Weil ich gerade im Thema bin: Beschäftigt man sich eher mit den dunklen Seiten der Wikipedia, stößt man auch auf den neuen Begriff „Wikipedia-Opfer“. Da ich bekanntermaßen ebenfalls hin und wieder einige Umgangs- und Konstruktionsformen in der Wikipedia kritisiere, hinterfrage ich diesen Begriff.

Vielleicht naiv, aber beginnen wir mal so: Wenn mir jemand etwas Böses tut, ist es immer eine Person oder eingegrenzte Personengruppe; vielleicht auch ein Tier oder mehrere, oder – bei unsachgemäßer Handhabung – ein Gegenstand; schon das Säubern einer Rasenmäherklinge kann arge Verletzungen verursachen, wenn plötzlich der Motor angeht, weil man …

Jermand kann also vielfältig Opfer werden – und sei es der eigenen Unaufmerksamkeit geschuldet. Doch man würde wohl kaum unser Land – die BRD beispielsweise – dafür verantwortlich machen, weil es die Plattform für unser Leben liefert. Sich als „BRD-Opfer“ zu deklarieren, wäre wohl nur in speziellen Fällen ein passender Begriff.

Nehmen wir nun die Wikipedia, die eine unüberschaubare Plattform zur lexikographischen Kommunikation bietet. Auf dieser Plattform wird großartige Arbeit geleistet, aber auch gemobbt, diffamiert, gestalked – also Personen werden in der Wikipedia zu Opfern gemacht. Sind diese Personen deshalb aber „Wikipedia-Opfer“ oder nicht vielmehr Opfer einiger weniger anonymen User / Autoren, die die Plattform Wikipedia und das Internet zu widerwärtigen Aktionen nutzen? In meinen Artikeln zum Thema „Diffamierung in der Wikipedia“ habe ich deshalb bewusst immer nur von einzelnen anonym agierenden Personen gesprochen, die Ärger in der Community verursachen.

Doch ist es in diesem Fall wirklich so einfach, die Schuld nur einzelnen Leuten in der Wikipedia zuzuschreiben? Leider nein. Im Gegensatz zu unserem Land der BRD, das ein funktionsfähiges Rechtssystem hat, an das man sich im Streitfall wenden kann, mangelt es dessen in der Wikipedia Deutschland eklatant! Wer gegen einzelne, aus der Anonymität heraus diffamierende Personen sich sachlich wehren und als letzte Möglichkeit klagen will, hat nur wenig Chancen, weil im Streitfall zumeist auf die Wikimedia Foundation in den USA verwiesen wird, und da braucht man schon sehr viel Geld, um agieren zu können …

So bin ich zur Ansicht gekommen, dass Wikipedia Deutschland aufgrund seiner rechtlichen Konstruktion und der Deckung anonymer Missetäter durchaus eine Mitschuld an den zunehmenden Auswüchsen von Cyber-Mobbing trägt, die zu beobachten sind, nicht nur in meinem Fall, der kürzlich vor Gericht verhandelt wurde. Der Begriff „Wikipedia-Opfer“ hat also – so gesehen – leider wohl doch eine Berechtigung.

Weil es in den allermeisten Streitfällen in der Wikipedia um die „Relevanz“ einzelner Personen und deren professionellen Vita geht, gehe ich nun kurz noch auf den Artikel „99 % aller Deutschen sind irrelevant“ von Pavel Mayer ein. Er schreibt: „99 % aller Deutschen sind irrelevant. Und werden es auch immer bleiben. Jedenfalls nach den Relevanzkriterien der deutschen Wikipedia. Das wird in der Wikipedia mit einem hürdenspringenden Hauskaninchen illustriert, mit der Bildunterschrift: ‚Für über 99 % der Bevölkerung unüberwindbar: Die Relevanzhürde.'“

Vergleicht man den Satz der Wikipedia – „Für über 99 % der Bevölkerung unüberwindbar: Die Relevanzhürde“ mit Pavel Mayers Schlussfolgerung – „99 % aller Deutschen sind irrelevant“ -, dann wünschte man dem Autor vielleicht einen Grundkurs in Logik. Warum? Wenn 99 % einer Bevölkerung keinen Eingang in die Wikipedia finden, sind diese Menschen deshalb noch lange nicht „irrelevant“, sondern erfüllen einfach nicht die Relevanzhürde als Zugangsbedingung zur Wikipedia. Punkt.

Es gibt unzählige Hürden und Zugangsbedingungen in unserem Leben: Schule, Prüfungen, Berufsausbildungen, Golf-Klub etc. etc. Wer etwas nicht schafft oder auch gar nicht will, ist deshalb noch lange nicht „irrelevant“, blöd oder sonst etwas. Insofern halte ich Pavel Mayers Satz für eine falsche Interpretation mit fragwürdiger Folge, weil er das Dilemma einiger Wikipedia-Autoren widerspiegelt, wenn sie Menschen und deren professionelle Vita unflätig diskreditieren, deren Personen-Artikel zur (Lösch-)Diskussion gestellt wird. So werden dann bisweilen doch auch „Wikipedia-Opfer“ generiert.