Rückkehr
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Zu dieser Zeit dachte ich öfters darüber nach, Südafrika den Rücken zu kehren und wieder nach Deutschland zu gehen. Helmut spielte damals schon mit dem Gedanken, seinen Salon und sein Haus zu verkaufen und Durban zu verlassen. Eine eigene Wohnung in Kapstadt war sein Traumziel. Eine Stadt, in die ich bestimmt nicht wollte. So reiste ich 1997 wieder nach Deutschland.

München, Oberhausen, Nienburg und Paderborn waren meine Reiseziele. Überall wohnte ich bei meinen Freunden, die ich im Lauf der Jahre in Südafrika kennengelernt hatte. Marlies und Martin, bei denen ich in München Quartier bekam, bestärkten mich in meiner Idee, nach Deutschland zurückzukehren. Für sie wäre es keine Schwierigkeit, für mich ein Appartement in München-Gern zu besorgen. Meine Bedenken, dass meine deutsche Rente dafür zu klein sein würde, zerstreuten die beiden. Sie würden mir helfen, beim Sozialamt die notwendigen Schritte zum Erhalt einer Beihilfe zu erledigen. 1993, beim Erreichen des Pensionsalters, hatte ich das zuständige südafrikanische Rentenamt besucht. Ich hatte mich darauf gefreut, sowohl meine deutsche Rente, für die ich fünfundzwanzig Jahre meine Beiträge eingezahlt hatte, als auch die südafrikanische Rente, für die ich ebenfalls meine Beiträge bezahlt hatte, zu bekommen. Zu meiner großen Enttäuschung wurde ich jedoch mit der südafrikanischen Gesetzeslage konfrontiert. Ich mußte mich für eine der beiden Renten entscheiden. Würde ich die südafrikanische Rente wählen, müßte ich zudem die südafrikanische Staatsbürgerschaft annehmen und die deutsche Staatsangehörigkeit zurückgeben. Da war es einfach für mich, mich für die deutsche Rente zu entscheiden. Doch jetzt war das ein Glücksfall. Und mein Beschluß, Südafrika zu verlassen, stand fest. Ich würde mich in München niederlassen, einer Stadt, die ich schon immer gemocht hatten.

Zurück in Durban konfrontierte ich Helmut mit diesem Beschluss. Er reagierte sehr angenehm und verständnisvoll. Da er selbst ja sowieso nach Kapstadt wollte, fand er meine Entscheidung in Ordnung. Georg war entsetzt. Gerade im Alter, so hatte er gedacht, sollten Helmut und ich enger zusammenrücken. Ich begann, meine Ausreise vorzubereiten und kündigte die schöne Wohnung. Ein Spediteur bekam den Auftrag, mein Habe zu verpacken und nach München zu versenden. Meinen Jetta verkaufte ich an Freundin Judith, die ihn sogar noch bis 2010 fuhr. Mein übriges Reisegepäck verstaute ich bei Helmut und mietete für die restlichen Wochen ein kleines, möbliertes Zimmer. Bei der Finanzbehörde holte ich mir die Bestätigung, keinerlei Steuerschulden hinterlassen zu haben. In meinem Pass wurde vermerkt, welche Summe ich außer Landes tragen wollte. Über Weihnachten und Neujahr luden mich Anna und Gerd in ihr schönes Haus in Johannesburg ein. Auf dem großen Stausee bei Johannesburg verbrachten wir noch ein paar wunderbare Tage auf Gerds Katamaran. Die letzten Tage in Durban wohnte ich dann bei Helmut. Er brachte mich Anfang Februar 1998 mit all meinem übergewichtigen Gepäck zum Flughafen. Der einzige Flug, den ich um diese Zeit überhaupt bekommen hatte, ging nach Brüssel. Drei Stunden später der Anschlußflug nach München. Dort holten mich Marlies und Martin ab.

