In der Wohnung am Riedborn

Ich fand eine schöne neue Eigentumswohnung und zog mit Melanie aus. Freunde aus der AA halfen mir beim Umzug, und wenn ich nun glaubte, jetzt wird alles besser, hatte ich mich gründlich getäuscht. Sicher, der ewige Streit mit meinem Mann war passé, aber nun musste ich mit Kind und Wohnung allein klarkommen. Damit nicht genug, ich suchte mir wieder eine neue Arbeitsstelle und fand eine halbtags in einem Bekleidungsgeschäft als Verkäuferin. Davor aber machte ich etwas ganz anderes.


Melanie kam eines Tages mit einer Zeitung und sagte: “Schau mal, Mama, hier wird eine Wirtschaftsberaterin gesucht, das wäre doch etwas für dich!“ Ich rief da sofort an, denn bei solchen Sachen hatte ich komischerweise nie Hemmungen, und erfuhr, dass es sich nicht um Hauswirtschaft oder Ernährungsberatung handelte, sondern Wirtschaft im Finanzbereich. Na, das war ja nun ganz was anderes, und für solche Themen hatte ich mich nie interessiert. Wenn Michael und ich abends mit Bekannten zusammensaßen, waren mir Gespräche über Banken, Versicherungen, Geldanlagen völlig fremd, es wurde für mich dann so langweilig, dass ich anfing zu gähnen und nach Hause wollte.

Jetzt ging ich tatsächlich zu diesem „Wirtschaftsdienst“ und absolvierte eine fantastische Ausbildung zum Finanzberater. Sogar in dunkelblauen Hosenanzügen lief ich rum, eine Kleidung, die mir ebenfalls nicht geläufig war, das lehnte ich ja schon bei meinem Mann ab, dieses schicke Auftreten. Kleidung war nun mal seit meiner Kindheit ein verhasstes Thema. Ich konnte sofort sagen, was mir gefiel, und eigentlich gefielen mir Frauen sehr, die gut angezogen waren – ich hatte einen recht guten Geschmack. Doch wie bei vielen Dingen im Leben dachte ich nur immer, dass es falsch sei, was ich tue, so auch in Kleidungsdingen: Schlabberpullis, Jeans und Kittellook waren mir vertraut, aber nicht die vornehme Masche. Nun also musste ich mich schick anziehen.

Ich lernte viel über den Finanzbereich, was mir im weiteren Leben zugutekam. Leider brach ich den Job ab, weil diese Tätigkeit meist abends und am Wochenende läuft, und das ging nicht wegen meinem Sohn. Konstantin war gerade sechs Jahre alt und ich konnte ihn nicht ständig abends allein lassen, denn nach einem halben Jahr kam er doch zu Melanie und mir und wollte auch bei uns wohnen. Nun waren wir drei wieder zusammen, und das in einer kleinen Wohnung. Keiner von uns war es gewohnt, auf so engem Raum zusammenzuleben.

Damit aber nicht genug, jetzt schaffte ich auch noch einen Hund an. Ich erinnerte mich an die schönen Filme, die es in meiner Kindheit gab: Lassie und Fury, Filme von Kindern mit einem Tierfreund. Vor allem wollte ich Konstantin damit eine Freude machen, damit er die Trennung aus seinem ersten Zuhause besser verkraften sollte. Dieser Hund hieß Bernie, war ein Cockerspaniel und brachte unseren kleinen Haushalt ganz schön durcheinander. Ich war mit Hunden aufgewachsen und sie waren immer meine Freunde gewesen, nur damals hat sich meine Mutter vorwiegend um den jeweiligen Hund gekümmert. Jetzt war ich dafür zuständig, und das merkte ich erst, als er da war. Natürlich spielten die Kinder mit ihm und gingen auch mal Gassi, aber die Hauptlast hatte natürlich ich.

Trotzdem hatten wir viel Freude und Spaß mit dem kleinen Kerl, vor allem Konstantin freundete sich sehr mit ihm an. Nur ich hatte mir wieder einen Stein in meinen Weg gelegt, den ich nicht einfach wegräumen konnte. Nachdem ich merkte, was ich da wieder angestellt hatte, versuchte ich ihn zwar abzugeben, aber das funktionierte nicht, und außerdem nahmen mir das meine Kinder zu Recht übel. Das hätte ich mir vorher überlegen müssen! Vor allem war das eine kleine Wohnung und kein Haus mit Garten, wo man den Hund hätte einfach mal rauslassen können… Dreimal am Tag musste er mindestens draußen laufen, und da fing der Ärger bald an. Natürlich liefen auch die Kinder mit ihm, aber das Interesse, mit Bernie rauszugehen, war doch zu sehr Pflicht, als dass es Kindern auf Dauer Spaß machen würde. Vor allem musste ich von da an immer überlegen, ob der Hund draußen war, wenn ich irgendwohin gehen wollte – und in Urlaub fahren war auch nicht drin. Das ging nur mit Hund oder gar nicht, denn eine Pension war zu teuer. Somit hatte ich aber auch oft ein Alibi, um nicht irgendwohin fahren zu müssen bzw. zu können.

Kleine Auszeiten nahm ich mir und fuhr tageweise zu meiner Mutter. Dort konnte ich immer gut relaxen, wurde wunderbar aus dem eigenen Garten bekocht, Bernie hatte seine Freiheit und schon der Weg dorthin war für mich eine richtige Urlaubstour, weil ich ja keine Autobahn fuhr, sondern auf Landstraßen durch den Vogelsberg. In diesen kurzen Urlaubstagen half ich natürlich auch meiner Mutter bei besonderen Aufgaben, die sie alleine nicht mehr bewältigen konnte. Sie hatte also Hilfe und ich meinen Kurzurlaub.

Das Leben in der kleinen Wohnung war zeitweise sehr laut, sodass Melanie nach einem Jahr in ein Zimmer zu einer netten älteren Dame zog, weil sie bei dem Trubel nicht für ihr Abitur lernen konnte. Nun war ich mit Konstantin und Bernie allein. Ich ging halbtags arbeiten, dann kümmerte ich mich um Haushalt und Schule meines Sohns. Leicht war das alles nicht für mich, ich hielt mich aber tapfer, da ich regelmäßig zu AA-Meetings ging und dort inzwischen nette Bekannte hatte, die mir auch hin und wieder halfen und vor allem immer da waren, wenn es mir mies ging. Außerdem ging ich regelmäßig zu Cooper. Alkohol trank ich keinen Tropfen mehr, und so konnte ich meine Tabletten zum Schlafen gut dosieren – ich brauchte sie nach wie vor.

Um meinen Weg abzukürzen, las ich nach wie vor viel Esoterikbücher und besuchte bei einem Psychologen in Wiesbaden Kurse, um mein Leben besser bewältigen zu können. Ich war immer der Meinung, dass ich vielleicht nur lange genug suchen musste, um dann einen „Knopf“ bei mir zu finden, den ich nur zu drehen bräuchte, und schon wäre ich ein anderer Mensch. Mir genügte nicht das Leben, wie ich es führte, sondern ich versuchte in sogenannten Auditing-Sitzungen, wo ich in andere Leben zurückversetzt wurde, eine Schwachstelle zu finden, um es mir hier und jetzt leichter zu machen. Dafür gab ich viel Geld aus von meinem Sparbuch. Dieser Psychologe war früher bei Scientology und hatte einige Kurse der „Church“ in seinem Programm. Das Leben sollte endlich leichter und freundlicher für mich werden. Alles war immer so zäh, schwierig, immer nur anstrengen und kämpfen. Warum ging es nicht leichter und fröhlicher. Dabei war ich ein humorvoller Mensch und lachte sehr gern, doch das waren leider bloß immer nur kurze Momente.

