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Lebenserinnerung: I. Wagner

Neue Reihe: Lebenserinnerungen Ingeborg Wagner

30.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Lesen Sie ab morgen in wöchentlicher Folge die Lebenserinnerungen von Ingeborg Wagner, deren Tochter sagte: „Von meiner Mutter kann man lernen, wie man aus der dicksten Scheiße wieder rauskommt.“

“Vielleicht kann ich tatsächlich mit diesem schonungslosen Bericht einigen Menschen helfen, in ähnlichen Situationen nicht aufzugeben”, schreibt die Autorin.

Lebenserinnerungen: Ingeorg Wagner (Teil 1)

29.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Ingeborg Wagner
…und ich steh immer wieder auf
Mein Leben
Privatedition 2010
(Alle Rechte vorbehalten)

 

„Mutter, warum bist du alt geworden!“

…war das ein Tag! Meine Mutter ist vorgestern ins Krankenhaus eingeliefert worden. Sie hatte plötzlich Luftnot und saß schwer atmend auf ihrem Bett – abends um 22.30 Uhr.

Mir passte das wieder mal überhaupt nicht. Ärgerlich und ungeduldig hatte ich gesagt: „Och Mutti, musst du immer abends mit solchen Sachen kommen! Du weißt doch, dass ich dann wieder nicht einschlafen kann.“ Meistens war nämlich gar nichts, sie bemerkte nur wieder irgendetwas an sich, bekam Angst und steigerte sich da hinein. Wenn ich das sah, bekam ich jedes Mal Herzklopfen, weiche Knie, automatisch Angst um sie, so wie schon als kleines Kind, Angst, dass meiner Mutter etwas passieren könnte. „Ich hab dir doch so oft schon gesagt, wenn dir irgendetwas Probleme bereitet, dann sag es mir früher!“ Ich wusste nie, war das nur Panikmache oder tatsächlich ein körperliches Krankheitssymptom. Weiterlesen

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (Teil 2)

28.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Ein schwieriger Tag

Heute ist so ein Tag, an dem es gut ist, dass mir hier keiner in die Quere kommt, vor allem nicht die Oma. Warum, es gab eigentlich keinen Grund. Ich hatte nachts sehr gut geschlafen, für mich ist das nach vierzig Jahren extremer Schlafprobleme etwas Besonderes. Hab morgens noch mit Libero im Bett gekuschelt und bin dann aufgestanden. Sofort merkte ich, dass mein operierter Zeh mehr wehtat als am Tag zuvor, das störte mich schon mal gewaltig. Die Nase war auch wieder zu, hatte leichte Halsschmerzen, seit mehreren Wochen eine ständige leichte Erkältung, war schon beim Lungenarzt. Außer einem Lungenemphysem, was ja schlimm genug ist und weshalb ich auch überhaupt nicht mehr rauchen sollte, hat er nichts fest gestellt. Warum ich dauernd heiser bin, weiß niemand. Ein Allergietest wurde gemacht, da ist ebenfalls nichts bei rausgekommen. Na, jedenfalls nerven diese Dinge mich heute wieder einmal gewaltig. Weiterlesen

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (Teil 3)

27.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Unverstandene Depressionen

Eigentlich wollte ich meine Geschichte mit meiner Kindheit beginnen, aber momentan gibt es in der Presse einige Berichte über Depressionen: Menschen, die berühmt waren, unter Depressionen litten und selbst ihr Leben beendeten. Ich fühle mich durch diese Berichte sehr an frühere Zeiten erinnert, als ich nicht mehr weiter wusste und mehrmals versucht habe, mich umzubringen. Da ich jedes Mal ein Gemisch aus Alkohol und Tabletten zu mir genommen hatte, hieß es halt immer nur, die ist tabletten- und alkoholsüchtig. Ich wurde in irgendeine psychiatrische Klinik gesteckt, auf Entzug gesetzt. Um meine seelischen und Gemütszustände kümmerte sich kaum jemand. Ich war süchtig, das musste man behandeln. Das Warum interessierte fast niemanden. Weiterlesen

