Eine neue Musik-CD im Blog für Biographien? Ja, ausnahmsweise, denn sie ist von meinem Schulfreund Lothar Dithmar komponiert und eingespielt. Seit mehr als 35 Jahren begleiten wir uns als Freunde, so hat unsere musikalisch-literarische Arbeit auch biographische Aspekte.

Lothar Dithmar
Moon of Apex Cordis
Starfish Music 2009

Hier finden Sie auch Hörproben.

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Es ist Instrumentalmusik (Piano, Electronics), die uns entgegenklingt. In der Mitte des Booklets ein autobiographischer Text von Lothar Dithmar – der einzige in diesem Werk:

Drei, vier Tanzfiguren…
Immer noch sei er nicht wirklich sicher, ob er all das vielleicht doch nur geträumt habe, vielleicht heute immer noch daran weiterträume – plötzlich sei da ein Fest gewesen.
Ein Fest?
Inmitten der ländlichen Umgebung (ein Tal mit Fluss, mehr vorgestellt als gespürt – die Erinnerung fragil), die Landschaft wirkte feucht, sagt er, immer denke er: Mai-Regen, ein ganz typischer Mai-Regen könnte das gewesen sein.
Dann diese Tanzbühne, mitten in der Landschaft, klein, rasch hingezimmert und sein Gedanke „Ohne Geländer, man wird hinabstürzen bei zentrifugaler Tanzbewegung“ – aber er sage sich heute, dass es ein Geländer gab, ja, ein Geländer, an dem man lehnen konnte und warten…
Ach (sagt er), bunte Lampen, Schnüren mit leuchtenden bunten Glühbirnen. Eine kleine Tanzfläche so mitten in der Landschaft, ich weiß, das mag absurd klingen – alles klingt absurd – vielleicht ein Halbtraum – aber wenn, dann gehört auch dieser Tanz mit M. zu ihm.
Und langsam wäre es dunkel geworden und die Lampen leuchteten.
Und die Musik? Erinnern Sie sich an Musik? Wenn Sie tanzten, muss doch Musik – was meinen Sie?
Und er: Gewiß, Musik, gewiss.
Und die vom Regen dunkle Planken, auf denen sie sich zu drehen begannen. Ganz sicher.

Ich frage den Musiker.

Andreas Mäckler: Was hat es mit dem Text auf sich?

Lothar Dithmar: Zunächst einmal wollte ich wenigstens einen Text in diesem CD-Booklet haben, einen Text, der vielleicht ein paar poetische Saiten mitschwingen lässt, wenn man ihn liest. Er hat ja denselben Titel wie eines der Stücke und er steht, wenn auch nur ganz vorsichtig, in Verbindung damit – denn auf dieses Stück könnte man tanzen, ein wenig altmodisch, langsam, mit viel Innehalten, im Dreivierteltakt. Im Text beschäftigt mich die Verlässlichkeit der eigenen Erinnerung, es tauchen Zweifel daran auf und Verwundern über das Ineinander von Erinnerung und Traum. Vielleicht eine für den Biographen interessante Fragestellung?

AM: Ja, das ist sie, denn  unsere Erinnerung erscheint mir als eine Wirklichkeit für sich, wie der Traum. In der biographischen Arbeit formen wir unsere Erinnerungen zu Texten, die im besten Fall künstlerisch sind wie Musik. Wir erschaffen eigene Wirklichkeiten, eigene Klänge, wenn wir biographisch schreiben. Der erste Kuss klingt anders, als die Erinnerung an den Tod eines geliebten Menschen. Unsere Erinnerungen und Texte sind weniger Abbilder tatsächlicher Geschehnisse. Die Wirklichkeit ist so vielschichtig, sie lässt sich nicht in Worte allein fassen. Ich glaube nicht einmal, dass der Begriff der „Rekonstruktion“, der gern für die biographische Arbeit genutzt wird, zutrifft. Wir bewegen uns im Erinnern und in der künstlerischen Arbeit in anderen Erlebnisdimensionen, die mehr mit unserem Inneren als mit der Außenwelt und deren Geschehnissen zu tun haben: geschweige denn, dass wir sie zu rekonstruieren vermögen. Nehmen wir als Beispiel Dein erstes Stück auf der CD: Widerschein (Zürich, 26. Mai 1960). Ein Ort, ein Datum – und Dein Musikstück dazu von „heute“…

LD: Wie Du einleitend ja sagtest, ist meine Musik Instrumentalmusik, mit Titeln bei Instrumentalmusik ist es allerdings so eine Sache… Im Grunde hätte ich darauf verzichten und die Stücke durchnumerieren können, denn Instrumentalmusik steht für sich. Trotzdem hab ich mich entschieden welche zu vergeben, aber versucht, ihnen eine gewisse Offenheit und Mehrdeutigkeit zu lassen.

