Die ersten Jahre

Am 2. Januar 1948 wurde ich in Witzenhausen geboren. Ich war ein Achtmonatskind mit gerade mal knapp vier Pfund Gewicht. Meine Mutter war eine Bodentreppe hinuntergefallen, anschließend ging die Geburt los. Zu damaliger Zeit war eine Frühgeburt oft ein Todesurteil. Es gab noch keine Brutkästen, die medizinische Versorgung bei Frühgeborenen war einfach noch nicht so weit wie heute. Außerdem herrschte Nachkriegszeit, wo es ohnehin an allem Nötigen fehlte. Bei meiner Mutter kam noch hinzu, dass sie ein paar Monate zuvor von einem Pferd in die Brust gebissen worden war und dann nach meiner Geburt keine Milch für mich hatte. Ein vergleichbares Milchprodukt war nur über Beziehungen auf dem Schwarzmarkt zu erhalten. Zum Glück hatte die Schwägerin meiner Mutter, meine Patentante, zur gleichen Zeit ein Baby – meinen Cousin, und so bekam ich regelmäßig von ihrer Muttermilch etwas ab. Ich hatte also eine richtige Amme. Trotz allem machte der Arzt meiner Mutter nicht viel Hoffnung, er gab mir eine Überlebenschance von vierzehn Tagen. Doch niemand hatte mit meinem starken Willen gerechnet, ich war von Anfang an richtig zäh! Als mein Vater mich das erste Mal sah, sagte er doch glatt: „Ist die aber hässlich, und eine schiefe Nase hat sie auch! Bleibt das denn so?“

Vielleicht bekommen Babys tatsächlich alles aus ihrer Umgebung mit, denn ich habe mich als Kind, und später als Jugendlicher, immer hässlich gefühlt. Früh schon träumte ich davon, Geld zu verdienen und meine Nase operieren zu lassen. Wenn ich mir heute Bilder von damals anschaue, bin ich ganz erstaunt, denn hässlich kann ich mich nicht gerade finden. Als Kind war es aber ganz schlimm. Vielleicht habe ich tatsächlich als Baby meinen Vater gehört.
Meine Eltern wohnten damals auf dem Hof, eine alte Mühle, wo meine Mutter geboren worden war und den ihr Bruder mit seiner Familie bewohnte und bewirtschaftete. Außerdem gab es noch ein älteres Ehepaar ohne Kinder, bei denen ich bis in meine späte Jugend viel Zeit verbrachte. Meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, lebte ebenfalls in dem Bauernhaus. Sie war damals schon schwer an Gicht und Rheuma erkrankt, sodass sie kaum noch bei der anfallenden Arbeit auf dem Hof mithelfen konnte, aber sie beaufsichtigte mich, wenn meine Mutter nicht da war. Man erzählte mir später, dass meine Oma mich mit ihren verkrüppelten Händen nicht aus dem Bettchen oder Stubenwagen heben konnte und sie es deshalb mit ihren Zähnen gemacht hat. Ich kann mich daran nicht erinnern. Doch wenn ich mir vorstelle, dass eine alte Frau mit dem Kopf auf mich zukam und mit ihren Zähnen zufasste… – da kann ich mir gut vorstellen, dass so ein kleines Baby richtig Angst bekommen kann. Da wusste ich doch nicht um die Gründe, und später hatte ich immer Angst vor großen Hunden, ich würde gefressen – sogar heute noch.

Mein Vater war für damalige Auffassung hier in diesem kleinen Dorf ein richtiger Ausländer. Er kam ein Jahr vor meiner Geburt aus amerikanischer Gefangenschaft mit einem alten Fahrrad angeradelt, das er als Andenken sehr lange aufgehoben hat und das ich mir später oft ehrfürchtig angeschaut habe. Er war im Spreewald, in der Nähe von Cottbus zu Hause. Kein Mensch hier in dem kleinen Ort hatte jemals vom Spreewald gehört. Mein Vater war Sorbe oder Wende und konnte auch diese Sprache sprechen, wovon niemand etwas in Witzenhausen verstand, und somit begegnete man ihm vorsichtig. Nur meine Mutter hatte sich wohl zu nah an ihn rangetraut, sonst wäre ich wohl kaum so schnell entstanden.

