Matthias Grendas Rede zur Eröffnung der 4. Biografietage Nordwalde am 23. September 2011 war eindrucksvoll. Wer sie nachlesen möchte, hier ist sie:

Sehr geehrter Herr Landrat Kubendorff, liebe Sonja Schemmann…

Wir eröffnen heute die 4. Nordwalder Biografietage, dieses Jahr zu einem sportlichen Thema mit einem durchaus provokanten Titel: „90 Minuten Hass – Fußball, ein biografisches Gesellschaftsspiel“. Ich habe dazu viele Reaktionen erhalten, positive wie negative. Hass sei einfach zu stark, sagten viele! Ich weiß nicht, wer von Ihnen das letzte mal in einem Fußballstadion war oder schon einmal etwas von der dritten Halbzeit gehört hat. Die 10.000den Polizisten, die jedes Wochenende im Einsatz sind, zeugen nicht unbedingt von Friedensfesten in und vor den Stadien der Nation.

Und trotzdem ist Fußball und die Emotionen, die dieser Sport hervorruft, da gehören auch Spaß und körperliche Ertüchtigung dazu, ein Spiegel individueller und gesellschaftlicher Normalität. Fußball ist ein Mannschaftssport, in dem jeder Spieler sich seinen Platz im Team erarbeiten muss. Man trainiert zusammen, entwickelt Teamgeist und hat ein gemeinsames Ziel. Die Mannschaft möchte gewinnen, spielt also gegen andere Mannschaften, von allen Gegner genannt. Das Fußballfeld und ganz besonders Stadien sind Sehnsuchtsorte, wo es ums Siegen, aber auch ums Scheitern geht. In der Gesellschaft ist das nicht anders.

Lassen Sie mich bitte ganz kurz diese wichtige, lebensgeschichtlich relevante Erkenntnis vom Spielfeld in einen anderen Lebensbereich führen, der uns alle betrifft, also auch die Nordwalder Biografietage, Bürger von Nordwalde, aber auch mich selbst und meine Leben und Arbeiten in diesem Ort.

Vor gut 150 Jahren lebte in Amerika ein Mann, der im Alter von 31 Jahren erstmals pleiteging. Mit 32 Jahren verlor er einen Wahlkampf. Als er 35 war, musste er seine Geliebte zu Grabe tragen. Zwei seiner Söhne verstarben im Kindesalter. Mit 36 erlitt er einen Nervenzusammenbruch und verlor mit 38 seinen zweiten Wahlkampf. Mit 43 Jahren unterlag er im Kongress, ebenso mit 46 und 48. Gleich zweimal versagte er im Kampf um ein Senatorenamt und verfehlte mit 56 sein Ziel, Vizepräsident zu werden.
Mit 60 Jahren wurde Abraham Lincoln dann zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt.

“Chapeau!” möchte man zu diesem Mann sagen, der sich von solch einer Serie an Tiefschlägen nicht in die Knie zwingen ließ. Dass die Story dennoch kein gutes Ende nahm (Lincoln wurde fünf Jahre später bei einem Theaterbesuch in Washington erschossen), ändert daran nichts. Viel wichtiger: Wie kommt es, dass manche solche Steherqualitäten haben, während andere angesichts der vielen Steine auf ihrem Lebensweg kapitulieren?

Laufen lernt man durch Hinfallen. Siegen durch Scheitern. Das gilt für mein Leben wie für alle anderen ebenso. Das gilt für die Etablierung der Nordwalder Biografietage, das Bemühen um den Bispinghof, die Neuausrichtung einer Gemeinde für die Zukunft oder auch die letzte Saison des 1. FCN.

Es ist egal, ob es um ein verlorenes Fußballspiel, eine Kündigung, einen Konkurs, ein krachendes K.o. geht – wer verliert, muss oft genug noch Hohn ertragen. Dabei gehört Scheitern zum Leben, meint der österreichische Buchautor Gerhard Scheucher und fordert eine Kultur der zweiten Chance: weil es oft der größte Erfolg ist, sich nach einem Misserfolg wieder aufzurappeln. Hoffentlich hört das der HSV an diesem Wochenende!

Wo kommt sie her, die Angst vor Fehlschlägen oder Niederlagen?

Die Herkunft ist ein mögliches Kriterium. In den USA, in denen ich 7 Jahre gelebt habe, ist nicht Scheitern das Tabu, sondern Aufgeben. Man zollt jenen Anerkennung, die sich wieder aufrappeln. Bei uns wird oft übersehen, dass viele, die es weit gebracht haben, erst einmal scheiterten. Wir werden sozialisiert mit dem Anspruch: Erfolg ist alles. Scheitern hingegen ist immer noch ein Stigma, ein verwirrender, schlecht einzuordnender Bruch in der Biografie.

Die Ursachen sind wohl auch in einer veränderten Arbeits- und Lebenswelt der Menschen zu suchen. Die Kontinuität, die noch vor einer Generation im Erwerbsleben herrschte, ist passé. Berufsbilder in der Arbeitswelt 2.0 haben eine Halbwertszeit von wenigen Jahren. Wo früher eine geradlinige Laufbahn vor uns lag, zweigen heute viele Weggabelungen ab: Praktikum statt Anstellung, lebenslanges Lernen statt solider Ausbildung, Job-Nomadentum statt goldener Uhr zum Dienstjubiläum nach 25 Jahren – die Unsicherheitsfaktoren wachsen.