Nun sprichst Du – zielsicher als Biograph Witterung aufnehmend – das erste Stück an. Es ist das einzige Stück der CD, das ursprünglich zu einem Text, genauer: zu einem Gedicht entstanden ist – nicht als Song, nicht als Vertonung, sondern als Musik zum gesprochenen Gedicht. Der Dichter beschreibt darin ein Gespräch mit einer befreundeten Dichterin. Jahrzehnte später lese ich eine Biographie über den Dichter und erfahre mehr und mehr über die Entstehung dieses Gedichtes, u.a. den genauen Zeitpunkt des Gespräches (den Ort an dem es stattfand, weiß man ohnehin, wenn man das Gedicht kennt). Mein Stück und sein Titel bewahren nun (zuallererst für mich und chiffriert) etwas von diesen Zusammenhängen. „Widerschein“ beschreibt der Duden als „Helligkeit, die durch reflektiertes Licht entstanden ist“. Eine Musik als Widerschein auf ein Gedicht – denn ohne dieses Gedicht gäbe es die Musik nicht. Aber die Musik ist auch ohne diese Zusammenhänge und Erlebnisdimensionen gültig. Hoffe ich.

AM: Für mich ist Musik die geheimnisvollste Biographie. Das beschreibst Du auch in dieser Erläuterung zu diesem Stück, ein sehr schönes, langsames – kaum jemand, ich jedenfalls nicht, wüsste um den Dichter und sein Gedicht, würde ich Dich nicht kennen: ist Paul Celan gemeint?  

LD: Er ist es, und die erwähnte Biographie über ihn schrieb John Felstiner.

AM: Auch dem zweiten Musikstück auf Deiner CD hast Du einen lokalisierbaren Titel gegeben: Ansbruck Open Road. Die Straße, das Unterwegssein spiegelt sich ebenso auf der Rückseite des Booklets. Was also hat es mit diesem Stück auf sich, das in meinen Ohren mäandernd klingt, wie Serpentinen aufsteigend, und dann wieder abwärts fließt?

LD: Ansbruck selbst bleibt ein unlokalisierbarer Ort – das Stück lebt für mich vor allem aus Bewegung, Motorik und Spielfreude – und der Assoziation mit dem Unterwegssein, nicht nur auf der Klaviatur…

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AM: Die CD scheint von Kontrasten zu leben: Das Schattenspiel klingt wie das fröhliche Hoppeln von Hasen auf dem Feld, mit atemberaubenden Kapriolen. Und dann das Fundstück: Tagtraum wie eine Aufnahme aus der Unterwelt…

LD: …Klavier und eine Art Ringmodulator, der wie ein verfremdetes Streichinstrument klingt. Wie aus der Unterwelt kommend, sehr treffend – das Stück verlangt in der Tat eine gewisse Bereitschaft des Hörers, in Klänge reinzugehen, ihnen nachzuhören…

Was die Kontraste zwischen den Stücken betrifft: Ich persönlich mochte und mag Alben, die Kontraste bieten – wahrscheinlich dank des Reliefs ihrer Zeitgestalt, das sie mir in der Erinnerung hinterlassen. Woran Du siehst, dass ich Alben (immer noch) gerne als Ganzes höre – ohne Skip und Scan und Zapp. Kritisch würde es werden, wenn vor lauter Kontrasten keine Linie mehr spürbar wäre – und deshalb sei gleich zurückgefragt: Besteht die Gefahr?

AM: Nein, es ist ein schönes, besinnliches Album für Melancholiker, wie mir klingt, und erschließt sich mit dem Hören. Manchmal kehren für mich Themen und Rhythmen wieder in neuer Gestalt. Andere Zeit I als 3. Stück im Album und Andere Zeit II (7. Stück) signalisieren den Bezug schon im Titel, auch das Schattenspiel (4. Stück) und Aphorisms from a strange sceenery (6. Stück) korrespondieren in meinen Ohren miteinander. In der Stimmung ähnlich empfinde ich den Widerschein als erstes Stück des Albums mit dem letzten Stück, Moon of Apex Cordis. Zur melancholischen Klaviermelodie hat sich hier das E-Piano dazugesellt und eine klagend-tragende Führung übernommen. 

LD: Ja, hier schließt sich der Kreis – wenn Du so willst: Nach den vermutlich als etwas bizarr empfindbaren Eindrücken aus Fundstück: Tagtraum, Yorick und Le quatuor fugace ein harmonischer Schluss.

AM: Also zum Schluss wieder an den Anfang: Warum hast Du Dich für diesen Titel Deines Albums entschieden? Schaue ich bei Wikipedia nach, heißt „Apex Cordis = Herzspitze“…

LD: Mit Titeln ist es wie gesagt ja so eine Sache… Offenheit und Mehrdeutigkeit im Fall des Titelstückes Moon of Apex Cordis (übrigens einem Duo von Klavier und E-Piano) ist vielleicht, ich hoffe es, die Verbindung von Mond und Herzspitze. Für mich ist die Herzspitze dabei weniger ein anatomischer denn ein imaginierter Ort der inneren Landschaft – ein wenig wie ein Name auf einer Landkarte, den wir entdecken, der Name einer ins Meer weisenden Landzunge vielleicht oder der Name einer Halbinsel – jedenfalls ein Ort, der uns kraft seines Namens anzieht und vielleicht zum Suchen anregt. Und dann finden wir uns wieder, auf Apex Cordis, unter einem wechselnden Mond…

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