich mit dem Schreiben.

„Ich bin ein Geschichtenerzähler“ ist ein echtes Zwei-Generationen-Projekt. Wie ist das Buch entstanden? Welchen Anteil hatte Otfried Preußler bei der Zusammenstellung der Texte?

Als feststand, dass wir bei Thienemann ein Buch mit den eher biografisch-essayistischen Texten unseres Vaters herausgeben werden, haben wir viele Wochen in seinem Archiv gestöbert. In dieser Phase war er intensiv mit in das Vorhaben eingebunden, hat uns aber bei der endgültigen Auswahl und Zusammenstellung der Texte freie Hand gelassen. Besonders froh sind wir darüber, dass wir ihn in Zweifelsfällen ganz einfach um Rat fragen konnten. Darüber hinaus wissen wir jetzt genau, welche Texte für ihn wichtig waren und sind. Manches hat sich für ihn im Lauf der vielen Jahre von selbst erledigt, manches will er jetzt noch nicht veröffentlicht haben, manches gar nicht. Wir werden uns natürlich auch in Zukunft an seine Wünsche halten.

Haben auch Sie Ihren Vater während der Entstehung des Buches von einer neuen Seite kennengelernt und Details aus seinem Leben erfahren, die Ihnen selbst gar nicht bewusst waren?

Aber ja! Als wir Kinder waren, hat er niemals – zumindest nicht in unserer Gegenwart – über seine Erlebnisse während des Krieges und seiner Gefangenschaft auch nur ein Wort verloren. Jährlich auf dem Rosenheimer Herbstfest mussten wir allerdings enttäuscht feststellen, dass unser Vater nicht bereit war, für uns die so begehrten Plastikblumen an den entsprechenden Ständen zu schießen. Erst später haben wir verstanden wieso: Er hatte sich nach dem Krieg geschworen, niemals mehr – auch nicht zum Spaß – ein Gewehr in die Hand zu nehmen. Und ähnlich dem Schießbudenerlebnis erging es uns jetzt gelegentlich bei den Vorarbeiten zu diesem Buch. Durch die intensive Beschäftigung mit ihm und seinem Werk wurde uns manche ungewöhnliche Verhaltensweise seinerseits im Nachhinein verständlich.

Hat die Arbeit an diesem Buch Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater verändert?

Natürlich, denn wir haben viel Neues von und über unseren Vater und seine Herkunftsfamilie erfahren; sein so bewegtes langes Leben quasi im Zeitraffer Revue passieren zu lassen hat ihn uns noch einmal ein Stück nähergebracht.

Als Leser hat man den Eindruck, nicht nur dem Autor und seinen Werken, sondern auch dem Menschen Otfried Preußler sehr nahezukommen. War dies Ihre Absicht?

Wir betrachten dieses Buch als eine Hommage an unseren Vater. Wir möchten hinter seinen Gestalten, hinter der dummen Augustine, dem kleinen Wassermann, hinter Krabat und all den anderen Protagonisten in seinen wunderbaren Geschichten ihn selbst etwas klarer hervortreten lassen. Dass dabei deutlich wird, welche Verantwortung er als Geschichtenerzähler für das ihm so wichtige Publikum, nämlich die Kinder, übernimmt, wie liebenswert er ist, das können wir nur hoffen.

Für wen wird das Buch Ihrer Meinung nach von besonderem Interesse sein?

Für alle die erwachsenen Leser, die seit bald sechzig Jahren mit Freude Preußler-Bücher lesen und weiterhin lesen möchten.

Otfried Preußler sagte: „Ich wünsche jedem Kind, dass es ein paar Mal, am rechten Ort und zur rechten Stunde, die rechte Geschichte erzählt bekommt. Dass ihm das rechte Buch in die Hand gerät: zwei, drei Seiten darin, mag sein eine einzige Zeile, ein einziges Wort. Ein Bild nur möge sich darin finden, das es in diesem einen, diesem bestimmten, unwiederbringlichen Augenblick seines Lebens gerade brauchen kann – als freundlichen Zuspruch, als Anstoß zum Spiel der Gedanken, als Anregung für die Phantasie.“

Quelle: Thienemann Verlag

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