„Wenn man die Büchse der Pandora einmal geöffnet hat, kriegt man sie nicht mehr zu.“
Andreas Mäckler: Beginnen wir mit einer einfach anmutenden Frage: Wenn Hedwig heute mit am Tisch säße – wie sehr würde sie sich darüber wundern, dass wir über ihr Leben sprechen? Und hättest du den Mut, ihr direkt gegenüber zu sitzen?
Christoph Poschenrieder: Sehr hypothetisch! Nie, niemals würde Hedwig (falls sie nicht wunderbarerweise aufs 21. Jahrhundert modernisiert worden wäre) zu diesem sie persönlich betreffenden schambesetzten und tabuisierten Thema sich äußern, geschweige denn zum Zwecke einer Publikation.
Wenn Hedwig selbst zu diesem Thema geschwiegen hätte: Wie bist du beim Schreiben mit der Tatsache umgegangen, dass du einer verstorbenen Person eine Stimme gibst, die sie in der Realität niemals erhoben hätte?
Das ist das Privileg des Romanciers. »Fräulein Hedwig« ist ja keine astreine Biographie und deswegen der Wahrheit eben auf andere Weise verpflichtet. Aber ich lege schon strenge Maßstäbe an das »so könnte es gewesen sein«. Im Übrigen wird im Buch meistens über Hedwig gesprochen, ihre Stimme ist eher im fernen Echo zu erspüren. Von ihr selbst ist leider kein Brief überliefert und von ihrer eigenen Hand bloß ein Testament und ein paar Schulaufsätze. Das Ganze ist eine (Re-)Konstruktion und Leser/in muss sich sein/ihr Bild selbst zusammenpuzzlen.
Wenn Hedwig selbst geschwiegen hat: Wo endet für dich die Freiheit des Romanciers – und gab es beim Schreiben einen Punkt, an dem du dachtest, jetzt gehe ich vielleicht zu weit?
Ich habe aus ihrer Krankengeschichte auch nicht alles enthüllt, weil ich mir dachte, das ginge denn doch etwas zu weit. Vieles kann der heutige Leser nicht mehr ohne weiteres einordnen. Und mir lag schon daran, dass Hedwig als Figur die ihr zustehende Sympathie erhält, das war ohnehin nicht ganz leicht.
Du hast vorhin das Schweigen Hedwigs betont. Ist dieses Schweigen für dich eher ein Mangel – oder vielleicht sogar der Kern des Buchs? Schweigen kann schließlich auch produktiv sein. Es zwingt uns, genauer hinzuhören auf das, was gesagt – und auf das, was nicht gesagt wird.
Das ist bestimmt so. Zwischen den Worten, zwischen den Sätzen, zwischen den Zeilen steckt immer etwas drin. Jeder gewiefte Rhetoriker beherrscht das (Ver-)Schweigen mindestens so gut wie das Reden. Das muss man raushören. Meine schweigende Protagonistin fordert das Einfühlungsvermögen sowohl von mir, dem Autor, als auch von allen LeserInnen. Und der andere Aspekt des Schweigens Hedwigs ist ihre Rolle in der damaligen Gesellschaft: Wer wollte denn schon von ihr hören? Das Weib schweige in der Gemeinde (nach Korintherbrief 14,34). Das stellt die Frage: Was könnte Hedwig uns erzählen – wenn sie wollte oder könnte?
Also oft nur Spuren … Eine andere Form von Überlieferung bildet die von Tante Marie Poschenrieder verfasste Familiengeschichte als 76-seitiges Fragment. Wie bist du mit diesem Wechsel von Schweigen zu Erzählen umgegangen?
Das war eine unheimlich wichtige Quelle und ich war sehr froh, dieses Manuskript zu haben, selbst wenn es abbricht, als es wirklich interessant wird. Darin sind Dichtung und Wahrheit allerdings manchmal schwer auseinanderzuhalten, und deswegen habe ich mich entschlossen, die Tante Marie sozusagen als meine Co-Autorin ins Boot zu holen und ihre Texte als Zitate einzusetzen. So verantwortet sie ihre eigenen Anteil, ich den meinen – sozusagen. Sie kannte eben einen Großteil der wichtigen Protagonisten in dieser Geschichte. Interessant fand ich auch, dass sie Hedwigs psychische Erkrankung auf diesen 76 Seiten nicht erwähnt. Vielleicht war das für den Rest der Familien-Memoiren vorgesehen, aber mehr als diese 76 Seiten hat sie nicht geschrieben, oder der Rest ist verloren gegangen.
Schrift fixiert Erinnerung. »Wer schreibt, der bleibt«, sagt ein Sprichwort. Während Hedwig demnach fast nur in Spuren greifbar bleibt, liegt mit dem Manuskript von Tante Marie plötzlich eine private Erinnerung und Familiengeschichte in schriftlicher Form vor – subjektiv, fragmentarisch, aber fixiert. Wie hast du dieses familiäre Dokument literarisch behandelt (abgesehen vom Zitieren), und wo beginnt für dich der Moment, in dem aus privater Überlieferung Literatur wird bzw. werden kann?
