Je länger ich mich (auto-)biografisch mit Wikipedia als neuem Phänomen unserer Zeit beschäftige, desto provokativer fallen meine Ansichten aus. Nehmen wir dieses Mal die These: Wikipedia ist ein parasitäres System, das auf globaler Ausbeutung zum wirtschaftlichen Nutzen weniger beruht:

  • Ausbeutung Tausender von Autoren weltweit, “User” genannt, die unentgeltlich schreiben und ihre Produktionsmittel ebenso selbst finanzieren wie ihren Lebensunterhalt – sofern dies nicht der Steuerzahler tut.
  • Ausbeutung öffentlich zugänglichen Ressourcen des Wissens, wobei Fakten vor allem in Details häufig falsch wiedergegeben werden. Professionelle Viten öffentlicher Personen sowie Institutionen werden in vielen Fällen tendenziös und verzerrt dargestellt und auch zur Diffamierung genutzt.

Beschäftigt man sich mit Biografien von Wikipedia-Autoren, fällt auf, dass sie zumeist viel (Frei-)Zeit haben; einen hohen Anteil an Pensionären, Halbtagsjobbern und Hartz-IV-Empfängern zu vermuten, dürfte nicht verkehrt sein. Womit wir ein weiteres Element feststellen, ohne das Wikipedia als parasitäres System nicht möglich ist:

  • Sozialisierung der Kosten.

Sozialisierung der Kosten und Privatisierung des Nutzens gehört bekanntlich zu den tradierten Prinzipien erfolgreichen – auch internationalen – Wirtschaftens: Wenige Menschen verdienen sehr viel Geld, viele Menschen dagegen bekommen fast nichts, bezahlen aber mit ihrer Arbeitsleistung die wenigen Vielverdiener und machen sie täglich reicher. Längst hat Wikimedia als globales Unternehmen Milliardenwert.

In dieser Wirtschaftskonstruktion gehen auch bei Wikipedia als “gemeinnützigem Unternehmen” die alljährlich eingeworbenen Spenden aus den einzelnen Ländern weitgehend heraus an die Wikimedia Foundation in den USA, wo sich wenige Leute bedienen; zurück bleiben pro Land Häufchen mäßig bezahlter Angestellter und Tausende ehrenamtlich arbeitende – also ausgebeutete – “Wikipedia-Bienen”, denen Respekt zu zollen sei, wie Wikipedia-Betreiber immer wieder betonen. Doch wofür Respekt? Dafür, dass solche Leute den Wert von Autorenleistungen auf NULL drücken, kongruent zur Geiz-ist-geil- und Kostenlos-Kultur unserer Zeit? Sorry, dass ich als professioneller Autor nach mehr als dreißig Jahren für solche Kostenlos-Angebote nur Verachtung aufbringen kann, denn dahinter stehen Menschen, die nichts mehr oder wenig für ihre Leistungen bezahlt bekommen und entsprechend nicht mehr von ihrer Arbeit leben können.

In wie vielen Verlagen und Zeitungsredaktionen erhalten “Freie” nur noch Zeilenhonorare im Cent-Bereich? Kann man davon leben? Wohl kaum. In den Künstler-Sozialberichten der letzten Jahrzehnte, die auch Autoren umfassen, rangieren diese Berufsgruppen immer im untersten Bereich der Einkommensklassen, zumeist unterhalb der Sozialhilfe-Empfänger. Wer mit Verlegern darüber spricht, erntet zumeist Bedauern über die schwieriger werdende Marktsituation mit stetig sinkenden Auflagenzahlen, die nur noch solche Cent-Honorare ermögliche. Bei Wikipedia erntet man schon gar nichts mehr.

  • Damit gehört auch Wikipedia zu den Totengräbern der bezahlten Autorendienstleistung.

Was kann man dagegen tun?

  • Aufhören, Wikipedia zu nutzen und darin kostenlos zu schreiben, wäre eine Option, und auch:
  • Aufhören, für Wikipedia zu spenden.

Ein Spenden-Siegel des renommierten, halbstaatlichen DZI – Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen, quasi der deutsche Spenden-TÜV, das rund 1000 Spendenorganisationen dokumentiert, hat Wikimedia nicht. Ich fragte im DZI nach und bekam folgende Antwort: “Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e. V. … Über die von Ihnen genannte Organisation können wir Ihnen keine Auskunft geben, da sie von uns nicht dokumentiert wird. Wir bedauern, Ihnen hinsichtlich der Förderungswürdigkeit keine Entscheidungshilfe geben zu können.”

Nebenbei: Ein weiteres parasitäres Phänomen aus dem Schoß der Wikipedia ist die Copy/Paste-Biografie bzw. ganz allgemein die Copy/Paste-Literatur: Referate, Hausarbeiten, Bücher und Dissertationen, flugs aus der Wikipedia zusammenkopiert und als Eigen ausgegeben. Da kann man dann schon wieder von einer Rekapitalisierung des Parasitären sprechen – ganz nach dem Motto: “legal, illegal – scheißegal”.