Mein Vater arbeitete damals bei der Polizei und meine Mutter in der hiesigen Molkerei. Die Tochter der Molkereibesitzer war mit einem Bruder meiner Mutter verheiratet, und somit waren wir mit dem Eigentümer sogar verwandt, die Tochter war sogar meine Patentante. In damaliger Zeit war das ein großes Glück, denn der gute Onkel Schäfer, wie man den Molkereibesitzer nannte, war recht gut bemittelt, und meine Mutter bekam auch für mich über ihn eine spezielle Nahrung. Auf alle Fälle blieb ich am Leben und bin es heute mit 62 Jahren immer noch. Wie sagt man? Eine Katze hat sieben Leben. Ich hatte sicher auch einige, denn es gab mehrere Situationen, wo ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin. Ich muss einen sehr fleißigen Schutzengel haben!

Meine Eltern zogen von dem Hof in eine kleine Wohnung auf einem benachbarten Hof. Dort mussten wir nach kurzer Zeit auch wieder ausziehen, dann ging es in eine kleine Wohnung über einer Schreinerei. Da war ich etwa vier oder fünf Jahre alt, denn an diese Wohnung kann ich mich noch erinnern: Eine kleine Küche mit angrenzendem Wohnzimmer, und über einen riesigen, sehr kalten Flur ging man zum Schlafzimmer meiner Eltern, wo auch mein Bett mit drinstand. Auf diesem Flur wohnte noch eine andere Familie mit mehreren Kindern, die immer sehr laut schrien oder tobten. Die Toilette war draußen in einer Scheune, natürlich ohne Heizung. Meine Mutter erzählte, dass es dort recht unheimlich und sehr kalt war, dass sogar Ratten umhersprangen und sie nie gerne auf dieses Klo ging und deshalb sogar Blasenprobleme bekommen hatte. In der Wohnung selbst war es oft recht laut, wenn in der Schreinerei mit Maschinen gearbeitet wurde.

Erinnern kann ich mich auch noch, dass ich damals schon von den benachbarten Kindern ferngehalten wurde. Kindergarten gab es natürlich noch keinen, trotzdem hatte ich mich wohl beim Spielen mit irgendeinem Kind mit Keuchhusten angesteckt. Das muss sehr schlimm gewesen sein, denn danach wurde ich noch mehr von Kindern ferngehalten – aus Angst, ich könne mich mit irgendeiner Krankheit anstecken.

Ein paar Begebenheiten sind mir von dort noch in Erinnerung: Einmal saßen wir mit einem sehr großen Mann, der bei der Polizei arbeitete, in dem kleinen Wohnzimmer. Zwischen meinem Vater und ihm gab es eine reichlich laute Unterredung, dann stand dieser Mann auf und ging. Mein Vater begab sich daraufhin in die angrenzende Küche, holte Geschirr aus dem Schrank und schmiss alles laut schreiend auf den Boden: ein ohrenbetäubender Krach mit zusätzlichem Geheul und Gebrüll meiner Mutter! Ich wusste gar nicht, was plötzlich los war, und hatte nur furchtbare Angst, und dann waren beide verschwunden und ich inmitten des kaputten Geschirrs allein. Weiter kann ich mich nicht erinnern. Später hat mir meine Mutter erzählt, dass man damals meinen Vater bei der Polizei entlassen hatte, weil er in der Hitlerzeit in der Partei war. Nun war mein Vater ohne Arbeit, und Ersparnisse hatten meine Eltern nicht, denn mein Vater kam ja nach dem Krieg ohne alles aus der Gefangenschaft.