Gerade hier wird die Auseinandersetzung mit lebensgeschichtlichen Erfahrungen, wie wir sie als Gesellschaft für biografische Kommunikation über Veranstaltungen anbieten, wichtig. Gemeinsam mit der Bürgerstiftung wollen wir dieses Anliegen sogar auf dem Bispinghof permanent verankern und so ein biografisches Leitmotiv und Verständnis für alle nutzen.

Fehler sind Quell und Motor des Fortschritts. Einen Fehler zu erkennen, verlangt danach, etwas zu verändern, anzupassen, neu zu ordnen. Routinen müssen überdacht, alte Strukturen geknackt werden. Wer sich über Schema F nicht hinaustraut und immer am Bestehenden entlangdenkt, wird ewig im eigenen Saft weiterköcheln. Das hat keine Perspektive.

Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard sagte: “Man versteht das Leben nur rückwärts, aber leben muss man es vorwärts.” Wenn wir uns also im Blindflug durchs Leben bewegen, ist dann Scheitern überhaupt vermeidbar? Und muss es überhaupt vermieden werden? Fehler passieren tagtäglich und werden zum Riesenproblem, wenn man über sie nicht diskutiert, sondern sofort Konsequenzen einfordert – ohne jeden Moment der Reflektion.

Die Mannschaft spielt schlecht, feuert den Trainer! Vielleicht ist aber auch der 12. Mann Schuld? Nehmen wir uns ein Beispiel an der Frauennationalmannschaft, obwohl oder gerade weil die WM für uns kein Sommermärchen war!

Durch das Verdrängen und Verschweigen des eigenen Scheiterns entgeht uns die Chance, es besser zu machen. Eine Regel, die jeder befolgen sollte: Einmal öfter aufstehen als man hinfällt – so haben wir alle als Kinder das Gehen geübt. Laufen lernt man durch Hinfallen, und eine gescheiterte Idee, ein verlorenes Spiel muss nicht das Ende aller Bemühungen sein. Gönnen wir uns selbst und anderen mehr als nur einen Versuch, leben wir eine Kultur der zweiten Chance!

Was das nun wiederum alles mit Fußball und den 4. Nordwalder Biografietagen zu tun hat. Sehr viel, auch hier geht es um Lebensleistungen aber auch Brüche. Und hier ist eine Idee, die sich trotz so mancher Widrigkeit durchsetzen wird. Biografische Kommunikation hilft, Grenzen zu überwinden.

Wenn bei einem Fußballspiel Holland gegen Deutschland antritt, spielen Erinnerungen mit: an den Zweiten Weltkrieg und andere Schlachten. Der Rasen wird zum Feld der Ehre, jeder Schuss ein Treffer ins Herz der gegnerischen Fans. Übertrieben? Nicht mal ein bisschen.

Thomas Snyder, Historiker des holländischen Nationalteams, nennt die niederländisch-deutsche Fußballrivalität die „vielleicht giftigste auf der Welt“. Spiele zwischen den beiden Teams haben Tumulte entlang der gemeinsamen Grenze ausgelöst – die kriegsähnlichsten Situationen, die man innerhalb der EU je erlebt hat. Sie haben einen Gedichtband auf holländischer und einen Erfolgsschlager auf deutscher Seite hervorgebracht. Ein deutscher Kanzler und ein holländischer Premierminister haben zusammen Länderspiele besucht, um den Fans ein friedfertiges Vorbild zu geben.

Der Stachel vom WM Endspiel 1974 sitzt tief bei den Niederländern, der Bauchtritt gegen Toni Schumacher bei der EM 1980 bleibt für die Deutschen unvergessen, das Spiel vom 21. Juni 1988 wurde gar aus holländischer Sicht ein romantisch verklärtes Revanchematch für den Krieg. Höhepunkt der Fehde war dann 1990 endgültig die Spuckattacke von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler, die mit roten Karten für beide endete. 1993 legte das Clingendael-Institut für Internationale Beziehungen dann eine Studie über die feindselige Einstellung von Hollands Jugend zu Deutschland vor.

Viel hat sich seither getan, der Fußball trennt Deutschland und die Niederlande nicht mehr, er verbindet dank Louis van Gaal, Ruud van Nistelrooy und Arjen Robben. Es gibt holländische Fußballfans, die sich zum FC Bayern bekennen und überhaupt, spielen die Deutschen seit ein paar Jahren einen so erfrischenden, ganz und gar undeutschen, ja geradezu coolen Fußball, dass selbst die härtesten Fußballgegner Respekt zollen und den Niederländer schon mal für Deutschland schreien und klatschen lassen.

Die 4. Nordwalder Biografietage werden mit „90 Minuten Hass – Fußball, ein biografisches Gesellschaftsspiel“ vielfältige Biografien vorstellen, die über ihre Lebensgeschichten den Sport und seine gesellschaftliche Relevanz auch am Beispiel des deutsch-holländischen Verhältnisses darstellen. Und klar geht es hier um das Scheitern, aber auch das Aufstehen.

Das soll nicht nur ernsthaft sondern mit viel Humor passieren. Es wird eine spielerische Komponente in Form von deutsch-holländischen Freundschaftsspielen mit dem 1. FC Nordwalde und DOS 19 Denekamp geben und wir wollen die guten Beziehungen innerhalb der Euregio Region nutzen, um die Kommunikation und das Zusammenleben weiter zu fördern.

Lebensgeschichtliche Erfahrungen bestimmen, wie wir Erlebnisse bewerten.
Sie beeinflussen die Erwartungen von uns an die Zukunft!

In diesem Sinne freue ich mich auf alle Beiträge, Referenten und Besucher.
Vielen Dank Ihnen/Euch allen, fürs Kommen.