Auch wenn es keine Biographie ist, stelle ich das neue Buch von Rudolph Herzog hier gerne vor, hatten wir in den letzten fünfzehn Jahren doch immer wieder viele schöne Treffen und Tage zusammen – zuletzt im April in Bad Sooden-Allendorf, da drehte er im Grenzmuseum für einen biographischen Dokumentarfilm.

Aus der Verlagsinformation: Leichtsinn, Wahnsinn, Paranoia – Rudolph Herzogs Bilanz des fahrlässigen menschlichen Umgangs mit atomarem Material. Der Schaffner Walter Gregg aus dem verschlafenen Städtchen Mars Bluff in South Carolina ist am 11. März 1958 gerade in seiner Garage mit allerlei Kleinkram beschäftigt, als plötzlich ein ohrenbetäubender Knall die Stille zerreißt. Nachdem sich die über dem Grundstück stehenden beißenden Rauchschwaden gelichtet haben, bietet sich ein Bild der Verwüstung: Mitten im Hof klafft ein 22 Meter breiter Krater – und in ihm steckt eine halb zerfetzte Atombombe, die sich versehentlich von einem Flugzeug der US Army gelöst hatte. Immerhin: wohin die Bombe gefallen war, konnte jeder sehen. Anders geschah es zehn Jahre später, als bei einem Flugzeugabsturz vor Grönland eine Wasserstoffbombe verschwand – und bis heute nicht gefunden worden ist. Auch die deutsche Wissenschaft war keineswegs tatenlos: So wollte der Wasserbauingenieur Friedrich Bassler in den 1970er-Jahren mithilfe von 200 vergrabenen Wasserstoffbomben eine Verbindung zwischen dem Mittelmeer und der Qattara-Senke in Ägypten freisprengen, um einen Stausee zur Stromerzeugung zu schaffen.

Diese eigentlich unfassbaren Geschichten sind nur drei von vielen, die Rudolph Herzog zusammengetragen hat. Und es ist beinahe überraschend, dass sie sich nicht noch öfter so oder ähnlich zugetragen haben – immerhin hielten die USA ab 1960 ständig atomar bestückte Flugzeuge in der Luft, um einen möglichen sowjetischen Erstschlag kontern zu können. Herzog, der sich bisher u. a. mit der hochgelobten TV-Reihe The Heist (BBC) und der Dokumentation Heil Hitler, das Schwein ist tot! einen Namen gemacht hat, zieht Bilanz über die zwar kurze, aber verheerende Geschichte des Umgangs der Menschen mit atomarem Material.

Er schreibt über die Verbreitung der Uran-Zentrifugen (wie heute im Iran), über verschwundenes oder noch heute in Kasachstan frei herumliegendes Atomwaffenmaterial, Plutonium im Weltall, Weltuntergangsmaschinen und anderen Irrsinn, den das Atomzeitalter (bisher) hervorgebracht hat. 

Teilweise können wir heute über derartig bizarre Geschichten lachen – weil sie grotesk anmuten, und wir gemessen an dem, was jahrzehntelang dräute, glimpflich davon gekommen sind. Während des Kalten Krieges war indes den Wenigsten zum Lachen zumute. Die Angst vor dem großen Knall gehörte fest zum Gefühlsinventar der Menschen, in Deutschland gar so sehr, dass man es nur für eine Frage der Zeit hielt, wann die Bundesrepublik sich als Pufferzone zwischen den Großmächten USA und Sowjetunion in eine Strahlenwüste verwandeln würde.

Dass nicht nur Normalbürger sich mit den Gefahren der Atomkraft auseinandersetzen mussten, sondern auch die Reichen und Schönen Hollywoods, beweist der Snow Canyon in Utah – der war nämlich nicht nur als Drehort für Monumentalfilme beliebt, sondern lag auch in unmittelbarer Nähe eines Atomtestgebiets. Schauspieler wie John Wayne und Susan Hayward starben später an Krebs, ebenso viele andere an Dreharbeiten im Canyon Beteiligte.       
             
Dabei versprach die neue Technologie vor gut siebzig Jahren nicht nur kriegerische Vorteile, sondern auch die Vereinfachung von Arbeitsprozessen und sogar medizinischen Nutzen. Zu der anfänglichen Unerfahrenheit der Verantwortlichen gesellte sich schnell Paranoia, aber auch Größenwahn. Die Planung so bizarrer Ideen wie der Sprengung eines zweiten Panama-Kanals mittels 300 (!) Atombomben zeugen davon ebenso wie der Bau immer größerer und gefährlicherer Waffen (Wasserstoffbomben, Kobaltbomben). Ganze Landstriche wurden durch leichtsinnige Atomtests unbewohnbar gemacht, betroffen waren nicht nur die Bewohner abgelegener Inselatolle, sondern auch die australischen Aborigines.

Auf solche Ideen käme heute wohl niemand mehr, und auch die Zeiten atomarer Drohgebärden sind glücklicherweise – zumindest in westlichen Breitengraden – vorbei. Nach wie vor problematisch ist allerdings einmal mehr die Unwissenheit der Menschen. Nicht nur klapprige Atommeiler und die Frage der Endlagerung stellen uns vor Herausforderungen, sondern vor allem die schiere Menge des atomaren Materials, das noch in Umlauf ist. In vielen Fällen wissen wir nicht einmal, wo es sich befindet. Neben der eingangs erwähnten Wasserstoffbombe vor Grönland gelten schätzungsweise weitere 30–40 Kernwaffen als verschollen. Einige davon gingen im Kalten Krieg über besiedeltem Gebiet verloren. In Kasachstan liegen auf einem Testgelände von der doppelten Größe Sachsens viele Kilo waffenfähiger Stoff frei zugänglich herum.

Rudolph Herzogs Buch ist eine Bilanz des Schreckens, die eindringlich vor Augen führt, dass eine globale Problematik auch ein internationales, öffentliches Bewusstsein benötigt. Mithilfe fundierter Quellen – und einer gehörigen Portion Galgenhumor – zeigt Der verstrahlte Westernheld, dass es an der Zeit ist, endlich aus immer wiederkehrenden Fehlern zu lernen.

Rudolph Herzog, geboren 1973, ist Autor und Regisseur und machte sich mit seiner dreiteiligen Serie The Heist (2004) international einen Namen. Er ist Producer für große deutsche und britische Sender sowie NHK Japan. Sein Buch Heil Hitler, das Schwein ist tot! Lachen unter Hitler – Komik und Humor im Dritten Reich (2006) wurde ins Englische, Chinesische und Italienische übersetzt.