Ich habe Tante Maries „Memoiren“ von Anfang an nicht bloß als penible Auflistung von Familienhistorie gesehen. Es ist zu offensichtlich, wie viel Freude sie am Fabulieren hat. Das war ihre Chance und sie hat sie ergriffen, nur leider nicht zu Ende geführt. Das war dann meine Chance – Maries Dichtung und Wahrheit fortzuführen. Ich habe versucht diese beiden Pole auseinanderzuhalten, was aber schwierig war. Also benutzte ich Maries Familienchronik auch als Inspiration, nicht nur als Zitiersteinbruch. Ob ihr Werk bereits Literatur ist – weiß ich nicht. Eher nicht. Das muss es ja auch nicht sein, denn letztlich interessiert uns an der Überlieferung in erster Linie, ob das alles wahrhaftig ist. „Gut erfunden“ für eine Biografie ist vermutlich kein besonders großes Lob … Andererseits gibt es natürlich auch große Literatur, die sehr aus dem (Auto-)Biografischen schöpft; denk mal an Elias Canettis „Die gerettete Zunge“.
Interessant auch: Kürzlich las ich in einem amerikanischen Magazin über ein biografisches Werk und die sicher nicht unwichtige Frage: What about the boring parts? Also, wie umgehen mit den kaum vermeidlichen langweiligen, unaufregenden Phasen eines Lebens? Das in einer Biografie auszuwalzen ist wohl tödlich, im Roman (wenn man das so nennen kann) hat Karl Ove Knausgård es zu einer Kunstform gebracht, tausende Seiten lang und nach meiner Ansicht unendlich öde …
Wie definierst du Wahrhaftigkeit in einem biografisch grundierten Roman – ist sie für dich eher eine emotionale, eine historische oder eine moralische Kategorie? Und in welchem Moment wusstest du beim Schreiben: Jetzt entsteht aus all den Splittern, Spuren und Brüchen tatsächlich eine Figur – Hedwig als literarisches Gegenüber?
Für mich war Hedwig dann schon irgendwann eine literarische Figur. Also, auch eine literarische. Es gibt ja einige fiktionale Passagen in dem Buch, in denen ich Hedwig Motive unterschiebe und sie sprechen lasse. Das wird wohl der Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit sein: Wahrheit ist, wie’s (wirklich, echt) war, und Wahrhaftigkeit ist, wie’s hätte sein können. Zumindest funktioniert das für mich so, und es ist weder eine emotionale noch historische noch moralische Kategorie – höchstens eine praktische zum Zwecke des Erzählens einer Geschichte.
Wenn Wahrhaftigkeit vor allem eine praktische Kategorie des Erzählens ist: Was hat sich durch das Schreiben von Fräulein Hedwig an deinem eigenen Blick auf Familie und Herkunft verändert?
Erst einmal habe ich vieles gelernt über diese Leute, mit denen ich zumindest einige Gene teile. Dann, bilde ich mir ein, sieht man auch einige „Familienähnlichkeiten“ im Sinne des Wortes auf den alten Fotos, an mir, meinen Geschwistern, Cousins und Cousinen. Das ist beruhigend und beunruhigend zugleich, denn es drängt die Frage auf: Was haben die mir sonst noch mitgegeben? Natürlich kann man genauso gut oder schlecht in seiner jeweiligen Gegenwart leben, ohne auch nur eine Spur von seinen Vorfahren zu wissen. Ist ein bisschen so wie mit der Büchse der Pandora: Wenn man sie einmal geöffnet hat, kriegt man sie nicht mehr zu. Ich finde es eben spannend. Schließlich sind es die Entscheidungen und Unterlassungen deiner Eltern, Großeltern usw., die bestimmen, ob, wo und unter welchen Bedingungen du ins Leben trittst. Das ist natürlich noch nicht die ganze Geschichte, aber ein guter Teil davon. Ob du in der Blasmusik spielst oder im Symphonieorchester, ob du mit Stäbchen oder Gabel & Messer isst.
Also auch die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte als Weg zur Selbsterkenntnis: Gab es beim Schreiben einen Punkt, an dem du das Gefühl hattest, nun genug zu wissen – oder führte jede neue Spur vielmehr zu weiteren Fragen, sodass das Buchprojekt nach langer Arbeit letztlich eher aus pragmatischen als aus inhaltlichen Gründen zu einem Ende kam?
Mit solchen recherche-intensiven Büchern gibt es bei der Arbeit an ihnen eher einen Punkt, wo man besser aufhört, selbst wenn man das Gefühl hat, es gäbe noch sooo viel auszugraben und zu wissen. Sonst wird das Buch nämlich nie fertig. Ich denke, da muss man schon die Kontrolle behalten und sich nicht treiben lassen, auch wenn es große Freude bereitet, sich auf die vielen vielen Spuren zu heften, die sich da auftun. Aber das Ende ist durchaus nach inhaltlichen Erwägungen gesetzt: „Hedwig“ als Geschichte eines Lebens findet im unnatürlichen Tod der Protagonistin ein Ende. Dazu ein wenig Nachgeplänkel, um die losen Enden zusammenzufassen. Aber natürlich gibt es da noch einiges, was ich gerne wüsste, oder beim Schreiben gewusst hätte. Wie auch immer, das Buch ist fertig und ich werde es sicher nicht noch einmal beginnen, oder eine zweite Version abliefern.
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