Interessant an Menowins Autobiografie, die vor wenigen Monaten publiziert worden ist, erscheint mir weniger, was er schreibt, als das, was nicht gesagt wird. Im Knast, wo die Bandaufnahmen für das Buch gemacht worden sind, das der Co-Autor Enno Faber dann zu Papier gebracht hat, hört und liest wohl immer der große Bruder mit…

Große Biographik ist das Werk nicht, aber für die vielen Menowin-Fans muss es das wohl auch nicht sein. Schön wären mehr Details und Tiefgang in einzelnen Szenen gewesen, mehr Reflektionen. Vieles erscheint oberflächlich, vor allem Figurenzeichnung, Dialoge und atmosphärische Schilderungen vermisse ich. Doch schwebt nicht über jedem Biographie-Projekt das Damoklesschwert der Persönlichkeitsrechte dritter? Jemand wie Menowin will vermutlich keine Risiken eingehen, auch der Verlag wird wohl weniger Einstweilige Verfügungen per Gericht zur Promotion nutzen mögen. So bleibt Menowin in seinem Buch freundlich und harmlos, auch wenn er das im realen Leben wohl nicht immer war.

Aus der Verlagsinformation: Mit Veröffentlichung seiner Biografie legt Menowin Fröhlich, DSDS-Finalist der Staffel 2010, vor der Öffentlichkeit erstmals umfassend Rechenschaft ab hinsichtlich seiner kurzen, aber bewegten Vergangenheit. Ungeschönt, schockierend, aber absolut glaubwürdig betrachtet er im Buch sein bisheriges Leben, übernimmt die Verantwortung für eine Reihe gravierender Fehlentscheidungen und beantwortet wesentliche Fragen zu seiner Person und kriminellen Vorgeschichte. Doch die Biografie Menowin Fröhlichs wirft neue Fragen auf, die über das Einzelschicksal hinausreichen, bis an die Grenzen unserer sozialen und rechtsstaatlichen Gesellschaft.

Zuweilen bleibt die Verhältnismäßigkeit auf der Strecke, wenn Justiz und Gesellschaft über einzelne Personen richten. So wird z. B. der Raser von Rügen, verantwortlich für den Tod von vier Menschen, mit nur 39 Monaten Haft bestraft. Banker verschieben sogar ungestraft Millionen.

Menowin Fröhlich verletzt seine Bewährungsauflagen und lernt die imaginäre Keule der deutschen Justiz schmerzlich kennen. Er wurde nicht etwa rückfällig, nein, er hat lediglich Termine versäumt. Dabei war den Behörden bekannt, wo er sich aufhielt – auf Tournee, bei der Arbeit. Vor 6 Jahren wurde der DSDS-Senkrechtstarter für seine Straftaten als Jugendlicher verurteilt, doch er büßt dafür noch heute.

Es ist unbestritten: Menowin Fröhlich hat in der Vergangenheit viele Dinge nicht so angepackt, wie es hätte sein sollen. Diebstahl oder Körperverletzung sind in unserer Gesellschaft nicht akzeptabel und werden zu Recht bestraft. Dabei kann man einerseits über die Verhältnismäßigkeit von Sanktionen diskutieren, wichtig ist jedoch vor allem die Frage, inwieweit diese einer neuerlichen Integration von Straftätern in die Gesellschaft entgegenstehen.

Ein nachweislich vorliegender Plattenvertrag, ein nachweislich vorliegender Verlagsvertrag, gesicherte Einnahmen durch vertraglich vereinbarte Auftritte im Frühjahr/Sommer 2011, Arbeit und Einkommen – das sollte in der Regel ein Beispiel gelungener Resozialisierung sein. Für das Rechtssystem sind diese Bemühungen ohne jede Relevanz.

Wo in unserer Gesellschaft steht Menowin Fröhlich, welche Möglichkeiten stehen ihm offen, wo ist sein Platz? Gibt unsere Gesellschaft jemandem, der aus schwierigen Verhältnissen kommt, tatsächlich die Chance sich einzugliedern? Und ist diese Chance eine einmalige Bewährungsprobe, die selbst nicht eingehaltene Terminvereinbarungen als ein Scheitern interpretiert, oder vielmehr ein Prozess der Annäherung, der ehemals Straffällige bei der Überwindung alter Verhaltensmuster unterstützt? Statt einer verwaltungstechnischen Gerechtigkeit brauchen wir moralische und ethische Gerechtigkeit, die der Verhältnismäßigkeit entspricht. Eine schwierige Aufgabe, die auch ein Umdenken in den Institutionen erforderlich macht, den Blick nicht auf Fälle, sondern auf Menschen lenkt.

Es ist leicht, sich auf Grundlage behördlicher Schuldsprüche und öffentlicher Meinung ein Urteil zu bilden. Schwieriger ist es, die Person hinter den Schlagzeilen zu verstehen.

Mit seinem Buch, das der Musiker im Gefängnis unter Mithilfe eines Coautors geschrieben und im Driediger Verlag veröffentlicht hat, ist Menowin Fröhlich genau dies gelungen. In seiner Biografie spricht er über die Beweggründe für sein Handeln, erlebt der Leser nochmals die Entwicklung des Musikers von einer durch Drogen zerrütteten Kindheit über eine von Kriminalität geprägte Jugend bis heute, da er seine eigene Geschichte im Gefängnis nochmals bewusst reflektiert.

Menowin Fröhlich ist unter Umständen aufgewachsen, die ihm eine komplette Neuorientierung abverlangt haben und ein großes Stück psychologischer Arbeit an sich selbst. Immer wieder mussten bestehende Denkstrukturen durchbrochen werden, immer wieder wird er sich auch zukünftig gegen alte Werte und Normen stemmen müssen, um sie nach und nach durch neue zu ersetzen.

Die Arbeit an seiner Autobiografie hat ihm dabei geholfen. Sie kann uns allen dabei helfen, Menowin Fröhlich und die Gesellschaft, in der er lebt, besser zu verstehen.

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