Was ich an den Wochenenden in Wiesbaden wunderbar lernte, war, andere Menschen richtig anschauen zu können. Das war immer schon ein großes Problem für mich. Vor allem auch bei Vorstellungsgesprächen fiel es mir selbst auf, dass ich mein Gegenüber nicht anschauen konnte. Das kam nicht gut an, es störte mich, also übte ich dies in den Kursen stundenlang, bis ich es konnte. Wieder das Üben und Trainieren! Das wollte ich immer umgehen, es war mir zu anstrengend. Auch Sport hat mir nie Spaß gemacht, da musste ich ja trainieren, das war in der Schule schon so. Da bewunderte ich meine Tochter, wie sie regelmäßig zum Training ging und übte, übte, übte, nur um ein paar Zentimeter weiter zu kommen. Irgendwie sollte bei mir immer alles gleich auf Anhieb klappen.

Auch diese Außenseitertherapien brachten mir nicht den ersehnten Erfolg. Cooper sagte immer, „lass das, was dir nicht gut tut, einfach sein, lass es stehen wie die Flasche und lebe deinen Weg ohne das Gift.“ Das kann man auf alles übertragen, auch auf Menschen. Loslassen, stehen lassen – ganz einfach und doch so schwer.

Nach einiger Zeit traf ich mich wieder mit Michael, wir unterhielten uns viel und unternahmen Ausflüge, auch mit den Kindern. Da wir uns wieder prima verstanden und ich unsere kleine Familie zusammenhalten wollte, wagten wir es noch einmal, zusammenzuziehen. Cooper sagte dazu überhaupt nichts, er ließ mich ausprobieren, wie er es immer nannte.

Ich verkaufte meine kleine Wohnung und kaufte mit Michael ein wunderschönes großes Haus – in unser erstes wollte ich nicht mehr, da war zu viel negative Vergangenheit drin. Wenn, dann ganz neu anfangen! Dieses Haus war ein Fachwerkhaus mit einem großen Garten und sogar einem Schwimmbad. Es erinnerte mich sehr an meine Heimat und ich kniete mich richtig in die Umbaumaßnahmen rein. Es machte plötzlich einen Riesenspaß, zu planen, auszusuchen und mitzuarbeiten. Da meine Wohnung schnell verkauft war, lebten Konstantin und ich ein halbes Jahr auf einer richtigen Baustelle. Michael war tagsüber weg, ich beaufsichtigte die Handwerker und die anfallenden Arbeiten. Es war seit Langem die schönste Zeit für mich. Der Sommer war warm und alle Türen standen auf, sodass Leute ein- und ausgingen. Melanie war oft bei uns, der Hund sprang rein und raus. Ein Haus der offenen Türen. Wir hatten viel Freude bei der Arbeit.

Als alles fertig war im Spätherbst, zog Michael ein, und damit war die fröhliche Zeit zu Ende. Er schaute wieder ständig nach irgendwelchen Spuren auf dem Boden und fand sie natürlich auch, denn wir hatten ja Bernie. Auch alles andere musste ständig auf „Hochglanz“ poliert sein – alles wie gehabt hundert oder besser zweihundert Prozent. Nun waren wir aber einige Zeit getrennt und ich hatte allein mit den Kindern gelebt, außerdem ließ ich mir nicht mehr alles vorwerfen, ohne darauf zu reagieren. Ich war nicht mehr das kleine Mädchen, das immer nur ja sagte, sich dann in die Ecke verzog und sich zudröhnte. Ich fing immer mehr an, mich zu wehren, und das wiederum kannte mein Mann nicht von mir. An meinem 47. Geburtstag eskalierte ein Streit zwischen Melanie und Michael und somit auch zwischen mir und ihm. Meine anberaumte Geburtstagsfeier wurde abgesagt, ich verzog mich in mein Zimmer, legte mich auf mein Bett und verstand gar nichts mehr. Was war jetzt wieder los? Schon wieder fiel mein schwer erkämpftes Leben in sich zusammen. Seit Michael und wir in dem Haus wieder zusammenwohnten, verstanden wir uns zunehmend weniger. Dann wollte ich meinen Geburtstag feiern und jetzt der totale Eklat… Ich lag auf meinem Bett und wurde immer deprimierter, ich konnte mich kaum noch bewegen, wie versteinert. Innerlich fuhr ich wie in einem Fahrstuhl nach unten, immer tiefer, immer tiefer, ich dachte, jetzt sterbe ich, und es war mir egal. Ich hätte nicht aufstehen können, nicht einmal den Telefonhörer abnehmen, ich war wie gelähmt. Mein innerer Fahrstuhl fuhr mit mir in das tiefste schwarze Loch, ich konnte, ich wollte mich auch nicht mehr wehren.

Nach einiger Zeit, keine Ahnung, wie lange ich so dagelegen hatte, sah ich plötzlich in dem Dunkel eine rote kleine Flamme, der Fahrstuhl setzte sich langsam nach oben wieder in Gang und ich dachte: Ich möchte doch leben. Das Ganze ging weiter retour nach oben, ich konnte mich wieder bewegen, ich war wieder da. Vor der Tür hörte ich Stimmen, die sagten: „Sie hat bestimmt wieder etwas geschluckt!“ Nein, diesmal nicht, dachte ich – ich wäre überhaupt nicht dazu in der Lage gewesen. Aber so war das oft. Ging es mir mal besonders schlecht oder ich war richtig mies drauf, dann hieß es sofort aus meiner Umgebung: „Was hat sie denn wieder geschluckt!“ Genau das ist das Problem, wenn sich ein Suchtkranker in seiner gewohnten Umgebung ändert. Eigentlich ist das für die Familie teilweise ganz praktisch. Man funktioniert. Wenn es zu viel wird, nimmt man irgendwelche Aufputschmittel oder Dämpfer, damit es weitergeht, und setzt für die anderen einfach keine Grenzen, weil man sie selber nicht hat und sieht.

Ein Süchtiger kennt keine Grenzen, deshalb ist er ja süchtig! Je mehr man seine Sucht in den Griff bekommt bzw. sich von seinen jeweiligen Suchtmitteln verabschiedet, umso mehr muss man Grenzen setzen, und das ist nicht immer bequem für die Familie. Da ich aber Angst hatte, wieder irgendetwas oder jemanden zu verlieren, war ich nie wirklich ehrlich zu mir, und dieses Abgrenzen dauerte sehr lang. Ich wollte beides: Mein äußeres Leben nicht verlieren, und gleichzeitig innerlich wachsen – und das passte meist nicht zusammen. Ich hörte immer wieder in den Meetings von Betroffenen, die alleine lebten, weil sie genau diesem Ärger entgehen wollten.

Also, unser kurzes Zusammenleben war wieder zu Ende, und diesmal für immer, das war mir total klar. Michael und ich gingen vorher noch zu einem Paartherapeuten, um uns Hilfe zu holen und es vielleicht doch noch zu schaffen. Beide wollten wir unsere Familie nicht zerstören, wir versuchten wirklich alles! Aber ich musste mich erst einmal innerlich weiterentwickeln, bevor ich mich ständig auf äußere Fassaden konzentrieren konnte. Der Paartherapeut sagte zu Michael: „Ihre Frau ist Ihnen zehn Jahre davongelaufen, sie ist nicht mehr an dem Punkt, an dem Sie sich kennengelernt haben, das passt so nicht mehr zusammen.“

„Ich wollte doch nicht“, sagte Michael, „dass meine Frau sich verändert, ich wollte doch nur, dass die Symptome verschwinden.“
„So geht das aber leider nicht.“
Michael: „Und wie kann man das wieder zusammenbekommen?“
„Indem Sie beide eine neue Basis finden.“
„Wie lange dauert das?“
Therapeut: „Das kann drei bis vier Jahre dauern.“
Michael: „Das ist mir zu lang, dann sollten wir uns trennen. Damit es endgültig ist, müssen wir uns auch scheiden lassen.“

Mir war das total klar, nur war es trotzdem, als wenn mich eine Bombe getroffen hätte. Mit zittrigen Knien verließ ich die Praxis und schweigend fuhren wir nach Hause. Das war es nun.

