Eigentlich wäre schon viel früher ein würdigender Artikel über den Kunsthistoriker Prof. Dr. Wolfgang Kemp in der Wikipedia fällig gewesen. So freue ich mich, dass die Artikeldiskussion über Relevanz oder Nicht-Relevanz der Wenigkeit namens “Andreas Mäckler” 😉 dazu geführt hat, dass mein Doktorvater jetzt einen ersten, zur Weiterarbeit einladenden Wikipedia-Artikel bekommen hat. Sehen Sie bitte hier.

Prof. Dr. Wolfgang Kemp ist der Doktorvater meiner Dissertation Die Farbentheorie und Malpraxis der Anthroposophie – Voraussetzungen und Erscheinungsform (Kunsthistorisches Institut Marburg, 1989). Sie wurde 1992 unter dem Titel Lichtoffene Farbigkeit im Novalis Verlag, Schaffhausen, publiziert.

Glücklich war Prof. Kemp über die Wahl meines Themas nicht – es versperre mir die Karriere als Kunsthistoriker an der Uni, zu der ich durchaus befähigt sei, gab er damals zu bedenken. Und er hatte recht! Meine weitere berufliche Vita wäre anders verlaufen, hätte ich ein weniger abseitiges und mehr rationalistisches Thema der Kunstgeschichte gewählt. Es passte nicht zum Kerngebiet von Wolfgang Kemp, dessen Forschungen zur Rezeptionsästhetik mich begeisterten. Andererseits hatte ich als Student der Kunstgeschichte in Marburg nahezu alle Hausarbeiten und Referate mit der Note 1 abgeschlossen und war damit promotionsreif und als Doktorand attraktiv. Ich war Prof. Kemp positiv aufgefallen und mochte ihn – und er mich vielleicht auch in meinem eifrigen Streben. Seit November 1982 sammelte ich zudem an meiner Sammlung zur Definition der Kunst, die fünf Jahre später im Dumont Buchverlag erschienen und sehr erfolgreich geworden ist. Die Arbeit gefiel ihm.

Unser Vorgespräch zum Promotionsthema werde ich nie vergessen, weil es kontrovers verlief. Letztlich bekam ich zwar das Thema durch, doch mein Preis war hoch. Es war nicht nur Prof. Kemps Satz, der mir hängen blieb und der sich später als wahr herausstellen sollte: “Sie werden sehen, für Ihre Forschungsarbeiten zur Kunstgeschichte der Anthroposophen wird Ihnen niemand danken.” So war es dann auch. 

Schlimmer für mich war etwas anderes, worüber ich noch nie bisher gesprochen oder geschrieben habe: Nach dem Gespräch während der nachmittäglichen Sprechstunde von Prof. Kemp kaufte ich aufgewühlt eine Kiste Bier und trank in meinem Marburger 1,5-Zimmer-Studenten-Appartement in der Schückingstrasse zigarettenrauchend und sinnierend 8 Flaschen, bis ich früh abends betäubt einschlief (viel Alkohol vertragen habe ich nie).

Am nächsten Morgen wachte ich mit starken Schmerzen im Leber-, Gallen-, Darmbereich auf, die mich seit diesem Frühjahr 1985 bis heute nicht mehr verlassen haben. Kein Arzt und keine modernste Diagnostik konnte sie seitdem organisch lokalisieren oder gar kurieren. Sie ließen nach ein paar Tagen der Abstinenz zwar wieder nach, hörten aber nie ganz auf, bis heute nicht.

Zurück zum Thema. Unsere Diskussion war heftig gewesen, und ich würde heute in allen Punkten Prof. Kemp recht geben: Ich muste damals wohl meine unselige Waldof-Schüler-Vergangenheit aufarbeiten, und sah gleichzeitig kurzfristig ein lukratives publizistisches Feld, das ich dann auch eine Zeitlang erfolgreich beacktern konnte. Geistig überleben oder gar damit eine kleine wachsende Familie ernähren, konnte ich damit jedoch nicht. Heute stehe ich den Anthroposophen kritisch gegenüber und halte den Sekten-Vorwurf bisweilen für gerechtfertigt, aber das ist ein anderes Thema. Meine kleine Tochter (geb. 2008) würde ich in keine Waldorfschule geben, sondern suche nach einer guten Privatschule.

Gleichwohl hat mich Prof. Kemp 1986-1989 immer wohlwollend und fair begleitet und gefördert. Damit ich mir zum Schreiben der Dissertation einen Computer mit Drucker kaufen konnte – er empfahl mir einen “Schneider Joyce” -, lieh Prof. Kemp mir im Frühjahr 1987 den Kaufpreis von 2000 Mark. Ich sehe mich noch heute glücklich den blauen Euroscheck einlösen, den er mir in einem Brief nach Schloss Friesenhausen geschickt hatte. Vierteljährlich hatte ich Zwischenberichte, auf einer Kugelkopf-Schreibmaschine getippt, nach Marburg geschickt, da hatte er wohl Mitleid mit mir. Das geliehende Geld zahlte ich später in vier 500-er-Raten bis zum Rigorosum 1989 zurück.

Als ich Wolfgang Kemp 1990 mein Buch Anthroposophie und Malerei – Gespräche mit 17 Künstlern schickte, antwortete er mir mit folgender Postkarte (bitte klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern):

kemp

(Postkarte, undatiert, Herbst 1990)

Hier der Text, falls Sie die Handschrift nicht lesen können: “Lieber Herr Mäckler, vielen herzlichen Dank für Ihren Dumont-Band, in dem ich schon ein wenig gelesen habe. Ich war positiv erstaunt, so interessante Menschen da anzutreffen u. von so seltsamen Institutionen wie der Alanus-Hochschule zu hören. Auch die Fotos waren mit verwundertem Interesse zu betrachten. Eigentlich schön, daß es das alles auch gibt. In den Interviews ist es Ihnen gelungen, die Aussagen faktenreich zu halten oder dahingehend zu komprimieren. Das macht die Sache sehr viel weniger beliebig als meistens bei solchen Interviewsammlungen. Was werden die Leute mit den silberweißen langen Haaren bloß sagen, wenn Sie nächstens mit Helnwein kommen. Können Sie nicht langsam mit Pseudonymen arbeiten? Hier ist das Graduiertenkolleg ausgebrochen, und das nennt man Freisemester.

Beste Grüße Ihres
W. Kemp”

Im Herbst 1990 lebte ich schon in München und arbeitete als Verlagsvolontär, später als Lektor beim Schirmer-Mosel Verlag Prof. Kemp, der hier einige seiner Bücher publizierte und einen guten Kontakt zum Verleger pflegte, hatte mich empfohlen. Auch dafür bin ich ihm dankbar, selbst wenn dieses Arbeitsverhältnis (Frühjahr 1989 bis Frühjahr 1992) nicht lange und harmonisch währte. Lothar Schirmer als Verleger ist ohne Zweifel genialischer Natur, doch als Arbeitgeber nicht von allen Mitarbeitern genießbar gewesen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wer Prof. Kemp und sein Werk nicht kennt, dem sei versichert: Er ist auch ein feiner Mensch, wie wir ihn nur selten finden. Ich danke ihm sehr. Lesen Sie seine Bücher!