Nach der Kündigung arbeitete er als Milchpulververkäufer in der Molkerei und war oft den ganzen Tag und die halbe Nacht unterwegs, weil er mit dem Zug bis nach Frankfurt – ungefähr 200 km – fahren musste. Dann fand er eine Arbeitsstelle in Göttingen in einem Sanitärgroßhandel, wo er auch einen Firmenwagen bekam – allerdings konnte mein Vater damals noch kein Auto fahren, nur Motorrad. Eines Tages stand er mit einem VW-Käfer auf dem Hof der Schreinerei, und meine Mutter und ich fuhren mit ihm mit, er musste Auto fahren üben. Ich weiß noch, wie meine Mutter immer „Vorsicht“ rief und mein Vater ziemlich holperig fuhr. Ich fand das natürlich toll, obwohl mir nicht ganz wohl bei der Hopserei war, denn so richtig fahren konnte er nicht. Bei dieser Firma blieb er viele Jahre und ich bekam auch ab und zu ein kleines Geschenk.

Einmal kam mein Vater nach Hause und brachte mir ein großes Paket mit. Ich sollte es auspacken und war furchtbar aufgeregt. Es kam eine dunkelrote Nicki-Jacke mit Pelzimitat zum Vorschein. „Das ist ja die Weihnachtsmannjacke!“, jubelte ich voller Überraschung! Ein paar Wochen zuvor in der Weihnachtszeit war ich mit meinen Eltern in Kassel gewesen. Ein unvergessliches Erlebnis. Alle Geschäfte waren mit Tausenden Lichtern geschmückt. So ein Lichtermeer habe ich nie wieder gesehen. Richtige Figuren kamen da an den großen Häusern zum Vorschein. Licht, Licht, Licht ohne Ende, Strom war damals billig. Und einen Weihnachtsmarkt gab es auch, und dort war der Weihnachtsmann, der mich ansprach. Vor lauter Schreck konnte ich kaum meinen Namen sagen. Dieses Erlebnis hatte ich nie vergessen, und dann bekam ich auch noch eine Jacke, die genauso aussah, wie die vom Weihnachtsmann aus Kassel. Das war eine riesengroße Freude, und ich liebte meinen Vater damals sehr.

Unsere Wohnung war auf längere Zeit nicht das Wahre und meine Eltern entschlossen sich, ein Haus zu bauen. Das Grundstück bekam meine Mutter unweit vom elterlichen Hof von ihrem Bruder, und so bauten meine Eltern, obwohl sie nun wirklich nicht viel Geld besaßen, aber diese Umzieherei… und ständig gab es irgendwelche Probleme in den jeweiligen Wohnungen, das wollten sie nicht mehr.

Es wurde ein kleines Häuschen, das am Anfang sogar nur unten richtig ausgebaut war. Wenn ich mir heute überlege, wie wir damals zu dritt im unteren Teil gewohnt haben, das war schon sehr beengt. Später zogen zwei ältere Leute in die obere Etage. Das Geld zum Ausbauen bekam mein Vater von Onkel Gustav, dem Inhaber der Molkerei. Damals gab es nicht so viele Wohnungen wie heute. Es war ein sehr kleines Dörfchen und für die Arbeiter der Molkerei musste Wohnraum geschaffen werden.

Heizung gab es damals auch noch keine, und die Winter waren bitterkalt… Meine Eltern mussten jeden Tag Holz und Kohle reinholen und die Öfen, die überall standen, beheizen. Zweimal im Jahr kam eine Fuhre Holz und Kohle, die auf den Weg abgeladen wurden, und wir mussten alles in einen Holzschuppen hinter dem Haus bringen. Diese Tage hasste ich fürchterlich. Am liebsten wäre ich umgedreht, wenn ich den Haufen vor der Tür sah, als ich aus der Schule kam, denn natürlich musste ich mithelfen. Es war eine regelrechte Schinderei, bis alles an Ort und Stelle war. Das Holz wurde richtig geschichtet, und wenn man es falsch machte, flog der ganze Stapel um und man fing wieder von vorne an. Im Haus selbst und bei der Hausarbeit brauchte ich nicht zu helfen – im Gegenteil, meine Mutter ließ mich überhaupt nichts tun, sie dachte immer, ich würde etwas kaputt machen, es eben nicht richtig können. Damals wurde der Satz geboren: „Lass das, du kannst das nicht!“ Dieser Satz hat mich mein Leben lang begleitet.