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (Teil 4)

26.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|

Die ersten Jahre

Am 2. Januar 1948 wurde ich in Witzenhausen geboren. Ich war ein Achtmonatskind mit gerade mal knapp vier Pfund Gewicht. Meine Mutter war eine Bodentreppe hinuntergefallen, anschließend ging die Geburt los. Zu damaliger Zeit war eine Frühgeburt oft ein Todesurteil. Es gab noch keine Brutkästen, die medizinische Versorgung bei Frühgeborenen war einfach noch nicht so weit wie heute. Außerdem herrschte Nachkriegszeit, wo es ohnehin an allem Nötigen fehlte. Bei meiner Mutter kam noch hinzu, dass sie ein paar Monate zuvor von einem Pferd in die Brust gebissen worden war und dann nach meiner Geburt keine Milch für mich hatte. Ein vergleichbares Milchprodukt war nur über Beziehungen auf dem Schwarzmarkt zu erhalten. Zum Glück hatte die Schwägerin meiner Mutter, meine Patentante, zur gleichen Zeit ein Baby – meinen Cousin, und so bekam ich regelmäßig von ihrer Muttermilch etwas ab. Ich hatte also eine richtige Amme. Trotz allem machte der Arzt meiner Mutter nicht viel Hoffnung, er gab mir eine Überlebenschance von vierzehn Tagen. Doch niemand hatte mit meinem starken Willen gerechnet, ich war von Anfang an richtig zäh! Als mein Vater mich das erste Mal sah, sagte er doch glatt: „Ist die aber hässlich, und eine schiefe Nase hat sie auch! Bleibt das denn so?“ Weiterlesen

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (Teil 5)

25.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Berufssuche

Was gab es für Berufe, bei denen ich nicht zu Hause wohnen musste, sondern ich weg konnte? Studieren war ja nun nichts, da hätte ich noch ein paar Jahre in der Schule und zu Hause verbringen müssen – und dann die ewigen Geldsorgen! So entschloss ich mich, Krankenschwester zu werden. Ständig malte ich mir aus, wie es wohl wäre, wenn ich Geld verdienen würde und ich älter wäre – da ginge es mir sicher sehr viel besser! Nun, mit Krankenschwester wurde es schon mal nichts, da ich mir ein halbes Jahr vor dem Schulende ein Knie beim Tanzen ausrenkte. Weiterlesen

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (Teil 6)

24.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Kurzes Intermezzo in Bad Pyrmont

Ich zog also nach Pyrmont, mein Vater brachte mich bei dickem Schnee mit dem Auto hin. Meine Mutter blieb die ersten beiden Wochen da und wurde in diesem Privatsanatorium, meiner neuen Arbeitsstelle, gleich mit angestellt. Sie besserte Wäsche aus und verstand sich sehr gut mit der Eigentümerin.

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (Teil 7)

23.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Bad Sooden-Allendorf

Humpelnd fing ich meine neue Stelle in Bad Sooden-Allendorf an. Der Fuß tat höllisch weh und war geschwollen, trotzdem lief ich damit in der Küche und Klinik rum. Ich biss die Zähne zusammen und ließ mir nichts anmerken. Vielleicht wurde ich dadurch auch von meiner Angst abgelenkt, denn jetzt hatte ich ja etwas Sichtbares, das wehtat.

