Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten. Hatte ich gerade noch die zweiteilige Filmbiographie über „Dr. Hope“ in Arte (und später ZDF) angekündigt, kommen mir wenige Tage später Plagiatsvorwürfe zu Ohren, denen sich die Drehbuchautoren Torsten Dewi und Katrin Kaiser, jetzt Katrin Tempel, ausgeliefert sehen. Ich möchte den Fall nicht referieren, wer sich dafür interessiert, braucht nur zu googeln und findet genügend Zeitungs-Einträge zum jeweils aktuellen Stand der Auseinandersetzung. Auch der Blog „Wortvogel“ von Torsten Dewi ist erhellend und spannend zu lesen. 

Mich beschäftigen andere Aspekte des Falls.

In den historischen Wissenschaften hat die Biographik einen zwiespältigen Ruf. Einerseits kommt Geschichte nicht ohne “große” Menschen und Macher aus, andererseits – nur allzu menschlich – sehen diese Heroen ihr Leben und Werk subjektiv. Wie viele Auto-Biographien sind regelrecht schöngeschrieben, voller Auslassungen und Vergesslichkeiten? Allein schon die Wahl dessen, was biographiert wird, ist subjektiv, und Wissenschaftler sind sich einig: Es gibt keine Objektivität in der Biographik, die über schlichte Fakten hinausginge.

Letztlich schreibt jeder Biograph über sich selbst und sein imaginäres Wunschbild – selbst wenn er thematisch Wallenstein oder Hitler oder Bismarck oder Dieter Bohlen oder „Dr. Hope“ in diesem Fall zum Gegenstand seiner literarischen Portraitkunst gewählt hat. Er schreibt über das, was ihn begeistert und irritiert, was er recherchiert, was er sich in Büchern und anderen Quellen angelesen, zusammengeschrieben und neu interpretiert hat – eben so, wie es seinem handwerklichen Vermögen entspricht und er es persönlich für gut und richtig hält. Die biographierte Person ist letztlich nur noch Anlaß zur Biographie als Kunstwerk, das mal mehr, mal weniger mit seinem Urbild zu tun hat, aber immer Kunstwerk eines externen Schöpfers ist – selbst wenn man die eigene Biographie, die Autobiographie schreibt.

Wir kennen es von den historischen Bildportraits und der Photographie mit der Frage: „Wie objektiv ist das Objektiv?“ Die Model- und Talent-Shows im TV beweisen es uns täglich: Erst durch die geschickte Inszenierung wird aus einem Heer von Nobodys ein Star. Oder anders ausgedrückt: Erst durch den Autor wird die Lebensgeschichte einer Person zur Biographie inszeniert. 

Kannten Sie die Ärztin Hope Bridges Adams Lehmann (1855 bis 1916) schon lange? Wahrscheinlich nicht. Es ist das Verdienst der Augsburger Uni-Historikerin Prof. Dr. Marita Krauss, diese Frau wiederentdeckt und erstmals biographisch umfassend rekonstruiert zu haben, sei es durch Artikel und Bücher, durch Vorträge und Ausstellungen, durch Forschungsveranstaltungen. Wenn ich es richtig sehe, hat Marita Krauss diese Figur vor rund zwei Jahrzehnten für sich entdeckt, eine wissenschaftliche Leidenschaft  für diese Frau entwickelt und sie seitdem unermüdlich erforscht, so dass Marita Krauss sich wohl im Laufe der Jahrzehnte eine Art Forschungsmonopol zu Hope Bridges Adams Lehmann mühsam erarbeitet hat.

Und dann kommen da zwei kreative Drehbuchautoren und andere kommerziell orientierte Zweitverwerter (u.a. die Filmproduktionsfirma von “Dr. Hope” sowie ZDF und Piper Verlag) und bedienen sich aus den mühsam erarbeiteten und publizierten Forschungen einer Wissenschaftlerin, als seien deren Arbeiten mit der Publikation zum allseits frei nutzbaren Gemeingut geworden. Das „Tannöd-Urteil“ scheint ja der künstlerischen Nutzung von Sachbüchern auch Recht zu geben, so dass sich das Duo Dewi-Kaiser keinerlei Vergehen schuldig fühlen muss. Wörtlich abgeschrieben – wie im Fall Hegemann – haben sie nicht, und die Herkunft ihrer Sachinformationen streiten sie nicht ab (wobei sie einige falsche Schreibweisen ungeprüft übernommen haben sollen, wie ihnen die Professorin vorwirft). Sie haben also recherchiert und einen eigenen neuen Text geschrieben, wie es alle ordentlichen Journalisten und Drehbuchautoren tun. Ich glaube nicht, dass man ihnen einen Vorwurf machen kann.

Die Problematik liegt anderswo: in unserem Rechtssystem. In meinen Augen ist auch das Tannöd-Urteil ein Schlag ins Gesicht für jeden Sachbuchautor! Mir ist unerklärlich, warum Sachbücher bis in die Figurenzeichnung hinein weniger schützenswert sein sollen, als fiktionale Werke. Biographien sind immer auch Fiktion! Letztlich ist die „Hope Bridges Adams Lehmann“ aus den Publikationen von Marita Krauss genauso subjektiv und ein Medienprodukt, wie „Dr. Hope“ von Dewi und Kaiser, und dementsprechend sind beide Werke urheberrechtlich schützenswert.

Doch es kann nicht angehen, dass Sachbuchautoren und Biographen kostenlos den „Steinbruch“ für Stoffe der Medienindustrie liefern und – neben Spott und wirtschaftlichem Schaden – auch noch juristisch das Nachsehen haben. Die Publikationen aus Wissenschaft und Forschung in den Geisteswissenschaften sollten juristisch weit mehr vor den Übergriffen der Medienindustrie geschützt werden, als es bislang Praxis ist.