Die Nachricht von Rosa von Praunheims Tod am 17. Dezember 2025 macht mich traurig, tröstet aber auch, denn er ist 83 Jahre alt geworden, bis zuletzt ein reiches schöpferisches Leben . Ich erinnere mich noch gut an unser Treffen im Göttinger Kino Lumière, wo ich 2009 die Laudatio zu seinem wunderbaren Dokumentarfilm „Meine Mütter – Spurensuche in Riga“ (2008) gehalten habe.

Aus der Laudatio: Es ist kein Geheimnis, wir verfolgen mit der Vergabe des Deutschen Biographiepreises 2009 neben Qualitätskriterien auch subjektive Ziele. Alles, was wir wahrnehmen, erkennen wir schließlich, weil es in uns selbst begründet liegt. Rosa von Praunheims Spurensuche nach der eigenen Herkunft deckt sich kongenial mit der unsrigen als Auftragsbiographen, deshalb sind wir glücklich, von ihm ein Werk erhalten zu haben, das Maßstäbe setzt und berührt. Es enthält alles, was eine mitreißende Biographie braucht: Herz, Witz, Hingabe an das Leben und die Menschen. Schauen Sie sich den Film an!

Rosa von Praunheims Dokumentarfilm erzählt von der Suche nach den leiblichen Eltern. Im Jahr 2000 gestand ihm seine damals 94-jährige und inzwischen verstorbene Mutter Gertrud Mischwitzky, dass er nicht ihr leiblicher Sohn ist, sondern während der deutschen Besatzung in Riga/Lettland aus einem Kinderheim adoptiert worden ist. Mehr als diese knappe und (wie sich später herausstellen sollte) falsche Auskunft konnte der Regisseur seiner Adoptivmutter nicht entlocken. Erst nach ihrem Tod im Jahr 2003 machte sich von Praunheim auf die nahezu aussichtslos scheinende Suche nach seinen Wurzeln. Wie absichtslos aktualisiert er dabei den uralten Mythos des Findelkinds auf der Suche nach der eigenen Herkunft, in dem wir uns selbst erkennen. Sind wir nicht alle auf der Suche nach den eigenen Wurzeln: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?

Schritt für Schritt begleiten wir den Regisseur Rosa von Praunheim und sein Team bei ihrer akribischen Recherchearbeit in Archive, zu Zeitzeugen und Geschichtswissenschaftlern. Die deutsch-lettische Familiengenealogie entwickelt sich dabei zu einer spannenden Detektivgeschichte, die zunehmend eine erschütternde historische Dimension entfaltet. Aber es sind weniger die zeitgeschichtlichen Elemente, die uns berühren, so monströs sie erscheinen mögen – die Frage, ob der leibliche Vater ein Nazi-Massenmörder war. Vielmehr besticht Rosa von Praunheims Film durch die Schlichtheit seiner Dramaturgie: Da macht sich jemand auf den Weg zu den Wurzeln seiner Herkunft und findet an erster Stelle sich selbst.