Leider habe ich mir immer solche Sprüche zu sehr zu Herzen genommen, andere Kinder hätten vielleicht gesagt, lass die doch reden! Aber ich war eben „brav“, wie meine Mutter häufig betonte. Außer Schulaufgaben hatte ich nicht viel zu tun. Meine Mutter bewirtschaftete einen großen Garten, in dem es sämtliches Gemüse gab, das wir benötigten. Der Garten war ihre Lieblingsbeschäftigung, sie kam ja auch aus der Landwirtschaft. Der Hof war einige Meter entfernt, durch den Tunnel einer Eisenbahnbrücke erreichbar. Unser Haus liegt sehr nahe am Bahndamm. Früher war das nicht störend, da es ja noch nicht so viele Züge gab, wie heute, allerdings waren das noch Dampfloks und somit recht geräuschvoll. Ich kannte es nicht anders, mich haben die Züge nie gestört – im Gegenteil, ich fand das immer ganz spannend.

Auf dem Hof lebten vier Cousins von mir, und auf der anderen Seite unseres Hauses lebte noch ein Bruder meiner Mutter mit seiner Familie: auch noch mal drei Cousins. Dieser Bruder war Schreiner und hatte seine Schreinerei direkt neben unserem Haus. Ich war also eingerahmt von lauter Jungs. Als Kind schaute ich oft sehnsüchtig nach rechts oder links und hab mir immer ausgemalt, wie schön das Familienleben dort sein musste mit soviel Kindern, ich war halt immer allein. Manchmal spielte ich auch mit ihnen, aber meistens durfte ich nicht, mit Jungens sollte ich nicht spielen.

Ich kann mich an Zeiten erinnern, wo ich mitspielen durfte, und das war für mich natürlich richtig toll: auf dem Hof, in den Ställen oder in der Scheune von großen Strohballen runterspringen, Verstecken spielen oder auch mal einfach beim Füttern zuschauen! Es war dort immer was los.

Als ich etwas älter war, ging ich manchmal heimlich auf den Hof, wenn alle auf dem Feld waren, schlich mich in die Küche und machte den riesigen Abwasch, der bei so viel Personen anfiel. Dann versteckte ich mich gegenüber der Küche draußen in einem Schuppen und passte auf, wenn meine Tante müde von der Feldarbeit nach Hause und in die saubere Küche kam. Sie freute sich riesig und ich war selig, dass ich meiner Patentante eine Freude machen konnte.
Anderen eine Freude machen (um natürlich dafür gelobt zu werden), das fing ich schon mit etwa zehn Jahren an. Ich strickte für meinen Vater einen Schal oder auch mal Strümpfe und vieles mehr. Für meine Mutter stickte ich kleine Deckchen und auch für sie einmal sogar ein Bettjäckchen. Diese Sachen waren das Weihnachtsgeschenk für meine Eltern, und ich hatte ein halbes Jahr Vorfreude: Die würden Augen machen! Ich selbst freute mich auch, wenn ich etwas geschenkt bekam, aber das war mir manchmal peinlich, sogar wenn ich Geburtstag hatte. Da wollte ich mich am liebsten gar nicht sehen lassen. Dieses Gefühl, dass ich nicht wichtig bin, sondern andere Menschen es viel mehr sind, hatte ich schon sehr früh in meinem Leben – und wenn ich etwas wert sein sollte, dann nur durch Leistung. Ich wollte immer etwas für andere tun oder etwas herstellen, damit ich wert war, überhaupt da zu sein.

Wenn ich zu Hause Stress hatte, vor allem dann, wenn Streit zwischen meinen Eltern war, ging ich oft zu Tante Lina. Sie war die jüngere Schwester meiner Oma und lebte mit ihrem Mann in einer netten kleinen Wohnung am Berg. Ich stiefelte den Berg hoch und klingelte bei ihr. Wenn Tante Lina die Tür aufmachte, sagte sie oft: „Ach Mädchen, was ist dann wieder los bei euch! Wieder Krach, und du weißt nicht wohin, dann komm rein!“ Bei ihr fühlte ich mich wohl und geborgen, manchmal wäre ich am liebsten bei Tante Lina geblieben.

