Biographik ist Rekonstruktion und Neuerfindung, denn Leben und Lebensbeschreibung sind zweierlei. Das wird bewusst bei dieser Biographie einer der umstrittenen Persönlichkeiten des 19./20. Jahrhunderts: Rudolf Steiner. Das Angebot an Steiner-Biographien ist groß, vor allem aus dem Umfeld der Anthroposophie. Da ist es keine leichte Aufgabe, neues anzubieten. Doch die Autorin Miriam Gebhardt liefert ein Buch über Steiner, das durchwegs spannend und facettenreich zu lesen ist. Empfehlenswert! Da mag es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch der erste dokumentarische Spielfilm über Steiner gedreht wird. Der Hype anlässlich seines 150. Geburstags am 27. Februar 2011 ist ja durchaus beachtlich.  

Aus der Verlagsinformation: Rudolf Steiner war der Begründer der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik – und ein moderner Prophet des bürgerlichen Zeitalters. Wie kein anderer bediente er sich zeitgenössischer Ideen und gestaltete daraus sein eigenes originelles Weltbild, das ihn in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zeigte. So benutzte er moderne Naturwissenschaften und Kommunikationsmittel, warnte aber z.B. vor dem Grammophon. Er interessierte sich nicht für den Spiritismus, kommunizierte aber mit Toten. Er war Seelenarzt, verabscheute aber Sigmund Freuds Psychoanalyse.

Miriam Gebhardt bettet Steiner in den Kontext seiner Zeit ein und verortet ihn in der Reformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Ausgestattet mit einem feinen Gespür für die Sorgen und Wünsche seiner Zeitgenossen, griff Steiner deren Sehnsüchte geschickt auf und goss daraus ein Sinnfindungsprogramm für das Bürgertum. Wie viele andere Propheten und Reformer wandte er sich den Themen zu, die den Menschen auf den Nägeln brannten: Erziehung, Gesundheit, Religion und die Rasanz des modernen Lebens. Aber wie kaum einem anderen gelang es ihm, bis in die Gegenwart zu wirken. Nicht nur Waldorfschulen erfreuen sich großer Beliebtheit, auch Lebens- und Pflegemittel aus anthroposophischer Produktion finden sich heute in fast jedem Supermarkt.

Über die Autorin:
Miriam Gebhardt, geboren 1962, ist Historikerin und Journalistin. Neben ihrer journalistischen Arbeit unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die ZEIT, den STERN und für Frauenzeitschriften promovierte sie in Münster und habilitierte sich an der Universität Konstanz, wo sie als Privat-Dozentin lehrt. Sie wohnt in München. Zuletzt erschien bei DVA Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert (2009).