Wo jetzt wieder hin? In dem Haus konnte ich nicht allein bleiben, das war viel zu teuer in der Unterhaltung, das wusste ich sofort. Allerdings fiel es mir unglaublich schwer, aus diesem Haus auszuziehen, ich hatte es richtig geliebt. Es war nach langer Zeit ein Ort gewesen, wo ich gerne geblieben wäre, ich kannte ja auch jede Ecke und fast jeden Nagel. Überall hatte ich mitgewirkt, und jetzt sollte ich hier raus! Verstehen konnte ich das vom Kopf her schon, nur mein Gefühl wollte davon überhaupt nichts wissen. Also wieder auf ein Neues!

Ich zog mit Konstantin und Bernie in eine schöne Wohnung in Usingen. Traurig über den Auszug und dass unsere kleine Familie nicht funktioniert hatte, versuchte ich mich wieder einmal auf ein neues Leben einzustellen. Für Konstantin war das sicher auch nicht einfach, doch er hatte seinen Vater ja nicht verloren, Michael wohnte fast um die Ecke und Konstantin konnte immer zu ihm, wenn er wollte. Die Umstellung war für mich sehr schwer, vor allem trauerte ich dem Haus hinterher: Das hatte man nun davon, wenn man sich mit Haut und Haaren wirklich für etwas engagierte, dann tat es bei Verlust besonders weh! Aber es half nichts, den Kopf hängen zu lassen, wir hatten es ja zum zweiten Mal probiert, und es ist eben fehlgeschlagen.

Gut, dass ich meinen Sohn und den Hund hatte, ich weiß nicht, ob ich diesen Neuanfang ohne abzustürzen geschafft hätte. Ich merkte wieder ständig, wie ich innerlich zusammensank, immer kleiner wurde, mich am liebsten verkrochen hätte in irgendeine Ecke, irgendwelche Pillen geschluckt, damit ich diesen Schmerz nicht aushalten musste. Das ging aber nicht, ich musste funktionsfähig bleiben. Manchmal war es so schlimm, dass ich morgens wirklich nicht wusste, wie ich den Tag überstehen sollte. Alles um mich herum war schön, nur innerlich zog es und zog es mich ständig nach unten, ein richtig vernichtendes Gefühl! Wie sollte ich das jetzt alles alleine schaffen? Gut, niemand meckerte mehr an mir oder meiner Arbeit herum, doch wie sollte ich weiter leben? Ich lag einige Male auf dem Fußboden und hätte am liebsten mit den Zähnen vor Schmerz in den Teppich gebissen: ein Gefühl von am-liebsten-nicht-mehr-da-sein-wollen, aber doch müssen. Da war mein Sohn! Wenn er mich so verzweifelt sah, sagte er zu mir: „Mama, ruf doch mal die Elke an.“ Elke war eine Frau, die ich aus der AA-Gruppe kannte, sie war Alkoholikerin und schaffte es nicht, trocken zu werden. Meist war sie betrunken, wenn ich mit ihr telefonierte. Danach wusste ich immer eines: So ging es nicht! Aber wie dann? Wie sagte man uns immer: „Lebe nur 24 Stunden, nur heute will ich versuchen, diesen einen Tag zu leben und nicht alle meine Lebensprobleme auf einmal zu lösen.“
OK, auf ein Neues!

Eigentlich bekam ich alles wunderbar hin, wenn nur nicht immer diese Angst vorher wäre und das Gefühl, es nicht zu schaffen. In den jeweiligen Situationen selbst hatte ich die nötige Kraft und auch den Durchblick. Irgendwie bewältigte ich einen Tag nach dem anderen, besuchte regelmäßig ein AA-Meeting, kümmerte mich um meinen Sohn, um den Hund und ging halbtags noch zum Arbeiten, aber es kostete mich eine unglaubliche Kraft, mich nicht fallen zu lassen. Am meisten half mir die Tatsache, dass ich Kinder hatte und nicht wollte, dass ihre Mutter hinter den Mauern einer psychiatrischen Einrichtung verschwinden würde. Manchmal war das ein Gefühl, als wenn ich wie eine Stoffpuppe wäre. Sie knickte immer wieder ein und ich stellte sie immer wieder auf – das waren meine Hauptaktivitäten, mich immer wieder aufzurichten.

Warum war das Leben für mich nur so wahnsinnig schwer? Cooper sagte immer, „Sie machen es schwer, es ist ganz leicht.“ Gut, dass ich ihn hatte. Er war wie ein Vater, zu dem ich immer hingehen konnte, der mir bei den nächsten Schritten half, auch mal mit ziemlicher Härte und Strenge – vor allem, wenn ich wieder einmal versuchte, meinen Weg abzukürzen.

So bin ich auch einmal in Marburg in einer Einrichtung zur Therapie von Angsterkrankungen gewesen, wo Ängste richtig abtrainiert werden. Michael sagte oft: “Was soll ich nur mit dir anfangen? Du hast Angst vor Höhen, Angst vor dem Wasser und Angst, Autobahn zu fahren.“ Das passte mir selber nicht, weil es mich sehr einschränkte, vor allem im Urlaub. Ich hörte von diesem Institut, meldete mich an und ließ mich drei Tage untersuchen. Danach wollte man mit mir und einem Therapeuten ein richtiges Angstbewältigungstraining machen. Anfangen sollte es auf der höchsten Plattform des Kölner Doms. Da wurde mir schon vom daran Denken mulmig und mir kam das Ganze wie eine Vergewaltigung vor. Vielleicht hätte ich es trotzdem gemacht, aber die Krankenkasse bezahlte die Therapie nicht und sie wäre richtig teuer geworden. Als Cooper davon hörte, wurde er böse und wollte seine Behandlung abbrechen. Das würde bei mir überhaupt nichts bringen, denn dann kämen andere Ängste zum Vorschein, ich müsste mich nun mal Schritt für Schritt innerlich aufbauen. Ja, das wusste ich, nur dauerte mir das alles zu lange. Cooper schmiss mich zur Strafe aus seiner Therapiegruppe, ich durfte aber weiterhin zu Einzelgesprächen zu ihm kommen.

Eines Tages lernte ich durch meine AA-Freundin Elke einen Mann kennen. Er war ihr Ex-Freund und selber Alkoholiker. Wir verstanden uns auf Anhieb prächtig, er kam mir zuliebe in die Meetings mit und ließ von einem Tag auf den anderen seinen Freund Alkohol weg. Das beeindruckte mich schon sehr und ich überhörte, was Elke mir für regelrechte Schauermärchen über seine Krankheit erzählte. Er war Architekt, selbstständig gewesen und hatte aufgrund seiner Trinkerei ziemlich viel geschäftliche und private Verluste erlitten. Da hörte ich gar nicht hin! Jetzt hatte ich doch jemanden, um den ich mich kümmern konnte. Ihm konnte ich alles erzählen, was ich für mich tun müsste.

Die Vorstellung, einen anderen Menschen ändern zu können, und wenn es nur einen Millimeter ist, habe ich später nach vielen schlimmen Jahren begraben müssen. Jeder muss selbst wollen, sich zu ändern, sonst läuft überhaupt nichts. Deshalb bringen meiner Meinung nach zwangsweise verordnete Therapien auch nichts. Nur damals dachte ich, toll, jetzt bist du nicht mehr allein. Mit dem Alkohol, das kriegen wir schon hin. Ich trinke ja auch nichts mehr, und dann wird er es auch nicht mehr tun, ich helfe ihm dabei.

