Als mich am 28. Dezember 2013 vormittags ein Schulfreund anrief und mitteilte, dass Antje Siebrecht am 21. Dezember gestorben sei, unsere Klassenkameradin, mit 55 Jahren, bereitete ich gerade einen viertägigen Schreibkurs für 16 TeilnehmerInnen vor, die am Nachmittag in unserem Biographiezentrum eintreffen sollten: „Schreiben zwischen den Jahren.“ Mein Programmpunkt waren Kurzkrimis für die Yellow Press. „Mitten aus dem Leben hat uns unsere liebste einzige Tochter verlassen“, las mein Freund den Text der Traueranzeige in der HNA vom 27.12.2013 vor. Die Nachricht habe ihn erschüttert.


Ich nickte am Telefon, noch ganz in die Vorbereitung meiner Kursunterlagen vertieft. „Hat uns verlassen“, interpretierte ich mechanisch die Traueranzeige, „ist im Aktiv geschrieben, als sei der Tod als Verlassen ein aktiver Prozess gewesen.“ Mehr wusste mein Freund auch nicht zu sagen. Über vierzig Jahre hinweg hatten wir immer wieder, zuletzt vor wenigen Wochen, mit Antje in Verbindung gestanden, uns hin und wieder getroffen, öfters telefoniert und gemailt. Seit wir sie kannten, nahm Antje ihr Leben selten leicht wie andere, doch dass sie Antidepressiva benötigte, war erst in den letzten Jahren augenfälliger geworden.

Ich musste mich nach der Todesnachricht auf meinen Kurs und die Bedürfnisse der Teilnehmer konzentrieren, aber in den Pausen und vor allem abends waren in den kommenden Tagen meine Gedanken fast nur bei Antje. Alles begann damit, dass wir in der achten Klasse in der Waldorfschule Kassel einem Klassenkameraden etwas wichteln mussten – etwas nettes Kleines zu Weihnachten schenken: Wer wem, wurde ausgelost, und ich zog Antje, damals ein Mädchen mit fünfzehn Jahren, das nicht vorn in der Attraktivitätsskala stand. Gleichwohl war es nicht nur Höflichkeit, die mich dazu bewegte, ihr etwas Besonderes zu schenken, ein Gedicht zu schreiben und es in einem selbst gemalten Bild einzubetten: „Kleine Pflanze, hinein in Mutter Erde….“ – keine große Lyrik, aber ein Zeichen persönlicher Wertschätzung. Antjes Eltern waren Gärtner, und auch Antje hatte einen starken, meditativen Zugang zur Natur und deren Farbenwelt. Mein Gedichtbild von damals bedeute ihr viel, sagte Antje später öfters, wenn wir in der Vergangenheit schwelgten, sie bewahre es in ihrem Fundus der Erinnerungsstücke auf.

Als in Kassel die documenta 6 aufgebaut wurde (1977), waren wir Pennäler in der Oberstufe angekommen und Antje hatte die Idee, den täglichen Aushub des „Vertikalen Erdkilometers“ von Walter de Maria in Reagenzgläser abzufüllen und für einen guten Zweck zu verkaufen. Wir nahmen rund 10.000 Mark ein, wurden mit dem Paul-Dierichs-Preis ausgezeichnet und spendeten sämtliches Geld an zwei Behinderteneinrichtungen – auch das war Antjes Idee, die lebenslang einen sozialen Wesenszug hatte. Jahrzehnte später schrieb ich einen kleinen Erinnerungsartikel darüber, den Antje am 19. August 2010 kommentierte: „lieber andreas, ohne deine hilfe hätten wir damals die bohrlochaktion gar nicht durchführen können. du warst meine geistige und tatkräftige stütze und hast mit mir gemeinsam die aktion durchgeführt.“

Nach der Schulzeit verloren Antje und ich uns nicht aus den Augen. Ich studierte in Marburg Kunstgeschichte und wir trafen uns alljährlich zu Weihnachten in Kassel. In meiner Familie war das Weihnachtsfest jedesmal eine fürchterliche Veranstaltung (siehe Artikel hier), bei der ich froh war, am ersten oder spätestens zweiten Weihnachtstag abhauen und Freunde besuchen zu können, wo es angenehmer war. Antje hatte im Erdgeschoss ihres Elternhauses eine eigene Wohnung bekommen, die sie zum großzügigen Atelier eingerichtet hatte, und zeigte mir ihre neuen Bilder, deren Farbigkeit mich faszinierte. Wenn wir von ihren Eltern zum Mittagessen oder Kaffee trinken in die 1. Etage eingeladen wurden, behandelten sie mich so freundlich und warmherzig, als sei ich ihr zukünftiger Schwiegersohn. Doch diese Freude konnten weder Antje noch ich ihnen bereiten.