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (Teil 8)

22.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Wieder zu Hause – doch nicht lange…

Wieder richtete ich mich zu Hause ein. Melanie freute sich, dass ihre Mama wieder ganz da war, doch sie fing immer mehr an, mich zu beobachten. Natürlich hatte sie längst mitbekommen, dass ich manchmal sehr eigenartig war, überdreht oder meistens müde. Ich redete oft komisch und dann schlief ich. Sie bekam mit, dass Oma und Opa besorgt über ihre Mama sprachen, und fing wahrscheinlich schon als kleines Kind an, auf ihre Mama aufpassen zu wollen. Wenn ich nach Hause kam, an der Tür klingelte und meine Mutter aufmachte, stand sie schon hinter Omas Rücken und hielt sich an ihrem Rock fest. Der Kopf schaute an der Seite vor, die Augen auf mich gerichtet, ängstlich prüfend und auch mit ein wenig Hoffnung, so als wenn sie fragen wollte: „Ist meine Mama in Ordnung oder hat sie wieder so ein komisches Zeug genommen?“ Weiterlesen

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (Teil 9)

21.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Bad Homburg

Ich richtete mich in der Wohnung meiner Vorgängerin mit neuen Möbeln ein, einige konnte ich auch von ihr übernehmen. Es war richtig hübsch, und die Arbeitsstelle machte mir auch sehr viel Spaß. Ich musste Vorträge halten, Ernährungslehre vor Kurteilnehmern geben und Hausfrauenkurse an Wochenenden. Nach Hause fuhr ich selten, erstens war es für mich über die Landstraße zu weit, und außerdem hatte ich nicht jedes Wochenende frei. Dafür besuchte mich meine Mutter mit Melanie. Ja, meine Mutter reiste mir überall nach. Ich brauchte bloß husten, und sie war da. Weiterlesen

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (Teil 10)

20.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Hausbau

Michael wollte in eine andere Wohnung ziehen, möglichst in ein Haus. Wir hatten uns überlegt, dass es schön wäre, wenn Melanie endlich bei uns sein könnte, und dazu war die Wohnung zu klein. Ich besuchte sie zwar regelmäßig, auch mit Michael, aber ich hatte sie nie bei mir gehabt, und meine Mutter wurde auch immer älter. Es war für mich immer schon traurig gewesen, Melanie nach einem Besuch wieder zu verlassen, und mit Michael war es inzwischen eine feste Beziehung geworden – auch verstanden sich die beiden sehr gut. Nur die Wohnung war für drei Personen zu klein. Weiterlesen

Therapeutische Wirkung des biographischen Schreibens

19.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Ich freue mich, wenn Teilnehmer meiner Biographiekurse und Kunden, deren Autobiographien ich als Buch publiziert habe, meine Arbeit loben. Ohne positives Feedback ist kein Erfolg möglich. Heute sandte mir Ingeborg Wagner, deren problemreiche Autobiographie zwischen Tabletten- und Alkoholsucht ich derzeit peu a peu in diesem Blog publiziere, bezug nehmend zur therapeutischen Wirkung des biographischen Schreibens, bei dem ich sie begleitet habe, folgende Mail:

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (Teil 11)

18.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

In der Wohnung am Riedborn

Ich fand eine schöne neue Eigentumswohnung und zog mit Melanie aus. Freunde aus der AA halfen mir beim Umzug, und wenn ich nun glaubte, jetzt wird alles besser, hatte ich mich gründlich getäuscht. Sicher, der ewige Streit mit meinem Mann war passé, aber nun musste ich mit Kind und Wohnung allein klarkommen. Damit nicht genug, ich suchte mir wieder eine neue Arbeitsstelle und fand eine halbtags in einem Bekleidungsgeschäft als Verkäuferin. Davor aber machte ich etwas ganz anderes. Weiterlesen

Lebenserinnerungen: Ingeborg Wagner (letzte Folge)

17.07.2010|Kategorien: Lebenserinnerung: I. Wagner|Tags: |

Königstein

Die Wohnung war nicht zu teuer, geräumig und gut ausgestattet, nur leider lag sie an der B8, die mitten durch den wunderschönen Ort geht. Ich dachte mir eigentlich nichts dabei, an einer Straße hatte ich noch nie gewohnt, aber ich war froh, endlich eine Wohnung gefunden zu haben.