Die ersten Wochen dachte ich, ich hätte das große Los gezogen. Wir unterhielten uns stundenlang über Gott und die Welt, verstanden uns einfach prima. Auch Konstantin konnte ihn gut leiden. Er sah gut aus, war intelligent, hatte gute Umgangsformen und vor allem, er hatte auch Ängste und konnte mich in vielem verstehen. Bei ihm brauchte ich mich nicht zu verstellen. Ich war verliebt und sah alles durch die bekannte rosarote Brille.

Mit Michael hatte ich ein gutes freundschaftliches Verhältnis und wir bereiteten unsere Scheidung vor. Da wir uns ziemlich schnell einig waren über unsere finanziellen Belange, brauchten wir keine Anwälte zu bemühen und vor allem nicht bezahlen. Formal hatte ich eine Anwältin, sie musste aber in unserem Fall nicht viel tun. Sie gab mir allerdings den guten Rat, anstelle von lebenslangem Unterhalt das erste Haus von uns zu nehmen.

Nie im Leben hätte ich dieses Haus gewollt! Da müsste ich mich ja allein um alle Dinge in Haus und Garten kümmern, doch jetzt hatte ich Hubert, und der war sogar Architekt, da konnte doch nichts schief gehen. Er würde mir sicherlich bei allen anfallenden Problemen helfen. Außerdem konnte er zu mir ziehen und wir waren alle zusammen. Mein Traum von einer funktionierenden Familie könnte nun doch noch wahr werden… So bekam ich dann bei der Scheidung das ganze Haus zugesprochen. Es war mir schon sehr eigenartig dabei zumute, wirklich gefreut habe ich mich nicht.
 
Mein Haus

Wir fingen an, dieses Haus zu renovieren, und da Hubert vom Fach war, dachte ich, dass wir das alles allein schaffen. Kurze Zeit, nachdem wir mit der Arbeit angefangen hatten, merkte ich, dass Hubert wieder trank. Das warf mich fast um. Meine Bedenken wischte ich allerdings beiseite und mein Kopf wollte wie immer durch die Wand. Natürlich schafften wir die Renovierung nicht allein und fanden jemanden, der uns beim Streichen half. Vor Weihnachten zogen wir in unser neues altes Haus ein: Hubert, Konstantin und ich. Weihnachten feierten wir mit unseren Eltern, es sah alles wunderbar nach außen aus. Nur ich wusste, dass Hubert wieder unter Stoff stand. Er war ein richtiger Spiegeltrinker, er brauchte seinen Stoff, wie das Auto Benzin. Man merkte ihm meistens kaum etwas an, nur ich roch es und merkte, wie er immer nachlässiger in allen täglichen Angelegenheiten wurde. Ich lief nur noch schnüffelnd durch die Gegend und stellte ihn zur Rede. Es half alles nichts. Das kannte ich auch von mir! Nur in diesem Fall wollte ich es nicht akzeptieren.

So ging ich dann auch in die Alanon-Gruppe für Angehörige. Manchmal stand ich da und wusste nicht, in welche Gruppe gehe ich dann jetzt: in die AA oder in die Angehörigengruppe? Manchmal war die Entscheidung schwer, zumal beide Gruppen im gleichen Ort zur gleichen Zeit ihre Treffen hatten. Eines war mir ziemlich schnell klar: Der Alkoholiker hat seinen Alkohol und der Angehörige seinen Alkoholiker. In beiden Fällen ging es darum, sich nicht mit sich selbst und seinen eigenen Schwierigkeiten und Emotionen zu beschäftigen…

Ich hatte jetzt meine neue Droge: Hubert! Mit ihm bekam ich ein Tagesprogramm, das wunderbar von mir ablenkte. Ich wollte ihm helfen, nur war es eigentlich so, dass er mir half, denn bis dahin sah ich mich zumeist als Opfer. Nun erlebte ich hautnah, wie es für Angehörige ist, mit einem solchen Menschen zusammenzuleben. Es war wie in einem Film, in dem ich mir selber zuschaute. Allerdings war ich bestimmt in früheren Zeiten noch viel schlimmer auszuhalten gewesen. Bei Hubert merkte man nur den Geruch und dann, dass er alles immer mehr schleifen ließ. Einige Monate später sperrte das Finanzamt seine Konten, er verlor seine Arbeit und war noch nicht einmal mehr in einer Krankenkasse angemeldet. Da er vorher privat versichert war, wurde es schwierig, ihn wieder zu versichern. Der Gerichtsvollzieher war ständiger Gast in unserem Haus, es war ein einziges Fiasko. Zum Glück bekam ich noch ein paar Monate Unterhalt, und für Hubert schickte mir seine Mutter regelmäßig Geld. Da er selbstständig war und viele Unterlagen verschlampt hatte, bekam er weder Arbeitslosengeld noch irgendetwas vom Sozialamt. Als gar nichts mehr ging, verschwand er für drei Monate in einer Entzugsklinik, die er aber nur als Versteck benutzte. Unsere Beziehung war schon längst keine mehr. Er ging lieber mit Wodka ins Bett, als mit mir. So ähnlich hatte ich es früher in meiner Ehe mit Tabletten gemacht.

Mir fielen viele „Sünden“ von mir ein und ich dachte wie schon öfter in meinem Leben: Man bekommt alles wieder, was man selber ausgeteilt hat – wie einen Ball, den man an eine Hauswand schmeißt, so wieder zurückkommt, wie man ihn geworfen hatte. Ich brauchte gar keine anderen Leben, ich bekam vieles schon in diesem Leben zurück. Die große Gefahr für einen Partner, der auch süchtig ist, ist die, dass man sich verführen lässt und rückfällig wird. Bei mir hatte das genau den gegenteiligen Effekt. Ich sah zunehmend mehr, was das für ein jämmerliches Leben ist und lernte, wenngleich langsam und mühevoll, mich meinen Problemen zu stellen.

So wollte ich nicht mehr leben! Es gab aber auch Tage, da weinte ich stundenlang, denn so hatte ich mir unsere Partnerschaft nicht vorgestellt, zumal ich sehr verliebt in Hubert war. Mein Unterhalt lief aus und ich musste unbedingt eine Tätigkeit finden, von der ich leben konnte. Inzwischen hatte ich einen Lehrgang zur Seminarleiterin für Trennkost im Vogelsberg absolviert, aber das war eine selbstständige Tätigkeit, die nicht viel einbrachte. Es machte Spaß, mit Übergewichtigen in Gruppen zu arbeiten, aber das war einfach zu wenig. Wieder in einer Klinik zu arbeiten, konnte ich abhaken. Inzwischen war ich zu lange aus meinem Beruf raus, und außerdem wurde inzwischen zunehmend an Diätassistentinnen gespart. Ich hatte mich im Umkreis von Usingen überall beworben und bekam keine Stelle. Also musste ich etwas anderes lernen.

Ich absolvierte einen Computerkurs und bewarb mich als Büroangestellte. Wenn Hubert und Konstantin stundenlang am Computer saßen, konnte ich das nie verstehen, was man da so lange machen konnte. Jetzt lernte ich es und Hubert brachte mir noch einiges Wissen für eine Bürotätigkeit bei. So etwas konnte er prima, einem etwas zeigen, auch Konstantin war von seiner umgänglichen Art sehr angetan. Das konnte er gut, aber ja keine Verpflichtung eingehen und sich etwas länger anstrengen… Irgendwoher kannte ich das doch?