Im Alter von siebzig Jahren war ich zurück in Deutschland, meinem Geburtsland, das ich kaum noch kannte! Es war Winter, die Stadt war schneebedeckt. Ich hatte kein Auto mehr, es war kalt und ich hatte noch keine Bleibe. Denn Marlies und Martin hatten mir zwar das versprochene Appartement besorgt, aber es wurde erst renoviert. So wohnte ich zunächst bei ihnen in ihrem Penthouse in der Klugstrasse. Marlies half mir mit all den Formularen und begleitete mich bei all den nun notwendigen Behördengängen. Den Gang beim Sozialamt werde ich nicht vergessen. Eine kleine, rundliche Dame empfing uns mit den Worten: “Endlich kann ich auch einmal einem Deutschen helfen. Sonst habe ich es immer nur mit Ausländern zu tun, die immer gleich alles haben wollen.” Und so ging es beinahe unbürokratisch schnell. Ich holte mir meinen neuen Personalausweis, bekam einen Zuschuß zur Miete bewilligt und wurde Mitglied in der AOK. Weiter konnte ich noch nicht tätig werden. Also reiste ich die folgenden Wochen zunächst nach Emden, um Helmuts Bruder und dessen Frau zu besuchen. Von dort aus fuhr ich weiter zu Marianne in Paderborn, die gerade einen Urlaub bei ihrem Bruder bei Alicante in Spanien geplant hatte. Sie nahm mich einfach mit. Dort wohnten wir in einem schönen Haus mit Schwimmbad im Garten und Aussicht auf die Berge. Gut erholt und braungebrannt kam ich nach vier Wochen zurück nach München. Mein Appartement war nun zwar bezugsfähig, aber noch leer. Und so war Marlies unermüdlich an meiner Seite, um mir bei der Einrichtung des Appartements zu helfen. Tagelang durchstöberten wir alle möglichen Möbelgeschäfte und Einrichtungshäuser, denn schließlich brauchte ich ja alles neu. Endlich traf auch meine große Seekiste ein und so konnte ich mein neues Reich mit meinen Bildern und Gardinen so gestalten, dass ich mich nun endlich auch in München heimisch fühlte. Und auch die Kochnische mit all meinen Bestecken und meinem Geschirr war nun endlich funktionfähig. Nun also war ich endgültig in meinem neuen Leben angekommen.

Was mir allerdings zunächst fehlte, war ein Bekanntenkreis in München, denn ausser Ingrid, Marlies, ihrem Mann Martin und Else Tokweiler kannte ich niemand mehr. Was mir fehlte, waren Bekannte aus der schwulen Szene. Marlies brachte mich also zu dem “schwulen” Kaffee Villanis. Dort erhielt ich erste Informationen über das, was in München in dieser Szene so passierte. In dem Büchlein “Rosa Liste” interressierte mich eine Annonce für Tantramassagen. Ich rief unter der angegebenen Telefonnummer an. Es meldete sich ein Peter Linhard, der mich sofort zu sich, in sein Haus, einlud. Ich belegte bei ihm einen Kurs für Tantramassagen. Zudem betrieb er im Erdgeschoss seines Hauses eine private Sauna, zu der auch all seine, zum Teil langjährigen, schwulen Freunde jeweils an Freitagen Zugang hatten. So gelang es mir relativ schnell, nicht nur einen großen Bekannten- und Freundeskreis aufzubauen. Über diesen Kreis bekam ich auch Zugang zur Aidshilfe im Café Regenbogen und zur Caritas, für die ich dann lange Jahre ehrenamtlich tätig war. Da einige dieser Männer Mitglieder in der Gruppe Rauhreif waren, bekam ich auch Anschluss an diese von Dr. Günther Reisbeck geleitete Gruppe, die sich heute Gay&Gray nennt. Besonders gern schloss ich mich dem Gay Outdoor Club (GOC) an. Über die Jahre hinweg erwanderten wir so etliche bayerische Städte und Landstriche. Was mir allerdings nicht gelang, war, unter diesen neuen Bekannten einen Freund wie Helmut in Südafrika zu finden. Lediglich mit Lutz Buchholz, einem Berliner, befreundete ich mich etwas näher. Beim Feinschliff meines Appartements war er mir eine besondere Hilfe. Mit Helmut hatten wir all die Jahre immer all unsere Probleme und Pläne offen miteinander besprechen und austauschen können. Allein wollte ich nicht bleiben, also spielte ich mit dem Gedanken, mir einen Platz in einer WG zu suchen. Ein Gedanke, den mir Marlies mit gescheiterten Beispielen sehr schnell ausredete.