Es gab auch oft richtige Schweigewochen bei meinen Eltern. Dann sprachen sie tagelang, manchmal wochenlang kein einziges Wort miteinander. Das war ganz schlimm für mich. Ich stand immer dazwischen, und oft musste ich Mitteilungen vom einen zum anderen tragen. Wenn es mir zu lange dauerte, bis meine Eltern wieder miteinander sprachen, ging ich zu meinen Verwandten und fragte, ob sie uns nicht mal besuchen wollten, dann legte sich der Streit zwischen meinen Eltern meist.

Ja, so hatte ich immer zu tun. Warum ich mich überhaupt in ihre Zankereien reinziehen ließ, weiß ich auch nicht, irgendwie war das von Anfang an so. Vielleicht lag es an der Enge unseres Hauses. Wo sollte ich auch hin? Raus durfte ich nicht, und so stand ich meist hinter der Tür, hatte die Ohren aufgesperrt und biss mir vor lauter Aufregung fast die Fingerkuppen ab. Nachts lag ich im Bett und hörte ihrem Streit zu, anstatt zu schlafen. Morgens war ich dann müde und konnte in der Schule nicht richtig aufpassen. Später führte einer dieser Streits dazu, dass ich unbedingt so früh wie möglich von zu Hause weg wollte.

Ich hatte beide trotz allem gern, sie waren meine Eltern, und Großeltern hatte ich keine. Meine Oma vom Hof war gestorben, als ich noch klein war, mein Opa vom Hof habe ich gar nicht gekannt, er war bereits tot, als ich auf die Welt kam. Der Vater meines Vaters war ebenfalls nicht mehr da, die Mutter meines Vaters lebte im Spreewald. Ich habe sie ein Mal bei Verwandten in Hannover gesehen: eine alte Frau in Spreewaldtracht, die kein Wort Deutsch sprach, sondern nur wendisch. Für mich war das damals, als wenn sie vom Mond gekommen wäre, ich war wohl vier Jahre alt. Die Begegnung blieb mir aber immer in Erinnerung. Später habe ich in der Schule gesagt, dass ich nur ein halber Hesse wäre, zur Hälfte ein Wende – das fand ich immer ganz toll!

Nochmal zu meinen Eltern: Ich konnte immer nicht verstehen, warum mein Vater, den ich sehr gern hatte, meine Mutter so anbrüllte. Manchmal habe ich ihn richtig dafür gehasst und mir manchmal gewünscht, dass er nicht mehr nach Hause käme. Meine Mutter hatte zwar manchmal eine recht eigenartige Art, wie ich heute weiß, da konnte man tatsächlich in kürzester Zeit von Null auf Hundert sein. Das ist mir später auch oft so ergangen, obwohl man es gar nicht wollte. Und dann ging es mit ihrem Herzen los: „Mein Herz, mein Herz, ich kriege keine Luft mehr, mir geht es ganz schlecht“, rief sie meist und fasste sich dabei an die Brust. Ich glaubte das natürlich immer und bekam jedes Mal furchtbare Angst um meine Mutter. Sie ging dann meist in die Speisekammer, nahm irgendwelche harmlosen Tropfen und ein Glas Klosterfrau Melissengeist. Danach ging es ihr immer besser.

Da ich ja nichts anderes tat, als ständig meine Eltern zu beobachten, habe ich mir wohl damals abgeschaut, dass man nur etwas einnehmen muss bei irgendwelchen Problemen, und schon ist alles wieder gut. Manchmal hat mich mein Vater sogar nachts aus dem Bett geholt, wenn wieder Streit war, und gesagt: „Kümmere dich um deine Mutter, der geht es wieder schlecht.“ Ich bekam jedes Mal weiche Knie und hatte Angst um sie und die Nachtruhe war dahin.
Meine Mutter war im Krieg Chefin auf dem Hof, als ihre Brüder an der Front waren, und musste alles alleine machen mit einer Polin und einem Franzosen. Irgendwie ist das wohl hängen geblieben, sie ließ sich nicht gerne etwas sagen. Sie wusste alles besser und hatte immer recht – das konnte mein Vater nicht vertragen. Der durfte in sein