Schließlich bekam ich tatsächlich bei einer Versicherung einen Job. Allerdings war der sehr weit von uns entfernt, in der Nähe von Frankfurt, und wir wohnten im Hintertaunus in Grävenwiesbach. Zuerst fuhr ich mit dem Auto, dann pendelte sich die Fahrt mit der Taunusbahn ein. Ich war etwa 3-4 Stunden täglich unterwegs – für vier Stunden Arbeit! Mit mir fingen einige neue Mitarbeiter an, und so wurden wir ein halbes Jahr in allen möglichen Bereichen der Versicherungsbranche unterrichtet. Ich war in der Schadensaufnahme und musste Fahrzeugschäden telefonisch aufnehmen. Anfangs war das für mich ganz schön schwierig. Außer in einem Küchenbüro war mir alles an der Bürotätigkeit fremd, und immerhin war ich fast fünfzig Jahre alt geworden, und nun noch mal etwas ganz anderes tun…

Wenn ich morgens im Zug saß, brabbelte ich ständig vor mich hin: Du schaffst das! Du schaffst das. Ich redete mir dauernd gut zu, ich musste es schaffen, sonst hätte ich kein Geld mehr. Und tatsächlich, es lief immer besser, es machte sogar zunehmend Spaß. Wenn ich dann im Zug nach Hause saß, ruhte ich mich erst einmal aus, und je näher ich unserem Zuhause kam, umso mulmiger wurde mir. Ich bekam manchmal richtig Bauchschmerzen. Was erwartete mich wieder zu Hause? Ich war in ständiger Unruhe, denn irgendetwas hatte Hubert immer angestellt. Entweder das ganze Haus war von unten bis oben total verqualmt, ohne dass irgendwann einmal das Fenster aufgemacht worden war, oder ich kam und alles stand offen – die Haustür, Terrassentür – und er saß vor dem Fernseher und störte sich überhaupt nicht daran. Manchmal standen die Türen offen, er lag im Bett und der Fernseher lief. Konstantin war bei Freunden, saß am Computer oder mit Hubert vor dem Fernseher. Die beiden verstanden sich meist gut. Mit Konstantin am Computer sitzen, ihm irgendwas erklären, das konnte er, aber berufliche Aktivitäten ließ er total schleifen. Meist waren abends im Briefkasten Briefe, die ihn überhaupt nicht interessierten und die nie geöffnet wurden. Ab und zu bewarb er sich mal wieder in einem Architekturbüro, doch das war immer zum Scheitern verurteilt, denn ein paar Tage später kam die Absage, da er nun mal bei der Schufa registriert war.

Einmal bin ich selbst nach Bad Homburg zum Finanzamt gefahren und habe richtig laut meine Meinung gesagt. Warum musste alles, was Hubert verdiente, gleich gepfändet werden? So bekam er nie einen Job! Wäre seine Mutter nicht gewesen, hätte es mit unseren Finanzen schlecht ausgesehen, denn mein kleiner Verdienst reichte hinten und vorne nicht. Es gab auch Tage, da kam ich nach Hause und Hubert hatte den Tisch gedeckt und etwas Leckeres gekocht. Ich wollte aber ganz was anderes: Ich wollte, dass er endlich trocken und sein Leben voll in die Hand nehmen würde! Stattdessen musste ich mich ständig mit diesen Unzuverlässigkeiten herumärgern.

Es waren ein paar furchtbare Jahre, die mich sehr viel Kraft kosteten, aber ich war nicht allein. Oft sagte ich: „Es reicht mir, ich ziehe zu meiner Mutter, lasst mich alle mal in Ruhe!“ Dass diese Ausbrüche bei meinen Kindern nicht gut ankamen, ist klar, aber manchmal konnte ich einfach nicht mehr. Dass ich dann tatsächlich später wieder in mein Elternhaus einziehen würde, zu meiner Mutter, hätte ich allerdings damals nicht geglaubt. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis, ich war alle paar Monate für zwei bis vier Tage bei ihr, doch wieder zu ihr zu ziehen, das hätte ich mir nie träumen lassen! Man soll eben nicht einfach Dinge denken oder sagen, die man nicht will, sie könnten Wirklichkeit werden! Ich habe es bei mir erlebt und auch in meiner Umgebung beobachtet.

Eines lernte ich in dieser Zeit auch: Ich dachte immer, ohne männlichen Partner kann ich nicht existieren, so als wenn ich selbst nicht genug wäre und jemanden an meiner Seite bräuchte, um überhaupt da sein zu können… Mit Hubert hatte ich zwar einen Mann an meiner Seite, aber einen, auf den ich mich null verlassen konnte. Allmählich lernte ich, dass ich die meisten Dinge wunderbar alleine hinbekam – sogar Hecken schneiden, das Gesträuch mit meinem kleinen Auto wegbringen, Fenster streichen, kurz alles, was es so im Haus zu erledigen gab, lernte ich nach und nach alleine zu machen.

Und irgendwann hatte ich die Nase von ihm gestrichen voll. So wollte ich nicht mehr. Ich stellte Hubert vor die Wahl: „Entweder du machst jetzt endgültig eine Therapie, oder aber du ziehst aus!“ Dass ich mich freiwillig von einem Mann trennen wollte, das war nun wirklich ein totaler Fortschritt, und dass ich mal sagte: „Jetzt ist aber Schluss!“ Kurz vor diesem Ultimatum hatte ich Hubert schon einmal so weit, dass er mit zu Cooper ging. Ich dachte, wenn einer ihm helfen kann, dann er. Nach langem Hin und Her erklärte sich Cooper bereit, ihn in seine Therapiegruppe aufzunehmen, denn es war nicht üblich, dass ein Paar bei dem gleichen Therapeuten behandelt wurde. Leider kam es nicht dazu, weil Cooper plötzlich verstorben ist. Ich konnte es nicht fassen. Wie sollte das jetzt weitergehen? Ich bekam richtig Angst, denn er war mehrere Jahre lang mein Begleiter und viele Lebensweisheiten und Lebensschritte habe ich durch ihn gelernt. Nach dem ersten Schock sage ich mir aber, dass er mir so viel beigebracht, so viel Handwerkszeug an die Hand gegeben hat, dass ich es jetzt eigentlich allein schaffen musste. Nur mit Hubert war wieder nichts. Und um einen anderen Therapeuten hat er sich nicht bemüht, auch in die Meetings ging er schon lange nicht mehr. Und dann hatte ich die Nase gestrichen voll, ich stellte ihn vor die Wahl: entweder, oder! Es war ein so netter und toller Mann, gut aussehend und intelligent, aber er wollte sich systematisch zerstören, und das wollte ich schon lange nicht mehr. Es heißt: „Ein Nichtschwimmer kann keinen Ertrinkenden retten, und ich war noch längst kein Schwimmer. Ich hielt mit äußerster Anstrengung meinen Kopf über Wasser, und jemand, der mich ständig wieder unter Wasser ziehen wollte, wäre im wahrsten Sinne des Wortes tödlich gewesen. Ich musste mich von ihm trennen.

In der darauffolgenden Nacht ist Hubert verschwunden, nur mit ein paar Sachen und seinem alten Auto. Als ich seine Nachricht auf dem Tisch liegen sah und sie gelesen hatte, wurde es mir richtig schlecht. Jetzt war er weg und ich wieder allein. Zudem hatte er seine gesamten Möbel, Büro- und Architekturutensilien in meinem Haus gelassen. Ich setzte mich erstmal hin und überlegte fieberhaft. Mein Kopf lief mal wieder auf Hochtouren und bastelte an einem fertigen Konzept für die nächsten Jahre. So machte ich das immer, bzw. mein eingebauter Computer. Er ließ sich einfach nicht abstellen.