Und so verlegte ich mich auf Reisen. Ein Jahr später besuchte mich Helmut ein erstes Mal. Wir verreisten drei Wochen nach Ischia, um bei einer Kur in den Thermalbädern und unter den radioaktiven Duschen Gutes für unsere Rückenpartien zu tun. Es wurden kräftezehrende, aber wohltuende Tage für unsere Rückenpartien. Anschließend besuchte Helmut seine Familie in Emden. Im Jahr darauf machte ich mit Ingrid eine preiswerte Busreise nach Lloret de Mar. Der Ort wimmelte zwar von Harley Davidson Fans. Aber wenigstens tagsüber entkamen wir diesem Lärm, weil wir abseits einen, nur mit dem Boot zu erreichenden FKK-Strand gefunden hatten. Das internationale Publikum dort hielt Ingrid und mich für ein Ehepaar. Und als Ingrid eines Tages im Hotel blieb und ich allein dorthin fuhr, fragte man mich, wo meine Frau sei. Meine Antwort verschlug ihnen die Sprache. “Ingrid ist nicht meine Frau. Sie ist noch zu haben und ich bin auch noch zu haben.” Der nachmittägliche Eisbecher im Ort und ein Ausflug nach Barcelona waren echte Höhepunkte dieser Tage.

2001 besuchte Helmut mich erneut. Es war seine letzte Deutschlandreise. Wieder ging es um unsere Gesundheit. Also buchten wir eine Quellenkur in Karlsbad. Aus alter Freundschaft begleitete ich ihn, um dort acht Tage im Regen zu verbringen. Im Anschluss trafen wir uns mit Marianne in Fischen im Allgäu, wo ihre Schwester Inge damals lebte. In Inges Landrover konnten wir das Kleine Walsertal und die Gegend um Obersdorf genießen. Noch im selben Jahr buchte ich einen dreiwöchigen Badeaufenthalt im Heilbad Heviz in Ungarn, um meine Bronchen zu pflegen. Die Salzräume taten meinen Bronchen wirklich gut. Allerdings war es kalt, regnerisch und langweilig. Einziger Höhepunkt war ein Ausflug nach Budapest. Im Jahr darauf flog ich mit Georges im April für einen Monat nach Sousse in Tunesien. Ihn hatte ich in einem Sonnenstudio am Sendlinger Tor kennengelernt. Allerdings gingen dort in Sousse unsere Wege auseinander. Während Georges auf Jagd nach jungen Männern ging, genoss ich die Basare und den herrlichen, endlosen Strand. Zum Muttertag machte ich dann mit der Clique um Else, Hans und Ingrid eine Bahntour zum Bodensee. Mit dem Dampfer fuhren wir zur Insel Mainau, wo gerade die grosse Blumenausstellung stattfand. Ein traumhaftes Farben- und Blumenmeer. Im Herbst desselben Jahres besuchte ich mit Lutz Buchholz zusammen dessen Eltern für acht Tage in Berlin. Das nötige Kleingeld für diese Reisen verdiente ich mir mit dem Haareschneiden in einem Altersheim und bei mir zu Hause. Ausserdem pflegte ich meine zehnjährige Ausbildung bei Peter von Blumestein in Südafrika weiter. Er hatte mir beigebracht, Landschaften und Figuren in Ölund Acryl zu malen. Zwar war er nie mit unseren Leistungen zufrieden. Selbst nach zehn Jahren Unterricht bei ihm kritisierte er uns immer noch. “Nach zehn Jahren produziert ihr immer noch so eine Scheisse!” Gelobt hat er uns nie. Aber mit all dem bei ihm Gelernten brachte ich es im Cafe Regenbogen in dieser Zeit zu zwei Vernissagen, bei denen ich ganz gut verkaufte. Zwanzig Prozent dieser Einnahmen spendete ich der Aidshilfe, achtzig Prozent verblieben mir.

Aber parallel zu all diesen Reisen suchte ich immer noch nach einem geeigneten Freund. Ich fühlte mich einsam und begann mir ernsthafte Gedanken über meine Zukunft und mein mögliches Ende zu machen. Schließlich war ich allein und mir war klar, dass sich im Falle eines Falles niemand um mein Schicksal kümmern würde. Also wurde ich Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben, bei der ich meine Patientenverfügung hinterlegte. Einmal im Jahr trafen sich in einem Münchner Hotel mehrere hundert ältere Mitglieder dieser Gesellschaft. Fokus war für die meisten die Frage, wie man die “erlösende” Zyankalipille bekommen könne, um selbst sein Ende zu bestimmen, bevor man als Pflegefall in einem Heim dahin siechen würde. Nach einjähriger Mitgliedschaft konnte man dort ein Buch über aktive Sterbehilfe erwerben. Unter anderem mit Helmuts Hilfe beschaffte ich mir alle notwendigen Medikamente. Meinem Hausarzt, Dr. Karl Beck, übergab ich ein zweites Exemplar meiner Patientenverfügung. Längere Überlegungen und Diskussionen mit ihm brachten mich von diesem Thema schließlich wieder ab. Er meinte, dass ich weder ein Typ für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall wäre und dass er für den Fall des Falles mich in einem geeigneten Pflegeheim unterbringen und sich dort um mich kümmern würde. Schließlich hatte er bei seiner zehnjährigen Tätigkeit dort genügend Erfahrungen gesammelt. Also warf ich all diese Dinge weg und beschloß, ganz normal bis zum Ablauf meiner Lebensuhr positiv weiter zu leben, egal, ob nun allein oder mit einem Freund. Jedenfalls meiner Freude am Reisen hatte dieses Intermezzo keinen Abbruch getan.

