1998 schrieb ich das Drehbuch zu einem Dokumentarfilm: Wissen ohne Ende – Vom Lexikon zu Multimedia (Deutsche Welle TV).  Darin interviewten wir u.a. Florian Langenscheidt und Hubertus Brockhaus und sprachen über die Zukunft ihrer Enzyklopädien und Wörterbücher. Der Trend ging hin zu Multimedia. Was wir damals aber nicht deutlich sahen und daher kaum thematisierten, war das Ende der gedruckten Enzyklopädie, wie wir älteren Semester sie noch in unseren Bücherregalen stehen haben.

2002 erregte die Nachricht Aufsehen, die berühmte Encyclopædia Britannica gäbe es fortan nur noch in elektronischer Form, und nicht mehr als Foliant. Wenige Jahre später folgte die Brockhaus Enzyklopädie diesem Schicksal. Zumindest wurde vom Verlag im Februar 2006 angekündigt, dass diese 21. Auflage wohl die letzte sein könnte. Die Zeit der gedruckten Enzyklopädien war vorbei….und die Zeit der Wikipedia gekommen. 2001 gegründet, wurde sie schnell weltweit zur Enzyklopädie Nr. 1. Auch ich bin ihr begeisterter Fan – nach wie vor -, und dachte darüber nach, was das für das Genre der lexikalischen Biographie bedeutet. 

Mit dem Sterben der traditionellen Enzykloädien starb auch die lexikalische Biographie alter Schule. Wie Sie sicher wissen, gibt es  einige Sub-Genre im Genre der Biographie: Autobiographie, Tierbiographie, Romanbiographie, Lebenslauf, Krankengeschichte, Krisenbiographie, biographische Erzählung, biographische Interviews, Bild- und Fotobiographien, biographisches Gedicht bzw. biographisches Epos etc., Lebens- und Familienchronik, Leben und Wirken im Spiegel anderer, Männer-, Frauen- und “Normal”-Biographien, Auftragsbiographien, Berufsgruppen-Biographien (z.B. Anwalts-Biographien, Mediziner-Biographien), Rachebiographie, Rechtfertigunsgbiographie (“Meine Beichte”), Reinkarnations-Biographie, … um nur einige assoziativ zu nennen.

Jetzt hinzugekommen, und das ist mir erst durch den Fall Mäckler in der Wikipedia bewusst geworden, ist eine neue Spezies: die Wikipedia-Biographie. Das ist die lexikalische Biographie der Zukunft, und ihre Autoren arbeiten unter neuen Bedingungen, wie sie traditionelle Lexikon-Autoren nicht hatten.  Die arbeiteten zwar auch im Team, doch das war klein und handverlesen nach professionellen Gesichtspunkten. Und die klugen Damen und Herren arbeiteten zumeist in engen Klausen, nicht weit vom großen Archiv und der Bibliothek entfernt. Das Archiv bestand vor allem aus einer Unzahl alter Karteikästen und Hängeregistraturen, die bis zur Decke reichten. All das kennen die modernen Wikipedia-Autoren nur vom Hörensagen.

Sie arbeiten, wie man an meinem Fall der Löschdiskussion und der anschließenden Artikeldiskussion facettenreich nachvollziehen kann, in einer undurchschaubar groß wirkenden, anarchisch anmutenden Versammlung anonymer Autoren, deren Qualifikation in erschreckend vielen Fällen nicht erkennbar ist. Ihnen gegenüber stehen wenige kluge und qualifizierte Autoren, die letztlich das hohe Niveau der Wikipedia-Artikel schaffen und erhalten. Ich könnte mir vorstellen, dass arbeitslos gewordene Lexikographen darunter sind, emeritierte Professoren und pensionierte Akademiker, die in der Wikipedia ein anregendes, oft auch geistreiches und sinnstiftendes Betätigungsfeld finden. Dass diese gebildeten Menschen sich bisweilen mit anonymem Dummköpfen auseinandersetzen müssen, die daheim sitzen, online sind und ihre psychischen Störungen über die Tastatur ableiten, mag eine Herausforderung darstellen, die wohl systemimmanent ist und hingenommen wird. In diesem Sinne empfinde ich meinen Fall als ein vielsagendes Zeitzeugnis.

Was sind das für Menschen, die oft hochmotiviert und gebildet sind, die in der Wikipedia arbeiten und biographische Artikel schreiben? Ich möchte diese Frage ganz bewusst auf biographische Artikel einengen, um in diesem Biographieblog beim Thema zu bleiben. Schreiben Sie in den Kommentaren doch bitte einmal etwas über sich und Ihre lexikalisch-biographische Arbeit!

  • Was fasziniert Sie am Schreiben biographischer Artikel?
  • Welches sind die größten Herausforderungen?
  • Spielen persönliche Gefühle eine Rolle – Mögen oder Nicht-Mögen einer Person?  
  • Welche Fragen zu Ihrer Arbeit würden Sie sich stellen, wenn Sie an meiner Stelle wären?

Sie sehen schon, es gäbe viel zu fragen. Mich interessieren Ihre Beiträge, und ich glaube, die monatlich rund 18.000 Leser dieses Biographieblogs auch! Vielen Dank, wenn Sie etwas schreiben, das uns Sie und Ihre Arbeit in der Wikipedia näher bringt.