Konstantin stand auf, musste in die Schule und war sehr traurig über die Nachricht, dass Hubert weg war. Nun waren wir drei, Konstantin, Bernie und ich allein in dem Haus. Das war schon ein etwas eigenartiges Gefühl. Auch wenn ich mich auf Hubert nicht verlassen konnte und er mich eine Menge Kraft gekostet hatte, er war da. Nun war er weg.
Jetzt musste ich mich um das Essenkochen wieder allein kümmern, das hatte er meist übernommen. Konstantin war sehr häuslich und half mir viel, vor allem kümmerte er sich um Bernie. Glücklicherweise hatte ich mit ihm keine größeren Probleme. Er war nach wie vor der größte Motor in meinem Leben, dass ich nicht wieder umfiel. Ich habe später oft gesagt und das tue ich auch noch heute: „Der liebe Gott hat mir den Konstantin geschickt, damit er mir helfen sollte.“ Seine Anwesenheit war das Allerwichtigste für mich. Ohne ihn wäre ich heute nicht mehr am Leben. Bei Melanie hatte es noch nicht geklappt, sie wurde von meiner Mutter großgezogen, doch Konstantin hatte ich allein. Manchmal, wenn die Streitereien zu viel mit Michael oder später Hubert wurden, habe ich gedacht, Konstantin müsste in eine funktionierende Familie. Wie sollte er ein richtiges Miteinander lernen, wenn es meist nur Streit in der Familie gab, wie bei mir mit meinen Eltern und Beziehungen? Für einen Beruf lernt man in der Schule, man studiert und besucht auch später Lehrgänge oder Seminare. Wie man eine harmonische Partnerschaft führt, lernt man dagegen leider auf keiner Schule. Da werden viele unglückliche Beziehungsbeispiele der Eltern als Vorbilder übernommen, und auch die nächste Generation übernimmt die Fehler und führt sie weiter. Hat dann ein Mensch extreme Probleme, bleibt nur die therapeutische Aufarbeitung. Warum gibt es nicht in der Schule Psychologie und ein Fach wie „praktische Lebensführung“ o.ä.? Eigentlich schade, denn die meisten Fehler werden in jungen Jahren in der Erziehung im elterlichen Umfeld gemacht. Wie heißt es so schön: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Worauf ich bei meinen Kindern wirklich achtete, war, ihre Selbstständigkeit zu fördern, das war ja bei mir das Hauptproblem gewesen. Meine Kinder sollten sich später gut in der Gesellschaft integrieren und keine ständige Angst vor fremden Menschen haben. Melanie lebte inzwischen allein und kam nur hin und wieder zu Besuch. Sie hatte ihr Abitur absolviert und machte immer noch intensiv Leichtathletik. Da bewunderte ich nach wie vor ihr Durchhaltevermögen und ständige Bereitschaft, durch Training ihre Leistungen zu verbessern. Konstantin spielte Fußball und ging gerne wandern, natürlich mit Hund, doch zu intensiveren sportlichen Aktivitäten hatte er keine Lust. Ich habe zwei tolle Kinder, die mir auf sonderliche Weise geschenkt worden waren.

Trotzdem ich mir alle erdenkliche Mühe gab, war ich sicher nicht die Mutter, die sich Kinder vorstellen. Meine Kinder waren mein Leben, nur dieses liebevolle Umhüten und Pflegen, das konnte ich nicht gut, und vor allem konnte ich mit ihnen nicht spielen. Wenn es wirklich nicht zu umgehen war, setzte ich mich mal dazu und spielte irgendwelche Gesellschaftsspiele mit, beispielsweise „Mensch ärgere dich nicht“ oder ein Kartenspiel. Doch Spaß machte es mir nie – warum, ich weiß es nicht. Es war eben – wie alles in meinem Leben – vieles anstrengend, schwer und ohne Freude. Selbst da war ich froh, wenn so ein Spiel zu Ende war. Immer dieses Weglaufenwollen, mich selten in einer Situation wirklich wohlzufühlen…

Gerne ging ich mit Konstantin und Bernie laufen, vor allem im Wald. Da erzählte ich oft irgendwelche Geschichten, die mir spontan einfielen, über einen Baum, über Tiere oder Märchenfiguren. Die Achtsamkeit für das, was ich gerade tat, ging mir meist abhanden. Das, was Frauen nachgesagt wird, dass sie viele Dinge auf einmal tun können, wie z.B. im Topf rühren, dabei telefonieren, dem Kind dabei antworten, mit dem Bein die Klappe vom Herd zudrücken, vielleicht noch aus dem Fenster schauen und natürlich im Kopf komplizierteste Vorgänge abwickeln, diese innere Ruhe kannte ich nicht. Vielleicht konnte ich deshalb auch nicht schlafen, und mein äußeres Leben veränderte sich ja auch ständig und hielt mich auf Trab.

Seit Konstantins Geburt nahm ich regelmäßig tagsüber ein paar Milligramm Valium zu mir, und abends etwas zum Schlafen. Ich passte höllisch auf, dass ich die Dosis nicht erhöhte. Bei Ausnahmesituationen, in denen ich durch irgendeine zusätzliche Belastung die doppelte Menge nahm, setzte ich am nächsten Tag die Ration wieder runter. So konnte ich ganz gut leben. Nur irgendwann fand ich keinen Arzt mehr, der mir die Tabletten verschrieb. Allmählich war bekannt geworden, dass diese Medikamente nicht so harmlos waren, wie sie ursprünglich schienen, sondern schwer süchtig machten, und deshalb wurden die Ärzte vorsichtig. Jetzt hatte ich ein echtes Problem – was tun? Ich besorgte mir auf illegalem Weg Rezepte oder gleich die Tabletten. Es waren nie viel, und trotzdem bewegte ich mich auf einem gefährlichen Terrain. Ich war in einer unglaublichen Notsituation. Ich brauchte eine Minidosis Valium, bekam aber kein Rezept verschrieben. Ich hatte für meine Kinder und für mich zu funktionieren, ich konnte nicht alles einfach im Stich lassen. Es war so schon alles schwer genug, und jetzt ganz auf den Rest der Tabletten verzichten, das ging überhaupt nicht. So lief mein Leben doch in einigermaßen geordneten Bahnen. Was sollte ich aber machen? Die meisten Ärzte, die ich abklapperte, wollte mich zum Entzug in eine Klinik einweisen. Das sah ich ja überhaupt nicht ein: die paar Pillen! Da kannte ich doch ganz andere Dosen, und die ließ ich mir nicht wegnehmen! Ich sah die Ärzte damals in einer unglaublichen Machtposition. Erst sollst du ein Medikament nehmen, dann entscheiden sie, ob sie es dir verschreiben oder nicht. Man kommt sich so hilflos, so ausgeliefert als regelrechter Bittsteller vor! Ich habe später immer abgewogen bei irgendwelchen Medikamenten, die ich für eine Krankheit nehmen sollte. Gibt es das auch ohne Rezept, oder bin ich wieder auf die Willkür von Ärzten angewiesen? Dann nahm ich es nicht, und so ist es bis heute geblieben.