2003 besuchte ich mit den Freunden von Gay& Gray jeweils für vier Tage Wien und Prag. Zwei schon ältere, schwule Künstler aus Berlin hatten von meiner ersten Vernissage im Cafe Regenbogen gehört und Kontakt zu mir aufgenommen. Sie wollten sich an meiner nächsten Vernissage beteiligen und luden mich zu sich nach Berlin-Moabit ein. Während der fünf Tage dort hatten wir genügend Zeit, alles Notwendige für diese zweite, nun gemeinsame Vernissage zu besprechen. Auf einem “schwulen” Dampfer vereinbarten wir während einer vierstündigen Fahrt auf der Spree und der Havel endgültig unsere gemeinsame Ausstellung. Sie brachten ihre riesigen Collagen mit und es wurde ein schöner Erfolg. Einige Jahre hatten wir danach noch telefonischen Kontakt.

Ich bekam Einladungen von ihnen nach Berlin, allerdings ging das in meinem “Dramen-Jahren” 2005 und 2006 so langsam unter. Mein linkes Knie funktionierte immer schlechter. Und alles begann sich um dieses Knie zu drehen. Also ließ ich mich im Januar in der Rinecker-Klinik am Meniskus operieren. Allerdings verbesserte sich der Zustand danach kaum. So begann ich in meiner Verzweiflung mehr als ein halbes Jahr von einem Orthopäden zum nächsten zu laufen, dort Kernspintomographien anfertigen und mich von ihnen beraten zu lassen. Ich ging im wahrste Sinne des Wortes am allerdings zusammenklappbaren Stock und bekam immer mehr das Gefühl, dass die Meniskusoperation irgendwie sinnlos gewesen war. Schließlich landete ich bei Prof. Radke im Rotkreuz-Krankenhaus, der mir zu meiner Begeisterung erklärte, dass auch die vielen Kernspintomographien unnötig gewesen waren. Er machte eine Röntgenaufnahme meines Knies und zeigte mir drei Minuten später, dass ich keine Knorpelmasse mehr in meinem Kniegelenk hatte und Knochen auf Knochen lief. Nun wußte ich, dass die Meniskusoperation wirklich völlig sinnlos gewesen war. Klar, dass das wahnsinnig schmerzte und nur durch ein neues, künstliches Kniegelenk aus Titan zu beheben war. Prof. Radke überzeugte mich sehr schnell und so bat ich um den nächstmöglichen Operationstermin. Am 25. August wurde ich von ihm und seinem Sohn operiert. Zwei Wochen Klinikaufenthalt mit einem neuen, funktionierenden, künstlichen Knie, anschließend drei Wochen Rehaklinik im wunderschönen Felden am Chiemsee und danach ein ganzes Jahr zweimal pro Woche Physiotherapie, in der ich wieder normales Gehen lernte. Alles sehr schmerzhaft und anstrengend. Somit fielen die Jahre 2005 und 2006 für größere Reisen aus. Lediglich kleinere Ausflüge und Wanderungen standen auf dem Programm, zu denen mich mein alter, schwerbehinderter Canastafreund Gert regelrecht mitriss. Sein Behindertenausweis berechtigte ihn, jeweils einen Betreuer bei sich zu haben. So hatte auch ich freie Fahrt und er einen Betreuer. Ausflüge mit Dampferfahrten auf dem Ammersee, Starnbergersee, Tegernsee und Chiemsee, Wanderungen zur Mangfall, nach Possenhofen und Tutzing, Tagesausflüge nach Salzburg und Freising. Trotz allem war es dennoch ein schönes Jahr.