1991 hatte Antje eine Einzelausstellung in der Galerie am Stein in Schärding / Österreich, zu der ich die Vernissagerede hielt. Seit meiner Jugend war ich ein Bewunderer der Wiener Schule, und als Arnulf Rainer im Publikum auftauchte und uns die Hand drückte, fühlten wir uns vom Hauch der großen Kunst berührt. Ein Foto vom Tag danach zeigt Antje und mich zusammen mit einer attraktiven älteren Frau, die sich bei mir eingehakt hatte. Wenige Jahre schickte Antje mir deren Todesanzeige.

Als Antje im Jahr 2000 ein mehrmonatiges Atelierstipendium des Egon Schiele Art Centrums in Krumlov / Tschechien bekommen hatte, lud sie mich ein, für ein paar Tage vorbeizuschauen, was ich gern tat. Antje inmitten internationaler Künstler war zum vertrauten Bild geworden, und mich faszinierte das Künstlerleben außerhalb der bürgerlichen Welt. Wir zogen um die mittelalterlich verwinkelten Häuser und durch die Ateliers, wobei ich Antje immer abstinent erlebt habe. Zigaretten, Alkohol und andere Drogen waren wohl nie ihre Welt, vielmehr habe ich sie als ruhende bieder-mütterliche, sorgende Gestalt inmitten verwegener Künstlergestalten in Erinnerung. Manchmal konnte der Kontrast kaum größer sein.

Einen Fauxpas leistete ich mir einige Monate später, da klagte Antje am Telefon von Problemen mit den Männern. Sensibilisiert durch meine Schwester, einer bekennenden Lesbe und später mit ihrer langjährigen Lebenspartnerin verheiratet, meinte ich locker zu Antje: „Vergiss doch die Männer und such dir ein süßes Mädchen.“ Wenige Stunden später bekam ich von ihr ein Fax mit nur einer handschriftlichen Zeile, wütend hingeschrieben: „Ich bin eine anständige Frau!!!“ Drei Ausrufungszeichen – ich rief Antje an und entschuldigte mich, damit war die Sache unter Freunden erledigt. Ich wollte ihr nicht zu nahe treten.

Die letzte Gelegenheit, Antjes Kunst in einem kunsthistorischen Rahmen zu würdigen, bot sich mir 2012 während eines Vortrags an der FH Kunst in Arnstadt, wo ich über Rudolf Steiners Impulsen zur Malerei sprach und im Ausblick auch Bilder von Antje Siebrecht zeigte, die Aquarell-Lasurmalerei mit transparenten Papieren zu neuen Qualitäten geführt hatte. Als ich Antje anschließend in ihrer Kasseler Atelierwohnung am Kirchweg besuchte, freute sie sich und erzählte von ihrem Treffen mit Reinhold Messner, der einige ihrer Bergbilder für sein Bergmuseum gekauft hatte. Gleichwohl habe ich die Treffen und Telefonate mit Antje seitdem eher in schwermütiger Erinnerung. Ihre Briefe und Mails unterschrieb sie schon seit vielen Jahren mit „Deine alte Malerin Antje“.

Ich glaube, der Tod ist auch eine Erlösung vom Leben, so wie Kunst und Kunstschaffen lebensrettend sein können. In diesem Sinne empfinde ich Erleichterung für Antje. Doch der Schmerz ihrer Eltern schmerzt mich, vor dem eigenen Ende die Tochter verloren zu haben, ihr Kind, das sie lebenslang so sehr liebten und selbstlos unterstützt haben. Noch bei unserem letzten Treffen im Sommer 2013 schaute Antjes Vater von draußen durchs Fenster und winkte uns zu, nachdem er etwas auf der Terrasse repariert hatte. Für mich sah er kernig bodenständig und gesund aus, wie ich ihn seit meiner Jugend kannte, obwohl er jetzt um die achtzig war. Er werde auch nicht jünger, sagte Antje traurig. Zunehmend starben unsere früheren Klassenlehrer, zu deren Begräbnis Antje ging. Sie dachte wohl täglich an den Tod.

Weil ich aufgrund meines Kurses nicht zu Antjes Trauerfeier am 30. Dezember kommen konnte, mailte mir eine gemeinsame Klassenkameradin: „Lieber Andy, die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt, schöne Blumen, erlesene Musik. Der Pfarrer sprach von Zweifeln an Gott und dessen Hilfe und später sagte er, dass Antje an den Folgen eines sehr schweren Schlaganfalls,  den sie vor anderthalb Wochen erlitt,  gestorben ist. In der Todesanzeige stand: ‚Mitten aus dem Leben hat uns unsere liebste einzige Tochter verlassen.” Mit diesem Satz begann der Pfarrer seine Predigt, gefolgt von den Zweifeln, und nach einer Musikeinlage die Erklärung Schlaganfall. Antje hat sich in letzter Zeit immer mehr abgeschottet, man hat mir gesagt, sie wäre wieder in intensiver Behandlung gewesen. So viel zu den Todesumständen.“

Einen Nachruf finden Sie auch in der HNA vom 28. Dezember 2013: antje siebrecht