Diese Abhängigkeit von Ärzten und natürlich pharmazeutischen Stoffen war schrecklich grausam. Dieses eine Mittel reichte mir! Ich brauchte nie mehr noch irgendetwas an Stoffen, die mein Körper vielleicht dann auch wieder brauchen würde – und die Ärzte sagten Nein! Doch alles, was man mir an sogenannten Antidepressiva als Ausweichmedikation verschrieb, schlug mir total negativ auf die Stimmung. Ich war müde, konnte mich nicht richtig konzentrieren, stand den ganzen Tag irgendwie neben mir, und schlafen ging damit auch nicht. Inzwischen ist bekannt, dass es sehr schwer ist, die normale Nerventätigkeit wieder aufzubauen, wenn man Benzodiazepine über einen längeren Zeitraum genommen hatte. Das war wissenschaftlich erwiesen, und trotzdem sollte ich sie einfach mal so weglassen. Für mich war das wie eine regelrechte Vergewaltigung. Ich merkte doch, dass mein Köper zwar ruckzuck auf 180 war bei der geringsten Zusatzbelastung, er beruhigte sich aber nicht so wie bei normalen Menschen.
Einem Diabetiker nahm man sein Insulin auch nicht weg, und ich brauchte diese geringe Menge. Auch das war für Mediziner wieder nicht nachvollziehbar, dass ich dieses „Suchtmittel“ auf so lange Zeit dosieren konnte. Ich musste einfach funktionieren: für meine Kinder, für den Job, um Geld zu verdienen. Ich hatte keinen Partner, der mich unterstützte. Also musste ich die Tabletten irgendwo herbekommen. Jedes Mal, wenn meine Ration zu Ende ging, bekam ich regelrechte Panikattacken. Ich war kein Mensch, der kriminelle Handlungen einfach mal so machte. Ich schwitzte, konnte vor Zittern kaum stehen, das Herz schlug mir zum Hals, und trotzdem wollte ich nach außen hin cool erscheinen. Es war jedes Mal ein regelrechter Gang nach Canossa, und ich machte tausend Kreuze, wenn es wieder einmal geklappt hatte. Ärzte hatten damals schon keine Zeit mehr für einen Patienten, und wie sollte ein fremder Mensch, auch wenn er Arzt ist, in fünf bis zehn Minuten eine vernünftige Diagnose stellen bei einem Menschen, den er vorher noch nie gesehen hat? Wenn es nicht irgendeine Standarderkrankung ist, wird man zum Facharzt überwiesen, der dann auch keine Zeit hat. Manchmal kommt mir das Ganze vor wie in einem Supermarkt: „Was fehlt Ihnen? Was brauchen Sie? Was kann ich für Sie tun?“ Meist ging ich da schon mit einem Zettel hin, denn zwei Fragen zu verschiedenen Symptomen sind schon zu viel.

Meine Laboruntersuchungen waren immer gut, was sicher ein weiteres Wunder meiner außergewöhnlichen körperlichen Verfassung war – und Psyche, damit kennen sich die wenigsten Mediziner aus. Cooper war nicht mehr da, ab und zu ging ich mal zum Gespräch zu einem Therapeuten, das war aber meist nur eine sogenannte Standortbestimmung. Meine kleine Ration Valium war dann irgendwann mein Geheimnis, ich bezeichnete es für mich als ein Medikament, das mein Köper brauchte, um leben zu können. Ehrlich gesagt hatte ich es einfach satt, ständig an dieses Nichtschlafen den ganzen Tag zu denken und meine Aktivitäten davon abhängig zu machen. Es war sowieso richtig grausam, nachts neben einem Menschen zu liegen, der sich umdreht und einfach schläft. Das war mit meinen Partnern ein ständiges Dilemma. Ich hätte gern im gemeinsamen Schlafzimmer geschlafen, aber das war eine richtige Qual, dem anderen beim Schlafen zuzuhören. Das war auch ein ständiger Streitpunkt in meiner Ehe – für einen normalen Menschen schwer nachvollziehbar! Ich wurde richtig neidisch auf Menschen, die gut schlafen konnten. Beispielsweise habe ich eine Freundin, die noch nie Probleme damit gehabt hat und dann natürlich am Tag ausgeschlafen ist. Das wäre ich auch gern mal. Da konnte ich schon sauer werden. Und nun nahm ich wenigstens abends etwas zum Schlafen und hatte halbwegs meine Ruhe.

Später, an einem anderen Wohnort, hatte ich eine Hausärztin, die mir alle paar Monate ein Fläschchen verschrieb. Sie habe ich auch gefragt, ob man nicht einfach mal ein paar spezielle Untersuchungen vornehmen könnte, um klinisch festzustellen, dass mein Nervensystem irreversibel geschädigt sei und es inzwischen nicht mehr ohne diese Medikation ging. Ich hatte im Fernsehen von solchen Untersuchungsmethoden gehört. Sie lachte nur und meinte, das wäre nur zu Forschungszwecken, ein normaler Kassenpatient habe da keine Chance.

Wirklich schlimm war für mich auch, wenn es mir mal richtig mies ging. Trotz Valium zu wenig Schlaf, tagsüber zu viel Stress oder eine Einladung, von der ich nicht wusste, wie sie zu bewältigen war, oder einfach nur irgendwelche Veranstaltungen, auch Elternabende in der Schule, und wenn dann jemand aus meiner nahen Umgebung mir an den Kopf knallte: „Hast du wieder was geschluckt?“ Dann bin ich jedes Mal fast verzweifelt. Hätte ich mich vollgestopft wie früher, wäre ich relaxter gewesen, hätte besser funktioniert und nach außen hin eine tolle Fassade gehabt. Genau das tat ich aber schon lange nicht mehr, nur meine dosierte Menge, und wenn die mal nicht half, gab es nichts mehr. Das war meine Entscheidung, und wenn ich mich mal für etwas entschieden hatte in meinem Leben, dann war das auch so.
Leider dauerte es immer lange, bis ich mich für eine Seite entschied: so überhaupt für das Leben. Cooper sagte mal wegen meiner Höhenangst Folgendes: „Wenn Sie auf einer hohen Brücke stehen, müssen Sie sich innerhalb von Sekunden entscheiden, für oder gegen das Leben.“ Ich lebte zwar nach meinem letzten Suizidversuch schon viele Jahre, sogar mit Kindern, und mein inzwischen fester Glaube an eine höhere Macht verbot es mir, über ein weiteres Mal darüber nachzudenken, doch wirklich trauen tat ich mir nicht.

Ich hatte auf einem höheren Balkon oder Brücke oft das Gefühl, ich springe da runter. Auch an Bahnsteigen bei schnell vorbeifahrenden Zügen ging ich lieber zurück, als auszuprobieren, ob ich mich für oder gegen das Leben entschied. Es gab schon auch vieles, das mir lebenswert erschien, vor allem meine Kinder, aber es gab auch reichlich Zeiten, wo einfach alles zu schwer für mich war und ich nicht böse gewesen wäre, wenn dieser Kampf endlich ein Ende gehabt hätte. Doch es sollte noch nicht sein, das hatte ich begriffen.

Oft schaute ich mir Filme an über Menschen, die eine schlimme körperliche Krankheit hatten, ständig Schmerzen ertragen mussten, nicht laufen konnten, blind waren oder in furchtbaren Lebensumständen lebten, dann war ich immer richtig glücklich über mein Leben, da ging es mir doch gut. Es war ja unterm Strich nicht schlecht, wenn nur diese ewige Schwere nicht gewesen wäre. Das Leben als Last und nicht als Freude. Ich musste leben und manchmal in extremen Grenzsituationen, da konnte ich plötzlich für mein Leben kämpfen, also wollte ich doch leben.

Von all diesen inneren Konflikten bekam meine Außenwelt nicht allzu viel mit. Manchmal ging ich sicher meinen Kindern auf die Nerven, wenn ich wieder dies oder jenes nicht konnte oder wollte. Als sie klein waren, konnte ich mehr verstecken, das war im Erwachsenenalter wesentlich schwieriger. Es gab schon auch Situationen, in denen ich gegen mein besseres Wissen oder Wollen meine Kinder mit meinen Schwächen regelrecht erpresste, so wie es meine Mutter auch getan hatte. Niemals wollte ich so etwas tun und tat es doch. Einmal wollte ich, dass Melanie für mich jemanden anrufen sollte, weil der Betreffende sich nicht meldete. Sie tat es aber nicht, sondern stand an ihrem ersten kleinen Auto und putzte es. Ich war völlig verdreht, rannte raus, an ihr vorbei und sagte lautstark zu ihr: „Es hat sowieso alles keinen Wert, ich setze mich jetzt in mein Auto und fahre am besten gegen einen Baum!“

Melanie schaute mich traurig, aber auch bestimmt an und erwiderte: „Wenn du meinst, dann musst du das machen.“
Das war eine unglaublich coole Reaktion, die mich spätestens im Auto wieder völlig auf den Boden holte. Ich begriff schlagartig, was ich mal wieder für einen Mist verzapft hatte und fuhr zurück. Völlig kleinlaut habe ich mich bei Melanie entschuldigt und nie mehr so eine Äußerung verlauten lassen.