2007 wiederholten wir beide all diese Reisen. Mein neues Knie funktionierte inzwischen schon so prächtig, dass ich auch wieder mit Gay&Gray auf Reisen gehen konnte. Neumarkt in der Oberpfalz, Coburg, Ulm, Neuburg an der Donau, vier Tage Wien, Fränkische Alb und Straubing. Ich fühlte mich wieder “on top of the world” und startete voller Freude in das Jahr 2008. Wieder viele Dampferfahrten mit Freund Gert und mit Gay&Gray über das Jahr verteilt Tagesausflüge nach Amberg, Günzburg, Nördlingen und mit Else und Ingrid Büscheschneiden in deren Wochenenddomizil in Amperland.

2009 änderte sich dann einiges. Zuerst kamen Besuche der Jüdischen Synagoge und einige Dampferfahrten mit Gert. Auf Einladung eines Abgeordneten der “Grünen” reisten wir als Gruppe Gay&Gray für vier Tage nach Berlin. Bei dem ersten anschliessenden Treffen von Gay& Gray nach dieser Reise sass plötzlich Dietmar neben mir. Wir begannen uns zu unterhalten. Ich sprach ihn auf seine Krawatte, sein Sakko und die Bügelfalten seiner Hose an und fragte, ob er ein Bankmanager a.D. sei. Darauf fragte er mich wegen der Nato-Kampfhosen, die ich an jenem Abend trug, ob ich noch im 2. Weltkrieg sei. Unser Gespräch entwickelte sich immer lustiger und am Ende des Gruppenabends bot er mir an, mich nach Hause zu fahren. Ich nahm sein Angebot an und erklärte ihm zur Sicherheit in seinem Wagen, dass ich eingerostet und nicht beziehungsfähig sei. Dietmar grinste und meinte, den Rost könne man beseitigen. Nach einigen Telefonaten nahm ich seine Einladung an, ihn in Aubing zu besuchen. Anfang Mai übernachtete ich das erste Mal bei ihm. Seine schöne Wohnung mit der riesigen Küche beeindruckten mich sehr und sehr bald räumte ich die ersten Sachen in dem Kleiderschrank ein, den er für mich leer gemacht hatte. Unsere ersten Probleme miteinander konnten wir in langen Aussprachen nach dem samstäglichen und sonntäglichen Frühstücken so nach und nach ausräumen. Miteinander zu kommunizieren ist wohl das allerwichtigste in einer Beziehung. Dietmar erklärte, du bleibst wie du bist und ich bleibe wie ich bin, dann wird das alles wunderbar funktionieren. Für ihn ist das leicht. Aber nicht so für mich, weil ich Menschen doch so gerne “ummodeln” möchte. Mit ihm zusammen reisten wir nach Wasserburg, Viechtach und Landshut, zweimal drei Tage nach Wien, dreimal eine Woche nach London, wo ich Ruth, die Schwester von Dietmars verstorbenem, langjährigen Freund Ralph kennen- und lieben lernte. Dietmar kümmerte sich um sie, um sie vor den Pflegeheimplänen ihrer Familie zu beschützen. Eine kleine, zartgliedrige, humorvolle, rauchende, kaum essende und trinkende Person. Mit ihr und ihrer Freundin Ophelia verbrachten wir einige ausgesprochen lustige Abende in einem italienischen “Maffia”-Restaurant. Mit ihren achtundachtzig Jahren war sie dort der Mittelpunkt für all das “Mama” liebende italienische Personal. An einem Nachmittag, an dem Dietmar Bankdinge für sie erledigte, bereitete sie sich auf den abendlichen Ausflug vor. “Kannst du mir beim Anziehen helfen,” fragte sie mich, als sie im Bademantel, ihren Rock und ihre Bluse über dem Arm, aus dem Badezimmer kam. Natürlich konnte ich und mit viel Gelächter half ich ihr in ihren Rock. “Sorry that Dietmar cannot see us this way, but now you also belong to the family!” Leider starb sie im November desselben Jahres. Ihrem Wunsch entsprechend wurde sie auf dem jüdischen Friedhof in Kopenhagen beerdigt. Am 10./11. Dezember besuchte ich mit Dietmar zusammen ihr Grab und das ihres Bruders Ralph in Kopenhagen.

Inzwischen ist eigentlich alles in seinem und meinem Leben anders geworden. Dietmar und ich haben eine wunderbare Beziehung, in der schon mal das Wort Liebe fällt. Aber das ist eine ganz neue, ganz andere Geschichte. Das Leben ist schön. Und wenn es das einmal nicht ist, dann machen wir es uns schön!!!