Etwas Ähnliches passierte mal mit Konstantin. Ich hatte manchmal die blöde Angewohnheit, ebenfalls wie meine Mutter, und ballerte meinen Sohn mit irgendwelchen Problemen zu. Meist waren das Unstimmigkeiten mit seinem Vater. Zu Hause verdrückte er sich meist, wenn ich damit anfing. Einmal jedoch saß er hinten im Auto und ich redete mich beim Fahren so richtig in Rage. Plötzlich sagte der kleine Kerl: „Mama, kannst du damit nicht mal aufhören, ich bin doch ein kleines Kind und verstehe gar nichts davon.“

Das schlug ein wie eine Bombe und ich war schlagartig still und habe ihn nie mehr so belastet. Mir war das jedes Mal klar, was ich da machte, trotzdem konnte ich damit nicht aufhören, es war wie ein Zwang, bis sie mir Grenzen setzten, dann war Ruhe, auch innerlich.

Konstantin schickte ich mit vierzehn Jahren zu seinem Vater, da ich der Meinung war, dass es sicher gut wäre, in dem Alter ständig eine männliche Bezugsperson zu haben. Außerdem merkte ich, dass er sehr auf seine Mutter bedacht war, und ich wollte nicht, dass er sich zu sehr auf mich fixierte, statt auf sein Leben.

Nun war ich ganz allein in dem Haus. Bernie blieb bei mir, da Konstantin ihn nicht mit zu seinem Vater nehmen durfte. Das war natürlich keine leichte Angelegenheit, denn ich arbeitete inzwischen länger und war meist 10 Stunden unterwegs. So musste ich vor der Arbeit und hinterher mit dem Hund laufen und war ständig unter Anspannung, dass er sein Geschäft in dieser Zeit erledigte, und dachte auch bei der Arbeit oft an ihn, weil er mir leidtat, so lange allein zu Hause sein zu müssen.

Ich versuchte jemanden zu finden, der wenigstens nachmittags mal Gassi mit ihm ging, aber Fehlanzeige. Die meisten Menschen tun hilfsbereit und freundlich, aber wenn es dann darauf ankommt, ist plötzlich keiner bereit. Eine Nachbarin holte ihn ab und zu und ich war ihr unglaublich dankbar – und Bernie sicher auch.

Mit der Zeit überlegte ich, das Haus zu verkaufen. Was sollte ich allein in einem Haus mit Garten? Das musste sauber gemacht, der Garten in Schuss gebracht werden, und so viele Zimmer brauchte ich nicht, zumal ein Haus in der Unterhaltung auch nicht unbedingt billig ist. Da muss die Heizung gewartet werden, der Schornsteinfeger kommt, Öl kaufen, Versicherungen, Wasser, Strom, Müll und irgendwelche Reparaturen, die immer wieder anfallen, und wenn man für alles einen Handwerker brauchte, waren das ständige Ausgaben.

Vermieten war auch nicht einfach, denn wenn jemand in ein kleines Einfamilienhaus zog, hatte er nicht viel Geld, und was war, wenn er dann nicht mehr bezahlen konnte? Ein Banker riet mir ab, als ich einen Kredit wollte für Reparaturen. Ich verdiente ja nicht viel und hatte eine Menge Fahrkosten, weil die Arbeitsstelle so weit entfernt war. Damals ging es schon allmählich los, dass meine Knie zunehmend Probleme wegen Arthrose bereiteten und ich ohnehin nicht mehr alles allein machen konnte. Also entschloss ich mich, zu verkaufen, da es in dem Jahr finanziell bei mir so knapp war, dass ich noch nicht mal hätte Öl kaufen können. Natürlich kamen aus meinem Verwandten- und Bekanntenkreis Stimmen: „Wie kannst du ein Haus verkaufen? Das tut man nicht.“ Nun ich tat es. Es dauerte fast ein Jahr, bis sich ein Käufer gefunden hatte.

Ich hatte in der Zwischenzeit über eine Bekannte eine recht hübsche kleine Wohnung in Eschborn gefunden, die in der Nähe meiner Arbeitsstelle lag, und vor allem zu einem fairen Preis vermietet wurde. Wochenlang vorher wurde ich morgens gegen 5.00 Uhr wach, und sofort sprang mein Computer im Kopf an und war nicht mehr abzustellen. Er ratterte und arbeitete sämtliche Variationen durch, was ich mit dem Erlös des Hauses machen sollte. Das war ja auch meine Altersversorgung, denn durch die vielen Fehlzeiten und die Familienpause waren lange Lücken in meiner Rentenberechnung entstanden, und viel verdiente ich in der Versicherung nicht, es war ja nur ein halber Tag. Da ich mich dort sehr gut eingearbeitet hatte, bot man mir nach einiger Zeit an, Akten zu bearbeiten. Das wäre ein Vollzeitjob gewesen, doch sah ich die hohen Aktenberge, die die jeweiligen Mitarbeiter zu bewältigten hatten, und das traute ich mir einfach nicht zu. Ein wenig kannte ich mich inzwischen, und wahrscheinlich hätte ich noch weniger nachts geschlafen und wäre tagsüber ins Rotieren gekommen, vor lauter Angst, nicht fertig zu werden. Das war wirklich ein ständiger Druck, und ich glaubte nicht, dass ich dafür geeignet wäre. Also, wie legte ich das Geld aus dem Hausverkauf an? Was war die sinnvollste Methode? Ein bisschen kannte ich mich ja aus.

Ich entschied mich, eine Eigentumswohnung in der Nähe von Eschborn zu kaufen. Fast jedes Wochenende war ich unterwegs und schaute mir Wohnungen an. Die einen waren zu teuer, die anderen zu klein oder zu groß. Ich wusste einfach nicht, wohin, denn Eigentum wäre wieder eine Verpflichtung gewesen und hätte bedeutet, dort auch zu bleiben, und keiner konnte mir sagen, ob der Job sicher war und vor allem, ob ich sicher war, und dann saß ich in der Nähe von Frankfurt. Da gab es für mich schönere Gegenden zum Leben, ich war nie ein Stadtmensch, ich brauchte die Natur.

So entschied ich mich, erst einmal eine kleine Wohnung zu mieten, kaufen konnte ich ja immer noch, wenn ich genau wusste, wohin. Ich setzte mich mit meiner ehemaligen Führungskraft vom Wirtschaftsdienst in Verbindung und wir überlegten, wie ich das Geld am sinnvollsten anlegte. Ich entschied mich für eine gute Verteilung in Fonds, die ich jederzeit kündigen konnte und von denen ich eine monatliche Auszahlung bekommen würde, zusätzlich zu meinem Lebensunterhalt.

Einen Tag nach der Überschreibung des Hauses beim Notar wollte ich zu meiner neuen Wohnung fahren und Konstantin mitnehmen. Ich holte ihn öfters bei seinem Vater ab, so auch an diesem Tag. Jetzt aber stand mein Sohn mit Sack und Pack auf der Straße und wollte wieder bei mir leben. Mit der neuen Familiensituation bei seinem Vater kam er nicht klar. Er war nicht umzustimmen. Was jetzt manchen? Ich hatte nur eine kleine Wohnung, da konnte ich unmöglich mit Konstantin zusammenleben, und in eine Frankfurter Schule wollte ich ihn auch nicht schicken. Hätte er sich das nicht ein paar